Kunst Königs Familie

Vater, Mutter und die Söhne König prägen die Kunstszene zwischen Berlin und New York. Wie vertragen sich Familiensinn und Konkurrenz?

Es kann schon sein, dass Leo König sich immer wieder in diese Geschichte hineindrängelt. Aber was soll man auch machen, er trägt eine dicke silberne Uhr am Handgelenk, er hat mit seinem Monogramm bestickte Hemden, und seinen Vater holt er am Flughafen gern mit einer dieser überlangen schwarzen Limousinen ab, die zeigen, dass man es im Leben zu etwas gebracht hat, zu Geld zumindest, und in New York lieben sie einen für so etwas, besonders wenn man erst 29Jahre alt ist. Jemanden wie ihn kann man nicht so einfach draußen halten.

Aber schade wäre es schon, wenn dadurch zum Beispiel Johann weniger zu Wort käme. Johann, der eine dicke Brille trägt und so verwuschelte keksblonde Haare hat wie sein Vater Kaspar; Johann, der dieses leicht gezischte s spricht, wie sein Vater auch, und gern betont, wie verschieden und selbstständig sie alle sind in ihrer Familie; Johann, der am Anfang unsicher wirkt, obwohl er das gar nicht ist, und der seltsam gereift wirkt, obwohl er gerade mal 25 ist. Wenn man ihn etwas fragt, dann denkt er länger nach; wenn man Leo etwas fragt, dann wusste der schon vorher, was man fragen würde.

Johann und Leo König also, die als junge, einflussreiche Galeristen in Berlin und New York die Kurse der Gegenwartskunst mitbestimmen; und Kaspar, der Vater, der in Köln als Leiter des Museums Ludwig entscheidet, was von dieser Kunst bleibt und was nicht. Die Königs, der wohl wichtigste deutsche Kunst-Clan. Und vor allem eine deutsche Familie. Mit allem, was das bedeutet.

»Wissen Sie, Johann ist für die Künstler ein guter Gesprächspartner«, sagt Kaspar König, »er ist intellektueller als Leo. Leo ist manischer. Vieles entsteht bei ihm über Freundschaft.« Wenn er solche Sätze über seine Söhne gesagt hat, dann dreht sich Kaspar König um und schaut über seine Schulter, als sei dort einer seiner Söhne, aber meistens steht nur irgendein berühmter Kurator oder Maler oder Museumsleiter hinter ihm und will etwas. Er ist groß und gebeugt, dieser Kaspar König, und er bringt es fertig, gleichzeitig ruhig und gehetzt zu wirken. Die körperliche Größe hat Leo abbekommen, der dabei sehr aufrecht geht und doch ähnlich getrieben ist und gern im Ritz wohnt und schon mal für einen Abend zu einer Vernissage nach Tokyo fliegt. Und dass Johann deutlich ruhiger und verschlossener wirkt als sein Halbbruder, das hat sicher nicht nur mit dem Kindheitsunfall zu tun, bei dem ihm eine Schachtel Leuchtspurmunition in der Hand explodierte und seine Augen so schwer beschädigte, dass er lange Monate im Krankenhaus war und bis heute kaum etwas sieht.

Familie, das zeigt ein Treffen mit den verschiedenen Königs, ist manchmal wie ein Memory-Spiel; da deckt man die eine Karte auf und dann die andere, da trifft man den einen König und dann den anderen, und die eine Eigenschaft des Vaters taucht bei dem einen Sohn auf und die andere beim anderen.

Es geht also um die Kunst und die Familie und die Frage, wie die Kunst in die Familie kommt oder woraus die Kunst überhaupt kommt oder wie die Familie durch die Kunst existiert. Ilka König nickt. Ja, ja, scheint sie zu sagen, das sind so Fragen. Sie hat leuchtende Augen und hellgraue Haare und die Art von positiver, sympathischer Ausstrahlung, die einen darüber nachdenken lässt, ob im eigenen Leben nicht etwas schief läuft. »Ohne Wurzeln kann man gar nichts machen«, sagt sie. Dann erzählt sie vom Großvater, der Klavierfabrikant war, von ihrer Tochter, die Opernsängerin ist, vom »geistigen Potenzial, das ganz selbstverständlich war«, von ihrer Mutter, die in Berlin auf der Max-Reinhardt-Schule zur Schauspielerin wurde, von den Malern Richter, Polke und Palermo, die sie in den sechziger Jahren in Düsseldorf traf, von Baselitz und Penck, die die Kinder schon früh kannten, weil sie oft bei ihnen zu Hause zu Gast waren. »Und dass Leo dann im Handumdrehen eine Stadt wie New York erobern konnte, das hatte natürlich schon auch damit zu tun, dass er Amerikaner ist – dass er dort geboren ist, weil ich damals mit Kaspar eben in New York gelebt habe.« Familie, das heißt auch, dass man Teil einer Geschichte ist, die man nicht selbst geschrieben hat.

»Mein Vater kann Galeristen nicht leiden«, sagt Leo, der Galerist

Ilka König hat Anfang der Siebziger ihre drei Kinder genommen, Lili und Coco und Leo, und sich von ihrem Mann Kaspar getrennt, sie ist von New York nach München gezogen und hat alles Geld, das sie hatte, in ihren Kunstbuchladen gesteckt. So ein Schritt, das ist auch ein Erbe, das ist auch eine Energie, die einen Sohn begleitet. »Ich weiß nicht mehr, wie ich das damals gemacht habe. Aber eines habe ich gelernt: Du darfst nicht unzufrieden sein und jammern, denn mit etwas Naivität kann man Berge versetzen.« Und das ist vielleicht schon das frühe, etwas überraschende Fazit über diese so einflussreiche Familie: dass sie alle überhaupt angefangen haben, dass sie einfach gemacht haben, was sie gemacht haben, dass Leo nicht studiert hat und Johann auch nicht, dass Leo bald nach dem Abitur und Johann sogar noch davor die eigene Galerie gegründet hat, dass Kaspar König auch heute noch ein wenig wie ein intellektueller Selfmademan wirkt, dass Ilka König aus Deutschland wegging, um in München anzukommen, ausgerechnet in dieser Stadt, die es bei all dem bürgerlichen und künstlerischen Erbe nie zu jener Weltläufigkeit geschafft hat, die die Königs zu so einer mobilen Familie macht – das alles hat sehr viel mit einer Naivität zu tun, die man leicht mit Gewissheit verwechseln kann und die viel mit dem Grund zu tun hat, der die Familie ist.

Da können sie noch so oft sagen, »aber wir sind alle ganz verschieden«; da können die Eltern es noch so oft ablehnen, zusammen mit den Kindern fotografiert zu werden, »jeder ist doch ganz anders in dieser Familie«; da kann der eine Sohn ganz laut sein und der andere ganz leise, da kann Leo in New York grelle, große Bilder verkaufen und Johann in Berlin fast verschwindende Konzeptkunst: So verschieden kann man nur in einer Familie sein, die stark genug ist, Individuen hervorzubringen.

Leo etwa, der ein schwieriges Verhältnis hatte zu seinem Vater, wie seine Mutter sagt; Leo, das sagt wieder die Mutter, »der brüllt«. Er hat die Arme hinter seinem Kopf verschränkt und sieht aus wie jemand, der gern Chef ist. »Mein Vater ist ein guter Vater, wenn man ein Kind ist«, sagt er, »und dann wieder, wenn man die Teenagerzeit überstanden hat.« Er hat einen großen Schreibtisch in sein Arbeitszimmer gestellt, Bilder lehnen an der Wand, es ist ruhig an diesem Vormittag im New Yorker Viertel Chelsea, wo die Galerien immer noch neben Autowerkstätten liegen und die Sammler über Pfützen steigen müssen. Die Assistentin bringt etwas Wasser.

»Great, fantastic«, sagt Leo und nimmt einen Schluck. »Wissen Sie, mein Vater kann Galeristen nicht leiden. Ihm geht es um Institutionen, mir geht es um Personen, um die Künstler. Mein Vater kann auch nicht genau einschätzen, was hier mit dem Geld passiert. Ich dagegen finde es ganz spannend, wie das finanziell funktioniert.« 13.000 Dollar gibt er im Monat für seine Reisen aus, er ist bekannt dafür, große Runden von Künstlerfreunden einzuladen, mit denen er durch die Bars der Stadt zieht, überhaupt liebt er all das Gloriose und den Glamour, der mit dem Galeristendasein kommt. »In New York it’s all about myth building«, sagt er später, auf der Tour durch die Ateliers seiner Künstler. Er steht vor einem riesigen Ölgemälde von Tom Sandford, das einen Schlüsselmoment von Leo Königs Clique zeigt: Eine Schlägerei in irgendeiner Bar in Brooklyn, es ging um Leos Freundin Deborah Warner und später um das viele Geld, das der Maler forderte, dem Leo eins auf die Nase gegeben hatte. Kunst, so scheint es, denn seine Augen leuchten jetzt und seine Laune ist bestens, Kunst ist für Leo wie Rock ’n’ Roll, und Freunde sind so etwas wie Familie auf Zeit.

Sein Handy klingelt. »Parker, what’s happening?!« Er schaut auf das Bild. »It seems that they paid you a little too little. I will work that out for you.« Er schaut zufrieden aus. Er liebt es, wenn etwas passiert, er liebt es, wenn er der Mann ist, der es richten kann. Und seit ihm der New Yorker viele Seiten geschenkt hat für ein Porträt mit großem Foto, kennt auch der Letzte in der Kunstwelt den Mythos, an dem Leo so eifrig arbeitet. Es ist egal, was ihr macht, hatte früher die Mutter Ilka zu ihren Kindern gesagt, ihr müsst es nur etwas besser machen als die anderen. Leo hatte früher fünf Vespas, mit Spiegeln und Scheinwerfern und all dem blitzenden Chrom, er fuhr damit über die Alpen, er machte schon damals alles etwas härter, etwas exzessiver. »Kaspar ist ein Macher, kein Entdecker«, sagt Ilka König. Leo muss diesen Drang also eher von ihr haben, von der Mutter, die von sich sagt: »Ich bin richtig verfolgt gewesen von meiner Familiengeschichte.« Denn Familie, das kann immer Versprechen sein oder Fluch, besonders in Deutschland.

Kunst wird in so einem Fall dann zu einer Gegenwelt. Kunst ist der Kitt, um die eigene Biografie zu retten. »Kunst ist wie ein Netz, das einen trägt«, sagt Ilka König und meint damit wohl auch etwas die Abgründe im eigenen Lebenslauf. Sie wurde 1942 geboren und wuchs behütet auf im Teutoburger Wald. Später, nach dem Krieg, ist sie dann in Italien zur Schule gegangen, und erst als sie 16 war, erfuhr sie, wer oder was ihr Vater war, der Chef der Spionageabwehr im »Dritten Reich« nämlich, da war der Vater aber schon tot, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess erst zu lebenslänglicher, dann zu zehnjähriger Haft verurteilt und mit 42 Jahren gestorben. »Kunst ist Kraft«, sagt sie, und so ein Satz hat dann eben auch eine andere Bedeutung.

Wenn man Johann König trifft, zum Beispiel, in einem Café in der Nähe seiner Galerie nahe des Potsdamer Platzes. Er schaut einen an mit seinen Augen, die hinter den dicken Brillengläsern so groß wirken und die dabei so wenig sehen, ein Umstand, der bei einem Galeristen natürlich eine besondere Beachtung findet – und er spricht sofort davon, von dem Unfall, der ihn fast blind gemacht hat, von den Monaten im Krankenhaus, die ihn älter gemacht haben, als er ist, von den Kindheitstagen, als er in der Städel-Schule in Frankfurt herumschaute, weil sein Vater dort unterrichtete. Hier lernte er auch ein paar der Künstler kennen, die er heute ausstellt; hier begann sein Leben neu, ein Leben, das ihn aus dem Schatten seiner Verletzung ins grelle Licht des Kunstbetriebs führte, der immer noch schnurrt und schnurrt, »im Moment läuft alles gut«, sagt Johann, und seine Frau Kirsa schweigt dazu, wie jemand, der nicht viel reden muss, um gehört zu werden.

»Ich hatte Angst, nicht ernst genommen zu werden«, sagt Johann

Überhaupt erstaunt, wie nüchtern die beiden sein können und wie kontrollierend zugleich – Kirsa zum Beispiel müsse unbedingt mit aufs Bild, sagt Johann König dem Fotografen, und die Zitate sollten bitte autorisiert werden. Aber so ist es eben ein Satz wie »Ich hatte am Anfang Angst, nicht ernst genommen zu werden«, der einen ahnen lässt, was Johann König bewegt. Er sagt auch Sachen wie »Kunst in unserer Familie, das ist das Gleiche wie die Würste beim Metzger«. Die Kunst ist in seinem Fall deutlich konzeptioneller als die seines Bruders Leo, eher Kopfkunst, Verstandeskunst, Kunst, die man nicht unbedingt über die Optik, die Augen verstehen muss. Johann nickt. Es kann schon sein, dass das mit dem Unfall zu tun hat; vielleicht hat es auch mit dem Vater zu tun.

Der zeigt einem im Gespräch diese Art von freundlicher Indifferenz, die manche Leute haben, die die Welt von oben kennen. Er hat fünf Geschwister, einer davon, sein Bruder Walther, ist auch im Kunstbetrieb, betreibt mittlerweile eine ganze Kette von Kunstbuchhandlungen und ist wohl nicht einflussreicher, aber auf jeden Fall reicher als Kaspar König, dem so etwas, das sagt ja auch Leo, natürlich vollkommen egal ist. Er ist entrückt, an diesem Abend im Ballhaus in Berlin-Mitte, und er war es vielleicht auch damals, mit Leo, mit Johann. »Ich war klug genug, nicht dagegenzusteuern, als mir die beiden sagten, sie wollten eine Galerie aufmachen«, das ist so ungefähr das Persönlichste, was von ihm zu erfahren ist. Die Entschiedenheit, die von ihm ausgeht, liegt eher in dem, was er nicht tut, als in dem, was er tut. War er ein dominierender Vater? »Das kann man so pauschal nicht sagen«, antwortet er und dreht sich zu seiner Frau um, der einflussreichen Galeristin Barbara Weiss, die ähnlich begeistert ist wie er, dass da ein Journalist etwas über die Familie wissen will.

Aber was hatte Leo noch gesagt? »Je größer die Kunstwelt wurde, desto enger wurde der Kreis von Freunden um mich«, hatte er gesagt. Dann fuhr er im Taxi zu seinen Künstlern in die Ateliers, stellte Fragen, machte Scherze, trank ein Bier und lümmelte sich auf dem Sofa. Er wurde jünger dabei und weicher und wirkte auf einmal gar nicht mehr wie der geschäftstüchtige Galerist und sagte trotzdem irgendwann diesen Satz: »Dankbarkeit entsteht durch Preise.« Er meinte damit natürlich das Verhältnis zu seinen Künstlern – und trotzdem steckt in diesem Satz auch etwas sehr Könighaftes, etwas sehr Direktes und auf angenehme Weise Rationales.

So ist dieser Clan: Da gibt es die Enge, Freundschaft also oder Familie; und es gibt die Ökonomie, eine Art Widerstand, wie es der Individualismus innerhalb einer Familie ist. Es ist also vielleicht gar nicht unbedingt die Kunst, die dieser Kunst-Familie ihre Gestalt gibt; es ist mehr die Freiheit, im Denken wie in der Biografie. Familie, das zeigen so ein paar Tage mit den Königs, ist ein Zweckbündnis mit Neigung.

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    • Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
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    • Schlagworte Kunst | Familie | New York | Berlin | Palermo | Düsseldorf | Alpen | Tokio | München
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