Integration"Du gehörst ertränkt"

Warum eine junge Vietnamesin in Sachsen inmitten ihrer Landsleute als Geächtete lebt. von Marina Mai

Leipzig

Der asiatische Großmarkt im Stadtteil Eutritzsch ist der Mittelpunkt des vietnamesischen Lebens in Leipzig. Nga* ist ungern hierher gekommen. Sie ahnt, was gleich geschehen wird.

Der Verkäufer blickt demonstrativ zu Boden, als die schmächtige junge Frau eintritt. Sie nimmt sich, was sie braucht, sie zahlt, Händler und Kundin wechseln kein Wort. Dann versperrt eine Gruppe von Landsleuten der 19-Jährigen den Weg. »Wie viel kostest du?«, ruft ein Mittzwanziger. Und ein nahezu zahnloser alter Mann: »Verbringst du für 100 Euro die Nacht mit mir?«

Für Nga sind solche Begegnungen alltäglich. Sie lebt als Geächtete unter den 2400 Vietnamesen in Leipzig, die hier wie in vielen ostdeutschen Städten die größte Zuwanderergruppe stellen. In einigen Läden und Restaurants in Eutritzsch wird die Abiturientin nicht bedient. Einmal hat sie per E-Mail eine Morddrohung bekommen. Eine wie sie gehöre ertränkt, stand dort.

Ngas Vergehen: Sie lebt in einer Studentenwohngemeinschaft mit ihrem deutschen Freund und dessen Kommilitonen – gegen den Willen ihrer Eltern. Die hatten ganz andere Pläne für sie. Nga sollte studieren, den Haushalt der Eltern führen, im Laden mithelfen und später als Jungfrau in eine reiche Familie in Vietnam einheiraten, um dort zusammen mit ihrem künftigen Mann den Lebensabend ihrer Eltern zu finanzieren.

Sogar Ngas Studienrichtung hat die Mutter bestimmen wollen: Medizin oder Pharmazie, damit verdient man in Vietnam viel Geld. »Nach vietnamesischem Verständnis schulde ich meinen Eltern Dankbarkeit und Respekt«, sagt Nga.

Nga spricht wie die meisten vietnamesischen Jugendlichen in Leipzig akzentfrei Deutsch. Fünf Jahre war sie alt, als ihre Mutter, eine Vertragsarbeiterin in der DDR, sie nach Deutschland holte. Doch anders als ihre Eltern denkt Nga inzwischen wie eine Einheimische. Und sie will so leben. »Meine Mutter hasst Deutschland und träumt von ihrem süßen Alter in Vietnam«, sagt sie.

In konfuzianistischen Familien sind es nicht die Frauen, es sind die Kinder, deren Stellung in Familie und Gesellschaft problematisch ist. Ganz oben in der vietnamesischen Großfamilie Ngas stehen die Großeltern. Sie lassen es sich nach einem arbeitsreichen Leben in ihrem Dorf 100 Kilometer nördlich von Hanoi gut gehen und lenken die Geschicke der Familie. Sohn und Schwiegertochter versorgen sie, und die Tochter aus Deutschland schickt das Geld. Ngas Mutter und der Stiefvater stehen in der Mitte der Hierarchie. Sie placken sich 14 Stunden am Tag ohne Urlaub und Wochenende in ihrem Laden ab. Dafür sollen ihnen ihre Kinder unbedingten Respekt und Gehorsam zollen.

Die meisten ehemaligen Vertragsarbeiter wollen auf keinen Fall in Deutschland alt werden, wo man die Alten in Heime abschiebt. Über das Schicksal der Kinder gehen die Meinungen unter Leipzigs Vietnamesen auseinander. Einige wollen sie mitnehmen, damit sie selbst versorgt sind. Andere akzeptieren die Entscheidungen der Kinder für ein eigenes Leben in Deutschland.

Acht Jahre war Nga alt, als sie in der Schule einschlief. Als die Lehrerin das übermüdete Kind endlich wach bekommen hatte, sprudelte es aus ihm heraus: wie sie zu Hause ganz allein den Haushalt und den kleinen Bruder versorgte, während die Eltern arbeiteten, wie sie auf eine Fußbank klettern musste, um zum Abwaschtisch heraufzureichen. Die Lehrerin machte einen Hausbesuch. Alles Lüge, sagte die Mutter.

An diesem Abend kaufte Ngas Mutter Rosen. »Sie hat die langen, biegsamen ausgesucht, weil sie mich mit deren Dornen leichter auf meinen Rücken schlagen konnte.« Denn Deutsche in das Innenleben der Familie gucken zu lassen, das war eine Sünde. Am nächsten Tag wurde Nga vor der ganzen Klasse als angebliche Lügnerin bloßgestellt.

Danach vertraute Nga nicht mehr auf Hilfe aus der deutschen Gesellschaft – nicht als sie mit 15 Jahren länger als die gesetzlich erlaubten täglichen drei Stunden im Laden der Eltern stehen musste. Auch nicht als die Eltern sie in Vietnam zwangsverheiraten wollten. Da war sie knapp 17 und hatte Victor* kennen gelernt, ihren Freund. »Meine Mutter nahm an, ich sei keine Jungfrau mehr. Sie könne mich nur noch mit einem Vietnamesen aus einer wenig angesehenen Familie verheiraten, und sie müsse noch draufzahlen.« Kam Nga nicht sofort nach Schulschluss nach Hause, drohte ein Flug nach Vietnam. Nga hatte von einem Mädchen aus Erfurt gehört, dem es so ergangen war. Sie stahl ihren Pass aus dem Wohnzimmerschrank. Die Ausstellung neuer Papiere dauert Monate, Zeit genug, um zu fliehen.

Für den Studenten Victor hat die Erinnerung an Ngas Mutter etwas Unwirkliches. »Sie sagte, Nga wäre keine gute Frau für mich. Sie sei schmutzig.« Als das nichts half, seien der Mutter die Nerven durchgegangen, erzählt Victor: »Sie schimpfte, sie hätte Nga niemals nach Deutschland holen und zur Schule schicken sollen. Das ganze Geld, das sie in die Tochter investiert hatte, sei verloren.«

Der Stadt Leipzig sind ihre vietnamesischen Mitbürger teuer. Im Internet stellt die Messestadt buddhistische Geistliche, Gemüsehändler und hervorragende Schüler vor – das soll Fremdenfeindlichkeit abbauen. Doch was in den Familien passiert, bleibt den Behörden verborgen. Nga sei »vielleicht auch kein typischer Fall«, sagt Stojan Gugutschkow, der Ausländerbeauftragte. Aber genau weiß er das nicht.
* Namen geändert

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Leserkommentare
    • VuTD
    • 13. Oktober 2006 17:35 Uhr

    Wenn man den Bericht so liest, kommt man aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus.

    Also, die ganze vietnamesische Gemeinde in Leipzig (Sachsen!), vom zahnlosen alten Mann bis hin zu halbstarken Jugendlichen, behandelt eine Einzelne, weil sie dem Willen der Eltern nicht folgt, als Aussätzige? Das ist sehr weit hergeholt und bedient Klischees. Als Vietnamese im Westen kann ich mir vielleicht kein Bild vom wilden Osten zeichnen, aber Vergleichbares ist mir hier in Süddeutschland noch nie berichtet worden.

    Schade ist, dass die 'Zeit' sich dafür hergibt, solche Klischees zu verbreiten. Wenn der Anfang aber schon gemacht ist; zuletzt wurde in Lörrach eine vietn. Frau und ihre Schwester vom vietn. Gatten getötet. Diese Geschichte lässt sich als Ehrenmord unter Vietnamesen mit guter Auflage verkaufen.

    In diesem Sinne: "Es lebe der investigative Journalismus!"

    Duy VU, Stuttgart

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    • vespa.
    • 13. Mai 2010 18:51 Uhr

    Ich gehe selber mit vielen Jugendlichen vietnamesischer Herkunft auf die Schule. Man muss nicht lange an der Oberfläche kratzen um rauszufinden, was hinter den Schulnoten und dem Ehrgeiz mancher Schüler steckt. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber schon in meiner Klasse habe ich zwei Mädchen erlebt, die von ihren Eltern stark unter Druck gesetzt wurden. Bei der einen hat es funktioniert und sie ist strebsam und fleißig. Die andere quält sich durch das Abitur, obwohl ihr davon schon seit langem abgeraten wird und sie eigentlich eine Ausbildung machen möchte. Sie belügt ihre Eltern und der Umgang mit ihrem Exfreund wurde ihr verboten. Es ging sogar soweit, dass sie ständig bei den Eltern im Laden sein sollte, damit sie die Kontrolle behalten.
    Dieses Mädchen hatte eine Freundin, die von Zuhause abgehauen ist. Das sind keine Geschichten, die ich mir aus dem Reality-TV oder irgendwelchen Klatschgeschichten zusammen gedacht habe. Ich kenne diese Mädchen und den Druck dem sie ausgetzt sind.
    Natürlich liegt die Erziehung der Kinder in den Händen der Eltern, aber es ist schwer für diese Mädchen, wenn alle ihre Freundinnen eine "westliche" Jugend haben diese Dinge zu verneinen.
    Auch der Begriff der "Aussätzigen" ist mit Sicherheit eine Übertreibung oder zumindest eine Ausnahme. Aber auch meine Freundin war heftigem Geläster und Gerüchten unter Vietnamesen ausgesetzt.
    Sicherlich ist der Artikel ziemlich überspitzt, aber ich bitte darum, dass man die Thematik Ernst nimmt.

    • alhhd
    • 14. Oktober 2006 0:11 Uhr

    Es gibt wohl bei diesem Artikel nur zwei Möglichkeiten: Schmunzeln oder sich darüber aufregen, wie schlecht dieser geschrieben wurde. Konstruiere man sich ein Vietnam aus Marina Mai-Artikel zusammen, so wäre die wohl Verwunderung sehr groß,wenn man dann doch noch aufgeklärte Vietnamesen, die ihre Kinder nicht mit langen, biegsamen und dornigen Rosen (sondern mit getrockneten Reispflanzen...ähm) schlagen. Mit Verlaub, in Deutschland fehlt es einfach an guten Journalisten, die über Vietnam kritisch, jedoch differenziert schreiben.

    • MichaLg
    • 15. Oktober 2006 12:30 Uhr

    Abgesehen von der persönlichen Geschichte der Nga ist es fatal, daß der Bericht in dieser Aufmachung in dem Augenblick erscheint, da die deutsche Öffentlichkeit Parallelgesellschaften und sogenannte Ehrenmorde beunruhigt.
    Das gibt der ganzen Story erst Gewicht, schafft aber in Leipzig und im ganzen Land ungerechtfertigtes Mißtrauen und Distanz gegenüber einer weitgehend integrierten Minderheit.
    Es ist an Frau Mai, statt aller 2400 Leipziger Vietnamesen, die Zahl der nach ihrer Erkenntnis in diese Sache verwickelten Personen zu nennen.
    Sollte diese, wie ich erwarte, gering sein, wäre eine Entschuldigung an die Leipziger Vietnamesengemeinde fällig.

    Um Nga, deren Indentität wir nicht kennen, tatsächlich zu helfen, kann sich Frau Mai an den Verein Leipziger Vietnamesen wenden, der auch bei Familienproblemen hilft:
    http://www.leipzig.de/de/...
    Daß sie das nicht getan hat ist verwunderlich.

  1. Ich lebe zurzeit in Toronto, die Stadt sich sich weltweit als multikulterellste proklamiert. China Town, Little Italy and Little Korea sind Viertel, in denen sich Nationaliateten konzentrieren und auf kurz oder lang isoloieren. Wenn ich lese dass es Vietnamesen gibt die sich inmitten Deutschlands ansiedeln, ihre Kultur impotieren und sich ihr eigenen Vietnam erschaffen, muss ich mich doch zwangslaeufig nach ihren Absichten fragen. Es ist wohl offensichtlich, dass oekonomische Vorteile, spezifisch zu Deutschland, entscheidend waren in der Entscheidung der Vietnamesen, nach Deutschland zu siedeln. Inwieweit, aber, ist es im Deutschen Interesse, sich ueber wirtschaftiche oder poltische Aspekte zu definieren, dabei die Kultur total verdraengend. Deutschland ist Deutschland auf Grund ihrer Kultur, und die Wirtschaft oder die Poltik sind vielmehr die Produkte unsere Kultur und sollten auch in diesem Sinne als zweitraengig verstanden waeren. Es kann kein Vietmanese dazu aufgerufen sein unsere Kultur zu adopiteren aber zumindestens unsere Gesetze und unsere Freiheit. Und Fakt ist, dass eine Mutter, Kultur hin oder her, die mit Rosen ihre Tochter schlaegt, die Wuerde dieser verletzt. Und unser erster Artikel ist so essentiell mit der Freiheit des Einzelnen verknuepft, dass jeglicher Verstoss bestraft werden muss, egal ob Deutsch oder nicht.

    • vespa.
    • 13. Mai 2010 18:51 Uhr

    Ich gehe selber mit vielen Jugendlichen vietnamesischer Herkunft auf die Schule. Man muss nicht lange an der Oberfläche kratzen um rauszufinden, was hinter den Schulnoten und dem Ehrgeiz mancher Schüler steckt. Natürlich kann man das nicht verallgemeinern, aber schon in meiner Klasse habe ich zwei Mädchen erlebt, die von ihren Eltern stark unter Druck gesetzt wurden. Bei der einen hat es funktioniert und sie ist strebsam und fleißig. Die andere quält sich durch das Abitur, obwohl ihr davon schon seit langem abgeraten wird und sie eigentlich eine Ausbildung machen möchte. Sie belügt ihre Eltern und der Umgang mit ihrem Exfreund wurde ihr verboten. Es ging sogar soweit, dass sie ständig bei den Eltern im Laden sein sollte, damit sie die Kontrolle behalten.
    Dieses Mädchen hatte eine Freundin, die von Zuhause abgehauen ist. Das sind keine Geschichten, die ich mir aus dem Reality-TV oder irgendwelchen Klatschgeschichten zusammen gedacht habe. Ich kenne diese Mädchen und den Druck dem sie ausgetzt sind.
    Natürlich liegt die Erziehung der Kinder in den Händen der Eltern, aber es ist schwer für diese Mädchen, wenn alle ihre Freundinnen eine "westliche" Jugend haben diese Dinge zu verneinen.
    Auch der Begriff der "Aussätzigen" ist mit Sicherheit eine Übertreibung oder zumindest eine Ausnahme. Aber auch meine Freundin war heftigem Geläster und Gerüchten unter Vietnamesen ausgesetzt.
    Sicherlich ist der Artikel ziemlich überspitzt, aber ich bitte darum, dass man die Thematik Ernst nimmt.

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  • Schlagworte Integration | DDR | Eltern | Vietnam | Einwanderung | Fremdenfeindlichkeit
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