Patient KindGehirn im Ausnahmezustand

In der Pubertät bauen Hormone nicht nur Körper und Psyche um, sie machen auch anfällig für Krankheiten. von Achim Wüsthof

Die Kindheit stirbt gemeinsam mit Nervenzellen im Gehirn. Äußerliche Veränderungen mögen aufregend sein: Pickel, sprießende Härchen, Zickattacken. Aber spektakulärer sind die Vorgänge unter der Schädeldecke der Teenager. Dort wird das Gehirn regelrecht umgebaut: Unter dem Einfluss von Hormonen sterben manche Hirnzellen ab, werden Verbindungen gekappt und viele Neuronen neu verdrahtet. Deshalb lernen Jugendliche besonders leicht eine neue Sprache, und sie beginnen eigenständig zu denken; gleichzeitig jedoch quälen viele ihre Umwelt mit aufmüpfigem Verhalten – einer Art Nebenwirkung der Hirnreifung. »Die intensiver benutzten neuronalen Netze werden verstärkt, und die weniger in Anspruch genommenen schalten sich ab«, sagt Franz Resch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg. Das sei ein Vorgang wie das Pikieren von kleinen Pflänzchen im Garten.

Allen Erkenntnissen zum Trotz rätseln die Forscher jedoch, wie genau in den Körpern von Kindern der Sprung zum Erwachsenen startet. Welcher Mechanismus stürzt sie zwischen dem achten und vierzehnten Lebensjahr in die Pubertät? Immerhin sind mittlerweile viele Botenstoffe bekannt, die der Hirnanhangsdrüse das entscheidende Kommando geben, Eierstöcke oder Hoden mit stimulierenden Hormonen zu versorgen. Das Interesse der Forscher kreist besonders um die Bedeutung des Proteins Kisspeptin, das im Gehirn den GPR54-Rezeptor stimuliert und auf diese Weise in einer speziellen Region, dem Hypothalamus, die »Pubertätsuhr« zum Laufen bringt. Forscher fanden heraus, dass Mäuse ohne den GPR54-Rezeptor nie erwachsen werden. Bei sechs jungen Männern einer Familie aus Saudi-Arabien, deren Geschlechtsentwicklung ausgeblieben war, konnte eine Mutation dieses Rezeptors nachgewiesen werden. Und eine brasilianische Forschergruppe stellte kürzlich auf dem Amerikanischen Endokrinologen-Kongress in Boston den Fall einer gesteigerten Kisspeptin-Aktivität vor. Im Vergleich zu den arabischen Männern beobachteten sie eine genau gegenteilige Wirkung: Der betroffene Patient bekam im Alter von nur einem Jahr Schamhaare; seine Genitalien entwickelten sich wie die eines 13-Jährigen.

Dabei ist Kisspeptin sicher nicht der einzige entscheidende pubertätsauslösende Botenstoff. »Es geht um das Zusammenspiel von vielen unterschiedlichen Einflüssen, die sich teils stimulierend und teils unterdrückend auswirken«, sagt Sergio Ojeda vom Primatenforschungszentrum in Beaverton (USA). Noch sei unklar, welche Faktoren den Ausschlag geben. Eine Rolle spielt vermutlich das Gewicht der Kinder, denn bei übergewichtigen Mädchen beginnen die körperlichen Veränderungen oft früher. Dafür verantwortlich scheint der im Fettgewebe hergestellte Botenstoff Leptin zu sein, der die Pubertät zwar nicht auslöst, aber begünstigt. Bei magersüchtigen Mädchen oder Turnerinnen mit kaum Speck auf den Rippen tritt die Regel verspätet ein oder bleibt ganz aus. Die Leptin-Konzentration ist bei ihnen vermindert.

Der Zeitpunkt der ersten Regel hat sich innerhalb der vergangenen 150 Jahre in den Industrieländern verschoben; waren die Mädchen früher 17 Jahre alt, sind sie heute erst zwölfeinhalb. Diese Entwicklung wird hauptsächlich auf bessere Ernährung und Hygiene zurückgeführt. Und darauf, dass Infektionen heute seltener sind. Vielleicht erklärt das auch, weshalb aus armen Ländern adoptierte Kinder unter den plötzlich besseren Lebensumständen ein bis zu zwanzigfach erhöhtes Risiko tragen, dass ihr Körper zu früh erwachsen wird. Auch Pestizide wie DDT können die Pubertätsentwicklung beschleunigen. In den vergangenen 15 Jahren ist jedoch das Alter, in dem die erste Regel eintritt, relativ konstant geblieben. Allerdings bekommen die Mädchen immer früher einen Busen – bereits vor dem achten Geburtstag, was nach den Medizin-Lehrbüchern nicht als normal gilt.

Auf Kongressen diskutieren die Ärzte bereits, ob bei einer Sechs- oder Siebenjährigen, die eine Brustknospe zeigt, Hormondiagnostik und Kernspintomografie erforderlich sind – um zum Beispiel einen Tumor der Hirnanhangsdrüse als Ursache für die voreilige Reifung auszuschließen. »Wenn wir die Frühentwickler als Normvariante durchgehen lassen, verpassen wir vielleicht einige Erkrankungen«, warnt der Kinder-Endokrinologe Christian Roth von der Universitätsklinik in Bonn. Er rät dazu, bei einer vorzeitigen körperlichen Entwicklung zusätzlich ein Röntgenbild der Hand anzufertigen. Der Einfluss von Sexualhormonen zeigt sich dort an den Knochenfugen; sie schließen sich vorzeitig. Deshalb sind Kinder mit verfrühter Pubertät – wenn sie auch zunächst sehr groß sind – schnell ausgewachsen und als Erwachsene meist zu klein.

Charlotte ist gerade fünf Jahre alt, als die Mutter bei ihr Schamhaare und einen Brustansatz bemerkt. Auch riecht das Mädchen verstärkt nach Schweiß, hat ungewöhnlich heftige Wutausbrüche und ist mit Abstand die Größte in der Kindergartengruppe. Pubertätsexperte Roth stellt bei Charlotte eine deutlich erhöhte Konzentration der Sexualhormone fest und bestimmt das Knochenalter: Es entspricht bereits dem Stand einer Achtjährigen. Die Ursache der Frühreife bleibt unklar, zumal auch der Befund aus der kernspintomografischen Untersuchung unauffällig ist. Charlotte bekommt jetzt einmal im Monat ein Hormon unter die Haut gespritzt, wodurch die Ausschüttung der Pubertätshormone in der Hirnanhangsdrüse blockiert wird. Innerhalb weniger Wochen sind bei dem Mädchen die Stimmungsschwankungen verschwunden, und das Brustgewebe fühlt sich nun weicher an.

Die Mutter berichtet, wie sehr die weiblichen Hormone das Verhalten ihrer Tochter beeinflussten. Das Mädchen wollte plötzlich einen Lippenstift haben, zog gern auffallend modische Kleider an und betrachtete sich intensiv im Spiegel.

Es sind Östrogene, die den pubertätsbedingten Umbau im Gehirn vorantreiben – auch bei Jungen. Deren erste Anzeichen für Pubertät sind längst nicht so deutlich sichtbar wie die Brustentwicklung der Mädchen: Die Hoden beginnen zu wachsen. Dort wird neben den Samenzellen das männliche Sexualhormon Testosteron produziert. Einen Teil davon verwandelt jeder Junge in weibliches Hormon. Diese Östrogene bewirken oft eine leichte Brustdrüsenschwellung, die meist nach zwei oder drei Jahren wieder verschwindet.

Der durch die Östrogene angestoßene Reifungsprozess im Gehirn ist also unisex, wobei Mädchen durchschnittlich gut ein Jahr früher mit der Pubertät starten als Jungen. Wegen der tiefgreifenden Auswirkungen der Hormone auf Körper und Psyche werden Pubertierende außerdem anfällig für besondere Krankheiten. Über die genauen Zusammenhänge zwischen Sexualhormonen einerseits und Psyche, Stoffwechsel und Immunsystem andererseits wird derzeit viel geforscht. Denn einzelne Leiden manifestieren sich typischerweise im Jugendalter, darunter Diabetes mellitus Typ 1, Schilddrüsenerkrankungen, gewisse Rheuma- und Epilepsieformen, Depressionen, Essstörungen, Drogenabhängigkeit oder Schizophrenie. Kürzlich zeigte eine kanadische Studie, dass selbst multiple Sklerose von Sexualhormonen beeinflusst wird. Bei Frauen, die ihre erste Regel im Alter von 10 bis 12 Jahren hatten, traten die Symptome der Krankheit durchschnittlich mit 28,9 Jahren auf; wer die erste Monatsblutung mit 13 bis 15 Jahren bekommen hatte, erkrankte drei Jahre später.

Bei psychischen Störungen ist die Auswirkung von Pubertätshormonen noch offensichtlicher. »Die Probleme treten auf, wenn gewisse Netzwerke im Gehirn nicht abgebaut werden«, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Resch. Das äußere sich etwa in einem »gestörten Körperschema«, was zu Magersucht führen könne. Resch berichtet von einem 14-Jährigen, der als Mathe-Genie bundesweit Preise gewinnt. Doch seine besondere Intelligenz hat nur eine sehr geringe Sozialkomponente, sodass er sich zum Einsiedler entwickelt und alles sein lässt, was er geistig nicht kontrollieren kann. Er isst kaum noch, geht nur einmal in der Woche aufs Klo und hat keine Freunde. In der Psychotherapie lernt der Junge nun, seinen Körper zu akzeptieren und ihn in sein Modell eines reinen Geisteswesens zu integrieren.

Vor allem Mädchen sind mit ihrem Selbstbild oft sehr unzufrieden. Reschs Arbeitsgruppe hat gerade über 5000 Fragebögen von 15-Jährigen ausgewertet. Dabei ist den Forschern aufgefallen, dass etwa ein Drittel der normalgewichtigen Mädchen sich als zu dick empfindet. Und fast jedes fünfte Mädchen ritzt sich mit Klingen – meist in die Unterarme –, um durch den selbst zugefügten Schmerz den Körper intensiver zu spüren.

Noch beunruhigender sind Selbstmordgedanken bei Teenagern, die immerhin 16,8 Prozent der Mädchen und 8,3 Prozent der Jungen gelegentlich verfolgen. Gerade in diesem Unglücklichsein mit sich und der Welt vermuten einige Forscher auch einen Grund, warum Jugendliche so empfänglich für Drogen sind. Psychoaktive Stoffe regen im Gehirn vor allem Dopamin-Rezeptoren an, die das Belohnungszentrum stimulieren und einen gewissen Glückszustand erzeugen.

Dieses Zentrum scheint tatsächlich darüber zu entscheiden, wie es um die mentale Verfassung Heranwachsender bestellt ist. Ob sich das Gehirn eines depressiven Mädchens von dem Denkorgan einer fröhlichen Geschlechtsgenossin unterscheidet, hat Michael Schulte-Markwort untersucht. Der Direktor der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychosomatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf maß mit Hilfe der Kernspintomografie die Diffusion des Wassers im Gehirn. Das Ergebnis: Bei den depressiven Mädchen ist die Hirnregion mit dem Belohnungssystem geringer ausgeprägt. Noch ist allerdings nicht klar, was dieser Befund verrät. Der kümmerliche Zustand der Belohnungszentrale könnte die Ursache, aber auch die Folge eines depressiven Prozesses sein.

Bei den meisten Teenagern führt die Pubertät zu einer Selbstentfremdung – der veränderte Körper und die völlig neue Beziehung zu sich selbst und zu anderen machen ihnen zu schaffen. Entsprechend unkontrolliert ist ihr Verhalten. »Insgesamt bilden sich kognitive Fähigkeiten früher aus als moralische Vorstellungen«, sagt Schulte-Markwort. Das sei nun einmal die Reihenfolge in der Hirnreifung und erkläre, wieso Jugendliche so viel riskieren würden und sich nicht selten richtig danebenbenähmen. Nach neuesten neurologischen Befunden haust die Vernunft nämlich im Frontalhirn. Ausgerechnet diese Region lässt sich beim Reifen viel Zeit, besonders bei Jungen. Kein Wunder also, dass sie häufiger verunglücken als gleichaltrige Mädchen – und allgemein die Unfalltodesrate bei Jugendlichen fast dreimal so hoch ist wie bei Kindern unter acht Jahren.

Für die Eltern ist es nicht leicht, in dieser Phase ihren Kindern zugleich Halt und Freiheit zu geben. Wenn Türen knallen, Heavy-Metal-Musik durchs Haus dröhnt, der neue Freund zum ersten Mal bei der Tochter im Zimmer schläft, beißender Rauch durch die Türritzen dringt und der Müll selbst nach der dritten Aufforderung nicht in der Tonne landet, fühlen sich viele Erwachsene mit diesen ihnen so fremden Wesen ziemlich hilflos.

Doch Grund zur Sorge gibt es erst, wenn Jugendliche sich völlig abkapseln. »Es ist ein großer Fehler, wenn Eltern glauben, sie müssten ihre Kinder dann ganz in Ruhe lassen«, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Resch. Nie dürfe eine Beziehung aufgegeben werden. Denn um eine neue Welt zu entdecken und aufzubauen, dient die alte als Fundament. Genauso verhält es sich mit den Nervenzellen im Gehirn. Sie vernetzen sich bei Pubertierenden einfach nur effizienter – hoffentlich ohne dabei größere Kurzschlüsse zu verursachen.

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Leserkommentare
  1. 1. \N

    Verhaltensänderungen durch Hormone kann es gar nicht geben, schliesslich haben wir eine Seele. Es ist einfach nur so, dass Menschen in dieser Lebensphase verstärkt die Möglichkeit zu sündigen entdecken.

    Ausserdem ist Deutschland Papst.

  2. 2. Genau

    Weil wir eine Seele haben, ist unser Verhalten und Denken und Fühlen völlig unabhängig von irgend welchen chemischen Substanzen. Keiner der Stoffe die unser Körper produziert reget in irgend einer Weise unseren Organismus. Und wenn schon körpereigene Stoffe keinen einfluß auf uns haben, da sie ja auf keinen fall explizit dazu da sein können, oder dafür entwickelt haben könnten, irgend einen Einfluß auf uns zu haben, dann können körperfremde Stoffe natürlich erst recht keinen Einfluß auf uns haben. Wer Chilipulver in die Augen kriegt, der fühlt ja auch keinen Schmerz. Wer Alkohol trinkt hat keine verlangsamten Reaktionen und höheres Riskobewußtsein und fängt auch niemals an Blödsinn zu reden. Die ganze Berufsgruppe der Anästhesisten ist überflüssig, weil chemische Substanzen uns ja überhaupt nicht beeinflussen können, d.h. auch nicht bewußtlos machen können.

    • macey
    • 29. Oktober 2006 8:31 Uhr

    Ob Jugendliche die Pubertät unbeschadet überstehen, entscheiden in hohem Maße die Eltern und nicht die Hormone.
    In der Pubertät zeigt sich, ob die Beziehung zwischen Eltern und Kindern stimmt, ob Eltern ihre Kinder mit Respekt behandeln, ob sie ihre Kinder lieben oder eigentlich ablehnen. In der Pubertät zeigt sich, was während der Kindheit zwischen Eltern und Kindern schiefgelaufen ist,die seelischen Verletzungen, die Vernachlässigung, der Mißbrauch und die Mißhandlungen, die der junge Mensch zuvor verdrängen mußte, weil er als Kind hilflos war.

    Die Hormone lassen nur die Gefühle des ehemaligen Kindes nach außen drängen, krank machen sie aber nicht. Wenn den
    Hormonen die Schuld gegeben wird, dann können die Eltern
    "geschont" werden, dann kann weiterhin die wahre Ursache verdrängt werden.

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