Als die glückstrunkenen Massen 1989 die Berliner Mauer zu Fall brachten, schien eine Ära grenzenloser Freiheit anzubrechen: uneingeschränkte Mobilität, freier Handel, freie Wahlen, freie Entfaltung des Einzelnen. In Wirklichkeit jedoch hat der globale Triumph des Kapitalismus die größte Welle von Grenzbefestigungen in unserer Geschichte ausgelöst. Der Erdball erinnert heute eher an das späte Römische Reich oder das China der Sung-Dynastie als an das Goldene Zeitalter des viktorianischen Liberalismus. Gut ein Dutzend Länder zieht derzeit den Eisernen Vorhang zu. GLOBALE FREIZÜGIGKEIT ist eine Chimäre. Amerikanische Wand zwischen Arizona und Mexiko BILD

Saudi-Arabien beispielsweise hat sein internationales Grenzabkommen mit Jemen aufgekündigt, um entlang der gemeinsamen Grenze eine massive Mauer aus Beton zu errichten, die angeblich Terroristen, illegale Einwanderer und Qat-Schmuggler abschrecken soll. Außerdem planen die Saudis eine 900 Kilometer lange Mauer zum Irak. Indien, obwohl viel ärmer als Saudi-Arabien, zog einen drei Meter hohen Erdwall durch Kaschmir – Teil eines zur Hälfte umgesetzten Plans, die gesamte 1800 Kilometer lange Grenze zu Pakistan zu befestigen. Zwischen Indien und Bangladesch verläuft bereits ein Zaun. Und das kleine Königreich Bhutan riegelt sich in Richtung Indien mit einer Mauer ab, um das Einsickern von Kämpfern der National Democratic Front of Boroland zu verhindern. Botswana wiederum baut einen Elektrozaun entlang der Grenze zu Simbabwe, der viele Afrikaner an die Hochspannungs-Todeszäune des südafrikanischen Apartheidregimes erinnert. In Mittelamerika schließlich vermauerte Costa Rica sich gegen Nicaragua nach dem Vorbild der frontera zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko.

Die Liste der Beispiele ließe sich verlängern. Ariel Scharons israelisch-palästinensische Mauer ist dabei wohl der tragischste Fall, da sie im Namen eines Volkes errichtet wurde, das im Lauf der Geschichte mehr als jedes andere unter Ausgrenzung zu leiden hatte. Doch die zwischenstaatlichen Grenzen vor allem in der Dritten Welt wirken harmlos im Vergleich zu jener Großen Mauer des Kapitals, die die arme Bevölkerungsmehrheit unseres Planeten brutal von den reichen Ländern trennt. Diese internationale Mauer ist keine bloße metaphorische Überhöhung nationaler Grenzen, sondern ein eng gefügtes System von Befestigung, Überwachung, bewaffneten Patrouillen und Internierungslagern, das sich über den halben Planeten zieht und mindestens 12000 Kilometer Festlandsgrenze abriegelt. Für verzweifelte illegale Grenzgänger ist es gefährlicher als einst der Eiserne Vorhang.

Denn das neue Bollwerk des freien Marktes besitzt auch virtuelle Abschnitte. Aus der Vogelperspektive kann man es – im Gegensatz zur Chinesischen Mauer – nur teilweise sehen. Obwohl konventionelle Wände (wie an der Grenze der Vereinigten Staaten zu Mexiko) und stacheldrahtumzäunte Minenfelder (wie zwischen Griechenland und der Türkei) noch vorkommen, spielt sich ein Großteil der globalisierten Grenzsicherung zur See oder in der Luft ab. Außerdem haben Grenzen heutzutage nicht nur geografische, sondern auch digitale Dimensionen. Man nehme nur die Festung Europa: Hier dient ein Datenaustauschverfahren namens Prosecur als wichtigste Waffe im Abwehrkampf des Grenzschutzkorps. Die EU hat bereits Hunderte Millionen Euro ausgegeben, um den »elektronischen Vorhang« entlang ihrer erweiterten Ostgrenzen zu verdichten.

Historisch gleicht die derzeitige Einmauerung des Westens jener Periode im zweiten christlichen Jahrhundert, als das Römische Reich von den relativ offenen, durch mobile Legionen geschützten Grenzen des julisch-claudischen Kaiserhauses zum massiven Limes der nachflavischen Herrscher überging. So wie sich die spätrömische Grenze aus verschiedenen Befestigungssystemen zusammensetzte (Hadrianswall, Limes Porolissensis, Fossatum Africae), besteht die Große Mauer des Kapitals aus drei kontinentalen Grenzregimen: der US-amerikanischen frontera, der Festung Europa und der Howard-Linie, die das weiße Australien von Asien trennt.

Amerikas Operation Gatekeeper

Wer von Tijuana nach San Diego einreist, wird von Plakaten begrüßt, die in riesigen Lettern fordern: »Stoppt die Grenzinvasion!« Der xenophobe Slogan illustriert die Stimmung einer wachsenden Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten. Soeben hat das Repräsentantenhaus beschlossen, die Grenze zu Mexiko auf einer Länge von 1125 Kilometern durch einen Zaun zu befestigen. Bislang waren nur etwa drei Prozent der 3200 Kilometer langen Grenze durch Mauern und Überwachungsanlagen gesichert, unter anderem auf dem Stadtgebiet von San Diego/Tijuana. In den vergangenen fünfzehn Jahren jedoch erfolgte, zeitgleich mit der Umsetzung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (Nafta), eine Militarisierung der linea von Brownsville bis San Diego. Dem exponentiellen Wachstum des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs entsprach eine Verdoppelung der Grenzpatrouillen und die Vermauerung städtischer Grenzübergänge. Seit der Operation Hold the Line im Grenzabschnitt von El Paso 1992 und der Operation Gatekeeper in San Diego 1993 befinden die USA sich im Krieg mit illegalen Einwanderern. Das bislang dramatischste Symbol dieser Politik wurde unlängst zwischen San Diego und Tijuana fertig gestellt, am verkehrsreichsten Schnittpunkt zwischen Erster und Dritter Welt: eine dreifache, viereinhalb Meter hohe Stahlmauer, die zum Schutz vor Untertunnelung tief in den Erdboden eingelassen wurde. Bewacht wird sie von einer ganzen Armada Geländewagen und Hubschrauber.