Nun, Volk, steh auf und, Sturm, brich los! In Thüringen hat der Aufstand der Anständigen stattgefunden. Zwanzig Rechtsextreme besuchten den Zwiebelmarkt von Artern, störten das Volksfest, provozierten, traten einen Mann. Wie hundert Mann schlug die Feiergemeinde zurück. Das Volk prügelte die Störer vom Platz und durch Arterns Straßen, mit Latten und Krügen, bis sie das Erbarmen der spärlichen Polizei erflehten. Die Staatsmacht deportierte die braune Brut über die nahe Landesgrenze, dorthin, wo sie hergekommen war: ins Ausland, nach Sachsen-Anhalt. FREIE DEUTSCHE JUGEND 1988 nach einem Fußballspiel. Szene aus dem Dokumentarfilm »Die Nationale Front« BILD

Ansonsten bleibt es das gute Recht des Westens, aus dem Osten Schlimmes zu erwarten. Die NPD im Schweriner Landtag! Der übliche Aufschrei durcheilte die Medien. Und er verhallte, wie gewohnt. Traditionell vertraut »die Demokratie« auf die Selbstdemontage der Rechtsaußen durch Streit, Inkompetenz, Bombenholocaust-Geschwafel und gesellschaftliche Isolation. Dank Bild ist ja bekannt, dass rechte Parteikader sich ihre PartnerInnen mit Waffengewalt gefügig machen und lebende Hündchen in tote Brunnen entsorgen. So was wählt kein deutscher Tierfreund – nicht auf Dauer.

Und wenn doch? Und wenn immer mehr?

Die NPD erstrebt nicht Teilhabe an der parlamentarischen Demokratie, sondern deren Beseitigung. Bis dahin sollen ihr die Parlamente als Propaganda-Bühne dienen. Erschreckt das eine Gesellschaft, deren Einverständnis mit der bestehenden Staatsform rapide schwindet? Laut Statistischem Bundesamt stieg die Zahl der Demokratie-Verächter seit dem Jahr 2000 im Westen von neun auf 17 Prozent, im Sonderwahlgebiet Ost von 27 auf 41 Prozent. Der Trend hält an, die Ost-West-Differenz nimmt weiter zu. Als hauptschuldig am demokratischen Siechtum des Ostens gilt gern das Leichengift der SED-Diktatur. Aber stimmt das?

Ein spannender Film ist eben entstanden: Die nationale Front – Neonazis in der DDR (zu sehen am 27. November um 22.15 Uhr im rbb). Die Dokumentation von Tom Franke behandelt ein Schlüsseldatum der späten DDR-Geschichte. Am Abend des 17. Oktober 1987 versammeln sich tausend Menschen in der Ostberliner Zionskirche, um den Bands Die Firma und Element of Crime zu lauschen. Das Konzert ist fast vorbei, da kracht die Kirchentür auf. Mit SIEG HEIL!-Gebrüll tobt ein Glatzen-Mob herein. Zwei Dutzend Skinheads beginnen auf die Versammelten einzuprügeln, KOMMUNISTENSCHWEINE! grölend, JUDEN RAUS AUS DEUTSCHEN KIRCHEN! Schockstarre, dann wilde Flucht. Volkspolizei und Stasi sind vor Ort, schreiten aber nicht ein.

Fatal war, dass es den Antifaschismus gratis gab

Der Rias meldet das Unerhörte: Neonazis in der DDR! Die DDR-Medien schweigen; später bagatellisieren sie den Vorfall. Vor allem exkulpieren sie ihn westwärts, nach der üblichen Methode: Alles Übel kommt von drüben – gewiss auch die Zionskirchen-Täter. Die DDR versteht sich als nazifreier Staat. Sozialismus und Antifaschismus sind ihre Gründungspfeiler, ihr Identitäts-Reservoir, ihre deutsch-deutsche Rechtfertigungslehre. Man tue das nicht leichthin ab. Zweifellos wurde die DDR von Antifaschisten geführt, und sie sprang weit rigoroser mit Kriegsverbrechern um als Adenauers restaurative Bundesrepublik. Vor allem enteignete sie Hitlers Hauptprofiteure, die Großindustrie. Damit, lernte jedes Schulkind, sei das Übel mit der Wurzel ausgemerzt, galt doch der Nationalsozialismus – stets Faschismus genannt – nach Georgi Dimitroff als »offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals«. Hitler sei nur deren Marionette gewesen; nun war er gewissermaßen Bundesbürger. Denn die wirklichen Nazis seien 1945 gen Westen getürmt.