Russland"Schweigen heißt Mittäterschaft"

Ein offener Brief der russischen Journalistin Elena Tregubowa an Kanzlerin Merkel zum Mord an ihrer Moskauer Kollegin Anna Politkowskaja

"Sehr geehrte Frau Merkel,

genau in dem Moment, als Sie die Hand des russischen Präsidenten Putin schüttelten, wurde in Moskau die weltbekannte Journalistin und Menschenrechtlerin Anna Politkowskaja beerdigt, die auf zynische Weise im Zentrum der russischen Hauptstadt ermordet worden ist. Sie war die konsequenteste und unbestechlichste Kritikerin Putins und seines politischen Regimes.

Ich weiß nicht, Frau Merkel, was Ihnen Putin bei dem persönlichen Treffen unter vier Augen zu diesem Mord gesagt hat. Ich denke, dass er den Mord an Politkowskaja als Zufall darzustellen versucht hat.

Doch wie kann hier von Zufall die Rede sein, wenn Putin vom ersten Tag seiner Präsidentschaft an die freie Presse und Opposition planmäßig vernichtet hat? Er hat konsequent alle unabhängigen oppositionellen Fernsehsender in Russland liquidiert: NTW, TV-6, TW-S. Die Zeitung, für die Anna Politkowskaja geschrieben hat, die Nowaja Gaseta, ist das letzte Printmedium, das Kritik an den Geheimdiensten äußert, am Krieg in Tschetschenien und an den vom Kreml sanktionierten ethnischen Säuberungen. Während Putins Präsidentschaft sind in Moskau zwei Mitvorsitzende der Partei Liberales Russland ermordet worden, der letzten Partei, die Putin schonungslos kritisierte. Gegen die Moskauer Menschenrechtler aus der Gruppe Helsinki wurde ein »Spionageskandal« inszeniert – sie wurden bezichtigt, für die westliche Spionage gearbeitet zu haben – und nun riskiert jeder, der sich für die Menschenrechte in Russland einsetzt, als westlicher Spion tituliert zu werden, wie zu Zeiten der Stalinschen Repressionen.

Übrigens – der letzte Aufruf, den Anna Politkowskaja geschrieben hat, war ein Brief gegen die ethnischen Säuberungen, die gegen Georgier in Moskau durchgeführt werden und im Verlauf derer das Innenministerium und die Geheimdienste von allen Moskauer Schulen Listen mit Namen der Kinder angefordert haben, um die Eltern mit georgischen Namen ausfindig zu machen und zu verfolgen.

Wir leben im 21. Jahrhundert. Und nicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Stalin und Hitler ungehindert an die Macht kamen. Wir leben (oder zumindest tun wir so) in einer neuen, offenen Welt, in einem neuen, geeinigten Europa, das die Rolle einer Nationengemeinschaft anstrebt, wo das Recht vorherrscht und bürgerliche Freiheiten verteidigt werden. Solch grobe Verletzungen der Menschenrechte durch den Präsidenten eines »europäischen« Landes können nicht als »innere Angelegenheit« betrachtet werden.

Glauben Sie wirklich, Frau Merkel, dass das russische Gas oder das russische Erdöl eine ausreichende Bezahlung dafür sind, dass man die Augen vor der physischen Vernichtung der Opposition und der freien Presse in Russland verschließt? Schweigen bedeutet in dieser Situation Mittäterschaft.

Hochachtungsvoll Elena Tregubowa

Elena Tregubowa ist Journalistin in Moskau. Nach Erscheinen ihres regimekritischen Buches »Die Mutanten des Kreml« (Tropenverlag, Berlin) entging sie knapp einem Bombenattentat

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Leserkommentare
  1. <br />... sondern die Gleichgültigkeit Ihrer russischen Landsleute in Sachen Demokratie.
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    <br />Wenn außer der "Novaja Gazeta" keine andere Zeitung mehr konsequente Kritik äußert, dann liegt das ja nicht nur am staatlichen Repressionsdruck, sondern auch am freiwilligen Konformismus der Zeitungsmacher wie auch der allermeisten Leser. Nur eine kleine Minderheit der Russen macht sich überhaupt Mühe, regelmäßig Zeitung zu lesen. Gerade die "Novaja Gazeta", die häufig über Korruption und andere Skandale berichtet, findet nur einen kleinen Leserkreis -- offenbar weil relevantere Themen wie Mode, Angeln und Kreuzworträtsel dort zuwenig Berücksichtigung finden.
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    <br />Es gibt in Rußland leider nur sehr wenige Menschen, die das objektive Fehlen demokratischer Verhältnisse auch subjektiv als Manko empfinden.
    <br />
    <br />Dies ist auch das Versäumnis der liberalen Intelligentsia, zu der Sie, Frau Tregubowa sich vermutlich rechnen. Eigentlich müsste diese ihre Aufgabe darin erkennen, den Gedanken der Demokratie innerhalb der russisichen Bevölkerung zu verbreiten und auch den bildungsferneren Schichten in der entlegenen Provinz zu vermitteln. Demokratie, Frau Tregubowa, braucht eine soziale Basis, und derzeit existiert eine solche Basis in Rußland nun einmal nicht. Und daran, liebe Frau Tregubowa, kann auch Frau Merkel nichts ändern! Das nämlich ist eine Aufgabe, die den russischen Demokraten niemand jemals abnehmen kann. Sie -- und nur Sie -- sind es, die Ihren Landsleuten "Demokratie" vermitteln müssen, nicht Frau Merkel.
    <br />
    <br />Aber was tun die russischen Demokraten stattdessen?! Sie machen sich einen Beruf daraus, in Brüssel und bei allerlei westlichen Stiftungen Einladungen, Stipendien und Förderprogramme zu beantragen und nach Amerika auf Vortragsreise zu gehen, wo sie dann einem gerührten "demokratischen" Publikum stets nach dem Munde reden und dafür das "bessere demokratische Rußland" (tatsächlich aber nur sich selbst) repräsentieren.
    <br />
    <br />Die Vorstellung, daß westliche Regierungschefs von außen her "demokratischen" Druck auf Putin ausüben sollten, um so das Fehlen demokratischen Bewußtsteins innerhalb Rußlands zu kompensieren, ist eine dumme und zutiefst würdelose Idee, von der sich russische Dissidenten, die sich selbst und ihr Land respektieren, endlich einmal lösen sollten. Denn "Demokratie" ist kein elitärer Lebensstil, sondern eine beschwerliche Lebensaufgabe.
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  2. ...das möchte ich in Alehnung an den Kommentar von hansmeier555 hinzufügen. Dieses wilde Volk ist einfach nicht reif für die Demokratie, wird es das je sein? Ich hoffe es.

    • spi122
    • 11. Oktober 2006 19:20 Uhr

    Um auf unseren ehemaligen Bundeskanler Herrn Gerhard Schröder zurück zu kommen, der behauptet haben soll: Herr Putin sei ein "lupenreiner Demokrat", mit dem dieser offensichtlich durchaus ins Geschäft kommen kann.
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    <br />Nun ein Wort zu Herrn HansMeier555, der einen exzellenten Kommentar abgegeben hat: Vielleicht hat Herr George W. Bush ein paar Bomben für Herrn Putin parat. Just to protect freedom, versteht sich.

    • areki38
    • 11. Oktober 2006 20:03 Uhr

    @HansMeier555
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    <br />Finde Ihren Kommentar schrecklich, der gehört auseinander genommen:
    <br />>>Nicht Putin ist das Problem, Frau Tregubowa, sondern die Gleichgültigkeit Ihrer russischen Landsleute in Sachen Demokratie.>Wenn außer der "Novaja Gazeta" keine andere Zeitung mehr konsequente Kritik äußert, dann liegt das ja nicht nur am staatlichen Repressionsdruck, sondern auch am freiwilligen Konformismus der Zeitungsmacher wie auch der allermeisten Leser.>Es gibt in Rußland leider nur sehr wenige Menschen, die das objektive Fehlen demokratischer Verhältnisse auch subjektiv als Manko empfinden.>Dies ist auch das Versäumnis der liberalen Intelligentsia, zu der Sie, Frau Tregubowa, sich vermutlich rechnen.>Eigentlich müsste diese ihre Aufgabe darin erkennen, den Gedanken der Demokratie innerhalb der russisichen Bevölkerung zu verbreiten und auch den bildungsferneren Schichten in der entlegenen Provinz zu vermitteln.>Demokratie, Frau Tregubowa, braucht eine soziale Basis, und derzeit existiert eine solche Basis in Rußland nun einmal nicht.>Und daran, liebe Frau Tregubowa, kann auch Frau Merkel nichts ändern!>Das nämlich ist eine Aufgabe, die den russischen Demokraten niemand jemals abnehmen kann.>Sie machen sich einen Beruf daraus, in Brüssel und bei allerlei westlichen Stiftungen Einladungen, Stipendien und Förderprogramme zu beantragen und nach Amerika auf Vortragsreise zu gehen, wo sie dann einem gerührten "demokratischen" Publikum stets nach dem Munde reden und dafür das "bessere demokratische Rußland" (tatsächlich aber nur sich selbst) repräsentieren.>"Demokratie" ist kein elitärer Lebensstil, sondern eine beschwerliche Lebensaufgabe.

    • areki38
    • 11. Oktober 2006 21:15 Uhr

    Wie soll ich das verstehen? Ich hatte Bezug auf den Kommentar von HansMeier555 genommen, aber alles, was von meiner Stellungnahme hier online zu sehen ist, sind jeweils die Auszüge des Kommentars von HansMeier555, zu denen ich etwas geschrieben habe, aber nichts von meinen Stellungsnahmen dazu! Ist das Zensur, oder ist die Website fehlerhaft? Bitte um Erklärung.

    • michati
    • 11. Oktober 2006 22:18 Uhr

    das ist mir denn doch zu simpel: die russen sind an ihrem elend selber schuld, und habe fertig.
    <br />Mit dem gleichen eifer, mit dem wir bmw, persil, beate uhse
    <br />und all die anderen beglückungen unserer konsumgesellschaft
    <br />dorthin geschafft haben, sollten wir, sofern noch vorhanden,
    <br />auch zivilcourage und wirkliche demokratie versuchen zu exportieren.
    <br />zur erinnerung: diesem deutschland ist das vor 60 jahren ebenfalls wider willen von außen verabreicht worden.
    <br />wenn man da hätte allein auf die selbstreinigung warten wollen....
    <br />

    • krates
    • 11. Oktober 2006 23:54 Uhr

    Herr Meier ist ungenügend informiert über Geschichte der demokratischen Besinnung in Europa. Einige Völker haben der Zugang zur solchen aus vielfältigen Gründen weniger einfach (bspw.der Meiersvolk). Erfahrungsgemäss empfiehlt sich nicht weg schauen, aber erklärem und klären und klä.....bis die Aufklärung und Konversion der Besinnung (wie bei dem Meiersvolk)aufkommt. Und dafür zu sorgen ist bitte Frau Merkel von dem europeischen demokratisch besinnten Steuerzahler beauftragt.

  3. <br />Es ist immer wieder verblüffend, in welchem Maße die Möglichkeiten des "demokratischen Westens", Demokratie zu verbreiten, überschätzt werden.
    <br />Glaubt jemand im Ernst, die Idee z.B. der Gewaltenteilung oder des REchts auf Wehrdienstverweigerung ließe sich so einfach exportieren wie Pornographie oder Hitlers Longseller "Mein Kampf"?!
    <br />
    <br />Versteht es doch einmal endlich: Je mehr der "WEsten" auf Demokratie drängt, um so mehr verschlechtert sich die Situation der russischen Demokraten, die dann nämlcih nur noch als eine Art "fünfter Kolonne des WEstens" wahrgenommen werden. Nicht nur von Putin und dem "Kreml", sondern auch von den Durchschnittsmenschen. Diese fühlen sich nämlich durch ihren autoritären Präsidenten sehr viel besser und glaubwürdiger "demokratisch represäntiert" als durch irgendwelche "demokratischen" POlitker hier oder dort.
    <br />Für uns Mittel- oder Westeuropäer (und auch für die russiche Demokratie-Schickeria, die sich vom Westen aushalten läßt) mag das eine bittere Erkenntnis sein, aber an ihr führt kein Weg vorbei.
    <br />
    <br />Die Vorstellung, daß dort in Rußland irgendwelche "unterdrückten Volksmassen" auf die Intervention des Westens warten, der sie dann "vom totalitären Joch" befreit und "Demokratie und Freiheit" bringt, stammt aus dem tiefsten Kalten Krieg und traf schon damals nicht zu.
    <br />

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