Buch im Gespräch Die netten Jungs von nebenan
Mekhennet/Sautter/Hanfeld: «Die Kinder des Dschihad»
Selten kommt ein Buch genau zur richtigen Zeit. Dieses tut es. In Europa nimmt die Gefahr der Terroranschläge zu. Junge Muslime, obwohl hier aufgewachsen, radikalisieren sich, sie kapseln sich ab und sehen die Länder, deren Bürger sie sind, nur noch als Feinde. Ihre Bereitschaft, selbst Terroranschläge zu begehen, zumindest diese zu bejahen und zu unterstützen, steigt. Warum? Was hat zu dieser Radikalisierung geführt? Weshalb wurden viele aus der Generation junger Muslime nicht in unsere Gesellschaften integriert?
Diesen Fragen sind die drei Autoren des Buches nachgegangen. Sie haben die jungen Leute selbst befragt, haben auch deren geistige Wegbereiter interviewt. Dies zunächst in Deutschland und Großbritannien, dann aber auch in Afghanistan, Pakistan, Jordanien, Marokko und sogar im Irak, wo sie sich zu geheimen Treffpunkten einfinden mussten. Besonders nahe geht ihre Reportage über die »Ulmer Gruppe«, in der drei zum Islam konvertierte Kinder einer russlandstämmigen Familie aktiv sind. Die Eltern, die sich eine neue Existenz im Westen aufgebaut haben, müssen nun fassungslos miterleben, wie ihre Kinder sich an einer DVD mit dem Titel Habbatt erbauen. Dieser digitale Film erreicht seinen Gipfel, als eine über dem Atlantik abgeworfene islamische Atombombe eine Riesenwelle auslöst, die ganz New York zerstört.
Aufschlussreich ist der Bericht über die »Brit Boys«, die Anführer und Sympathisanten der drei Selbstmordattentäter von London. Wie konnte es geschehen, dass die netten Jungs von nebenan Terroristen wurden? Den drei Autoren ist es gelungen, nicht nur die Ereignisse vom 7. Juli 2005 nachzuzeichnen, sondern auch den Werdegang der Täter zu erleuchten.
Mutig waren die Recherchen der drei Autoren über die jungen Männer, die zum Kampf in den Irak gezogen sind. Mit zwei von ihnen trafen sie sich auf verschlungenen Wegen irgendwo im Nahen Osten zu Interviews. Auch die Hintergründe für die Anschläge im Zentrum von Casablanca im Mai 2003 und auf die Vorortzüge in Madrid ein Jahr danach haben die drei Autoren gründlich recherchiert. Und sie haben der Waffe Internet ein ganzes Kapitel gewidmet, haben darin enthüllt, wie virtuos die Islamisten ihre Botschaften im Cyberspace zu verbreiten wissen.
Ein packendes Buch ist es geworden, eine große Reportage. Sie ist zugleich eine kurze Geschichte des neuen Terrorismus in Europa und auch eine soziologische Untersuchung, die aber nie in den akademischen Duktus fällt. Nach der Lektüre kann man zwar immer noch nicht verstehen, warum junge Leute zu Mudschahedin wurden und »Ungläubige« töten wollen. Aber man kann nachvollziehen, wie und weshalb sie zu ihrem Irrsinnsglauben kamen. Michael Schwelien
- Datum 11.10.2006 - 05:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
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