Integration Fremde Heimat Deutschland

Lange galten Russlanddeutsche als unauffällige Einwanderer. Heute führen ihre Söhne die Gewaltstatistiken mit an. Ihre Taten sind scheinbar unmotiviert und auffallend brutal. Ist die Integration gescheitert?

Hinter dem Steuer seines Dienstwagens, eines VW Bus, fallen dem Polizisten Stephan Waldner manchmal die besonders hässlichen Szenen aus seinen neun Dienstjahren wieder ein. Dann sieht er sich noch einmal, die Waffe im Anschlag, in den Wohnblock rennen, mit erhöhtem Puls, in die kleine Wohnung. Doch er kommt zu spät. Da ist ein Gebrüll gewesen, Nachbarn haben es gehört. Aber als der Zivilfahnder eintritt, sitzen vier junge Männer aus Russland ganz friedlich im Wohnzimmer, schweigend, in ihrer Mitte ein lebloser Körper. Einer beatmet den Toten mit dem Mund. Die vier wanken, geröteten Auges suchen sie Waldner zu fixieren. Der stolpert über eine Wodkaflasche auf dem Teppichboden, hält sich an der Wand fest.

Das Beatmen war ein sinnloser Akt. Es sollte wie ein Unfall aussehen, sagt Waldner, wie eine Tat im Affekt, erst vor wenigen Minuten verübt, darum auch das inszenierte Gebrüll. Doch das Blut, das von der Stirn des Opfers über das blasse Gesicht den Hals hinabgeflossen war, glitzerte bereits verkrustet im Lampenlicht. Eine kalte Leiche, ein Junge, keine 20 Jahre alt, erschlagen. Und die Schläger bei der Tat zu betrunken, um sich später zu erinnern, weshalb sie zu Totschlägern geworden waren – zwei Tage schon, bevor der Polizist Stephan Waldner in ihre Wohnung stürmte.

Als Zivilfahnder ist Waldner darauf bedacht, unerkannt zu bleiben. Seine schusssichere Weste trägt er verborgen unterm weiten Pullover, seinen wahren Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Es ist zwei Uhr nachts. Hier in Berlin-Marzahn, wo die Hauptstadt endet, türmt sie sich noch einmal wie verzweifelt in die Höhe. »Im Moment ist es ruhig«, sagt er zufrieden, schaltet in den dritten Gang, zündet sich eine neue Zigarette an, passiert menschenleere Gehwege zwischen den Plattenbauriegeln. Mitte der neunziger Jahre sei die Gewalt auf den Straßen entbrannt, Schlägereien der russlanddeutschen Jugendlichen tagein, tagaus, doch die Polizei, sagt Waldner, habe darauf reagiert: die Operative Gruppe Jugendgewalt der Berliner Polizei unterstütze ihn seither bei der Arbeit in seinem Bezirk. Ihre Beamten könne er bei Bedarf hinzuziehen. Aber womöglich habe man mit dem verstärkten Polizeieinsatz die Kriminalität nur hinter die Gardinen der Hochhäuser verbannt, wer wisse das schon so genau. Waldner blickt aus dem Auto, vereinzelt brennt noch Licht hinter den Fenstern, helle Punkte im Beton.

Man schätzt, dass rund 25000 Russlanddeutsche in Marzahn-Hellersdorf wohnen, einem der letzten riesigen Wohnungsbauprojekte der DDR. Die Russlanddeutschen zogen ein, als viele Ostberliner nach der Wende in den Westen zogen und die Mieten sanken. Wohnungsleerstand! Da kamen die Spätaussiedler den Wohnbaugesellschaften gerade recht. Drei Euro kostet der Quadratmeter, und längst stehen die Blöcke am Rande der Stadt nicht mehr grau, sondern rosa da, Bürgersteige und Spielplätze sind saniert. Nur die Gesichter zeugen von einem Problembezirk: junge Frauen, mit 16 Jahren schon den Kinderwagen schiebend, Dauerwelle tragend und grell geschminkt; Männer, die morgens aus der Kneipe treten.

Dennoch, Marzahn ist keine französische Banlieue, hier haben die Straßen keine Schlaglöcher, hier hängen schwarz-rot-goldene Fahnen aus den Fenstern, Reste der Weltmeisterschaft. Hier wird von der Stadtverwaltung und den Wohnbaugesellschaften der soziale Missstand, die Arbeitslosenquote von rund 20 Prozent, mit Farbeimern und Teer bekämpft. Und in den Einkaufszentren, die in regelmäßigen Abständen in die riesige Siedlung mit ihren Zehngeschossern gesetzt wurden, gibt es nicht nur die üblichen Fast-Food-Restaurants, Bekleidungsgeschäfte und Mobilfunkketten, sondern auch Retro, einen russischen Supermarkt, der tiefgefrorene Pelmeni, russische Plüschbären und ein üppiges Sortiment an Wodka verkauft. Wer hier eintritt und eine der Mitarbeiterinnen, die behände Ware auspacken, auf Deutsch anspricht, erntet ein verschämtes Kopfschütteln und eine russische Antwort. Marzahn heute, das ist so russisch, wie es zu DDR-Zeiten niemals war.

Erst die russlanddeutsche Jugendgewalt, die plötzlich auf allen TV-Kanälen zu besichtigen war, machte die Probleme der Zuwanderung aus dem Osten deutlich. Drei Millionen Menschen sind seit der Wende aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Nun, nach Verschärfung der Einreisebedingungen, ist der Zustrom fast versiegt. Die russlanddeutsche Zuwanderung ist abgeschlossen. Zeit für eine Bilanz. Wie integriert sind sie heute – die Auswanderer, die mit wenigen Koffern in Zügen und Flugzeugen in ein Land kamen, das sie nicht kannten, das ihnen aber Zuflucht gewährte, weil ihre Vorfahren einst Deutsche gewesen waren?

Von Rückkehr in eine – wie auch immer ferne – Heimat konnte kaum die Rede sein. Bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges hatten die Russlanddeutschen noch lebendige Beziehungen ins Reich gehabt. Ihre Pastoren wurden teilweise in Deutschland ausgebildet, sie selbst pflegten an der Wolga und anderswo ein eigenes geistiges Leben. Es waren schließlich selbstbewusste, zudem fromme Pioniere, Bauern, Handwerker, die die Zaren geholt hatten, keine Knechte. Eine kurze Blüte ihrer Kultur gewährte ihnen noch einmal die Russische Revolution. In den ersten Jahren förderten die Bolschewiki die nationalen Minderheiten, soweit sie politisch auf Kurs waren: Die Deutschen bekamen sogar ihre Wolgarepublik samt Hauptstadt, Zeitschriften, Theater.

Ein halbes Jahrhundert später war davon nichts übrig. Wie andere Minderheiten auch waren die Russlanddeutschen zwischen den Mächten des totalitären Zeitalters regelrecht zermahlen worden. Sie wurden in den Fernen Osten deportiert, viele gingen durch unmenschliche Transporte und Zwangsarbeit zugrunde. Ihre Sprache wurde ihnen bei schwerer Strafe verboten. Als die Auswanderung begann, in den frühen Neunzigern, sprachen in ihren Dörfern in Sibirien, Kasachstan, Kyrgystan nur noch die über Fünfzigjährigen ein rostiges Deutsch. Manche Familien hatten trotz aller Repression ihre deutschen Traditionen weitergegeben. Für viele aber war Deutschland einfach der Traum von einem besseren Leben. Ein Tor aus der Not, das unverhofft aufging. Da hieß es sich sputen und »ausfahren«, wie sie es nannten in ihrem altmodischen Deutsch. Konnte doch das Tor jederzeit wieder ins Schloss fallen.

Nur raus aus der sowjetischen Mangelwirtschaft und aus den ethnischen Konflikten, die bei deren Zusammenbruch überall aufflammten: jähe Attacken gegen die deutschen Dorfnachbarn wie in Kyrgystan. Zugleich tobte sich ein wilder Frühkapitalismus aus, der wenig bot, worauf man sich traute eine Zukunft zu bauen.

Die Kinder, man hört diesen Satz so oft bei Aussiedlern, sollen es einmal besser haben. Doch gerade die Kinder der Russlanddeutschen signalisierten nach ihrer Ankunft in Deutschland, dass sie sich nicht problemlos von einem Land in ein völlig anderes verpflanzen lassen. Laut Untersuchungen des hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer wiesen jugendliche Spätaussiedler vor acht bis zehn Jahren gemeinsam mit türkischen Jugendlichen die höchste Kriminalitätsbelastung gegenüber einheimischen und anderen jungen Migranten auf.

Kriminologen sprechen von ausgeprägtem »Machoverhalten«

Einer noch unveröffentlichten bundesweiten Schülerbefragung Pfeiffers zufolge ist die Kriminalität russlanddeutscher Jugendlicher zwar immer noch deutlich erhöht, allerdings rückläufig. »Derzeit machen uns die türkischen Jugendlichen die meisten Sorgen«, sagt Pfeiffer. »Die Lage der russlanddeutschen Jugendlichen hat sich etwas verbessert, seit die Zuwanderungszahlen aus der ehemaligen Sowjetunion stark abgenommen haben. Es zeichnet sich allerdings eine massive Loser-Winner-Konstellation innerhalb der Zuwanderergruppe ab, große Teile der Spätaussiedler werden auch in den nächsten Jahrzehnten sozial stark benachteiligt bleiben und kaum integriert sein. Nur wenige sind ausgesprochen leistungsethisch orientiert.«

Hinzu kommen »männlichkeitsherrliche« Traditionen, die viele Russlanddeutsche auch in Zukunft der Gewalt zuneigen lassen dürften. Ähnlich wie bei vielen türkischen Jugendlichen liegt bei einem Großteil junger Spätaussiedler ein ausgeprägtes »Machoverhalten« vor: »Die türkischen Jugendlichen treten durch den höchsten Anteil an gewalttätigen Schülern hervor.« Im Bereich von Hänseleien in der Schule stellen die türkischen Jugendlichen mit den geringsten Täteranteil; Jugendliche osteuropäischer Herkunft gehören am häufigsten zur Tätergruppe, und auch russische Jugendliche, meist Spätaussiedler, treten hierbei deutlich häufiger als türkische Schüler in Erscheinung.

Der deutschstämmigen Großmutter schloss sich die ganze Familie an

Die Kinder sollen es besser haben. Besser den deutschen als einen russischen oder kirgisischen Pass. Um die Nationalität zu wechseln, erinnerte man sich der Großmutter, die einst in einem deutschen Dorf an der Wolga oder in der Ukraine wohnte. Sie konnte den Antrag stellen, sie war die Deutschstämmige, die Greisin mit dem urtümlichen deutschen Akzent, deren Vorfahren im 18. Jahrhundert von Katharina der Großen in die weite russische Steppe gerufen worden waren, um die Landwirtschaft zu modernisieren und die Grenzen zu festigen. Ihr, der Großmutter, konnten sich alle anderen anschließen, um einen deutschen Pass zu erhalten: Töchter und Söhne, deren russische Ehemänner und Ehefrauen, Kinder und Kindeskinder.

»Man hat mich nicht gefragt«, lacht Helena Jansen. Es ist ein tiefes, ein lautes Lachen. Man blickt in ein zerfurchtes Gesicht, auf eine Kittelschürze, die an einem dürren Körper schlackert, auf kleine Füße in dicken Puschen. Bilder hängen an den Wänden, ihr verstorbener Mann, die sechs Kinder, ihre Enkel und Urenkel. Neben ihr auf dem Sofa sitzt ein großer Teddybär. Sein Gesicht ist zum Fenster gerichtet, das den Blick freigibt auf den baugleichen fünfgeschossigen Wohnblock gegenüber.

Helena Jansen ist 87 Jahre alt. Sie ist vor gut drei Jahren nach Deutschland gekommen. Eigentlich das Einzige, sagt sie, was sie mitnahm in das fremde Land, sei diese kleine Bibel gewesen, verlegt im 19. Jahrhundert in Russland, in deutscher Frakturschrift. Sie hält sie in die Höhe wie eine Trophäe, es sei das einzige Buch, das sie jemals gelesen habe, sie sei eine einfache Bäuerin. Sie blättert ein wenig darin herum. Sagt dann unvermittelt, dass die Deutschen hier ein unverständliches Deutsch sprächen. Eigentlich sei es nicht zu verstehen, dieses Deutsch auf den Straßen von Marzahn.

Man selbst wiederum hat Mühe, Helena Jansen zu verstehen, sie spricht Plattdeutsch, den Dialekt ihrer Vorfahren, die vor zwei Jahrhunderten nach Russland zogen. »Man hat mich nicht gefragt«, wiederholt sie, doch an ihrem »deutschen Blut« habe das Schicksal von zehn Familien gehangen. So stimmte sie der Ausreise zu.

In Barrikada wohnte sie, einem kleinen Dorf nicht weit von Omsk, in Sibirien. Dort suchten sie die Kinder und Enkel auf, entschlossen, Russland den Rücken zu kehren. Helena Jansen stellte den Aussiedlungsantrag, der allen den Weg in den Westen ebnete. Nein, so dumm sei sie nicht gewesen, dass sie geglaubt hätte, in Deutschland ihre eigentliche Heimat zu finden, so dumm nicht, aber hier in Marzahn seien nun »viele Alte« mit einem ähnlichen Schicksal. Außerdem funktioniere hier die Heizung im Winter. »Nur einmal drehen.« Und nicht, wie in Sibirien, »mit schweren Kohlen heizen«. Ja, wenn Freundinnen sie besuchten hier in Marzahn, dann sei es wie in Russland, nur wärmer.

Helena Jansen gehörte der von Stalin aus ihren historischen Siedlungsgebieten deportierten Minderheit an. Im Krieg wurde sie in die trud armija (Arbeitsarmee) eingezogen; die Deutschstämmigen kamen in Lager und arbeiteten für die Kriegsindustrie. So auch Helena Jansen, die in einer sibirischen Waffenfabrik schaffte. Ein Satz hat sich ihr eingeprägt bis heute, die Wärter sagten: »Ihr Deutschen stellt hier die Bomben her, mit denen wir Hitler vernichten.«

Die Russlanddeutschen genießen bis heute einen privilegierten Migrationsstatus. Als die nationalsozialistischen Truppen Russland besetzten, wurden sie als »Volksdeutsche« eingestuft und eingebürgert. Die nationalsozialistische Einbürgerung wurde von der Bundesrepublik 1955 bestätigt und war zunächst Grundlage für die begrenzte Möglichkeit einer Familienzusammenführung. Erst mit dem Ende der Sowjetunion wurde eine Migration nach Deutschland in großem Stil möglich. Auch dank einer betont liberalen Zuwanderungspolitik gegenüber Spätaussiedlern. Was Flüchtlingen und »Gastarbeitern« vorenthalten blieb, wurde den Russlanddeutschen gewährt: Eingliederungshilfen, die deutsche Staatsbürgerschaft und Sprachkurse.

Dies geschah ungeachtet der Tatsache, dass bereits Mitte der neunziger Jahre 80 Prozent der Spätaussiedler russisch und nicht deutsch sozialisiert waren. Erst das neue Zuwanderungsgesetz macht seit Januar 2005 für Angehörige einen erfolgreich bestandenen Sprachtest im Herkunftsland zur Einreisebedingung.

Helena Jansens Tochter Lida ist 57 Jahre alt. Sie wohnt zwei Etagen über ihrer Mutter in einer Wohnung gleichen Schnitts: zwei Zimmer, Küche, Bad, an den Wänden Familienfotos, auf einem sind zwei ihrer Söhne zu sehen, die nicht mit nach Deutschland wollten. »Russland ist nur fünf Stunden mit dem Flugzeug entfernt«, sagt Lida Jansen knapp und stellt Kaffee und süßes Gebäck auf den kleinen Küchentisch. Sie weiß, dass der Mythos von den Deutschen im Osten, die endlich in ihr ersehntes Mutterland zurückgefunden hätten, andauert.

»Dabei wollten die meisten einfach nur ein besseres Leben. Nur viele der ganz Alten lebten in der Hoffnung, hier ihre eigentliche Heimat zu finden. Als ich ein Kind war, haben sie ja in Sibirien zu mir gesagt, ich sei eine ›Faschistin‹. Aber in den sechziger Jahren haben sich die Deutschen und die Russen angenähert, es gab mehr und mehr Mischehen. Auch ich sprach kaum noch Deutsch. Erst wieder in Deutschland.«

In Russland war Lida Jansen eine Ingenieurin in Omsk, Abteilungsleiterin eines Elektronikwerkes. In Berlin hat sie erst als Pflegerin in einem Altenheim gearbeitet, heute hilft sie anderen Spätaussiedlern bei Behördengängen und füllt ihnen Formulare für staatliche Hilfen im neuen Land aus. Sie lacht. »Ich habe einen Ein-Euro-Job, um den anderen Spätaussiedlern zu helfen, Hartz IV zu beantragen.«

Die meisten Aussiedler, sagt Lida Jansen, »hatten Träume. Große Träume. Deutschland ist so reich, haben alle gesagt. Hier braucht man nicht zu arbeiten und kriegt trotzdem Geld. Und wenn du arbeitest, dann schwimmst du im Geld. Jetzt haben sie Geld, HartzIV, es ist nicht viel, aber es reicht, um mit gutem Essen jeden Tag vor dem Fernseher zu sitzen.«

In Deutschland waren die Straßen so sauber, die Züge so schnell

Lida Jansen erinnert sich an ihre Ankunft in Deutschland. Was ihr aufgefallen sei? Ja, da waren die Straßen so sauber und die Züge so schnell. Einer brachte sie nach Friedland, der Sammelstelle für Spätaussiedler, da wurde viel gestempelt, da wurden ihre Dokumente überprüft und die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Nach zwei Tagen war sie schon in Berlin. Und verrückt, sie habe das nicht glauben können, in Marzahn hätten sie die Wahl gehabt zwischen gleich mehreren Wohnungen. Und alle so schön, so sauber. In Russland seien Wohnungen so knapp, da dauere es Jahre, und wenn man endlich eine staatliche Wohnung zugewiesen bekomme, müsse man noch Beamte bestechen. Hier in Marzahn nicht.

Lida Jansen glaubt, dass die meisten Russlanddeutschen es nicht verkraften, einen Job anzunehmen, der gegenüber ihrer Tätigkeit in den GUS-Staaten einen Abstieg bedeutet: Putzen, Kassieren, Kellnern – »auch wenn mehr Geld in die Kasse kommt als in Russland«. Sie selbst habe sich damit abgefunden: »Hauptsache, Arbeit.« Sie schenkt Kaffee nach und blickt kurz aus dem Fenster auf den Block vis-à-vis. »Es ist Glück, wenn die Kinder es einmal besser haben.«

Auf dem Flur der Caritas-Sozialstation, nur wenige hundert Meter von Lida und Helena Jansens Wohnblock entfernt, verabschiedet man gerade einen blassen jungen Mann, der einen Wintermantel trägt, obwohl es noch Sommer ist. Eine Weile steht er unschlüssig vor dem Schwarzen Brett, bevor er ins Freie tritt.

»Er hat sich entschlossen, wieder auszureisen«, erklärt Kirsten Waldbach. »Wir haben es neuerdings mit Menschen zu tun, die sich wieder auf den Weg zurück nach Russland machen. Langsam sehen Neuankömmlinge, dass dieses Land ihnen keine Zukunft bietet.«

Kisten Waldbach leistet hier Erstberatung für Spätaussiedler, vermittelt sie an andere Behörden, an das Job-Center, hilft ihnen, ihre Abschlüsse anerkennen zu lassen, berät bei der Schulwahl der Kinder. Die 30-jährige Diplom-Sozialarbeiterin kennt die Frustrationen, die viele aus dem tiefen Osten umtreiben: dass Schul- und Berufsabschlüsse gut qualifizierter Aussiedler nicht anerkannt werden beispielsweise. »Eine Flut von frustrierten Lehrern« lebe in der Stadt. Manche seien wütend und gerade die besonders Motivierten verzweifelt. Und für die Arbeiter und Bauern unter ihnen gebe es einfach keinen Arbeitsmarkt. Nicht in dieser Stadt und schon gar nicht in Marzahn.

Rund 64 Prozent der Spätaussiedler in Marzahn leben von HartzIV oder Sozialhilfe. Das ergab die letzte Studie der Migrantenbeauftragten des Bezirks. »Es ist absurd«, sagt Kirsten Waldbach, »die wenigen, die arbeiten, sind häufig in Integrationsprojekten angestellt. Als Ein-Euro-Jobber.« Überhaupt böten in Marzahn die Dienstleistungen für Aussiedler noch die meisten Arbeitsplätze: Sie, selbst noch kaum integriert, berieten Neuankömmlinge. Und zwar nicht wegen ihrer »besonderen sozialpädagogischen Qualifikation, sondern aufgrund ihrer Russischkenntnisse«. Marzahn leiste sich so »eine staatlich geförderte Parallelwelt«. Die Migrantenbeauftragte in Marzahn-Hellersdorf, Elena Marburg, hat eine Liste der sozialen Einrichtungen für Zuwanderer im Bezirk erstellt. Sie sei »noch nicht vollständig«, zähle aber schon 39 Projekte und Institutionen. Da gibt es das Schalasch, das russlanddeutsche Kinder nach der Schule betreut, und die Muchte, in der jugendliche Russlanddeutsche im Kraftraum schwitzen. In der evangelischen Kirchengemeinde werden russlanddeutsche Senioren betreut, ein Verein kümmert sich um Spätaussiedler mit »seelischen Beeinträchtigungen«, und im Projekt »Aussiedler orientieren Aussiedler« werden Ausflüge für russlanddeutsche Frauen organisiert.

Man ist dort unter sich, man spricht dort Russisch, und der Leiter, der Spätaussiedler Viktor Fromm, sagt, er halte nichts davon, die Russlanddeutschen von Einheimischen wie bei der Caritas betreuen zu lassen: »Die verstehen unsere Leute nicht.« Überhaupt sei derzeit »ein bisschen zu viel Konkurrenz auf dem Integrationsmarkt«.

Zahlreiche Integrationsprojekte werden von der Quartiersagentur Marzahn-Nordwest finanziert, für ein interkulturelles Fest hat man dort kürzlich 30000 Euro veranschlagt, insgesamt stehen der Agentur 900000 Euro nur für dieses Jahr zur Verfügung. Es sind Mittel des Landes Berlin, die von der EU aufgestockt werden. So klagt Hans Panhoff, der Quartiersmanager, auch gar nicht über Mittelknappheit, eher darüber, dass die Projekte, die er genehmigt, nicht evaluiert werden: »Für manche Integrationsmaßnahmen, die wir auf den Weg bringen, fehlt es einfach an Russlanddeutschen, die sie annehmen. Das erfahren wir aber oft zu spät.«

Es gibt Sätze, die bleiben einem nach einem Rundgang durch die Integrationseinrichtungen noch lange im Gedächtnis. Eine Streetworkerin, die nicht namentlich genannt werden möchte, sagt: »Manchmal denke ich: Wenn es all diese Projekte hier nicht gäbe, würde es den Russlanddeutschen dann schlechter gehen?« Und nach kurzem Schweigen: »Wohl kaum.« In einer Einrichtung für Jugendliche arbeitet ein Mann, Anfang 30, der am Ende des Gesprächs sagt: »Ich bin hier ehrenamtlich tätig. Wissen Sie, warum? Weil mich dann das Job-Center in Ruhe lässt. Deswegen wollen hier alle ehrenamtlich arbeiten. In Marzahn gibt es keine richtigen Jobs, aber es gibt eine Integrationsindustrie.«

Die Klage über mangelnde Integrationsmittel gehört zum Standardrepertoire der Diskussion über Zuwanderung. Tatsächlich gibt es für Spätaussiedler nur noch pauschaliertes Eingliederungs- statt Arbeitslosengeld, und auch die Dauer der Sprachkurse wurde reduziert, was misslich ist. Doch das Beispiel Marzahn lehrt, dass viele Integrationsprojekte zu einem Zeitpunkt ansetzen, an dem sie nur noch notdürftig und kostspielig an den Folgen deutscher Zuwanderungspolitik laborieren. Jahrzehntelang nährte insbesondere das bürgerliche Lager die Illusion, es handele sich bei Russlanddeutschen um eine kulturell deutsch geprägte Minorität, die in ihr Ursprungsland zurückkehre. Dass die vermeintlichen Heimkehrer sich zwar nicht rechtlich, aber mental und sozial in einer echten Einwanderungssituation befanden, wurde lange ausgeblendet. Erst spät wurde begonnen, zumindest punktuell zu erfassen, wo wie viele russlanddeutsche Zuwanderer leben, welchen Berufen sie nachgehen, ob sie straffälliger sind als Einheimische.

Ausgerechnet die Bayern haben die Spätaussiedler skeptisch beäugt

Daten über Spätaussiedler wurden bisher kaum erhoben. Das machte ihre ideologische Vereinnahmung leicht. Da sie zugewanderten Ausländern gegenüber rechtlich und materiell privilegiert sind, wurden sie zu einem klassischen Feindbild der Linken und aus konservativer Sicht zu vermuteten Wählern des bürgerlichen Lagers. Im Vorfeld der Bundestagswahl 1994 wurden die Russlanddeutschen vom damaligen Aussiedlerbeauftragten Horst Waffenschmidt (CDU) gezielt angeworben, in die Bundesrepublik zu ziehen; eine parteipolitisch und wahlkampfstrategisch motivierte Maßnahme, die selbst von der Schwesterpartei CSU intern kritisiert wurde, laborierte man doch paradoxerweise gleichzeitig an einer Einschränkung des Asylrechts.

Der bayerische Innenminister Günther Beckstein (CSU) hat schließlich im Wahlkampf 1998 zum Missmut der CDU öffentlich die erhöhte Kriminalität bei Russlanddeutschen beklagt. Im Rückblick erscheint ihm die Zuwanderungspolitik der Kohl-Regierung als gescheitert. Beckstein gehört zu den wenigen innerhalb der Union, die sich heute darüber kritisch äußern mögen: »Ich habe nie verstanden, dass man einerseits großzügig bei der Aufnahme von Spätaussiedlern war und dann bei Sprachkursen und beruflicher Qualifikation sparte.« Die Anerkennung von Berufen sei bis heute »nicht zufriedenstellend gelöst«. Nur mühsam ließen sich etwa Handwerks- und Ärztekammer dazu bewegen, die im europäischen Vergleich strengen beruflichen Anerkennungskriterien für Zuwanderer zu lockern.

War es nicht ein Fehler, Aufnahmebescheide aus wahlstrategischen Gründen großzügig zu verteilen? Beckstein erinnert sich, dass sein Ministerium sich dagegen gewehrt habe, »aus taktischen Gründen« leichtfertig die deutsche Staatsbürgerschaft zu vergeben. Da habe es heftige »Auseinandersetzungen« nicht nur mit der Bundesregierung, sondern auch mit den Landsmannschaften gegeben. »Ausgerechnet die Bayern!«, hätten die gesagt.

Doch ausgerechnet die Bayern haben minutiös die Spätaussiedler seit Anfang der neunziger Jahre in der Kriminalstatistik und in Einwohnermeldeämtern gesondert erfasst, um sich der russlanddeutschen Zuwanderungsprobleme anzunehmen. Anders als in Berlin, wo nicht einmal zu ermitteln ist, wie viele Russlanddeutsche im Problembezirk Marzahn wohnen. Zudem kam die Einführung von Sprachtests für Angehörige der Spätaussiedler auf Drängen der bayerischen Landesregierung zustande. »Das war höchste Eisenbahn«, meint Beckstein.

Manche rackern. Irina hat es als Model nach New York geschafft

Um mit einer Legende aufzuräumen: Der Zuzug Russlanddeutscher wurde gesetzlich nicht einfach mit »Blutszugehörigkeit« begründet, sondern mit der historischen Verantwortung, die man der deutschen Minderheit gegenüber empfand, da Russlanddeutsche im Zuge der hitlerdeutschen Invasion in die Sowjetunion aus ihren Siedlungsgebieten als Zwangsarbeiter hinter den Ural verschleppt wurden. Freilich traf dies, aus schlichten Altersgründen, in den Neunzigern nur noch auf eine kleine Gruppe zu.

»Es wäre zwar eine Gemeinheit gewesen«, sagt Beckstein, »wenn man die unter Stalin und danach verfolgten Russlanddeutschen nicht aufgenommen hätte. Aber ich habe mich immer dagegen gewehrt, dass Leute, die über Jahrzehnte hinweg keine Kontakte zur deutschen Minderheit hatten, einen Aufnahmebescheid erhalten. Denn es gab Missbrauchsfälle.«

Spätaussiedler haben mit anderen Migranten gemein, dass ihre Zuwanderung weitgehend ungesteuert vonstatten ging. Zwar hat man sich mittlerweile auf einen Verteilungsschlüssel einigen können, mit dem die Spätaussiedler gleichmäßig auf die Bundesländer verteilt werden, doch berufliche Qualifikation und Schulbildung spielen bei der Zuwanderung bis heute keine Rolle. Offenkundig auch nicht bei der Beratung im Auswanderungsland. Die hoch Qualifizierten waren nach ihrer Ankunft in Deutschland überrascht, dass ihnen der Zugang zum Arbeitsmarkt durch fehlende Anerkennung ihrer Schul- und Berufsabschlüsse versperrt wurde. Und die russlanddeutsche Unterschicht ist mit der deutschen Massenarbeitslosigkeit konfrontiert.

Der Zuzug der Spätaussiedler bedeutet also auch eine massive Einwanderung in die Sozialsysteme. Gegen diesen Umstand kämpfen Integrationsprojekte häufig vergeblich an. Sie haben nicht selten den Charakter von Beschäftigungsprogrammen, sie verdecken, dass Millionen aus dem Osten kamen, ohne dass dieses Land ihnen eine Berufsperspektive bot. Doch noch heute feiert der derzeitige Aussiedlerbeauftragte im Bundesinnenministerium, Christoph Bergner (CDU), die Zuwanderung Russlanddeutscher als »Erfolgsgeschichte«, schließlich hätten sie die »gleichen kulturellen Grundstrukturen« wie Einheimische, »was Religionszugehörigkeit und Feiertagsorientierung anbetrifft«.

Einmal mehr werden Migrationsgruppen gegeneinander ausgespielt: hier die uns kulturell fremden Muslime, dort die volksdeutschen Christen aus dem Osten. Dass sie die gleichen Probleme teilen, Jugendkriminalität und soziale Verwahrlosung, ist dem Aussiedlerbeauftragten noch immer ein Tabu. Offenkundig wird sich einer realistischen Analyse aus parteipolitischen Gründen verweigert: Hätte die Ausreise von Angehörigen nicht früher eingeschränkt werden müssen? Warum hat man kein einheitliches Konzept für die Anerkennung von Berufen und Schulausbildungen entwickelt? Weshalb Erhebungen zur Kriminalität weitestgehend versäumt? Wie konnte man zulassen, dass die Mehrzahl der Zugezogenen bar jeder Perspektive ins soziale Abseits glitt und nun sozialstaatlich alimentiert wird? Das alles geschah, man kann es kaum anders sagen, sehenden Auges.

Erst vor fünf Jahren hatte die Süssmuth-Kommission vergeblich ein ambitioniertes Zuwanderungsgesetz vorgeschlagen: Auswahl der Zuwanderer nach einem Punktesystem. Doch nach Deutschland dürfen heute nur Unternehmer, die eine Million Euro investieren und zehn Arbeitsplätze schaffen, und Hochbegabte, die ein Gehalt von 84000 Euro vorweisen. Mit der Konsequenz, dass dieses unattraktive Angebot kaum wahrgenommen wird, wohingegen potenziellen Leistungsträgern der Weg ins Land versperrt bleibt. Spätaussiedler könnten noch nach Deutschland immigrieren. Derzeit leben noch etwa 830000 Angehörige der deutschen Minderheit in den GUS-Staaten, 200000 noch Unentschlossene haben einen positiven Aufnahmebescheid. Doch wenn sie kommen, werden die meisten wie bisher auf zu hohe Hürden stoßen, um sich willkommen zu fühlen.

Manche rackern dafür. Dehnen ihre Körper vor einem großen Ballettspiegel, tragen Stöckelschuhe, stolzieren auf und ab, sich selbst beobachtend, mal lächelnd, mal einen unterkühlt-stoischen Ausdruck zeigend. Die russlanddeutschen Mädchen sind 14 bis 17 Jahre alt, und wer länger in ihre Gesichter schaut, sieht unter der Schutzschicht aus Make-up noch Pubertätspickel. Doch sie sind entschlossen, auf den Laufstegen dieser Welt zu schreiten, entdeckt von einem großen Modedesigner, entrissen den Plattenbauten ihrer Stadt. Ein CD-Player spielt Janet Jackson: »All my girls at the party, look at that body, shakin that thing.« Ab und zu klatscht Alexander Tikhonov, der schlank und sehnig ist, in die Hände und hält eines der Mädchen dazu an, aufrechter auf und ab zu laufen. Tikhonov ist ihr Lehrer. Der 44-jährige Schwiegersohn von Lida Jansen hat seine Modelschule und -agentur Grata genannt. Er gründete sie nach seiner Einreise im Kulturzentrum Russisches Haus in der Berliner Friedrichstraße. Seinem früheren Job als Journalist – er schrieb für eine Stadtteilzeitung in Wolgograd, dem früheren Stalingrad – kann er hier nicht nachgehen, sein Deutsch ist nicht gut genug.

Wie so viele verhältnismäßig erfolgreiche Spätaussiedler hat Alexander Tikhonov eine Beschäftigung gefunden, die Dienstleistungen für die eigene Zuwanderungsgruppe anbietet. Wie seine Schwiegermutter, die in einer Integrationsmaßnahme arbeitet.

Tikhonovs größter Erfolg ist Irina. Irina Zender, eine Spätaussiedlerin aus der Ukraine, die er in Berlin entdeckte. Er zeigt Fotos von ihr in einem Katalog: Irina läuft barfuß auf einer Wiese, streicht sich durch das lange braune Haar oder lacht den Fotografen im Schneidersitz an. »Selbst in die Vogue hat sie es geschafft«, sagt Tikhonov. Irina sei derzeit in New York, werde weitergereicht von Modeagentur zu Modeagentur. Er selbst sei mit seinem Modelstudio ein »kleiner Fisch« in der Branche, aber Irina mache ihm Hoffnung. Sie bestätige, dass er »ein gutes Gespür für die Mädchen hat«. Und Tikhonov sagt auch dies: dass sein Sohn Alexej es in diesem Land einmal noch viel besser haben werde als er selbst.

Das erhoffte Glück in Deutschland, es wird bei den Russlanddeutschen weitergereicht an die Kinder, einem Versprechen gleich. Und an die Kinder der Kinder. Auf ihnen ruht die Hoffnung. Der Wunsch, sie mögen den biografischen Bruch ihrer Eltern kitten, die Migrationswunde heilen, die Verpflanzung in ein anderes Land. Auf dass sich die Opfer lohnen, die man in Deutschland erbringt: die Aufgabe des alten Berufes, der Verlust sozialer Anerkennung, das mühsame Erlernen der Sprache. Die Kinder werden, die Kinder müssen es einmal besser haben.

Es gibt jene, die am Glücksversprechen ihrer Eltern zerbrechen. Sagt Stephan Waldner, der Fahnder. Er drückt aufs Gaspedal, mit Blaulicht eilt er an den Ort, an den ihn die Frauenstimme aus dem Funkgerät beordert. Eine Tramstation, an der schon andere Polizeiwagen warten, zwei Jugendliche reden auf Beamte ein, mit glasigen Augen, ihre Muskeln spannen sich unter engen T-Shirts, ihre Haare sind blond und kurz geschoren. Sie starren auf den Asphalt. »Aus Russland«, klärt einer der Polizisten Waldner auf. Die seien gerade von anderen Russlanddeutschen angegriffen worden. Alles in allem harmlos, nur eine Prügelei. Prügeleien, sagt Waldner, habe es immer gegeben unter Jugendlichen. Zwischen Neonazis und Linken. Nach einer Party aus Eifersucht. Oder gepaart mit Raub aus Geldnot.

Doch mit den Russlanddeutschen kamen Gewaltdelikte zutage, die er vorher nicht gewohnt gewesen sei. Gewalt, die er nicht verstand, die völlig unmotiviert schien. Es gehe dabei nicht um Geld, sagt Waldner, es gehe nicht um ein Mädchen, es gehe auch nicht um die Reviermarkierung einer Clique.

Es geht um das pure Vergnügen an der Erniedrigung

Da treffen sich ein paar Jungs, ganz zufällig, sie müssen sich nicht einmal sonderlich gut kennen, betrinken sich mit Wodka und lauern darauf, dass ein Gleichaltriger vorbeikommt. Völlig gleichgültig, ob es sich bei dem Opfer um einen Russlanddeutschen oder einen Einheimischen oder einen Ausländer handelt, es geht nur um das pure Vergnügen an der Erniedrigung, um Tritte in den Unterleib, denen kein nachvollziehbares Motiv, keine konkrete Wut zugrunde liegt.

Deshalb, sagt Waldner, sei die Polizei lange Zeit so ohnmächtig gewesen. Bis man eine polizeiliche Einheit gründete, die sich ausschließlich mit Jugendgewalt befasst. Es gab keine kriminellen Vereinigungen, die hätten zerschlagen werden können, keine Gangs, die sich um einen Anführer scharten, keine Mafia, keine Beziehungstaten, nur eines: »blinde Gewalt«. Sagt Till Claus.

Claus war bis vor kurzem Leiter der Operativen Gruppe Jugendgewalt in der Berliner Direktion Sechs. Deutlich »robuster« haben die Beamten bei Spätaussiedlern vorgehen müssen, als man es bis dahin bei Jugendlichen gewohnt war. Er erklärt es sich mit der allgemeinen Verrohung, die nach dem Kollaps der Sowjetunion entstanden sei: »Dem Staat misstrauen russlanddeutsche Jugendliche häufig. Sie kennen es von ihrer Heimat nicht anders. Sie kooperieren nicht mit der Polizei, sondern blocken völlig ab.«

Einmal war Waldner zu einem der zwei Jugendclubs gerufen worden, die es nicht mehr gibt, das war vor drei Jahren. Ein Club wurde von Russlanddeutschen betrieben, der andere von Einheimischen. Mit Blaulicht war er angerückt, und als er die Tür des Russenclubs aufriss, sah er vor Blut keine Gesichter mehr. Jemand lag am Boden, ein anderer trat auf ihn ein. Andere Jugendliche schlugen sich mit blinder Wut in die Gesichter, bis die Nasen brachen. Auf der Polizeiwache ulkte man, nachdem Waldner das Aufeinandertreffen der verfeindeten Gruppen mit seinen Kollegen gewaltsam aufgelöst hatte, dass die Wäscherei verdammt viel zu tun hätte – Waldners Kleidung war blutgetränkt.

Nun ja, sagt Waldner, manchmal sehe, wenn Blut fließe, alles viel schlimmer aus, als es sei.

Noch dreimal in dieser Nacht wird er mit Blaulicht zu einem Tatort fahren. Eine kleine Rangelei vor einer Disco. Jugendliche, die einen Passanten an einem nahe gelegenen See mit Eisenstöcken bedroht haben. Eine Frau, die angeblich von einem Mann auf offener Straße gewürgt wurde, doch von Täter und Opfer ist nichts mehr zu sehen. Und der angebliche Zeuge, sagt Waldner nach der Befragung, sei so betrunken, dass seine Aussage nicht recht zu verwerten sei.

Für kurze Zeit wollte Alexej »deutscher sein als die Deutschen«

Dann macht Waldner einen Rundgang durch das Treasure Garden, eine Großraumdisco an einer breiten Ausfallstraße, in der Russlanddeutsche ihre »Russenparty« feiern. Waldner schiebt sich durch die Masse, die Mädchen tragen weiße Miniröcke, die im Dunkellicht leuchten, wenn sie tanzen. Breitbeinig stehen die Jungs um sie herum und lachen manchmal laut auf. Russische Pop-Musik dröhnt aus den Boxen. Waldner nickt dem DJ zu, der nickt zurück. Man kennt sich. DJ Slav kommt von seiner Kanzel auf Waldner zu, muskelbepackt, durchtrainiert, lachend. Man tauscht Belangloses aus, ein Abtaxieren: Wie geht’s? Was macht die Ausbildung? Viel los hier in der Disco, viele Russen, gute Stimmung, nicht wahr? Die Russen feiern heftiger, mehr Wodka, weniger Bier.

»Keine Probleme?«

»Nein, keine Probleme.«

»Kein Krawall?«

»Kein Krawall.«

Sie brüllen sich von der Seite ins Ohr, die Beats von DJ Slav übertönen alles. Der winkt ab, lächelt zum Abschied noch einmal sein breites DJ-Lächeln, cool, Kaugummi kauend, dann eilt er zum Pult, es gilt, eine neue Platte aufzulegen.

Derweil kämpft sich ein junger Mann zum Ausgang an Waldner vorbei. Er wird von seiner Freundin gestützt, ihr Lippenstift ist verwischt, an die frische Luft mit ihm, mag sie denken, hinaus, mein betrunkener Freund. Eine knapp bekleidete Kellnerin kennt Waldner und reicht ihm ein Mineralwasser, das er ablehnt. Den kräftigen Türstehern am Ausgang sagt er noch, sie sollten gefälligst anrufen, wenn jemand Probleme mache. Sie klopfen ihm auf die Schulter. »Kein Problem.« Einen Anruf wird es nicht mehr geben, auch keinen Funkruf, es ist fünf Uhr morgens, Schichtende, Waldner ist zufrieden. »Das war eine ruhige Nacht.«

Ein neuer Tag in Marzahn, die Schatten der Hochhäuser legen sich in scharfen Linien auf die Gehwege. Alexej steht nach Unterrichtsschluss vor der Thüringen-Oberschule. Schüler strömen aus dem lang gezogenen Gebäude, manche sprechen Russisch, manche Deutsch. Der 15-Jährige ist Alexander Tikhonovs Sohn, der Enkel von Lida Jansen, der Urenkel von Helena Jansen. In dieser Gesamtschule kann er Russisch als Fremdsprache belegen, um die Sprache nicht zu vergessen, das sei ihm wichtig.

Angesprochen auf die Kriminalität im Bezirk, die Fahrt im Polizeiwagen durch die jüngste russisch-marzahnische Nacht, auf die Jugendgewalt, sagt er: »Ja, die gibt es.« Er ist ein eher schmächtiger Junge. Auch deshalb seien seine Eltern mit ihm nach Hohenschönhausen gezogen. Sie hätten ihm gesagt, hier wohnten zu viele Russen, zu viele arme Russen und zu viele verzweifelte. Seiner Großmutter und Urgroßmutter sei das egal, tagsüber sei Marzahn schließlich ein sicheres Viertel, außerdem erinnerten die Blöcke sie an russische Städte.

Aber hier aufwachsen? »Nein.«

Alexej fährt jeden Tag zur Schule nach Marzahn, auch weil es dort außer Russischunterricht noch zusätzliche Deutschkurse gibt, die er heute aber nicht mehr braucht. Von der Gewalt bekomme er nur »das Übliche mit«, das »Abziehen von Handys«, kleinere Rangeleien auf dem Schulhof. Aber all dies gebe es längst nicht mehr nur bei Russen. Die Szenen würden ohnehin verschwimmen, mehr und mehr. Er selbst hat schon alles ausprobiert: Zuerst war er Punk, dann Gruftie, ja, und für eine ganz kurze Zeit wollte Alexej »deutscher sein als die Deutschen«. Da hielt er es nicht aus, dass alle sagten, er sei »der Russe«. Er nennt es seine »schwarze Phase«, er habe sie überwunden.

Seine Eltern, sagt er, seien heute so stolz: stolz, dass er gute Noten nach Hause bringt, dass er so schnell Deutsch gelernt hat, viel schneller als sie selbst. Es gebe Tage, sagt er, da leide er unter ihrem Stolz, da sei er zu sehr der Vorzeigeknabe. Ihn selbst beschäftigt nämlich etwas ganz anderes, sagt Alexej – seine neue Freundin. »So schön« sei sie. Er zieht ein Bild aus seinem Portemonnaie hervor, »aus Russland«. Das sei aber völlig egal. Als kenne Glück keine Herkunft.



Mehr zum Thema:

Integriert sind nur Kunden: Eine ZEIT online-Videoreportage über die Schwierigkeiten von Russlanddeutschen, die nach Deutschland kamen.

 
Leser-Kommentare
    • skel12
    • 15.10.2006 um 13:15 Uhr

    Adam Soboczynski – Autor des Artikels stammt selbst aus einer polnischer Auswandererfamilie und scheint gut integriert zu sein. Wieso erwartet er das gleiche von den Russen in Marzahn?
    Ich glaube, dass die Zukunft der russisch sprechenden Menschen liegt in ihrer Händen. Es sind keine vorbestrafte Banditen und nicht nur schwererziehbare Teenies, sondern auch Ingeneure, Musiker, Friseuren, Fotografen, Köche, Buchhalter, Tanzlehrer, Künstler und eben Bauer.
    Sie müssen einfach den Integrationsmythos aufgeben und ihre eigene Geschäfte „auf russisch“ gründen. Nachfrage ist wohl vorhanden.

    • wlad
    • 19.10.2006 um 15:56 Uhr

    Na ja, Klitschko, ein Schrank, der auch einige menschliche Emotionen zumindest ansatzweise vorweisen kann, ein Werbungsprodukt. Wenn wir schon Muskelpakette als Beispiel einführen wollen, dann ist es Waluew. Er hat zumindest die Weltmeisterschaft gewonnen und sieht wie ein Hulk aus.
    Allerdings wird mir schaurig, wenn die Russen in diesem Land über Werbungsprisma betrachtet werden. Im Unterscheid zu den beiden bin kein Muskelpakett, ich spreche auch sehr gut Deutsch aber auch Russisch, Englisch und Französisch, ich prügele auch keine Schwarzen und bin auch wesentlich sensibler als die beiden.

  1. es kein Lebensmittelgeschäft, großes Unternehmen, keinen Dienstleister in Deutschland mehr gibt, in dem nicht ein oder mehrere Rußlanddeutsche beschäftigt sind.

    Das Jobwunder der Rußlanddeutschen ist eines der Mysterien des deutschen Arbeitsmarktes.

    Das Bauwunder der Rußlanddeutschen ist eines der Mysterien der deutschen Neubaugebiete.

    Erschrocken fand der Autor jüngst mehrere Ausgaben der Nationalzeitung beim heimischen Bäcker. Noch vor einigen Jahren wäre eine solche Auslage undenkbar gewesen.

    Doch was soll der besorgte Bürger den aufgebrachten Mitbürgern erwidern? Das Jugendzentrum wurde von den etablierten Parteien jahrzehntelang mit staatstragendenden Worten abgelehnt. Zugegeben, vom Autor dieser Zeilen auch. Inzwischen spielt die Auswahlmannschaft der Polizei mit rußlanddeutschen Jugendlichen Fußball - ein letzter verzweifelter Versuch der Integration.

    Integration? Integration von russischsprachigen Jugendlichen, die nur in ihrer Heimatsprache miteinander kommunizieren? Richtig, Heimatsprache. Die Heimatsprache dieser Jugendlichen ist RUSSISCH!

    korfstroem

    • wpaul
    • 18.10.2006 um 23:17 Uhr
    4. @wlad

    .... nun denk doch mal an die Klitschko-Brüder, ok, die sind aus der Ukraine, aber da leben ja auch viele Russen, also ich finde ihr seid eine echte Bereicherung, das war jetzt nicht ironisch gemeint, ich finde euch einfach europäischer als die Amerikaner, auch wenn die gute Filme machen können und früher auch mal Europäer waren.
    Die Natur kennt nicht nur den Kampf a la Darvin, wie ihn die Amerikaner predigen, die irgend wie den Hals einfach nicht voll kriegen können; die Natur kennt auch die Kooperation schon seit Milliarden Jahren, also Zusammenarbeit von Fremden, sogar Zusammenarbeit von Feinden, heute wird es ja schon schwierig zwischen Mann und Frau, ok, wir könnten ja zusammen gegen andere kämpfen :-) vielleicht am besten Außerirdische:-)
    Privet

  2. Wieso dass die Russlanddeutsche sich „integrieren“ müssen? Diese Menschen haben ihre Kultur mitgebracht und haben das Recht diese auszuleben. Der große Fehler der Integrationspolitik besteht eben darin die Spätaussiedler „einzudeutschen“.
    Die Deutschen an der Wolga dürften (bis Sowjets kamen) ihre Kultur frei ausleben. Jetzt haben die 250 Tausend Russen in Marzahn die gleichen Privilegien. Die Ursache der hohen Kriminalitätsraten liegt genau in der Unterdrückung der russischen Wurzeln dieser Menschen.

  3. Schönen guten Tag kb!
    Ich weiß nicht, obs wirklich allen bekannt ist: das Thema um unsere eingedeutschten Polen und Russen genießt jeden nur erdenklichen Schutz, das Thema ist vollkommen erhaben über jede Form von Kritik und darüber hinaus werden selbst bestehende Gesetzesvorschriften ( kb lies mal drüber weg :) :)Sie kennen es nämlich schon :) ) des SGB II- Paketes auf diese Gruppen nicht angewendet.

    Übrigens liege ich deshalb schwer mit einem jungen Chefredakteur eines sehr angesehenen Magazins im Zoff, der der heimischen Oberschicht entstammt,über diese Problematiken schiefer "Integrationen" jedoch nur kümmerlich informierst ist; aber rein aus seinem hohen sozialen Status heraus meint, den anderen vorschreiben zu können, wie gefälligst die WIrklichkeit entlang seiner Wahrnehmung aufzunehmen ist.
    Gehört nicht híerher? Oh doch, und wie : So selbstherrlich nämlich verfährt die gesamte " Polit- Elite" mit bei vielen empfindlichen Themen mit dem Normalbürger.

    Ein paar in sich paradoxe Anwendungen geltenden Rechts gegenüber Einwanderern schlechthin:

    Da stoßen alle lauthals ins gleiche Horn, wenns darum geht, den Türken hier vorzuwerfen, sie würden sich nicht integrieren wollen. Ja man verlangt ihnen sogar ab, sie sollen diese Leistungen gefälligst sofort und auf der Stelle bringen und beweisen.

    Gleichzeitg werden zur Legitimation der oft angeblichen deutschen Abkunft etlicher Russen und POlen( der Schub setzte zwischen 1987 und 88 ein, ist schon von allen vergessen), uns stets vor Augen gehalten ( Rita Süssmuth u.a,), diese Menschen hätten ja immerhin "... 200 Jahre dort in Kasachstan oder sonstwo in den Weiten des Landes das Deutschtum redlich aufrecht erhalten - und gepflegt.
    Wie bitte?

    Stopp mal stopp! Man stelle sich anschaulich vor, wie dies wohl den eingeborenen Russen schwer an den Nerv gegangen sein muss, dass deren Mitbürger und Nachbarn sich 200 Jahre lang stockstur und borniert nicht integrieren lassen WOLLTEN. Und wir verlangen den Türken den Sofortismus ab... Ich bin kein Freund des moslimischen Mackertums. Weißgott nicht. Aber so gehts ja nun nicht´.

    Im Frühsommer dieses Jahres wurde einem Schwarzen aus Kenia, Fall vorm BGH, der deutsche Pass entzogen, weil, so die Begründung, er seinerzeit bei der Angabe eines Arbeitsplatzes "..die Unwahrheit" gesagt hätte

    Überhaupt, wenn ich die kritschen Artikel der letzten Jahre und selbst der letzten MOnate Revue passieren lasse,
    dann entdecke ich keinerlei kritische Hemmungen fast aller Redaktionen, wenn´s darum geht, dass Schwarzafrikaner nach Europa drängen. Hieralso ist Kritik erlaubt, es sind ja scheinbar " nur Schwarze ". Meist bedauernswerte arme Schlucker!
    Ich suche´vergeblich nach ebenso kritscher Haltung der vermeintlich " freien Presse", sobald es um Weiße aus Russland oder Osteuropa geht.

    Denn eines wissen viele Beamte aus den Botschaften und den KOnsulaten vor Ort: Die Angaben zu Vita und der Herkunft stimmen oft einfach nicht.
    Der kleine aber feine Unterschied ist nur der: Einmal ist das Lügen staatlich erlaubt ( siehe u.a. SPIEGEL Nr. 59, 1989) und wird staatlich geschützt, das andere Mal werden Lügen´, eben bei Schwarzen, individuell angelastet mit enstprechenden Konsequenzen.

    Das mutet doch schon nach rassistischer Einwanderungspolitik an.

    Ferner. Während jedem Deutschen, der während seiner Lebensarbeit die eine oder andere Renteneinzahlungslücke hat, die dann auch - logisch - als Lücke gilt, die die Rente mindert; ging vor zwei Wochen in einer winzig kleinen Meldung aus der " WeltKompakt " hervor, dass laut Beschluß eines Gerichtes in Darmstadt es als "...nicht rechtens anzusehen ist, dem Antragsteller..."( in diesem Fall ein Klagender " Aussiedler aus Kasachstan ") die Lücken als Rentenmindernd anzusehen. Das heißt: Wehe ein Deutscher weist Lücken auf in seinen Beitragszahlungen.
    So ist Recht eben wieder mal nicht = Recht.

    Bei jenen, die immerhin ja nie in diesen Topf einzahlten, sondern ein paar wertlose Rubel in die Kassen der ehemlaligen UDSSR entrichteten, sind aber Lücken nicht als Lücken anzusehen, na wunderbar .
    Was ist ein Rechtssystem wert, dass sich solcherlei unverfrorene Unterschiedsbehandlugen anmaßt.
    Kann man alles schön nachlesen.
    Ich lasse hier außer acht, dass mir persönlich 5 Einheimische bekannt sind, die amtlicherseits gezwungen worden sind, ihre als Altervorsorge gedachten Lebensversicherungen unter Wert zu verkaufen. Und dass vier von ihnen amtlich angewiesen worden sind, ihre als zu teuer befundenen WOhnungen "...innerhalb von sechs Monaten " aufzugeben.
    Und warum soll man sich einfügen, wenn man obendrein noch instinktiv weiß,dass man dies nicht muss, dass man sich unter einer dicken Schutzglocke bestend aus Lobbyismus, Politikund Recht bewegen kann .

    Nette Grüße, Jürgen E. Gesang

  4. Sehr geehrter Herr Soboczynski,

    ich habe Ihren Artikel aufmerksam durchgelesen und möchte nun einige Punkte kommentieren.
    Einen solch langen Artikel in der Zeit zu lesen, welcher sich mit dem "Problem Russlanddeutsche“ befasst, einen Anspruch auf Objektivität haben sollte, kann man nicht unkommentiert lassen.

    Zunächst ist der Rahmen dieser unterhaltsamen Story ein allseits beliebter und aus dem TV wohlbekannter Polizeieinsatz, in welchem gut und böse sich schon klar heraus kristallisieren sollten. Nun ein Bericht über meine Familie in der mein Vater ein praktizierender Arzt, meine Mutter eine Lehrerin, meine Schwester Schauspielstudentin, die andere eine Gymnasiastin, und ich ein kurz vor dem Abschluss stehender Wirtschaftsinformatiker bin, wäre da viel langweiliger.

    Man glaubt es kaum aber auch wir sind Aussiedler, und nicht die Ausnahme, sondern breite Masse.

    Nun zu Ihren offensichtlichen Fehlern in der Recherche:

    - historisch falsch ist dass es den deutschen nach der Revolution so gut ergangen sein sollte, den sie wurden als Großgrundbesitzer zwangsenteignet und gefoltert!
    - Das Argument der Wirtschaftsflüchtlinge kann nicht allein die Ausreise begründen, denn was jedem Asyl beantragenden zusteht steht den Aussiedlern in besonderer Weise zu, denn es gab und gibt politische und gesellschaftliche Diskriminierung der Deutschen in der UDSSR und GUS. Allein der deutsche Name reicht aus um als ewiger Feind gebrandmarkt zu werden.
    - Nun kommt die Komponente des Blutes, was bei Ihnen als Privileg gegenüber anderen Migranten so unverständlich hervorgehoben wird. Daher Frage ich Sie: ist es ein Privileg in der UDSSR oder GUS wegen seines deutschen Blutes diskriminiert zu werden? So ist es nun sicher kein Privileg hier als deutscher behandelt zu werden sondern eine Selbstverständlichkeit!
    - Hartz IV ist in unserem Bekanntenkreis und sicherlich für den größten Teil der 3 Millionen eher eine Schmach. Die so genannten „deutschen Tugenden“ scheinen bei den Russlanddeutschen eher überlebt zu haben, als bei der einheimischen Bevölkerung. Dies ist ganz klar statistisch belegt.
    - Wie der Zufall es so will haben Sie Berlin und nicht z. B. Süddeutschland als statistische Grundlage gewählt. Ich bin mir sicher, dass 64% Hartz IV in Marzahn eine Marke ist, die gleicher Weise auf die anderen Bevölkerungsgruppen angelegt werden kann.

    Alles in Allem kann in Ihrem Bericht nicht der Hauch von Objektivität zu spüren. Anstatt Barrieren zu beseitigen schafft diese Art von Journalismus neue und unüberwindbare!

    Es ist richtig das es Probleme gibt die sogar von beiden Seiten herrühren, doch man sollte doch eher das gemeinsame „Wir“ anstreben, als einen Sündenbock für die Probleme in Deutschland zu suchen. Denn eines ist klar keine andere Migrationsgruppe ist so Assimilierungsfähig und willig,wie die deutschen aus Russland, wenn man sie nur lässt und akzeptiert!

    Mit freundlichen Grüßen
    Alexander Gossmann

    • Anonym
    • 17.10.2006 um 18:14 Uhr

    Auch andere Parteien dürfen sich einen Lorbeerkranz eingeführter Stimmen anheften.

    So stellt sich insbesondere auch links von der Mitte die Frage, wie es sich mit der Haltung zur Einwanderung verhält. Ist die deutsche Staatsbürgerschaft und damit das Wahlrecht erst einmal erlangt, dürfte der überwiegende Teil der Einwanderer wohl eher PDS, Grüne, SPD statt CSU oder NPD wählen, um es einmal plakativ auszudrücken.

    Ein Artikel über derartige Auswirkungen wäre sehr interessant. Ein Schelm wer denken würde die Parteien holen sich einfach neue Wähler hinein, als die alten zu überzeugen...

    Bitte zerstreuen Sie meine Zweifel liebe Zeit!

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