Film Angst vor der eigenen Courage
Wischiwaschi-Märchen statt böser Gesellschaftssatire: »Der Teufel trägt Prada«.
Drachen, Schreckschrauben, Furien, »military women«, viel mehr gebe es für Schauspielerinnen ihres Alters nicht zu spielen, bemerkte Meryl Streep kürzlich süffisant auf den Filmfestspielen von Venedig. Offenbar bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als sich in der Rolle von Hollywoods Oberdomina einzurichten. In ihren letzten Filmen scheint sie jedenfalls stets einen imaginären Latex-Anzug unter dem Business-Kostüm zu tragen. Als krankhaft ehrgeizige Mutter eines Präsidentschaftsanwärters lässt sie uns in Jonathan Demmes The Manchurian Candidate (2004) erschauern, wenn sie ihre Parteigenossen mit einer Blut-und-Eisen-Rede auf die Kandidatur des Sohnes einschwört. In Diane Englishs First Man spielt sie demnächst eine amerikanische Präsidentin, die ihren Manager-Ehemann (Robert de Niro) in die Rolle des dekorativen Anhangs drängt. Und in David Frankels Der Teufel trägt Prada geht sie als Modemagazin-Chefin Miranda Priestly zur Arbeit wie ein General aufs Schlachtfeld. Man muss sich nur anschauen, wie Streep morgens in ihr Büro marschiert, ihre Angestellten anherrscht, gleichzeitig fünf Termine verabredet und absagt, einen Fotografen zur Sau macht und jede Kreatur im Umkreis von hundert Metern auf Trab hält. Es ist eine Paraderolle für military Streep, die zu schikanöser Hochform auffährt und auf Schritt und Tritt eine Bugwelle des Schreckens vor sich herschiebt. Tatsächlich glaubt man ihr von der ersten Sekunde an, dass sie nie etwas anderes getan hat, als über Hochglanzanzeigen, Handtaschen-Shootings und die neuen Herbsttrends zu herrschen.
Die Modebranche – eisige Hölle und glitzerndes Faszinosum
Allerdings bekommt Streep als Gegenpol Anne Hathaway vorgesetzt, eine recht langweilige junge Schauspielerin in der Rolle einer recht langweiligen jungen Aufsteigerin. Der Teufel trägt Prada erzählt von diesem goldherzigen unscheinbaren Wesen namens Andy, das sich zufällig als Priestlys Assistentin bewirbt. Es ist die alte Geschichte vom hässlichen Entlein, das zum stolzen Schwan mutiert, aber auch vom Underdog, der die Karriereklaviatur bald besser beherrscht als seine Lehrmeisterin. Innerhalb weniger Wochen mutiert Andy vom Mauerblümchen zur Superassistentin und Kronprinzessin des Magazins, die nicht weniger entschieden nach vorne stürmt als ihre Chefin. Dabei mag sich Frankels Film nicht entscheiden, ob er die darwinistische Aufsteigerideologie feiern oder doch lieber demontieren will. Was also ein Ausflug hinter die Kulissen der milliardenschweren Industrie des schönen Scheins hätte werden können, eine scharfzüngige Komödie über die Zickenkämpfe im New Yorker Fashion-Business oder auch ein böses Sittenstück über die Mechanismen von Karriere und Anpassung, bleibt ein zögerliches Wischiwaschi-Werk.
Wann immer es ans Eingemachte geht, hat Der Teufel trägt Prada Angst vor der eigenen Courage. Er mokiert sich über magersüchtige Körpermaße und gruftige Schönheitsideale, will uns das Elfenfigürchen von Anne Hathaway aber allen Ernstes für zu dick verkaufen. Er geißelt die gnadenlose Konkurrenz der unteren Chargen, die Anpassung, die Schleimerei, bewundert aber die eiserne Durchsetzungskraft einer Jungassistentin, die noch vor der albernsten Caprice der Magazinchefin kuscht. Schließlich will er die Kleinmädchenträume von Glanz und Glamour entlarven und lechzt doch völlig unironisch nach der Leute heute- Welt der öligen Jungdesigner, Champagnerpartys und karg designten Luxuslofts. Und während auf der Leinwand bis zur Karikatur Käuflichkeit und Korruption der Modewelt vorgeführt werden, versichert uns die Firma Peek & Cloppenburg im Presseheft als »offizieller Fashion-Partner« von Der Teufel trägt Prada, dass die im Film getragenen Outfits auf das Bild der gesamten Fashion-Welt abfärben werden (»Der Mode-Impuls des Herbstes 2006!«). Womöglich hat auch noch Eva Herman einen kleinen Kooperationsvertrag mit diesem Werk, das seine beiden Karrierefrauen für ihren Erfolg teuer bezahlen lässt: mit gescheiterten Beziehungen und einem zerstörten Privatleben.
- Datum 16.10.2006 - 13:27 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.10.2006 Nr. 42
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Ich war hin und weg von diesem Film, weil Frau Streep die Aufgabe von typischen Geschlechterrollen verkörpert. Es entspricht doch einem Kompliment, wenn sie sich das Weibchengetue nicht mehr antun muss.
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