Waldemar Karle hat zwei Probleme: das Alter und den Akzent. In Kasachstan lernte er Dreher, in Deutschland war er dann 15 Jahre lang beim schwäbischen Maschinenbauer Ex-Cell-O. »Ich dachte, ich bleibe da bis zur Rente«, sagt er. Doch zu Jahresbeginn kaufte der US-Investor Maxcor das mittelständische Unternehmen. Und entließ jeden vierten Mitarbeiter, auch Karle. Die Suche nach einem neuen Job war schwierig. »Mit 45 fühlt man sich nicht alt«, sagt er. »Aber viele Arbeitgeber sehen das anders.« Oft wurde er schon am Telefon abgewimmelt – wegen des wolgadeutschen Akzents, wie ihm schien. Immerhin half ihm eine Transfergesellschaft bei der Jobsuche, das war im Sozialplan so vorgesehen. BILD

Massenentlassungen wie bei Ex-Cell-O sind in Deutschland an der Tagesordnung. Mal wird die Produktion verlagert, oft soll das Unternehmen effizienter werden, mal gibt es auch ganz auf. So kämpfen bei BenQ Mobile gegenwärtig 3000 Menschen um ihren Job, bei den Bosch-Siemens Hausgeräten 570. Wo so ein Kampf enden kann, zeigt sich anderswo: Die Schließung des AEG-Werks in Nürnberg kostet 1700 Arbeitsplätze, und beim Hamburger Autozulieferer Phoenix, der gerade in Continental integriert wird, verlieren 860 Menschen den Job. Doch arbeitslos sind die Mitarbeiter erst mal nicht, in der amtlichen Statistik tauchen sie nicht auf. Sie alle bekommen, auf Druck des Betriebsrats, einen neuen Vertrag – bei einer Transfergesellschaft.

»Scheinbeschäftigung« nennt Matthias Knuth vom Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik (IAT) das typisch deutsche Konzept, das aus Arbeitslosen pro forma Angestellte macht. Aus dem angeblichen Job heraus sollen sie leichter eine neue Stelle finden. Für die Firmen, die solche Transfergesellschaften betreiben, ist das ein gutes Geschäft. Die gekündigten Menschen profitieren ebenfalls. Und ihre ehemaligen Arbeitgeber auch. Bezahlen muss die Arbeitslosenversicherung. Für Knuth ist klar: »Die Beitragszahler sind die Verlierer. Sie zahlen die Zeche für die Arbeitsplatzvernichtung.«

In einer Transfergesellschaft sollen überzählige Mitarbeiter qualifiziert und vermittelt werden. Dabei zahlt ihnen die Arbeitsagentur zwischen 63 und 67 Prozent des letzten Gehalts, der ehemalige Arbeitgeber stockt den Betrag meist auf etwa 80 Prozent auf. Erst wenn ihre Zeit dort endet und sie nichts gefunden haben, melden sich die Leute arbeitslos. Seit der Einführung der Hartz-Gesetze laufen Transfergesellschaften maximal für ein Jahr. Immerhin verdoppelt sich so die Frist, bis Hartz IV droht – für die Betroffenen ein wichtiges Argument, die Kündigung zu akzeptieren. Rund 220 Millionen Euro flossen 2005 an Transfer-Kurzarbeitergeld, 740 Unternehmen nutzten es zum Personalabbau.

Heidi Weingardt ist Theologin und Diplom-Pädagogin, sie half Waldemar Karle bei der Suche nach einem Job. Seit fünf Jahren arbeitet die 40-Jährige für Refugio, einen Betreiber von Transfergesellschaften. Wenn ein Betrieb Personal abbauen will, stellt das Unternehmen die überzähligen Mitarbeiter des Auftraggebers ein. Weingardt hilft dann, den Schock der Kündigung zu verwinden. Sie lotet aus, wohin der Berufsweg führen könnte, und bietet etwa Computer-, CNC- oder Schweißkurse an. Manch einen Ungelernten bringt sie auf den Weg zum Facharbeiterbrief; manchen Älteren bewahrt sie vor der Resignation und öffnet ihm Türen bei Arbeitgebern. Jeder muss einmal pro Woche Bericht erstatten, was er unternommen hat.

Eigentlich tut Heidi Weingardt all das, was auch Aufgabe der Vermittler bei der Arbeitsagentur ist. »Aber da kennen sie die Leute nicht so gut. Ich kümmere mich um maximal vierzig Menschen, dort haben die Mitarbeiter mit mehreren hundert zu tun«, sagt sie. Nach fünf Monaten hat Weingardt 28 der 35 früheren Ex-Cell-O-Arbeiter in ihrer Gruppe vermittelt. Die Quote kann sich sehen lassen bei deren Durchschnittsalter von 41,3 Jahren.

Ob Transfergesellschaften grundsätzlich höhere Vermittlungsraten erzielen als die Arbeitsagentur, ist ungewiss. Zu unterschiedlich ist die Intensität der Betreuung. Zwar brüsten sich manche Anbieter mit Erfolgsquoten von 70 oder 80 Prozent. »Aber ich bin grundsätzlich skeptisch, wenn Träger ihre eigenen Erfolge verkünden«, sagt Axel Deeke vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Sozialforschung (IAB). Von neutraler Seite belegt sind die Quoten nicht. Die Arbeitsagenturen erheben keine Daten darüber, wie lange wie viele Menschen bei welchem Transferanbieter angestellt sind und was aus ihnen wird. Und das, obwohl sie ihnen Transfer-Kurzarbeitergeld zahlen. Jetzt hat das Bundesministerium für Arbeit, im Rahmen der Überprüfung der ersten drei Hartz-Gesetze, eine Studie in Auftrag gegeben: Lohnt es sich, dafür Millionen zu zahlen? Die Antwort fällt schwer bei der miserablen Datenlage – und wird eher negativ sein, wie von Forschern zu hören ist.