Wäre Ähnliches in Deutschland denkbar? Kann man sich einen ehemaligen Spitzenpolitiker als Protagonisten im Dokumentarfilm über sein Herzensthema vorstellen? Jürgen Trittin in »Die Rettung der Pfanddose«? Sogar Renate Künast muss bei dieser Vorstellung lachen. Nein, niemand im Berliner Premierenpublikum von Al Gores abendfüllendem Streifen kann sich das ausmalen. Dafür kommt die Klimadokumentation des ehemaligen US-Vizepräsidenten doch zu amerikanisch daher. Man muss kaum befürchten, dass die zur Premiere erschienenen Exminister Schily, Trittin und Künast nun ihrerseits eine Karriere im Kino planen. BILD

Vielleicht liegt es auch daran, dass kein Politiker so für sein Thema brennt wie Gore. Seit Jahrzehnten sieht er es als seine Mission an, das Volk über die globale Erwärmung aufzuklären. »Ich hoffe, Sie hören auch mit Ihrem Herzen zu«, fleht er das Publikum vor der deutschen Uraufführung an. Der Klimawandel sei nämlich nicht nur ein politisches, sondern auch ein »moralisches«, gar »spirituelles« Thema. Das will er mit seinem Film An Inconvenient Truth ein für alle Mal klarstellen.

In den USA konnte er damit einen ebenso großen wie unerwarteten Erfolg feiern. Gores »unbequeme Wahrheit« avancierte zum dritterfolgreichsten Dokumentarfilm aller Zeiten – nicht schlecht für einen aufgepeppten Diavortrag über Wissenschaft. »Mir fällt kein anderer Film ein, bei dem die Darstellung eines Diagramms entsetztes Keuchen im Publikum weckte«, schreibt der Rezensent der New York Times .

Gore überzeugt nicht nur viele, sondern offenbar auch die richtigen Leute. Im September, nach einer Diskussion mit Gore, kündigte der englische Milliardär Richard Branson an, alle Gewinne seiner Transportunternehmen für den Kampf gegen die Klimaerwärmung zu spenden: rund drei Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren. Auch beim ungarisch-amerikanischen Finanzjongleur George Soros hat Gore eine großzügige Spende fürs Klima lockergemacht. Plötzlich ist der im Jahr 2000 gescheiterte Präsidentschaftskandidat in die Schlagzeilen zurückgekehrt; viele spekulieren schon, ob Gore noch einmal zum Kampf ums Weiße Haus antreten will.

Dabei verfolgt der 58-jährige US-Politiker mit seinem Film einen hohen Anspruch: Er will nicht nur aufrütteln, sondern auch nüchtern argumentieren. Er traktiert das Publikum mit Zahlen und Grafiken, zitiert ausgiebig aus Fachveröffentlichungen und geht das Risiko ein, den Laien zu langweilen und beim Experten durchzufallen. Doch das Experiment gelingt. Selbst bei hartgesottenen Klimaforschern, die die Popularisierung ihrer Arbeit mit Argwohn verfolgen, kommt der Film an. »Gore macht das sehr gut«, sagt Stefan Rahmstorf, der sonst darüber klagt, dass die Klimaproblematik in den Medien entweder gewaltig über- oder untertrieben werde (ZEIT Nr. 7/05: Das ungeliebte Weder-noch ). »Die meisten der in dem Film vorkommenden Grafiken verwende ich auch in meinen Vorträgen«, sagt Rahmstorf, »aber Gore zeigt natürlich viel mehr Special Effects

Der US-Politiker zieht alle Register: Mechanismen der Erderwärmung erklärt er in einem lustigen Zeichentrickfilm; das Abbrechen antarktischer Eisschelfe kommentiert er vor Ort aus dem Hubschrauber; und einmal lässt er sich von einer Hebebühne bis unter die Decke des Vortragssaals hieven, damit er mit dem Zeigestock der Messkurve folgen kann, die den gewaltigen Anstieg der CO₂-Konzentration in der Atmosphäre zeigt.

Für deutsche Zuschauer ungewohnt ist allerdings die gefühlsduselige Personalisierung, die den Film durchzieht. Gore am Krankenbett seines Sohnes, wo ihm aufgeht, wie bedroht das Leben auf der Erde ist; Bilder aus dem Goreschen Familienalbum; sein Studium bei dem bewunderten Klimaforscher Roger Revelle, der als Erster auf die Erderwärmung aufmerksam gemacht habe; der Umweltpolitiker Gore im Atom-U-Boot unter dem arktischen Eis; Gore bei umjubelten Reden in China. Am Ende hat man nicht nur einen Film über die Klimaproblematik gesehen, sondern auch hochprofessionell gemachte Werbung für den Menschen und Politiker Albert Gore.

Diese Vermischung von sachlicher Information und Personalityshow mag Regisseur Davis Guggenheim für unabdingbar gehalten haben, um ein Massenpublikum emotional mitzureißen. Für den Klimaschutz in den Vereinigten Staaten ist die mitschwingende Politpropaganda eher kontraproduktiv (siehe »Der heimliche Wandel« ). Und selbst Gore-Fans fällt auf, dass die Clinton-Ära im Film seltsam inexistent scheint. Warum, so fragen sie, hat Gore in jenen Jahren, als er selbst an der Macht saß, so wenig für den Klimaschutz bewirkt? Angesichts der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse ein aussichtsloses Unterfangen, verteidigt Gore sich; der Widerstand der Industrie sei zu groß gewesen. Außerdem: »Ich war Vizepräsident, nicht Präsident.«

In seinem Film jedenfalls entwickelt er nun jene Überzeugungskraft, die früher viele an Gore vermissten. Selbst die Fachleute sind angetan. »Ich mochte den Film«, resümiert der Klimatologe Kerry Emanuel vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), auf dessen Hurrikanforschung Gore sich stützt, »das meiste an Wissenschaft darin ist solide.« Dennoch hat Emanuel auch »ein paar schwere Patzer« entdeckt. Sie genauer zu betrachten, ist schon deshalb lehrreich, weil sich dahinter weit verbreitete Missverständnisse der Klimadebatte verbergen. Gore argumentiert dabei oft nicht besser (oder schlechter) als mancher Forscher.

Da wäre zum ersten die Parallelität von Temperatur und Kohlendioxidgehalt. Während jener Sequenz, in der Gore an riesig vergrößerten Messkurven aus einem antarktischen Eisbohrkern entlangfährt, saß Emanuel senkrecht im Kinosessel: Synchron zucken in der Tabelle Temperatur und CO₂-Gehalt über die Jahrtausende hinweg auf und ab; dann schießt plötzlich – mit der Industrialisierung – die CO₂-Kurve gewaltig nach oben. Diese Montage erweckt den Eindruck eines kausalen Zusammenhangs. Prompt glaubt man, die Temperatur würde der CO₂-Kurve umgehend nach oben folgen. »Niemand in der Forschung wäre mit dieser Folgerung einverstanden«, sagt Emanuel. Denn der Gleichklang der Kurven war früher auf die Veränderung der Sonneneinstrahlung zurückzuführen. Diese beeinflusste die Temperatur und damit auch den Kohlendioxidgehalt. Erst in der Neuzeit beobachten wir den umgekehrten Fall: Das von uns emittierte Kohlendioxid treibt die Temperatur nach oben. Dieser veränderte Zusammenhang wird bei Gore alles andere als deutlich.

Ein zweites häufiges Missverständnis betrifft die globalen Schadensziffern durch Wetter- und Flutkatastrophen. Diese steigen seit den 1960er Jahren exponentiell an. Ein Beleg für die »unübersehbaren ökonomischen Folgen der Klimaerwärmung«, wie Gore behauptet? Nicht unmittelbar. Die wachsenden Schäden entstehen nämlich auch dadurch, dass zunehmend Risikogebiete besiedelt und bewirtschaftet werden. Die Experten der Münchener Rückversicherung haben diese Effekte in einer Studie, die in diesem Oktober erscheint, mit viel Aufwand herausgerechnet. Das Ergebnis zeigt, dass die Zunahme der Schäden zwei Ursachen hat – den beginnenden Klimawandel sowie die Tatsache, dass sich die Menschheit immer breiter macht.

Letztes Beispiel: Auch in Gores Film sieht man die verheerenden Auswirkungen des Katastrophenhurrikans Katrina. War der Wirbelsturm wirklich eine Folge der globalen Erwärmung, wie Gore suggeriert? Solche Gleichsetzungen missachten den grundsätzlichen Unterschied zwischen einzelnen Wetterereignissen und langfristigen Klimatrends. »Über den Zusammenhang zwischen Hurrikanen und globaler Erwärmung gibt es noch keinen wissenschaftlichen Konsens«, sagt Hurrikanforscher Kerry Emanuel. Vermutlich ist das Gore klar, doch er weiß auch, dass Bilder des verwüsteten New Orleans in den Köpfen der Zuschauer stärker wirken als jede noch so überzeugende wissenschaftliche Kurve. In amerikanischen Umfragen geben 70 Prozent an, ihnen hätten die Wetterkatastrophen der vergangenen Jahre die Augen für den Klimawandel geöffnet – aus Sicht der Forschung sagen solche Einzelereignisse kaum etwas über die Entwicklung des Klimas aus. Doch manchmal setzt sich die richtige Einsicht auch aus unpassendem Anlass durch.

Eher amüsiert vernehmen die deutschen Wissenschaftler im Premierenpublikum dagegen die unüberhörbaren patriotischen Töne, die Gore anschlägt. »Es ist die natürliche Rolle der USA, Schrittmacher des Klimaschutzes zu sein. Welche andere Nation sollte sie übernehmen?« Stefan Rahmstorf kann sich da ein Grinsen nicht verkneifen. »Ich hoffe schon, dass diese Rolle die Europäer übernehmen«, sagt der Klimaforscher. Doch von positiven Trends ist in Gores Film insgesamt wenig die Rede. Nur ein paar allgemeine Ratschläge flackern am Ende durchs Bild (»Geht zu Fuß, benutzt öffentliche Verkehrsmittel, verlangt nach Biokraftstoffen«). Ansonsten beschränkt sich der Politiker Gore auf nichtssagende Appelle (»Alles wird möglich, wenn wir nur unser Bestes geben«), die aus deutscher Sicht seltsam gestrig wirken.

Augenfällig wurde diese Diskrepanz, als vor wenigen Wochen ein Klimakongress des Energieversorgers EnBW in Berlin stattfand. Während dort die Experten längst über konkrete Schritte zum Klimaschutz diskutierten, mahnte der per Satellit zugeschaltete Gore noch, das Klimaproblem endlich ernst zu nehmen. In den USA mag er damit auf der Höhe der Debatte sein, die Europäer sind da weiter.

Gores »unbequeme Wahrheit« wird daher hierzulande wohl kaum einen so großen Erfolg erleben wie in den USA. Schulklassen mögen ihn als gelungenes Beispiel von Wissenschaftsvermittlung ansehen. Und manchem Politiker könnte er als Anschauungsmaterial dienen, wie man ein Comeback inszeniert. Wenn Gore etwa sein Publikum wissen lässt, zur Bekämpfung des Klimawandels fehle nur der politische Wille, aber der sei ja in den USA »ein erneuerbarer Rohstoff«, hat er die Lacher auf seiner Seite. Will er tatsächlich noch einmal im Präsidentschaftswahlkampf antreten?

Wer Al Gore in Berlin auf der Bühne erlebt, wird daran zweifeln. So lässig und locker er im Film erscheint, so steif wirkt er in natura. Die live vorgetragenen moralischen Appelle klingen weit weniger mitreißend, die Körperkonturen des einstigen Naturburschen aus Tennessee sind deutlich runder als auf der Leinwand. Man versteht, warum ihn politische Beobachter meist als »hölzern« beschreiben. Siegertypen sehen anders aus.

Doch vielleicht stimmen ja seine Beteuerungen, dass er keine Kandidatur mehr anstrebe. Schließlich hat Al Gore die Rolle seines Lebens gefunden, als Missionar in Sachen Klima.

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