Erfolgreicher war nur Michael Moore. Dessen linkspopulistische Amerika-Persiflagen Fahrenheit 9/11 und Bowling for Columbine sind die zwei erfolgreichsten Dokumentarfilme in den Vereinigen Staaten. Doch auf dem dritten Platz liegt jetzt die Unangenehme Wahrheit. Seit Al Gores Klimafilm im Juni in die Kinos kam, hat er mehr als 20 Millionen Dollar eingespielt und bewirkt, was niemand für möglich hielt: Der steife Gore gilt plötzlich als hip und cool. Er zeige sogar »einen eigenen Sinn für Humor«, schreibt das Hollywood-Blättchen Entertainment Weekly . Das mag schön sein für Al Gore und sein Image. Doch was ist mit dem Klimaschutz? Kann Gore in den USA etwas bewirken? Verändert sein Film gar die Debatte? BILD

Die Antwort klingt zunächst verblüffend: Die Debatte in den Vereinigten Staaten hat sich lange vor der Filmpremiere verändert. Gore und sein Film sind Ausdruck dieser Veränderung, nicht ihr Auslöser. Gegenüber denen, auf die es besonders ankommt, ist Gore sogar ein schlechter Bote seiner eigenen Botschaft. Er kann den gesellschaftlichen Konflikt über die Klimapolitik nicht auflösen. Womöglich vertieft Gore ihn sogar.

Auf den ersten Blick scheint Amerikas Klimapolitik aus zwei Wörtern zu bestehen: kein Kyoto. Tatsächlich hat sich Präsident George Bush nicht als Freund globaler Verträge hervorgetan. In Sachen Kyoto ist er seit Jahren unbeugsam. Sein Mantra wiederholt er beständig: »Kyoto hätte die amerikanische Wirtschaft beschädigt, hätte sie sogar zerstört, einfach ein furchtbarer Vertrag.« Die Klimafrage fügt sich unschön ein in den politischen Richtungskampf, den Amerika seit Jahren verbissen führt. Da stehen demokratisches und republikanisches, blaues und rotes, städtisches und ländliches Amerika gegeneinander. Umweltschutz gilt als städtisch und links. Tatsächlich wurde die amerikanische Umweltbewegung, an der Westküste und in den Rocky Mountains geboren, schnell Bestandteil der demokratischen Partei. Deshalb fanden Umweltverträglichkeitsprüfung und Abgasstandards für Autos ihren Weg in die Gesetzbücher nirgends so früh wie in Amerika. Zugleich verschmolzen bärtige Umweltschützer und Hollywoods naturverliebte Schönlinge für die politische Rechte zu einem formidablen Feindbild. Nach deren Legende verhinderte die Umweltschutz-Allianz jahrzehntelang, dass in den leeren Weiten Amerikas Bäume geschlagen und Kraftwerke gebaut werden können.

Mit George Bush kam 2001 die Wende. Plötzlich durften keine Flächen für Nationalparks mehr ausgewiesen werden. Die Wildnis der Rocky Mountains und Alaskas verwandelten sich wieder zum Dorado für Öl-, Gas- und Erzsucher. Kyoto wurde zum Schimpfwort erklärt und wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel bestritten. Energiesparen galt nach einem Diktum des Vizepräsidenten als edel, aber unnötig. Derart rabiat war die Umwelt-Wende, dass in ihr bereits der Nukleus zur Rück-Wendung steckt. Die Anzeichen dafür sind überall zu sehen.

Als Amerikas Umweltengel profiliert sich jetzt Arnold Schwarzenegger

Nach einer Umfrage von ABC News aus dem März, lange vor der Premiere von Al Gores Film, sind 85 Prozent der Amerikaner überzeugt, das Klima wandele sich längst. Anfang des Jahrtausends lag die Quote in mehreren Umfragen noch bei etwa 60 Prozent. Inzwischen ist unter den Befragten auch jeder Zweite der Meinung, man müsse nicht irgendwann etwas tun, sondern sofort. Diesen schleichenden Meinungswandel scheinen Al Gores Hollywood-Regisseure gespürt zu haben. Zwar führt Gore seine Dia-Show über den Klimawandel schon seit Jahren öffentlich vor. Aber erst jetzt glaubten die Verkaufsspezialisten aus Hollywood, das Thema sei reif fürs Massenpublikum.

Längst verläuft die Schlachtlinie in der Klimadebatte nicht mehr zwischen Republikanern und Demokraten. Durch seine harte Haltung hat George Bush die eigene Partei gespalten. Der machthabende rechte Flügel unterstützt Bush. Die Moderaten suchen derweil nach Wegen, den Klimaschutz an Bush vorbei in neuen Allianzen zu organisieren. Dazu bietet Amerikas föderales Regierungssystem beste Möglichkeiten. Die Führung der moderaten Fraktion hat Gouverneur Arnold Schwarzenegger übernommen. Kalifornien galt schon immer als Amerikas Umweltengel. Mit Hilfe der demokratischen Mehrheit im Regionalparlament hat Schwarzenegger seinem Bundesstaat eine Reduktion des Ausstoßes von Treibhausgasen verordnet: minus 20 Prozent bis 2025.

Auch die Konfrontation mit der Industrie scheut der »grünste Politiker der Welt« (wie der Economist Schwarzenegger nennt) nicht. Er verklagte die sechs großen Autokonzerne des Landes auf Schadensersatz für die Folgen des Klimawandels. Was Kalifornien der Industrie abverlangt, wirkt weit über den Bundesstaat hinaus. Kein Konzern will den Riesenmarkt an der Westküste verlieren.

Schon hat eine Gruppe von Neuenglandstaaten Kaliforniens Treibhausgasziele weitgehend adaptiert. 295 Städte überall in den USA haben sich selbstständig den Zielen des Kyoto-Protokolls verpflichtet. Setzte die Klimainitiative von unten sich weiter durch, würden die USA sich faktisch unter die Kyoto-Staaten einreihen – mit einigen Jahren Verspätung und ohne das Protokoll je unterzeichnet zu haben.

Dieses Ziel verschweigt Schwarzenegger gar nicht erst. Ende Juli unterzeichneten er und Tony Blair eine Vereinbarung. Die wirtschaftlich vergleichbaren Regionen Kalifornien und Großbritannien sollen künftig bei der Entwicklung alternativer Energien zusammenarbeiten. »Kalifornien wartet beim Kampf gegen die Erderwärmung nicht auf die Bundesregierung«, erklärte Schwarzenegger in einer offenen Kampfansage an seinen Parteifreund Bush. Für den Präsidenten sind Querschüsse von der Westküste nicht neu. Schon vor Jahren verklagte Kalifornien die Bundesregierung darauf, die Luftreinhalte-Gesetze strenger anzuwenden und damit den Ausstoß von Treibhausgasen einzuschränken. Das Verfassungsgericht hat den Fall im Sommer angenommen.

Viele Firmen treten mittlerweile für schärfere Bestimmungen ein

Kaliforniens Beispiel folgend, sprießen überall im Land Klimainitiativen. Beispiele:

In Springfield, einer Stadt von 150.000 Einwohnern in Missouri, will der kommunale Energieversorger den Ausstoß von Kohlendioxid binnen sechs Jahren um ein Viertel reduzieren.

Der amerikanische Architektenverband und die Vereinigung amerikanischer Bürgermeister haben vereinbart, bis 2010 den Brennstoffverbrauch für den Bau und den Betrieb von Neubauten zu halbieren.

Die Stadt Chicago verschreibt sich dem »grünen Bauen«. Öffentliche Gebäude werden nach den Richtlinien des U.S. Green Building Council nachgerüstet.

Die Wirtschaft sieht Amerika als legislativen Flickenteppich. Es fällt den Unternehmen schwer zu planen. Deshalb treten inzwischen viele Firmen für schärfere Bestimmungen ein – solange sie landeseinheitlich sind. Diverse Konzerne haben sich in Klimainitiativen zusammengeschlossen, etwa Merrill Lynch, Franklin Templeton, Boeing, IBM und Whirlpool. Andere Firmen wollen ihre eigenen Produktionsstätten klimafreundlicher machen. General Electric hat sich darauf verpflichtet, die Firmenemissionen von Treibhausgasen bis 2012 um 40 Prozent zu senken.

Diese »veränderte Haltung der Industrie« ( USA Today ) ist der Politik nicht entgangen. Die Moderaten fühlen sich im Aufwind. Im Juli haben die Senatoren John McCain, Joseph Lieberman und James Jeffords im Senat einen Gesetzentwurf eingebracht, der sich an die Klimaziele Kaliforniens und Neuenglands anlehnt. Sie wollen den Block der verbliebenen Klima-Hardliner knacken. Dabei hilft ihnen Gores Film aber keineswegs. Denn in Gore erblicken die traditionellen Konservativen keine glaubwürdige Figur, sondern nur den Vize des verhassten Präsidenten Bill Clinton.

Sie argwöhnen, es gehe Gore nicht ums Klima, sondern um die Präsidentschaft, die er weiterhin anstrebe. Unter konservativen Republikanern trägt Gore deshalb mehr zur Verhärtung von Positionen bei denn zur Aufklärung. James Inhofe, Senator aus Oklahoma, vergleicht Gores Unangenehme Wahrheit sogar mit Hitlers Mein Kampf . Und in der rechten Herald Sun wird Gores Film als »das Evangelium der grünen Apokalypse« gegeißelt.

Die Aufregung wird sich wieder legen. Es dürften noch gut zwei Jahre ins Land gehen, bis George Bush das Weiße Haus verlässt und das Klimagesetz eine Chance bekommt – egal, wer dann die Wahl gewonnen hat.