Wir Deutsche haben ein besonderes Verhältnis zu übergeordneten, moralischen Instanzen, bei denen wir Neutralität und höhere Weisheit vermuten. Das gilt fürs Bundesverfassungsgericht genauso wie für den UN-Generalsekretär, vor allem wenn der ein so freundlicher Mensch ist wie Kofi Annan, der sich den Status eines säkularen Beinahepapstes erworben hat.

Zurzeit ist es nicht nur im notorisch UN-feindlichen Amerika en vogue, gegen die UN und ihren Generalsekretär zu polemisieren. Besonders ausführlich wurde die Frage erörtert, welche persönlichen Qualifikationen der Nachfolger Kofi Annans mitbringen sollte und wie bedauerlich es doch sei, dass mit dem Südkoreaner Ban Ki Moon diese Woche nur ein "farbloser Technokrat", ein "Kompromisskandidat, gewählt werde. Wäre Bill Clinton nicht viel besser gewesen? Dem kann man nur entgegenhalten: Nein, der amerikanische Expräsident Bill Clinton wäre ganz sicher nicht besser - in einer von den USA dominierten Organisation wäre er sogar völlig fehl am Platz und ja, natürlich wird es ein Kompromisskandidat!

Ärger mit Washington bekommt er über kurz oder lang von ganz allein.

Kofi Annan zum Beispiel war ursprünglich der Kandidat der Amerikaner, die ihn in den neunziger Jahren in einem unipolaren System auch machtvoll durchsetzen konnten. Der Ghanaer wurde als "blasser Technokrat" und "Mann Washingtons" beschrieben. Inzwischen gilt Kofi Annan als einer der charismatischsten Generalsekretäre überhaupt.

Noch Mitte der neunziger Jahre galt: Ohne die Amerikaner ging nichts.

Im Zuge wachsender Gegenmachtbildung beginnt sich das zu ändern. Das internationale System ist schon jetzt multipolarer als noch vor zehn Jahren, und das Phänomen wechselnder Allianzen ließ sich gerade im Irak-Krieg trefflich beobachten. Für den UN-Generalsekretär kann diese Entwicklung größere Spielräume eröffnen, zugleich macht es die Bedingungen seines Amtes komplexer und unberechenbarer.

Eines wird sich hingegen nicht ändern: Immer wieder wird der UN-Generalsekretär als Sündenbock herhalten müssen. Das war so im Fall Somalias, Ruandas oder beim Massaker von Srebrenica. " Die UN haben die bosnischen Muslime nicht beschützt" so heißt es. Doch wer sind "die UN"? Die ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats konnten sich damals nicht darauf einigen, massiv militärisch gegen die Serben vorzugehen.