AusgrabungHauptstadt der Kelten

Ein antiker Fürstensitz an der oberen Donau war viel größer als angenommen. Ist die Heuneburg die älteste Stadt Deutschlands? von Karl Gründler

Oberhalb von Sigmaringen schlängelt sich die Donau im Erlensaum durchs schwäbische Niemandsland, nur ein Dutzend Meter schmal und ein paar Handspannen tief. Von einem flachen, grünen Sporn, 40 Meter über dem Fluss, leuchtet ein Nachbau der keltischen Siedlung Heuneburg herab. 1950 beginnt hier ein Team unter der Leitung des Archäologen Egon Gersbach das Burginnere freizulegen, mit Pioniergeist und unter rustikalen Bedingungen. Während der sommerlichen Kampagnen residiert das Büro im geliehenen Militärzelt, man schläft auf umliegenden Bauernhöfen. Die Nachbarn helfen mit Pickel und Schaufel.

Die Archäologen ergraben die Reste einer Lehmziegelmauer. Um 600 vor Christus errichtet, ragte sie einst vier Meter hoch, mit weißem Kalk verputzt und von einem hölzernen Wehrgang überwölbt. Einzigartig nördlich der Alpen, leuchtete sie wie ein Fanal über den Donauschleifen. Nur in Südfrankreich, Spanien und Sizilien gab es Vergleichbares. Dreißig Jahre lang gräbt Gersbach auf der Keltenburg, birgt Pokale nach etruskischen Vorbildern, eiserne Geschossspitzen und vor allem Schlangen-, Doppelpauken- und Fußzierfibeln, die Leitfossilien der Keltenzeit. Die weiten Wallanlagen außen um die Burg datiert er per Augenschein – ins Mittelalter. Die Ottonen hätten das »gewaltige Grabensystem« im 9. und 10. Jahrhundert nach Christus errichtet. Gegen die einfallenden Ungarn! Und die Archäologengemeinde akzeptiert.

Jüngste Grabungen zeigen: Gersbach irrte gewaltig. Die Heuneburg und ihre Außensiedlung waren zur Keltenzeit wesentlich größer als bisher angenommen. War sie auch die älteste Stadt Deutschlands? Hatte sie Hauptstadtfunktion, oder war sie nur spinnerte Vision eines weit gereisten keltischen Adligen, eines Fitzcarraldo im schwäbischen Dschungel?

Immerhin war sie standfest. »Mit Kalksteinen gegen Bodenfeuchte geschützt, hielt sie 70 Jahre und damit doppelt solange wie die üblichen Holz-Erde-Befestigungen«, berichtet Jörg Bofinger, heute Grabungsleiter am Burghügel. »Und sie hätte Wind und Wetter wohl noch länger getrotzt, wäre nicht um 530 vor Christus ein Feuer ausgebrochen.« Die Herren der 80 Kilometer nordwestlich gelegenen Burg Hohenasperg stehen als Brandstifter im Verdacht. Das Herrschaftssymbol des Konkurrenten wurde geschleift, die Häuser vor der Burg niedergelegt und Grabhügel für die neuen Chefs in Sichtweite der Burg errichtet.

Nach dem Abzug der Archäologen 1980 herrscht Ruhe auf dem grünen Plateau. Nur mähende Schafe, Elsternkrächzen und das Glucksen der Donau. 1997 beginnt man die Heuneburg, mit EU-Geldern gefördert, für Kulturtouristen herzurichten. Die Lehmziegelmauer wird zum Teil neu zusammengebacken und ein Herrenhaus nachgebaut. Beim Parkplatzbau vor der Burg kratzen die Bagger an keltischen Siedlungsresten, die niemand auf der Karte hat. Und im weiteren Umland entdeckt man Spuren von Palisaden und Pfostenhäusern. Die besterforschte Keltenburg Deutschlands verwandelt sich plötzlich in eine große Unbekannte.

Im »Ottonischen Wall« an der Heuneburg stieß das Team von Bofinger jetzt 30 Zentimeter unter der Grasnarbe auf zwei Kalksteinmauern, Reste einer Toranlage und zugleich das Fundament der legendären Burgmauer aus Lehmziegeln. Dazwischen führt keltisches Kopfsteinpflaster in Richtung der Grabhügel der Eroberer. Allein dieser Fund ist eine archäologische Sensation. Die 40 Jahre alte Theorie von der Mittelalterburg zerbröselt an realen Mauern.

Bofingers Grabung ist Teil eines Schwerpunktprogramms der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur »Entstehung und Entwicklung frühkeltischer Fürstensitze«. Seit 2004 koordiniert Dirk Krauße vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg 21 Projekte in Südwestdeutschland und Frankreich. Zwei Dutzend keltischer Adelsburgen sind heute bekannt. Ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung liegt weitgehend im Dunkeln.

Von 750 vor Christus an wuchs die keltische Bevölkerung Südwestdeutschlands explosionsartig. Ein Klimaumschwung bescherte den Bauern an Donau, Rhein und Mosel warmes und trockenes Wetter. Sie kletterten mit Pflug und Hacke auf die Höhen der Schwäbischen Alb, auf Hunsrück und Eifel und ernteten nun auch von B- und C-Standorten Emmer, Dinkel und Linsen. Über zwanzig Höhensiedlungen – bis zu drei Hektar große Dörfer hinter Wall und Graben – entstanden allein auf der Schwäbischen Alb.

Um 600 vor Christus verschwanden diese Höhensiedlungen im Umkreis von 100 Kilometern um die aufblühenden Fürstensitze wie Heuneburg oder Hohenasperg. Zwangen die neuen Herren die freien Bauern in den Schatten der Burg, um sie besser zu kontrollieren? Oder boten die größeren Orte mehr Markt und mehr Sicherheit? »Wir haben bisher nur ein luftiges Hypothesenmodell, nicht belastbar«, sagt Dirk Krauße.

Aussagekräftig sind weitere Funde von Jörg Bofinger am ehemals sieben Meter tiefen Burggraben der Heuneburg: Bohlen und Tannenbrettchen aus der Zeit der Lehmziegelmauer und fünf Meter lange Eichenpfosten. Bofinger vermutet hier Reste einer Brücke, die über den Burggraben abwärts zur Donau führte. Versonnen schaut er hinab: »Dort den Keltenhafen zu finden, etwas Pflaster vom Kai oder Spuren von Lagerhäusern, das wär’s.« Ein schwieriges Unterfangen allerdings, da noch unbekannt ist, wo genau die Donau zur Keltenzeit mäanderte. Und Projektleiter Krauße hält nicht so viel von der Suche nach der Hafenbar, weil ein Donaukai allein wenig über die Dynamik keltischer Fürstensitze aussagt.

Hatte ein solcher Hafen überhaupt mehr als lokale Bedeutung? Zwar sind die mediterranen Importe ein Kriterium für das Label Fürstensitz. Doch die Grabfunde gelten eher als diplomatische Gastgeschenke denn als Objekte eines schwunghaften Fernhandels. Halsringe mit Pegasus und Löwentatzen für die Damen, Wein am Kamin aus attischem Service oder etruskischen Perlrandschalen – nur eine dünne Oberschicht der Kelten pflegte den antiken Mittelmeer-Lifestyle. »Ganze 67 Bruchstücke von griechischer Keramik fand man auf der Heuneburg in 30 Jahren. Das sind 12 oder 13 Gefäße insgesamt«, berichtet Siegfried Kurz von der Universität Tübingen, der dort seit 1979 gräbt, siebt und Funde sichtet.

1999 fand er erste Spuren der Außensiedlung im Nordwesten der Burg. Jetzt kartiert er das Gelände mit seinem Team und setzt Probegrabungen an. Hinter einem Fichtenwald weist er auf zwei Gräben links und rechts des Fahrwegs. »Die haben wir jahrelang für Entwässerungsgräben gehalten, aber dafür sind sie viel zu tief. Da läuft einer links die Anhöhe hinauf. Und dort am Hang erkennt man keltische Wohnterrassen.«

In der Ära der Lehmziegelmauer wohnten hier 50 Familien in knapp hektargroßen Höfen. Wurden sie herbeordert von der Schwäbischen Alb? Stets waren mehrere Gehöfte von einem eigenen Zaun eingefasst, als ob man sich weiterhin dorfweise voneinander abgrenzen wollte. Mit 50 bis 100 Hektar ist die jetzt entdeckte Außensiedlung erstaunlich groß. Aber sah so die älteste Stadt Deutschlands aus? Bislang trugen die spätkeltischen Oppida aus dem 2. Jahrhundert vor Christus diesen Titel.

Gajus Julius Cäsar rühmte ihre fest gefügten »Gallischen Mauern« und überwand sie. Das 380 Hektar große Manching bei Ingolstadt mit Handwerkervierteln und Heiligtümern mag als Stadt gelten. Darüber hinaus verteilte Cäsar den Titel »Oppidum« auch gern ruhmeshalber an eroberte Dörfer und Fliehburgen. Auch manche griechische Polis tritt uns, durch die Literatur zur Stadt erhoben, archäologisch gesehen, recht mager entgegen.

Der mittelalterliche Stadtbegriff, sagen die Archäologen, passe gar nicht in die frühe Keltenzeit, wo ohne Schrift natürlich auch kein Stadtrecht aufgeschrieben wurde. Sicher gab es hier eine soziale Hierarchie, ein wichtiges Merkmal. Aber weder Machtzentrum noch Marktplatz, noch Heiligtum wurden bisher an oder auf der Heuneburg gefunden. Noch nicht.

Der griechische Geschichtsschreiber Herodot (490 bis 425 vor Christus) erwähnte immerhin die Keltenstadt »Pyrene« am Oberlauf der Donau und meinte damit wohl die Heuneburg, ohne sie selbst besucht zu haben. Fraglich, ob er sie bewohnt angetroffen hätte. Denn das genaue Ende der Heuneburg im 5. Jahrhundert ist bisher nicht eindeutig datiert.

Sicher ist, dass die keltische Besiedlung Süddeutschlands um 400 vor Christus drastisch zurückging, und zwar um 80 Prozent. Mit einem Klimasturz auf der gesamten Nordhemisphäre endeten 350 Jahre mildes Wetter, wie jüngste Analysen von Grönlandeis zeigen. Zwei Vulkanausbrüche und der damit einhergehende Rückgang der Sonneneinstrahlung waren die Auslöser.

Vom Hunger getrieben, suchten die Menschen ihr Heil im Süden. Vielleicht wiesen keltische Söldner, die von Gold, Wein und Dolce Vita berichteten, den Stammesgenossen den Weg über die Alpen. Eine Völkerwanderung setzte ein nach Italien und auf den Balkan. Kelten eroberten das noch schwache Rom, belagerten das reiche Delphi, plünderten die Westküste Kleinasiens und siedelten sogar in Anatolien. Die Heuneburg fiel in einen über 2000-jährigen Dornröschenschlaf.

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Leserkommentare
  1. Klimawandel - eine Konstante im Verlauf der Menschheitsentwicklung!

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