Atomstreit Bruder Ratlos
"Wir Koreaner sind doch alle Meister im Vorgaukeln." Warum so viele Südkoreaner nicht glauben können, dass ihr Nachbar im Norden eine Atomwaffe getestet hat.
Seoul
Normalerweise sind die Südkoreaner ein höchst erregbares Völkchen. Heißblütig gehen sie schnell auf die Barrikaden; in Seoul riecht es dann auf Straßen und Plätzen, aber vor allem in den Universitätsquartieren durchdringend nach Tränengas. Jetzt jedoch, nach dem nordkoreanischen Atomtest vom 9. Oktober, ist von Aufgeregtheit kaum etwas zu spüren. An der Börse in Seoul hat der welterschütternde Knall im Norden nicht einmal zwei Tage lang eine Delle verursacht. »Die Gelassenheit der Leute«, bekennt eine Abgeordnete der regierenden Uri-Partei, »überrascht uns alle.«
Zum Teil rührt diese Gelassenheit aus schierem Unglauben. »Es ist alles eine große Lüge!« – mit dröhnendem Lachen verkündet der Parlamentsabgeordnete einer kleinen Partei seine Auffassung, die Welt sei einem gigantischen Täuschungsmanöver des Diktators in Pjöngjang aufgesessen. Viele teilen seine Ansicht. »Wir Koreaner sind doch Meister des Als-ob! Im Süden haben wir unseren Stammzellenforscher Hwang Woo Suk, der uns vorgegaukelt hat, er habe mit seinem Team zum ersten Mal einen Menschen geklont. Im Norden haben wir Kim Jong Il, den exzentrischen Tyrannen mit seinen Plateau-Absätzen, seinen komischen, den Schmerbauch verhüllenden Blousons und der aufgegelten Haartolle, der eine Dynamitexplosion im Felstunnel zum Atomwaffenversuch hochstilisiert.«
Viele teilen seine Ansicht. Sie fragen sich, ob das wirklich eine Atomexplosion war, was sich da am Montag, dem 9. Oktober 2006, um 10.36 Uhr Ortszeit im Dreiländereck China – Russland – Nordkorea abgespielt hat. Die Sprengkraft wurde mit »unter 1000 Kilotonnen« angegeben. Zum Vergleich: Die am 6. August 1945 auf Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengkraft von 12500 Kilotonnen.
Aber explodierte im Norden wirklich eine atomare Ladung oder bloß ein konventioneller Sprengsatz? Blufft Kim Jong Il nur? Verlässt er sich darauf, dass die internationale Staatengemeinschaft seine Behauptung, er habe einen Atomtest unternommen, für bare Münze nehmen muss, gleichgültig ob es sich um eine nukleare oder um eine chemische Explosion handelte? Zwar hat der CIA-Direktor inzwischen mitgeteilt, es sei ein Atomversuch gewesen. Doch bisher haben weder die Japaner noch die Südkoreaner bei der Auswertung von Luftproben erhöhte Radioaktivitätswerte messen oder das Austreten des Edelgases Xenon feststellen können. Ging hier ein Atomtest schief – worauf die Tatsache schließen ließe, dass Pjöngjang den Chinesen vor dem Test einen weit höheren Detonationswert angekündigt hatte? Oder war das Ganze doch nur konventioneller Feuerzauber? Erst weitere nordkoreanische Atomversuche könnten darüber letzte Klarheit schaffen.
»Nordkorea ist so arm, dass es gar nicht in der Lage ist, Atomwaffen zu entwickeln« – diese Ansicht eines Wirtschaftsprofessors in Seoul ist nicht untypisch. Sicherheitspolitiker betrachten die Sache jedoch weit ernster.
Han Sung-Joo war südkoreanischer Außenminister, als der atomare Ehrgeiz Kim Jong Ils 1994 schon einmal eine internationale Krise auslöste. Heute sagt er mit großer Entschiedenheit: »Die Gefahr wird nicht geringer, wenn der Test kein Atomversuch gewesen sein sollte. Nordkorea besitzt Atomwaffen. Vielleicht wollte das Regime nur sparsam mit dem spaltbaren Material umgehen…«
Der radioaktive Niederschlag mag nach dem jüngsten Test minimal ausgefallen sein – der politische Fallout war dafür in Seoul umso größer.
Nordkorea hat sich das Etikett »Schurkenstaat« weidlich verdient
Die koreanische Halbinsel ist seit sechzig Jahren geteilt, und weit brutaler geteilt, als es Deutschland je war. Es gibt keine Postverbindung, keinen Telefonverkehr, Besucheraustausch nur in bescheidenstem Umfang; die getrennten Landeshälften kennen nicht einmal jene Fernsehbrücke, über die während des Kalten Krieges die Deutschen ständigen Blickkontakt halten konnten. Hilfslieferungen des reich gewordenen Südens an den in kommunistischer Armseligkeit stecken gebliebenen Norden, Handel und politische Kontakte sind überhaupt erst vor wenigen Jahren möglich geworden.
Seit dem prekären Waffenstillstand von 1953, der einen dreijährigen, blutigen Bruderkrieg beendete, stehen 1,1 Millionen nordkoreanische Soldaten und 600000 südkoreanische einander an der verminten Trennlinie Gewehr bei Fuß gegenüber; und noch heute halten an die 30000 amerikanische GIs Wacht am 38. Breitengrad. Immer wieder hat es dort blutige Zwischenfälle gegeben.
Nordkorea hat sich das Etikett »Schurkenstaat« weidlich verdient. Kim Il Sung, der »Große Führer«, Vater des derzeitigen »Geliebten Führers«, schickte 1965 ein Himmelfahrtskommando bis in den Park des Präsidentenpalastes in Seoul. Er ließ 1974 die Frau des Präsidenten Park ermorden, 1983 in Rangoon das halbe südkoreanische Kabinett umbringen und 1987 ein voll besetztes Passagierflugzeug der Korean Airlines in die Luft sprengen. Seine Agenten entführten Dutzende von Japanern. Koreanische Diplomaten schmuggelten Drogen, Alkohol und Zigaretten, um Devisen zu verdienen. Der Sohn Kim Jong Il hat diese mafiosen Angewohnheiten übernommen; neuerdings ist sein Regime obendrein der in großem Stil geübten Verbreitung von Falschgeld überführt worden. Und schon viele Jahre ist Nordkorea nachweislich ein schlimmer Höker von Raketentechnik, die es – wie Pakistans Atomzar Khan sein Bombenwissen – an die übelsten Regime weitergegeben hat.
Jahrzehntelang hat der Süden die Feindseligkeit des Nordens mit trotziger Unbeweglichkeit und seiner eigenen starren Konfrontationshaltung beantwortet – bis der ehemalige Dissident Kim Dae Jung als Präsident ins Blaue Haus einzog und, dem Vorbild der Ostpolitik Willy Brandts folgend, in den neunziger Jahren seine auf Entspannung, konstruktives Engagement und »Umarmung« des Gegenübers gerichtete »Sonnenschein-Politik« ins Werk setzte. Sehr viel hat sie bisher nicht erbracht.
Wohl kam es im Juni 2000 zu einem Gipfeltreffen in der Hauptstadt des Nordens, auf dem die beiden Staatschefs engere wirtschaftliche Zusammenarbeit und einen regen kulturellen Austausch vereinbarten. Auch gab es eine Reihe von Ministertreffen und einige wenige Male einen auf 200 Familien begrenzten Besucheraustausch. An der Demarkationslinie verstummten die Propagandalautsprecher. Es wurde vereinbart, dass die beiden Koreas bei den Olympischen Sommerspielen 2008 mit einer gemeinsamen Mannschaft antreten. Die alte Eisenbahnverbindung nach Norden wurde wiederhergestellt. Eine neue Straße ist zu den Kumgang-Bergen gebaut worden, über die seitdem jährlich Hunderttausende Südkoreaner zu dem ihnen teuren Ort geschleust werden (was Pjöngjang jedes Jahr 500 Millionen Dollar an Devisen einbringt).
Auch wurde unweit der verminten Grenze bei Kaesong im Norden eine Sonderwirtschaftszone eingerichtet, in der 16 südkoreanische Firmen inzwischen 4600 nordkoreanische Arbeitskräfte beschäftigen. Nächstes Jahr sollen weitere 24 Unternehmen mit 10000 Beschäftigten die Produktion aufnehmen; bis 2020 sollen sich auf dem 800 Hektar großen Gelände 2000 Firmen ansiedeln. Die Löhne sind dort dreimal niedriger als in China und zehnmal niedriger als in Südkorea.
»Schickt uns in den Norden, um die Nuklearanlagen zu zerstören«
Doch die Annäherung stockt. Die Kumgang-Touristen werden trennscharf an den Einheimischen vorbeigeschleust. Von den 16 Firmen in der Kaesong-Sonderzone schreiben 13 rote Zahlen. Und über die neu verlegten Eisenbahnschienen rollt nichts. Südkorea hilft dem hungernden Norden nach Kräften: vor allem mit Lieferungen von Reis und Zement. Die konservative Opposition fragt seit langem: Wo bleibt die Gegenleistung? Nach dem Knall vom 9. Oktober stellt sie die Frage immer dringlicher.
Die Rechte fordert rundheraus, das Kaesong-Projekt und den Kumgang-Tourismus zu stoppen. Insistierender noch als zuvor verlangt sie, dass die Uri-Regierung ihr Vorhaben aufgibt, in den nächsten Jahren das gemeinsame amerikanisch-koreanische Oberkommando aufzulösen und die südkoreanischen Streitkräfte im Kriegsfall der eigenen Befehlsgewalt zu unterstellen – dies sei nicht der Zeitpunkt, die Verbindung mit Amerika zu lockern. Vielmehr komme es darauf an, dafür zu sorgen, dass der schützende amerikanische Atomschirm verlässlich über Südkorea aufgespannt bleibt. Die Rechte geht nicht so weit wie eine Gruppe pensionierter Geheimagenten, die auf einer Versammlung verkündeten: »Wir sind bereit, ein weiteres Mal unser Leben für die Bewahrung des Friedens auf der koreanischen Halbinsel einzusetzen. Schickt uns in den Norden – als Sondereinsatzgruppe mit dem Auftrag, dort die Nuklearanlagen zu zerstören!« Ebenso hat eine Reihe ehemaliger Verteidigungsminister gefordert, unverzüglich die 1991 aus dem Süden abgezogenen US-Atomwaffen wieder zurückzuschaffen.
Die regierende Uri-Partei hat demgegenüber keinen leichten Stand. »Der Atomtest hat uns allen einen schweren Schock versetzt«, räumte die Ministerpräsidentin Han Myeong-sook vorige Woche bei der Fünfzigjahrfeier der Koreanisch-Deutschen Gesellschaft ein. »Nordkorea bedroht den Frieden Nordostasiens und der ganzen Welt. Es muss sein Atomprogramm einstellen.«
Doch solch harte Worte verdecken die Ratlosigkeit, was denn eigentlich zu tun sei. Die erste öffentliche Äußerung des Präsidenten Roh Moo-hyun klang eher erschüttert denn entschlossen: »Wir haben an Boden verloren, um auf Dialog mit dem Norden zu setzen. Es ist jetzt unmöglich, alles hinzunehmen, dem Norden Zugeständnisse zu machen, ihn zu umarmen, ganz gleich, was er tut.« Aber Roh fügte sogleich hinzu: »Auch wenn sich die Lage verändert hat, werde ich niemals in dem Bestreben nachlassen, eine Lösung durch Dialog zu erreichen.«
In diesem Satz steckte die zentrale Botschaft: Die Regierung wird nicht die Zugbrücken hochziehen. Sie bleibt dabei: Man muss miteinander reden, muss versuchen, die Politik des Engagements, der »Umarmung« fortzuführen. Die Sonnenschein-Politik sei nicht die Ursache des nördlichen Atomehrgeizes; man dürfe Ursache und Wirkung nicht verwechseln; die beharrliche Beibehaltung des auf Versöhnung gerichteten Kurses bedeute nicht die Hinnahme von Kernwaffen. Im Gespräch erläutert ein früherer Nationaler Sicherheitsberater: »Man muss die Politik des Engagements und die Ablehnung des nördlichen Atomprogramms auseinander halten. Jetzt wird es erst einmal etwas kühler im Verhältnis zwischen Seoul und Pjöngjang. Aber in einem Jahr wird alles wieder normal sein.«
In der Unterhaltung mit Parlamentariern und Regierungsbeamten schält sich klar heraus, dass Südkorea zwar Sanktionen nicht ablehnt, jedoch darauf beharrt, dass sie »angemessen« sein müssen. Bei der Auslegung dessen aber, was »angemessen« bedeutet, sind die Südkoreaner Peking näher als Washington. »Die Regierung fürchtet, dass Druck oder scharfe Sanktionen sich negativ auswirken könnten«, sagt der frühere Außenminister Han. Eine Uri-Abgeordnete ergänzt: »Sanktionen, die das armselige Leben unserer 23 Millionen nordkoreanischen Landsleute nur noch armseliger werden lassen, ohne jedoch das Wohlleben der Nomenklatura zu beeinträchtigen, kommen für uns nicht infrage.«
Seoul und Peking fürchten beide einen plötzlichen Kollaps des stalinistischen Regimes in Pjöngjang. Die Südkoreaner ängstigen sich vor einem abrupten Zusammenbruch des Systems, weil sie zwar die Wiedervereinigung wollen, doch nicht als Sturzgeburt, sondern als Ergebnis einer langen Phase des Wandels durch Annäherung, einer allmählichen Angleichung der Lebensverhältnisse.
Südkorea will keine harten Sanktionen gegen den Nachbarn
Die Chinesen, für die ein wiedervereinigtes Korea ein Albtraum wäre, fürchten einen Kollaps des Nordens nicht minder als die Südkoreaner – in erster Linie, weil sie mit einem Ansturm von Millionen Flüchtlingen rechnen müssten, wenn Kim Jong Il stürzen sollte. Aus diesem Grunde wird Peking (das Nordkorea 90 Prozent seines Erdöls und die Hälfte seiner Nahrungsmittelimporte liefert) schwerlich die Sanktionskohlen für George W. Bush aus dem Feuer holen, und Seoul wird sich mit einem absoluten Minimum von Embargo-Maßnahmen zur Besänftigung des amerikanischen Verbündeten begnügen.
Die Uri-Regierung kann sich dabei wohl darauf verlassen, dass eine Mehrheit der Südkoreaner hinter ihr steht. Zumal die Jüngeren unterstützen sie. Nach einer neueren Umfrage geben über die Hälfte aller Zwanzig- bis Dreißigjährigen Amerika die Schuld an der gegenwärtigen Krise: Präsident Bush habe mit seiner bedrohlichen Rhetorik (»Achse des Bösen«, regime change ) und mit dem Angriff auf den Irak Kim Jong Il in die Enge getrieben; die Atombewaffnung sei seine rationale Abwehrreaktion. Je älter allerdings die Befragten waren, desto mehr neigten sie dazu, Nordkorea die Schuld an der Zuspitzung anzulasten.
Noch hat die Welt bloß den ersten Akt des nordostasiatischen Dramas erlebt. Kooperation? Konfrontation? Kollaps? Noch ist nichts sicher. Die gelassene Ruhe in Seoul mag schon bald einer angstvoll aufflackernden Aufgeregtheit weichen.
Zum Thema
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- Datum 18.10.2006 - 04:03 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.10.2006 Nr. 43
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Der Faktor 1000 der sich in den Artikel bei der Staerke der Bomben eingeschlichen hat, ist schon prinzipiell ein Problem. Die groessten Kernspaltungsbomben erreichen naemlich gerade mal eine Sprengkraft von 800 kT TNT. So stark ist die groesste franzoesische Waffe. Die Zahlen, die hier geschrieben stehen, wuerden bedeuten, dass Nordkorea eine Wasserstoffbombe getestet haette, die durch die Fusion von schwerem Wasserstoff noch mehr Energie freisetzt und noch dazu eine verdammt Grosse.
Die Sprengkraft der Hiroshima-Atombombe lag nicht bei
12 500 Kilotonnen (12,5 Megatonnen). Vielmehr betrug sie
12,5 Kilotonnen. Erst die Wasserstoffbombe brachte den Megatonnenbereich.
Ein Rechenfehler vom Faktor Tausend hätte ich Herrn Sommer nicht zugetraut!
Es klingt vielleicht nach Haarspalterei aber die Zahlen sind nicht ganz korrekt. Die Bombe auf Hiroshima hatte rund 12,5 Kilotonnen und nicht 12500. Kilo heißt ja schon tausend. Nach eurer Darstellung würde es sich sonst um eine 12,5 Megatonnen Bombe handeln - und das ist richtig groß. Deshalb bedeuten eure Zahlen auch, dass Nordkorea angeblich 1000000 Tonnen (ihr spricht von 1000 Kilotonnen) TNT-Äquivalent gezündet hat. Schwer vorzustellen, wie sie das ganze Dynamit in den Berg geschafft haben. Vielmehr geht man davon aus, dass es sich um eine Explosion in der Stärke von 4-6 Kilotonnen handelte (viel kleiner als die auf Hiroshima). Deshalb auch die Verwirrung. Es ist nämlich extrem schwierig solch kleine A-Bomben (mininukes) herzustellen. Beste Grüße!
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