Exzellenzinitiative Die Topografie der Exzellenz

Mit der Kür der ersten Eliteuniversitäten verändert sich die deutsche Forschungslandschaft dramatisch. Wie planen Sieger und Verlierer die Zukunft?

Zum Vergleich fällt Horst Hippler nur die Fußball-WM ein. »Als wäre Deutschland Weltmeister geworden, so ausgelassen sei die Stimmung gewesen, schwärmt der Rektor der Universität Karlsruhe. Studenten rannten über den Campus mit wehenden Fahnen, auf denen das Kürzel KIT (für Karlsruher Institut für Technologie) zu lesen war. Im Senatssaal stießen die Professoren mit Sekt an. Doch man nippte nur kurz: »Nach einer Stunde sind wir zurück an unsere Arbeit gegangen«, sagt Hippler. Merke: Wer zur Elite zählt, bleibt dem Labor keine Minute zu lang fern.

Auch in München brach Jubel aus, als die Ergebnisse der so genannten Exzellenzinitiative bekannt gegeben wurden. TU-Präsident Wolfgang Herrmann band sich eine Lederschürze um, zapfte ein Fass Helles an und gab das große Ziel aus: In fünf Jahren wolle man unter den besten 25 Hochschulen der Welt sein. So sicher war Herrmann seiner Sache gewesen, dass er die Siegesfeier bereits vor der Entscheidung der Jury angekündigt hatte.

Während sich in München und Karlsruhe die ersten »Eliteuniversitäten« feierten, gab es anderswo lange Gesichter. Denn nach der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs ist die deutsche Hochschullandschaft umgepflügt: Der Osten Deutschlands liegt fast brach, im Norden und Westen gibt es einige wenige Oasen, der Süden blüht. Dort beginnt man schon, von der Weltspitze zu träumen. In Karlsruhe etwa hofft man, dass das KIT künftig in einem Atemzug mit dem MIT, dem weltberühmten Technik-Institut im amerikanischen Massachusetts, genannt wird.

Sind solche Vergleiche nicht lachhaft? Lenkt das ganze Gerede von Exzellenz nicht von der eigentlichen Not der finanziell unterversorgten deutschen Hochschulen ab, von überfüllten Hörsälen, schlecht ausgestatteten Bibliotheken, maroden Gebäuden? Die Kritik trifft zu: Das Gros der deutschen Professoren und Studenten wird von den 1,9 Milliarden Euro, die Bund und Länder im Elitewettbewerb vergeben, nichts haben. Doch um sie geht es in der Exzellenzinitiative gar nicht. Der Wettbewerb soll das deutsche Universitätssystem neu polen: von Gleichheit auf Elite. Das Ziel ist, einige wenige Hochschulen, höchstens zehn, aus der Masse herauszuheben. Sie sollen sich aufmachen, einst mit den Harvards und Oxfords dieser Welt zu konkurrieren – um die klügsten Studenten, die vielversprechendsten Jungforscher, die besten Professoren.

Damit wird der Exzellenzwettbewerb mehr verändern als jedes Hochschulgesetz. Schon die Ergebnisse der ersten Runde elektrisieren Wissenschaft und Politik gleichermaßen: Bedeutet der Sieg zweier Technischer Universitäten das Ende der Volluniversität? Was wird aus den Geisteswissenschaften, deren Anträge fast sämtlich durchfielen? Müssen außeruniversitäre Einrichtungen wie etwa die Max-Planck-Institute langfristig um ihre Existenz bangen – und die Wissenschaft in der zweiten Exzellenzrunde um die Freiheit ihres Urteils?

Die Liste mit den gelben Punkten

Zwei Elitehochschulen aus München, keine einzige aus dem Norden; der Fächerproporz nicht gewahrt – politisch unkorrekter hätte das Urteil der Jury kaum ausfallen können. Dabei war oft befürchtet worden, der Wettbewerb werde am Ende nach regionalpolitischen Interessen entschieden. Seit Januar 2004, als die SPD die Idee »einer Eliteuniversität« ins Spiel brachte, rangen Bund, Länder und Wissenschaft um das komplizierte Verfahren (siehe Seite 35). Am Ende bewahrte die Wissenschaft ihre Unabhängigkeit – allerdings um den Preis eines Eklats, der den Elitewettlauf noch auf der Zielgeraden ins Straucheln brachte.

Schuld waren die Listen mit den gelben Punkten. Sie sollten all jene Fälle aufführen, in denen die Wissenschaft in ihren Beratungen zu keinem eindeutigen Urteil gefunden hatte. Für diese Streitfälle waren die Minister nach Bonn gereist. Hier konnten sie mitdiskutieren und sich – so die stille Hoffnung mancher – für die Anträge ihrer Landesuniversitäten in die Bresche werfen. Doch als die Minister am vergangenen Freitag in die Abschlusssitzung kamen, fanden sie nur zwei Listen vor: positive Urteile (grün) und negative (rot). Die Wissenschaft hatte am Tag zuvor bis spät in den Abend hinein die strittigen Fälle selbst entschieden. Gelb fiel aus. »Wir waren wie vor den Kopf gestoßen«, sagt einer der düpierten Landesminister. Die Empörung wuchs, als deutlich wurde, dass auch Anträge der künftigen Elite-Unis unter den Zweifelsfällen gestanden hatten. Besonders brisant war der Fall der TU München. Eine ihrer Graduiertenschulen war von den Gutachtern zunächst mit Rot bewertet worden – womit die TUM nach den Regeln des Wettbewerbs keine Chance auf Elitestatus mehr gehabt hätte. Erst im Laufe der wissenschaftlichen Diskussion wurde sie auf Grün gestellt. Erboste Politiker sprachen von »Kungelei«. Wissenschaftler sahen ihre Vorurteile gegenüber der Politik bestätigt. Wie kleine Jungen, die sich um ihr Weihnachtsgeschenk betrogen fühlen, hätten sich einige Minister aufgeführt, sagt ein Forscher. Die Sitzung musste unterbrochen werden. Am Ende verkündete Bundesforschungsministerin Schavan mit steinerner Miene, die Politik akzeptiere die Entscheidung der Wissenschaft. Sie sperre jedoch zehn Prozent der Mittel mit der Auflage, dass die nächste Entscheidungsrunde anders verlaufe.

Nur wie? Jede Änderung der Spielregeln setzte die Sieger der zweiten Runde dem Verdacht aus, sie hätten politische Nachhilfe nötig gehabt. Zudem ist der politische Manövrierraum gering. Nach dem entsprechenden Rechtsabkommen zur Exzellenzinitiative legt die Wissenschaft eine »abschließende Empfehlung« vor – genauso wie am Freitag geschehen. Allenfalls könnte man Minister als neutrale Beobachter an wissenschaftlichen Diskussionen teilnehmen lassen, heißt es im Wissenschaftsrat, um die Politik von der Glaubwürdigkeit der Voten zu überzeugen.

An der Neutralität der Entscheidung lassen gerade die unverdächtigen ausländischen Mitglieder der Jury keinen Zweifel. Daniel Fallon von der amerikanischen Carnegie Corporation zeigt sich imponiert »über die absolute Transparenz und exzellente Organisation« des Verfahrens. Wolfgang Ketterle, Nobelpreisträger und Forscher am MIT, sprach von einem Wettbewerb, den er in so hoher Qualität selten gesehen habe. Mittlerweile ist solches Lob bis zur Politik gedrungen. Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart ließ verlauten, er könne mit dem Urteil der Wissenschaft auch bei der nächsten Runde gut leben. »Nur brauche ich dann zur Verkündung der Ergebnisse nicht nach Bonn zu reisen.«

Im Forscherparadies

Was immer Elite sein mag – seit vergangenem Freitag scheint festzustehen, wo man sie findet: in München. Zwei der drei deutschen Elitehochschulen liegen an der Isar. Allein das Geld, das die Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) im Wettbewerb einstreicht, übersteigt die gesamte Fördersumme für Nordrhein-Westfalen. An der LMU hatte man sogar doppelt Grund zum Feiern: In der ersten Runde hat sie das Lokalderby gegen die TU München für sich entschieden: »23 zu 15 Millionen Euro«, sagt Jörg Kotthaus, Sprecher eines LMU-geführten Exzellenzclusters. »Das ist doch deutlich.«

Die Zahlen täuschen. In allen fünf geförderten Exzellenzclustern kooperieren beide Münchner Hochschulen – eines der Geheimnisse ihres überragenden Erfolges. Zur Vielfalt in München tragen zudem zehn Max-Planck-Institute und diverse außeruniversitäre Institute bei. Im Verbund seien sie eine »kritische Masse, gegen die andere Standorte nur sehr schwer ankommen«, befindet LMU-Rektor Bernd Huber. Eindrucksvoll bewiesen die Münchner das bei der Präsentation vor der Exzellenzjury: Dazu rückte die LMU mit einer ganzen Schar von Nobel- und Leibnizpreisträgern an. Das sei »fast einschüchternd« gewesen, erinnert sich ein deutsches Mitglied der Gutachterkommission.

Mit dem Preisgeld planen beide Münchner Hochschulen, ihre besten Wissenschaftler für einige Jahre von jeglicher Lehr- und Verwaltungsarbeit freizustellen. Von den »Mühen des Alltags entlastet«, wie es heißt, sollen sie sich allein der Forschung widmen. Die TU München hat vor, ihren Spitzenkräften in einem eigenen Institut eine exquisite Heimat zu geben. »Das wird unser Forscherparadies«, sagt Günter Schmidt-Gess, der das TUM Institute for Advanced Studies leiten wird.

Geflissentlich übersah man an der TUM sogar die Beschränkungen des Elitewettbewerbs. Eigentlich war vorgesehen, dass die Lehre im gesamten Zukunftskonzept nicht vorkommen durfte. Die Münchner aber scheuten sich nicht, mit studentischen Auswahlverfahren und der Zusammenarbeit mit den besten Gymnasien Bayerns zu werben. Andere Universitäten hielten sich an die Spielregeln – und mussten sich von den internationalen Gutachtern fragen lassen, wie sie hervorragende Professoren bekommen wollen, wenn sie kein Konzept für die Auswahl von Studenten haben. Die Lehre von der Isar: Wer ganz groß werden will, sollte das deutsche föderale Klein-Klein ignorieren.

Der universitäre GAU

Die Hochschulspitzen haben im Laufe des Exzellenzwettbewerbs einiges gelernt, zum Beispiel im Umgang mit der Öffentlichkeit. Wie Politiker nach einer verlorenen Wahl versuchten selbst die Verlierer als Gewinner dazustehen. Sie lobten Mitarbeiter und Professoren, jubelten über errungene Exzellenzcluster und Graduiertenschulen – auch wenn sie mehr erwartet hatten.

So will Peter Hommelhoff nichts mehr von einem »größten anzunehmenden Unfall« wissen. Vor knapp einem Jahr hatte es der Rektor aus Heidelberg noch als GAU bezeichnet, wenn seine Universität den Elitestatus nicht bereits in der ersten Runde erränge. Nun fehlt die Traditionsuniversität am Neckar unter den Auserwählten, und Hommelhoff demonstriert Gelassenheit: »Da müssen wir den Ofen wohl etwas nachfeuern.«

Die Heidelberger Niederlage ist weder auf mangelnde wissenschaftliche Substanz zurückzuführen noch auf das Festhalten an der Idee der Volluniversität, wie nun mancher insinuiert. Vielmehr vermisste die internationale Jury die zündenden Gedanken, wie man das Erreichte in Zukunft auszubauen gedenkt. Die Heidelberger wollten die Juroren mit »Research Fellows« überraschen, die sich auf die Forschung konzentrieren, und mit »Lecturers« für die Lehre. Vor zwei Jahren waren sie damit Vorreiter. Mittlerweile jedoch haben sich die neuen Personalkategorien selbst bis zur Kultusministerkonferenz herumgesprochen. »Die scheinen am Neckar doch recht zufrieden zu sein«, lautet das Urteil eines Jurors über Heidelberg.

Ähnliches gilt für den zweiten gestrauchelten Favoriten, die RWTH Aachen. Eine errungene Graduiertenschule und zwei Cluster belegen die Spitzenstellung der nordrhein-westfälischen Technikschmiede. Dennoch scheiterte das Zukunftskonzept (»Von der Idee zum Produkt«). Urteil: zu unoriginell. »Die Gutachter hatten wohl den Eindruck, wir wollen nur weitermachen wie bisher«, sagt Rektor Burkhard Rauhut selbstkritisch.

Eine Insel der Muße

»Ein wenig bang« sei ihm nun doch, gesteht Rudolf Schlögl, er spüre »eine große Last der Verantwortung«. Der Konstanzer Historiker ist Sprecher des einzigen geisteswissenschaftlich ausgerichteten Exzellenzclusters, der im Elitewettbewerb durchkam. Nun stehe plötzlich »die halbe Republik« vor der Tür, um das Erfolgsrezept der Konstanzer Historiker und Philologen zu studieren.

Bundesweit fällt die Bilanz der Geistes- und Sozialwissenschaften trist aus: Nur einen von 17 Exzellenzclustern, vier von 18 Graduiertenschulen können sie für sich verbuchen; zwei der Siegerhochschulen sind technische Universitäten, und selbst im Zukunftskonzept der LMU in München, einer Hochburg der Geisteswissenschaften, spielen diese nur eine Nebenrolle. Reüssieren künftig nur noch »Spartenuniversitäten«, in denen intelligente Fachidioten herangezogen werden?

An Universitäten wie Würzburg oder Aachen dürfte nun die Diskussionen wieder losgehen, ob man die Geisteswissenschaften nicht ganz schließen soll, um sich auf die Stärken in der Technik und Medizin zu konzentrieren. Am Bodensee dagegen entwirft Schlögl eine geradezu paradiesische Vision. Eine »Insel der Muße« wollen er und seine Kollegen mit den Exzellenzmillionen schaffen. An einem neu zu gründenden »kulturwissenschaftlichen Kolleg« werden eigens Stellen für Koordinatoren geschaffen, um den Forschern die mühsame Verwaltungsarbeit (und Antragschreiben für künftige Wettbewerbe) abzunehmen. So sollen die Forscher endlich wieder Zeit zum Denken, Lesen und Bücherschreiben finden. Zudem werden neue Professorenstellen und Nachwuchsgruppen finanziert, die über Disziplinengrenzen hinweg »Prozesse sozialer Integration und Desintegration« untersuchen, von der Antike bis zu den weltweiten Migrantenströmen der Gegenwart.

Entgegen mancher Kritik prämiert der Exzellenzwettbewerb keine luftigen Konzepte. Die Gutachter prämierten die Vorarbeit von Jahren, im Fall von Konstanz gar von Jahrzehnten. Schon bei der Gründung der Hochschule 1966 ersetzte man die traditionellen Fakultäten durch umfassendere »Sektionen«. Hier herrscht schon lange jene Form der Interdisziplinarität, die in den Exzellenzclustern gefordert wird. »In Konstanz fällt man auf, wenn man nicht mit anderen zusammenarbeitet«, sagt Schlögl. Anderswo fehle eben diese Kultur der Zusammenarbeit. Das sei ein Grund für das schlechte Abschneiden der Geisteswissenschaften.

Ein zweiter Grund ist die Ausrichtung der Exzellenzinitiative. Sie kommt Naturwissenschaftlern und Ingenieuren stärker entgegen als Geisteswissenschaftlern, denen die Zusammenarbeit in großen Forschungsverbünden eher fern liegt. Zur klugen Reflexion braucht ein Philosoph zwar anregende Gesprächspartner, vor allem aber Zeit und Muße zum Nachdenken. Daher hatte sich manch hervorragender Forscher gar nicht erst beworben.

Und drittens machen sich die Geisteswissenschaftler das Leben auch noch gegenseitig schwer. Deren Fachgutachter versahen ihre Einschätzungen weit häufiger mit Einschränkungen und kritischen Anmerkungen als die Juroren in den Naturwissenschaften. Die geisteswissenschaftlichen Gutachter hätten mit »disziplinspezifischem Kannibalismus« geglänzt, sagt ein Jurymitglied. Bei den entscheidenden Abstimmungen, in denen es oft nur um Kommastellen ging, habe das mitunter den Ausschlag zu Ungunsten der Geisteswissenschaften gegeben.

Vor der zweiten Runde der Exzellenzinitiative plädieren daher viele Wissenschaftler für eine Veränderung des Verfahrens. Man dürfe nicht von Beginn an alle Disziplinen nach Maßstäben messen, die vor allem den Naturwissenschaften zugute kämen. Erst einmal müsse man innerhalb der Disziplinen eine Auswahl treffen und diese Besten erst am Schluss gegeneinander antreten lassen. So hätten Historiker oder Soziologen bessere Chancen. Im Forschungsministerium und bei der DFG basteln Wissenschaftsstrategen dagegen schon an einem neuen Förderinstrument für die darbende Disziplin. In so genannten Forschungskollegs sollen sich Geisteswissenschaftler um ein Oberthema und den besten Vertreter des Faches gruppieren – eine Art verkleinerte Version des Konstanzer Exzellenzclusters, ein Dutzend Mal über die Republik verteilt.

Helmholtz ade?

Kommt die Rede auf Karlsruhe, überschlagen sich die Juroren geradezu mit Superlativen. Die Uni habe »das Unmögliche gewagt«, »etwas ganz Neues vorgeschlagen«, begonnen, »die Topografie des Wissenschaftssystems zu verändern«. Was zu solcher Begeisterung führt, ist tatsächlich ein Novum in Deutschland: Die Universität will mit dem nebenan gelegenen Forschungszentrum Karlsruhe (FZK), das eigentlich zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört, gleichsam zu einer Einheit verschmelzen und damit auf einen Schlag ihren Etat verdoppeln. Karlsruhes Rektor Horst Hippler weiß, dass er sich mit amerikanischen Eliteuniversitäten wie Harvard oder Stanford nie wird messen können; doch die europäische Spitze, an der etwa die ETH Zürich steht, ist durchaus erreichbar. »Die ETH hat einen Etat von 630 Millionen Euro im Jahr, wir von 280 Millionen«, rechnet Hippler vor. »Mit den 320 Millionen des Forschungszentrums wären wir durchaus konkurrenzfähig.

Mit dem KIT, dem Karlsruher Institut für Technologie, hat die geplante Verschmelzung schon begonnen. Im Juli dieses Jahres fusionierten Uni und Forschungszentrum mehrere ihrer Bereiche zum KIT, dessen Name absichtlich an das berühmte MIT erinnert. Kooperiert wird zum Beispiel bei der Erforschung von Hochleistungswerkstoffen für den geplanten internationalen Kernfusionsreaktor Iter; auch in der Nanotechnik und der Optik ist Karlsruhe bereits eine der ersten Adressen in Deutschland. Mit den Mitteln aus der Exzellenzinitiative werden diese Bereiche nun ausgebaut.

Die angestrebte Fusion zwischen Uni und Forschungszentrum bricht mit den traditionellen Strukturen der deutschen Forschungslandschaft. Und genau deshalb haben die Strategen des Wettbewerbs den Karlsruher Vorschlag prämiert. Macht das Beispiel Schule, könnte die außeruniversitäre Spitzenforschung – in den Zentren der Helmholtz- oder Max-Planck-Gemeinschaft – künftig wieder in die Hochschulen eingegliedert werden. Das sei »eine neue Einheit von Forschung und Lehre«, urteilt Daniel Fallon von der Carnegie Corporation. »Das wäre ein großer Sprung für die ganze Wissenschaftsnation.«

Anderswo sieht man solche Pläne mit Besorgnis. Die Helmholtz-Zentren seien schließlich dazu da, »nationale Forschungsaufgaben« wahrzunehmen, warnt der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Jürgen Mlynek. Er sei zwar neuen Kooperationsformen aufgeschlossen, fürchte jedoch einen Qualitäts- und Effizienzverlust, wenn seine Spitzenforscher sich mit den Lehr- und Verwaltungspflichten des Universitätsalltags herumschlagen müssten. Zudem müssten die Universitäten in strategischen Partnerschaften erst einmal beweisen, »dass sie in der Lage sind, Leitungs- und Verwaltungsstrukturen aufzubauen, die zu verlässlichen Entscheidungen in der Lage sind«.

Auch die Frage der Finanzierung birgt Sprengstoff. Als Mitglied der Helmholtz-Gesellschaft wird das FZK zu 90 Prozent vom Bund finanziert, die Universität dagegen überwiegend vom Land. Würden beide Institutionen verschmelzen, entstünde in Karlsruhe automatisch so etwas wie eine »Bundesuniversität«. Für Horst Hippler ist diese Vision durchaus greifbar. »Das Land Baden-Württemberg hat schon signalisiert, dass es zu einer ›Lex Karlsruhe‹ bereit wäre.« Und demnächst habe er ein Gespräch mit Frau Schavan. Wie hieß doch der vergagte Slogan, mit dem anfangs für den Exzellenzwettbewerb geworben wurde? »Deutschland sucht die Superuni.« Vielleicht steht sie in Karlsruhe.

Undichte Dächer

In der Freien Universität (FU) Berlin sucht die Hochschulleitung unterdessen nach Gründen für die Pleite Berlins. Kein einziges Exzellenzcluster konnten die drei Hochschulen der Stadt gewinnen. Selbst die Universität Gießen hat mehr Geld geholt. »Das Ergebnis spiegelt nicht die wissenschaftliche Stärke unserer Stadt wider«, heißt es im FU-Präsidium. Beim letzten Förder-Ranking der DFG habe Berlin sogar München überholt. Gereicht hat es dennoch nicht.

Anderen Regionen geht es kaum besser: Ganz Ostdeutschland (inklusive Berlin) erhält drei Prozent der Fördergelder der ersten Runde, der Norden mit Niedersachsen zehn Prozent, nach Bayern und Baden-Württemberg dagegen fließen rund zwei Drittel. FU-Präsident Dieter Lenzen begründet den bayerischen Erfolg mit einer »Qualitätsentwicklung über Jahrzehnte«. Während die Berliner Universitäten lange Zeit politisch geführt wurden – im Osten unter dem Diktat des Staates, im Westen unter dem Einfluss der 68er –, konnte sich in Süddeutschland wissenschaftliche Wertarbeit durchsetzen. In Bayern und Baden-Württemberg wissen auch die Politiker um die Bedeutung von Wissenschaft. Im Südwesten gelangten seit vielen Jahren meist solche Minister an die Spitze des Wissenschaftsressorts, die eine Universität auch als Professor und Rektor von innen kennen. Welch ein Unterschied zu Berlin: Sechs Wissenschaftssenatoren hat die Hauptstadt seit 1995 zerschlissen, denen nicht viel mehr einfiel, als Gelder zu kürzen. Das wurde im Exzellenzwettbewerb zum Nachteil: Zwar wurde das Zukunftskonzept der FU Berlin insgesamt sehr positiv bewertet, doch die Gutachter bemängelten, die »Unsicherheit langfristiger Unterstützung durch das Land«.

Bei der RWTH Aachen vernimmt man ähnliche Klagen. »Alle unsere Reformen haben wir stets gegen die Politik unternommen«, sagt Aachens Rektor Rauhut. Nur durch selbst eingeworbene Drittmittel habe man die Kürzungen des Staates ausgleichen können. »Nordrhein-Westfalen hat zwar die dichteste Hochschullandschaft, aber die undichtesten Unidächer«, kolportiert Rauhut einen Spruch, der die Wissenschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte beschreibt.

Andreas Pinkwart, seit vergangenem Jahr Wissenschaftsminister in NRW, mag dem nicht widersprechen. »Das jetzige Ergebnis ist für uns hart, aber es spiegelt die Forschungsstärken in Deutschland recht realistisch wider.« Der FDP-Politiker hat sich vorgenommen, daran etwas zu ändern. Geld aus einem Innovationsfonds soll Universitäten anregen, mehr Fördermittel zu akquirieren. Und das neue Hochschulgesetz gewährt der Wissenschaft so viel Freiheit wie nie zuvor. Die muss sie jetzt nur nutzen.

W-LAN für die Sieger

Zu den Siegern gesellt man sich gern. Am Mittwoch verkündete die Firma Vodafone, sie wolle die ersten drei Gewinner der Exzellenzinitiative kostenlos mit »modernster Technik und Kommunikationsmitteln ausstatten«. Von einer »Summe im zweistelligen Millionenbereich« ist die Rede. Gleichzeitig dürfen die Mitarbeiter an den Exzellenzprojekten fünf Jahre lang »frei telefonieren und surfen«, verspricht der Projektverantwortliche Bernhard Lorentz. Es sei garantiert, dass den Universitäten keine Folgekosten entstehen.

Das Beispiel werde Schule machen, prophezeit Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die deutsche Wirtschaft. Tatsächlich hörte man an der TU München schon mit der Entscheidung am vergangenen Freitag die Kasse klingeln. Die Kosten für das Gebäude des TUM Institute for Advanced Studies übernimmt vollständig ein bayerisches Unternehmen, dessen Name in den nächsten Tagen öffentlich wird.

Das zeigt, dass prinzipiell auch hierzulande möglich ist, was in den Vereinigten Staaten in großem Stil betrieben wird: Unternehmens-Sponsoring für Bildungseinrichtungen. Unter deutschen Wirtschaftsführern kursierte in den vergangenen Monaten sogar die Idee, auf die 1,9 Milliarden Euro der Exzellenzinitiative noch einmal dieselbe Summe draufzulegen und damit ein deutliches Zeichen für den Standort zu setzen. Eine großartige Idee. Sie verdiente es, in die Tat umgesetzt zu werden.

Auch bei Studierenden entfaltet das Schlagwort »Exzellenz« seine Werbewirkung. »Wir gewinnen bereits jetzt Top-Doktoranden, die wir sonst nie erreicht hätten«, sagt Benedikt Grothe, Leiter der Graduate School of Systemic Neurosciences an der TU München. Nach der Kür zur Elite-Uni wird sich dieser Effekt noch verstärken, prophezeien Fachleute. Gerade unter den hoch begabten, mobilen Studenten könne es zu einer »Abstimmung mit den Füßen kommen«, sagt Gerhard Teufel, der Generalsekretär der Studienstiftung.

So zeigt das Elite-Casting auf beeindruckende Weise, wozu deutsche Hochschulen imstande sind, wenn man ihnen Freiheit lässt und Geld in Aussicht stellt. »Ich war immer skeptisch, was die Mobilisierungsfähigkeit der deutschen Universitäten angeht«, sagt Hans Weiler, Emeritus der Stanford-Universität. »Die Exzellenzinitiative war für mich eine positive Offenbarung.« Und sein Kollegen Daniel Fallon sekundiert: »Das Überraschendste war für mich, wie gut die deutschen Universitäten sind – trotz enormer Lehrbelastungen und wenig Geld.«

An vielen Universitäten – auch bei den Siegern – werden jetzt die Verteilungskämpfe losgehen. Und in fünf Jahren, wenn die ersten Fördermillionen ausgehen, wird mancher Hochschulrektor vor der heiklen Frage stehen, wie er die neu geschaffenen Cluster weiterfinanzieren soll. Doch eines ist klar: Die Zeitenwende im deutschen Hochschulwesen ist unumkehrbar. Am Dienstag dieser Woche kündigte Bundesforschungsministerin Schavan an, die Initiative »verstetigen« zu wollen. »Exzellenzwettbewerbe sollen zum beständigen Instrument der Steuerung in der Forschungsförderung werden.« Nach dem Wettbewerb ist vor dem Wettbewerb.

Mitarbeit: Tobias Hürter, Manuel J. Hartung .

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Im Internet finden Sie das vollständige Transkript des ZEITForums der Wissenschaft vom 17. Oktober zum Thema Exzellenzinitiative sowie weitere Informationen: www.zeit.de/46/43/exzellenzinitiative .

 
Leser-Kommentare
    • TjaTja
    • 19.10.2006 um 19:00 Uhr

    Vielen wie mir, kommt die Frage nach Traditionspraesenz auf - warum hat UNI Heidelberg den Vorstoss nicht geschafft?! Natuerlich haette ich mich als ex Baden Wuertenberger darauf mehr gefreut als so mancher anderer, dennoch schon allein in Tradition uebertrifft Heidelberg Yale und Harvard mit einer 4 Jahrhunderten laengeren Geschichte. Urwald wuchs wo heute Yale und Harvard stehen, als man in Heidelberg schon den Geistlichen Helden des Mittelalters Ausbildung gab... Aber eins stimmt, Finanzielle Foerderung bringt alles her... da kann man nur Bayern gratulieren - Bayern wusste von Anfang an dass das Investieren in Universitaeten nur Fortschritt bringt!!!

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