Es ist eine Szene wie aus einem Horrorfilm. Ein Mann geht zum Kühlschrank, öffnet die Tür, nimmt sich eine Flasche Bier. Im Kühlschrank liegt etwas, was in Mülltüten gewickelt ist. Riecht der Mann die Verwesung, oder ist er zu tief in seinem Rausch versunken? Er schlägt die Kühlschranktür wieder zu, schlurft ins Wohnzimmer, öffnet die Flasche, wirft sich in den Sessel, schaut Fernsehen und trinkt. Wochenlang. Vielleicht monatelang.

Es ist kein Film. Das Bündel im Kühlschrank ist ein Kind. Kevin, der zweijährige Sohn dieses Mannes, ist tot. In den Kühlschrank passte er nur deshalb, weil er schmächtig und unterernährt war. Ist der Vater dafür verantwortlich? Ein Ermittlungsverfahren mit solchem Verdacht gegen ihn läuft. Bernd K. heißt er, ein Junkie auf Methadon, dem üblichen Ersatzstoff beim Entzug, ein vorbestrafter Krimineller. Einer, der mit seiner Waffe andere bedrohte, auch Nachbarn, der aus dem Gefängnis ausgebrochen ist und womöglich am plötzlichen Tod seiner Freundin – Kevins Mutter – eine Mitschuld trägt. Auch dazu wird gegen ihn ermittelt. Keiner, den man sich als Vater wünscht. Der Vater schweigt zu allen Vorwürfen.

Einmal, nach dem Tod der Freundin, kam er in die Psychiatrie und sein Sohn in ein Heim, das Kinderheim Hermann Hildebrand, da schien Kevin gerettet. Er hatte Knochenbrüche an beiden Unterschenkeln und andere Spuren von Misshandlung. Er wog zu wenig, war verwahrlost, in einem furchtbaren Zustand. Nach neun Tagen holte der gerade aus der Psychiatrie entlassene Vater seinen misshandelten kleinen Sohn wieder ab, obwohl der Heimleiter dagegen war, aber so hatte es das Jugendamt entschieden. Da ging die Rettungsluke wieder zu.

Das Jugendamt übernahm nun die Vormundschaft für den Jungen, die Verantwortung. Dem Vater, dessen psychische Labilität man erkannte, wurde eine Tagesmutter zur Seite gestellt, Kevin sollte Frühförderung erhalten, doch zu beidem tauchte er von Juli an nicht mehr auf, und niemand sah nach, warum. Bis die Polizei am 10. Oktober die Tür aufbrach und im Kühlschrank einen 90 Zentimeter langen, geschundenen, mit Fäulnisblasen übersäten Kinderkörper fand.

Es ist eine ungeheuerliche Geschichte, die sich in der Stadt Bremen zwischen dem Stadtteil Gröpelingen, dem Jugendamt und weiteren Stellen abspielte, und an ihrem schrecklichen Ende steht wie stets in solchen Fällen die Frage nach dem Warum. »Ein unverzeihliches Versagen der zuständigen Behörden« nennt Bremens Bürgermeister Jens Böhrnsen auf einer Pressekonferenz als Grund. Das klingt dramatisch, dabei ist es so banal: Geldnot, Personalknappheit – ja, und Gleichgültigkeit.

»Doch das dringend und zwingend Nötige ist nicht geschehen, das wissen wir heute« – auch das sagt Böhrnsen, und wie sonst sollte man eine so fatale Fehlentscheidung verteidigen? Wer hat Schuld? Der Arzt, der sich so vehement dafür einsetzte, das Kind beim Vater zu lassen? Der Sozialhelfer, man nennt ihn in Bremen Case-Manager, der sich einschüchtern ließ, gleich von zwei Seiten: von seinen Vorgesetzten, die ihm auferlegten, ja kein Geld zu verschwenden, und von Kevins Vater, dessen Gewalt er fürchtete? Der Bremer Senat, der am falschen Ende sparte? Die ganze Gesellschaft, die bereit ist, Geld für so vieles zu investieren, nur nicht für Kinder und deren Zukunft?

Der Rücktritt der Senatorin – ein Bauernopfer für politische Korrektheit