50 Klassiker der modernen Musik (36) Der Junge brannte

Nach der Verfettung des Rock zum Mainstream: Neil Youngs Rust Never Sleeps – ein surreal punkwärtsreitendes Lama vom Ende der 1970er Jahre

Dies ist keine unstrittige Wahl. Manchen gilt After the Goldrush als wichtigstes Neil-Young-Album, manchen das todesdunkle Tonight’s the Night von 1975 oder dessen 94er Wiedergänger Sleeps With Angels. Das ist Geschmackssache. Das Epochenurteil beordert Rust Never Sleeps an die Spitze. 1979 erschienen, beschloss die Platte ein Rock-Jahrzehnt, in dem die revolutionäre Musik zum Mainstream verfettet war. Punk wetzte die Messer. Youngs dreizehntes Album bot für lange Zeit zum letzten Mal den wahren Neil. Der wahre Neil ließ seinen Mond aufgehen und den Nachtwind durch die Seelenschluchten singen. Er ritt auf einem surrealen Lama punkwärts, er traf Marsmenschen und schleuderte mit schneidend tremolierender E-Gitarre jene Zivilisationskritik, die den wahren Neil immer wieder heim zu Mutter Erde führt. Die neun Stücke, verteilt auf eine akustische und eine elektrische Seite, wurden gerahmt von zwei spiegelbildlichen Songs, die Gassenhauer-Popularität erlangten: My My, Hey Hey (Out of the Blue) und Hey Hey, My My (Into The Black).

Powderfinger, der wuchtige Portikus der elektrischen Hälfte, zählt bis heute zum entflammbarsten Live-Material von Young & Crazy Horse. Der schönste Song des Albums ist Thrasher, eine vollendet schlicht vertonte Text-Moräne über verlorene Illusionen und Arkadiens Untergang. Man geht nicht fehl, wenn man den Subtext auf Crosby, Stills & Nash bezieht. Nun seien die Gefährten Rock-Dinosaurier, lost in crystal canyons. Gelangweilt lässt sie der Sänger dort zurück: They were just deadweight to me. Neil indessen ist frank und frisch auf den Beinen und wandert der jungen Sonne zu. Gewaltige Mähdrescher rollen durchs Morgengrauen. When I saw those thrashers rollin’ by (…) I was feelin’ like my day had just begun.

Dass die thrashers auch ihn bedrohten, dass die Zeit auch an ihm fraß, muss Young bewusst gewesen sein. Im selben Jahr erschien das Doppelalbum Live Rust, der Soundtrack des Konzertfilms Rust Never Sleeps. Ans Publikum im Cow Palace San Francisco wurden Folienbrillen verteilt: Damit sehe man den Rost von der Band rieseln. Solche Sorgen des juvenilen Young wirken heute ziemlich kokett. It’s better to burn out than to fade away – gegen diese berühmteste Zeile des Albums sei Heintje zitiert: Wenn die Träume der Kindheit vergehn, dann kommen welche, die grade so schön.

Nicht Young verbrannte am Tag nach dem Live Rust- Konzert, sondern sein wunderbares Haus. Die Achtziger begannen, Neil Youngs Geffen-Jahre, in denen er kapriziöse Scheußlichkeiten wie Re-ac-tor, Trans und Everybody’s Rockin’ verbockte. Es gibt Youngologen, deren Übermaß an Liebe auch diese Untaten verteidigt. Die meisten schrieben den wahren Neil ab – zu früh. Er kam wieder und blieb, als Old Neil, bis heute. Die Neunziger eröffnete er mit Ragged Glory, einer der fünf besten Rockplatten aller Zeiten. Aber das ist Geschmackssache, kein Epochenurteil. Christoph Dieckmann

 
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