Design Wie Starck darf es noch sein?
Hoteldesigner verabschieden sich vom Minimalismus und machen es dem Gast wieder ein bisschen gemütlich. Endlich!
Die Tragik des Designhotels liegt darin, dass die Designer das Wesentliche eines Hotels mehr oder minder originell wegdesignt haben. Es kann passieren, dass man im Bett liegt und verzweifelt den Lichtschalter sucht, den es nicht mehr gibt, weil die Wände glatt und makellos auszusehen haben, oder dass man im Bad steht und sich fragt, wohin wohl der Föhn verschwunden ist. Und manchmal ist man gezwungen, Kaffee und Croissant im kalten Rauch des Vorabends einzunehmen, da der multifunktionale Frühstücksraum zugleich als Bar dient. Umgekehrt gibt es Designhotels, in denen Designer das Wesentliche eines Hotels mehr oder minder originell hindesignt haben. Da hängen Föhn und Waschlappen und Bürsten an Drahtseilen von der Badezimmerdecke herunter, sodass sich der noch schlaftrunkene Gast wie im Netz einer Spinne verfängt, oder er erschrickt vor dem als solches kaum noch zu erkennenden Zusatzbett, das aufgerollt wie eine Presswurst in der Ecke steht. Vielleicht ist es Zeit, sich einmal besorgt zu fragen, ob die Designhotellerie inzwischen nicht Starck gestört ist und wie es im postmodernen Beherbergungsbetrieb künftig denn weitergeht.
Man hätte aufhorchen sollen, als die Bilderstürmer der ersten Stunde, Steve Rubell und Ian Schrager, nach der Schließung ihres legendären New Yorker Nachtclubs Studio 54 und einem Gefängnisaufenthalt wegen Steuergeschichten wieder auf den Plan traten und im Jahre 1984 an einem unbedeutenden Abschnitt der Madison Avenue das Morgans eröffneten. Rubell sagte damals, dass das Morgans als Hotel von morgen die Disko von heute ablöse. Die Party sei noch nicht zu Ende.
Das coole, schwarzweiße Dekor des Hotels war ein Ausdruck für das Denken seiner Betreiber. Unbestreitbar wurde mit dem Morgans die Hotelwelt revolutioniert. Nach und nach zog der Muff aus den traditionellen Häusern, vereinzelt verschwanden die hässlich glänzenden Tagesdecken und meterdicken Teppichböden (leider noch nicht ganz), der aufkommende Wind der Konkurrenz wirbelte nicht nur das graue Haar behäbiger Grandhotel-Direktoren durcheinander. Als Ian Schrager schließlich weitere Hotels dieser Art eröffnete, etwa das Royalton in New York oder das Delano in South Beach (Miami), und als Tyler Brûlé in den neunziger Jahren das britische Lifestyle-Magazin Wallpaper designte, war der Weg für eine neue Form des Tourismus, den Designhotel-Tourismus, geebnet. Stars wie Bianca Jagger (die einst auf einem Schimmel ins Studio 54 einritt), der Schauspieler Keith Carradine (»I’m easy«) oder Duran Duran zeigten der Masse, wie sehr man mit dem Aufenthalt in einem Designhotel ein Statement über die eigene Coolness und Eitelkeit abgeben kann, frei nach dem Motto: I am where I stay.
Mit dem Royalton (1988) erlangte Philippe Starck seinen Durchbruch. Der französische Designer hatte bis dahin nur einmal Schlagzeilen gemacht, weil er Frankreichs Präsidenten François Mitterrand einen seiner Sessel verkaufte. Inzwischen kann man kaum noch ein Hotel an irgendeinem Flecken des Globus betreten, ohne dass einem die Betreiber stolz ihren Starck-Stuhl, ihr Starck-Waschbecken, ihre Starck-Flasche und sonst was Starckes präsentieren. Der Mann hat sich in der Hotelwelt wie kaum ein anderer herumreichen lassen, ist inzwischen bei der Billigmarke Motel One angekommen und unter den Designern so etwas wie Lidl unter den Supermärkten – und wie Lidl nicht unerfolgreich: Gerade ließ er wissen, er habe so viel zu tun, dass er keine Zeit finde, seine zahlreichen Privathäuser wirklich zu bewohnen. Man müsste diesen Umstand nicht erwähnen, wenn es nicht Pars pro Toto für eine weltweite Austauschbarkeit dieser Art Hotels stehen würde, in denen die Gäste zwar noch spüren, dass sie unter ihresgleichen, aber nicht, in welcher Stadt oder welchem Land sie sind. Das Hoteldesign garantiert wie Nike und D&G und Ikea ein weltweites Dazugehörigkeitsgefühl, mehr nicht.
Natürlich gibt es ein paar großartige Designhotels. Aber sie funktionieren nur deshalb, weil sie zum einen in den Raum oder die Landschaft oder die Historie eingebunden sind, das heißt regionale Bezüge herstellen und sich somit von der Austauschbarkeit anderer Designhotels abheben, und zum anderen, weil die Betreiber aus dem klassischen Hotelgewerbe kommen und der Servicegedanke ihre treibende Kraft ist. Der große Rest garantiert jedoch lediglich ein kurzweiliges, mehr oder minder schlechtes Erlebnis, weil ihre Macher drei Fehler begehen.
Ian Schrager sagt: Spezialeffekte gehören in Filme, nicht in Hotels
Erstens haben sie sich von der Maxime form follows function (die Ästhetik ergibt sich aus dem Gebrauchszweck) verabschiedet und den Designaspekt über den Aspekt des Beherbergens gesetzt. Der Gast und seine Bedürfnisse sind zweitrangig geworden. Um der Ästhetik willen wird beispielsweise in Bädern Essenzielles zur Überflüssigkeit erklärt. Deshalb gibt es vielerorts am Waschbecken keine Ablagen mehr für Schmuck und Kosmetikartikel, ja selbst der Handtuchhalter fehlt. Dieses Verständnis von kühler, lückenloser Ordnung führt nur zur Unordnung an anderen Orten des Zimmers. Irgendwo muss man seinen Kram ja abstellen und das Handtuch aufhängen, und sei es über dem hübschen Designerstuhl, auf dem man im Zweifelsfall ohnehin nicht gescheit sitzen kann. Diese hybride Nutzung ist vielleicht sogar gewollt, denn in einigen Designhotels sind Bad und Zimmer eins geworden, die Badewanne befindet sich zuweilen neben dem Bett, und Toiletten stehen – auch das als ein Stempel der vermeintlichen Bedeutsamkeit des Designers –, ausgestattet mit einer automatischen Geruchsabsaugung, frei im Raum. Der Gast soll zum Statisten einer Inszenierung werden, die da heißt: form follows fun.
Man fragt sich jedoch, für wen der fun eigentlich sein soll – für den Gast sicherlich nicht. Spätestens dann, wenn der Partner gerade mit verkrampftem Gesicht vor ihm auf der Toilette sitzt, wird es grenzwertig. Oft schafft das Design im Hotel nur neue Probleme, anstatt alte zu bewältigen. Es ist zur bloßen Dekoration degeneriert und dient als Motor für ständige Neuerungen, um im Zwang zu wirtschaftlichem Wachstum mithalten zu können. Ein Marketingtrick für hübsche, effektvolle Fotos. Heute räumt selbst Ian Schrager ein, dass seine ersten Hotels glatt und überdesignt sind. Er sagt: »Special Effects können einen langweiligen Film besser machen, nicht jedoch ein Hotel.«
Zweitens wurde der Servicegedanke zu sehr außer Acht gelassen. In ein Hotel geht man ja nicht nur, um zu schlafen, sondern auch deshalb, weil das Personal einem während der Zeit des Aufenthaltes Dinge erledigt, für die man entweder keine Zeit (wegen Business) oder zu denen man keine Lust (wegen Erholung) hat. Als Claus Sendlinger, der Präsident und CEO der design hotels AG, das Unternehmen in den neunziger Jahren gründete, gab es einen kleinen Katalog mit ein paar Mitgliedshäusern, Ian Schragers Hotel Morgans gehörte auch dazu. Der Katalog ist inzwischen ein stattliches Jahrbuch geworden, das am Flughafen für Übergepäck sorgt – 143 Häuser gehören zu der Marke, in zehn Jahren sollen es bis zu 280 sein. Claus Sendlinger macht kein Geheimnis daraus, dass 70 Prozent der neuen Hotels zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme in den Marketingverbund und ins Jahrbuch noch gar nicht eröffnet, sondern oft erst in Planung sind. Das heißt mit anderen Worten: Service ist zweitrangig! Von so genannten mystery men, die, wie etwa für die Gruppe Leading Hotels of the World, Hotels anonym testen, hält Claus Sendlinger nichts. Diese Hoteltester achten zum Beispiel darauf, wie lange der Room-Service benötigt, dem Gast die bestellte Flasche Wein sowie das Abendessen aufs Zimmer zu bringen. Oder wann das Housekeeping ein gewünschtes Zusatzkopfkissen abgibt. Es kommt nicht selten vor, dass Designhotels diese Dienste gar nicht anbieten. Sie haben weniger Personal als eine deutsche Jugendherberge. Dieses Personal steckt zwar in mehr oder minder hübschen Klamotten eines Designers, mit dem das Hotel kooperiert, und es weiß freundlich zu lächeln. Aber es weiß nicht, was Bedienen heißt. Bei Zimmerpreisen bis zu 500 Euro die Nacht hat das nichts Generöses. Es verärgert den Gast genauso wie die zehn Euro, die ihm pro Stunde für den Internet-Anschluss per Wireless LAN abgebucht werden – und das in Hotels, die sich auch (oder vornehmlich) an junge, globale Bürger richten, in deren Gepäck der Laptop genauso selbstverständlich ist wie die Zahnbürste.
Drittens erklären sie ihre vermeintliche Philosophie zum Dogma und entmündigen den Gast durch eine geplante und kontrollierte Veränderung seiner Hotelbedürfnisse. Zwei Jahrzehnte lang entstanden unterkühlte und, um es in der Kanzleisprache der Zeitgeistigen einmal zu sagen, hippe Hotels, die dem Gast oft das Gefühl vermittelten, einen begehbaren Gefrierschrank zu betreten und ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage nicht mehr lebensfähig zu sein. Partyräume mit Schlafmöglichkeit eben, in denen man keine Ansprüche an einen bequemen Sessel, ein bequemes Sofa, eine Leselampe, das Essen im Zimmer, den Schuhputzservice oder Ähnliches mehr haben durfte.
Matteo Thun sagt: Zitate aus dem Barock machen den Gast glücklich
Wie es in Zukunft weitergeht? Die Hoteliers und ihre Designer entdecken die neue Gemütlichkeit. Oft reicht es schon aus, dass irgendein Popstar es vormacht. Etwa Madonna durch ihren Umzug ins anheimelnde country house. Aber vielleicht war es Ian Schrager selbst, der mit seinen knapp 60 Lenzen ja auch kein Partykind mehr ist. Vielleicht kann er auf den Designerstühlchen einfach nicht mehr sitzen, Rückenprobleme, man kennt das. Jedenfalls sagte er in National Geographic, dass ihn ein Aufenthalt in einem seiner alten Hotels inzwischen langweile (»I would be bored to stay in some of my old hotels«). Sein gerade eröffnetes Gramercy Park Hotel in New York erklärt er deshalb als »Antithese zu hip«. Statt dreibeiniger Stühle und Linoleumböden gibt es dort tiefe Samtsofas, flauschige Kissen, venezianische Leuchten, Stuckwände und warme Farben wie Stierblutrot, die eher in der Tradition des Grandhotels stehen. Das Gramercy Park Hotel wurde nicht von Philippe Starck designt, und wer Ian Schrager heute auf den Franzosen anspricht, bekommt ein paar wortkarge Kommentare.
Matteo Thun, der als Architekt und Designer mit dem Vigilius Mountain Resort in Südtirol ein hervorragendes Hotel errichtet und gestaltet hat, möchte seine Projekte nicht (mehr) als Designhotels verstanden wissen. Das Mountain Resort ist die Inszenierung der Dolomiten, der Berge, der Bäume. Gebaut aus 300 Jahre alten Lärchen, liegt es wie ein lang gestreckter Ast auf dem Vigiljoch, 1500 Meter über der Stadt Meran. Neben warmen Hölzern und hellem Naturstein und Kuhfellen und Kamin erblickt das Auge schlichte Bänke aus drei Brettern sowie Stubentische und entsprechende Stühle – Archetypen, die Thun von den Bergbauern kopiert hat.
Vielleicht muss sich ein gut gestaltetes Haus gar nicht mit der Bezeichnung Design schmücken. »Ein Designhotel«, sagt Thun, »garantiert keine ästhetische und technische Dauerhaftigkeit.« Auch Thun greift der Gemütlichkeit willen auf klassische Elemente zurück. Für das Frankfurter Radisson SAS hat er eigenwillige Nachttischchen, in Gold mit Brokatbehang, kreiert. Er sagt: »Sie glauben nicht, wie viel Freude man den Menschen mit wenigen subtilen Zitaten aus der barocken Welt machen kann. Das Gute lässt sich schließlich nicht ausradieren.« Das neue Hotel bleibt das alte. Alles andere ist Marketing.
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- Datum 25.03.2008 - 04:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.10.2006 Nr. 43
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Mit dem Begriff Design kann man von jeher nur den Kaiser beeindrucken, der nach seinen neuen Kleidern verlangt. Design heißt letztendlich nichts anderes als entwerfen, gestalten und ist auch nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Es gehört dem Bereich der angewandten, d. h. zweckgebundenen Künste an. Und diesen Punkt haben viele Gestalter einfach vergessen bzw. nicht wahrhaben wollen. Sie dient einem Zweck und ist eben nicht zweckfrei. Das Hotel- oder sonstige Interieurs anmuten wie Rauminstallationen, mag da nicht überraschen.
Das ostasiatische Kargheit und Beschränkung ihren Reiz hat, bleibt für mich jedenfalls unbestritten. Aber sie lediglich zu kopieren, oder besser zu parodieren zeugt lediglich davon, dass man deren Philosophie nicht wirklich verstanden hat.
Das Bauhaus-Dogma von der Form, die der Funktion folgen muss ist so gesehen eine banale wie zeitlose Erkenntnis. Nicht umsonst wirken in Dessau und Weimar entworfene Alltagsgegenstände von Wagenfeld & Co. auch heute noch attraktiv, reizvoll, begehrenswert, eben zeitlos und über jedem Trend erhaben..
Das diese Entgleisung unseres Fin-de-ciècle nicht einzigartig ist, sondern immer wieder vorkommt, belegt auch die Tatsache, dass die Bauhausideen damals wie auch heute noch für Furore sorgen können. Ich erinnere hier nur an die gruseligen, geschmacklichen Verirrungen der 1950-er oder 70-er Jahre.
Zum Schluss sei noch anzumerken, dass sich heute jeder silbrig-assymetrische Gebrauchsartikel bei Tschibo, Lidl & Neckermann mit dem Etikett Design schmückt. Dies sollte ausreichen, um den Begriff entgültig zu stigmatisieren und in ins reich des Vergessens zu verbannen. Ihr Abgesangartikel tut sein Übriges. Man darf gespannt sein, was folgt.
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