Sebastian Hönicke ist 24 Jahre alt. Wenn der gelernte Einzelhandelskaufmann Bewerbungen schreibt, muss er eine ganze Seite einplanen, um die Stationen seines bisherigen Arbeitslebens aufzuzählen. Beinahe halbjährlich rutscht der junge Mann aus Ingersleben in Thüringen in die Arbeitslosigkeit – immer dann, »wenn mein Arbeitgeber keinen staatlichen Zuschuss mehr bekommt«. BILD

Hönicke hat verschiedene Praktika gemacht, bei einer Zeitarbeitsfirma unterschrieben, in Autohäusern der Landeshauptstadt Erfurt gejobbt, in einer Spedition in Bremen und in einem Getränkehandel im hessischen Bensheim. Ist der Job weg, muss Sebastian zurück in die elterliche Wohnung ziehen. Dann sucht er eine neue Stelle. An einen Arbeitgeber, der ihn länger beschäftigt, glaubt er »eigentlich kaum noch«.

Mit 16 Jahren zog Hönicke nach Hessen, um überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Flexibel war er auch bei der Arbeitssuche, jobbte für weniger als 600 Euro Monatslohn. »Genutzt hat es nichts.« Die 334 Euro Arbeitslosengeld reichen zum Leben, für den eigenen Kleinwagen und Bewerbungen, nicht für Hobbys oder eine Freundin. »Arm und ausgeschlossen« fühle er sich, sagt Hönicke.

Etwa jeder vierte Ostdeutsche lebt in ähnlichen Lebensumständen: berufsaktives Alter, einfache Facharbeiterausbildung, arbeitslos, schlechte Zukunftsaussichten. Bundesweit sind es acht Prozent der Bevölkerung. Das geht aus der noch unveröffentlichen Studie Gesellschaft im Reformprozess der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung hervor. Danach empfinden fast die Hälfte aller wahlberechtigten Bundesbürger ihr Leben als »ständigen Kampf«.

Experten sind kaum überrascht. Schon der CDU-Politiker Heiner Geißler entdeckte in den späten siebziger Jahren die »neue soziale Frage«. Im Jahr 2001 erschien dann der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, 2005 der zweite. Aus beiden Berichten ging hervor, dass sich Sozialhilfe- und Arbeitslosenkarrieren über beinahe drei Generationen verfestigt hatten – und die sozialen Probleme immer drängender geworden waren. Heute fürchten viele Menschen, selbst einen niedrigen Lebensstandard in Zukunft nicht halten zu können. Alleinerziehende tragen ein besonders hohes Armutsrisiko, zeigt die Grafik. Bitte klicken! BILD

Dass viele Menschen kommender Generationen gar nicht mehr den Mut haben, den sozialen Aufstieg überhaupt in Angriff zu nehmen, erschreckte schon vor Wochen den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Zu viele Menschen hätten in Deutschland keine Hoffnung mehr, reklamierte Beck in der Presse, und forderte mehr Fürsorge durch den Staat. Bereits in den Kindergärten müssten Sprachfähigkeit und Leistungswille gefördert werden, damit Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern die Chance und den Ehrgeiz hätten aufzusteigen. Fachleute halten es für vergleichsweise einfach, Kleinkinder etwa im Kindergarten in die Gesellschaft zu integrieren. Unklar ist die Wirkung frühkindlicher Förderung freilich, wenn sich zugleich nicht auch die Schulen und die Situation auf dem Arbeitsmarkt verändern. Gegenwärtig verlässt gut ein Zehntel der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss – und die Konkurrenz um knappe Lehrstellen führt dazu, dass immer mehr Schüler Abitur machen müssen, um überhaupt einen Ausbildungsplatz zu bekommen.

Die Agenda 2010 sollte die durch die anhaltende Massenarbeitslosigkeit wachsenden sozialen Probleme in Deutschland bekämpfen. »Fördern und Fordern« war auch das Ziel der von dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2004 in Gang gesetzten Arbeitsmarktreformen. Mit den nach seinem Erfinder Peter Hartz benannten Reformgesetzen versuchte die rot-grüne Regierung, den über Jahrzehnte gewachsenen sozialen Missständen zu begegnen. Klar ist inzwischen, dass das Zusammenlegen von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe zum Arbeitslosengeld II, bekannt unter dem Namen Hartz IV, die Lebensumstände eines Teils der sozial Schwachen verbessert hat – bei vielen anderen Arbeitslosen aber zu Verschlechterungen führte. Ehemalige Sozialhilfeempfänger kehrten in das Heer der Arbeitssuchenden zurück, während gerade die zuvor besser verdienenden Arbeitnehmer mit erheblichen Einbußen rechnen müssen. Arbeitslose rutschen nach einem Jahr ohne Beschäftigung in die gleiche Kategorie wie die ehemaligen Sozialhilfeempfänger – bei ihnen wächst die Angst vor dem sozialen Abstieg besonders stark. Arm und Reich in Deutschland: Wie das Vermögen verteilt ist, zeigt die Grafik. Bitte klicken! BILD