Armut "Investiert in die Kinder"

Im Kampf gegen die wachsende Armut braucht Deutschland mehr Fantasie und mehr Sympathie. Ein Gespräch mit dem Bochumer Gesellschaftsforscher Ernst-Ulrich Huster

DIE ZEIT: Hat Deutschland eine neue Unterschicht, wie derzeit behauptet wird?

Ernst-Ulrich Huster: Keine Plakatierungen, bitte. In der deutschen Geschichte hat es immer Gruppen von Menschen gegeben, die von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen waren – vor allem in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Für sie gibt es kaum ein Zurück.

ZEIT: Was hat sich tatsächlich verändert?

Huster: Seit den siebziger Jahren haben wir die Massenarbeitslosigkeit, verstärkt durch die deutsche Einheit. Daraus ist ein Überschuss von sieben bis acht Millionen Arbeitskräften geworden. Die schlechtesten Chancen haben dabei die Langzeitarbeitslosen mit geringer Bildung, die in schlechten Wohnverhältnissen leben und deren Gesundheit nachlässt. Und gerade dieses Segment verfestigt sich. Auch in anderen europäischen Ländern gehören sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung zu dieser Gruppe.

ZEIT: Wo genau sehen Sie diese Verfestigung?

Huster: Vor allem in Ostdeutschland. Wer da nicht weggegangen ist, wer da nicht rübergemacht hat, lebt mit einer Arbeitslosigkeit von oft 20 Prozent. Dazu kommen noch all die Unterbeschäftigten. Das ist in absehbarer Zeit nicht aufzubrechen. Hinzu kommt, und das sagt nicht nur die Pisa-Studie: Migranten der dritten Generation sind eher noch schlechter integriert als die erste Generation. Das Problem ist schwer zu lösen. Sie haben es ja oft mit erwachsenen Personen zu tun, deren fehlende Sozialisation man nicht beliebig nachholen kann. Hauptschulabbrecher ohne Chance auf eine Lehrstelle kann man eben nicht einfach auf den Zustand des Kindergartenneulings zurückschrauben, um es dann besser zu machen.

ZEIT: Die Friedrich-Ebert-Stiftung sagt, dass im Westen vier Prozent der Bevölkerung und im Osten 25 Prozent abgehängt wurden. Ein extremer Unterschied. Welche Hoffnung können Sie den 25 Prozent machen?

Huster: Erst einmal zeigt sich: Es hat wenig Sinn, Zahlen aus Ost und West zusammenzuziehen. Der Durchschnitt sagt nichts aus. Ostdeutschland dient noch immer vor allem als Absatzgebiet für die westdeutsche Wirtschaft. Es kann das notwendige Wirtschaftspotenzial nicht aufbauen, um Jobs zu schaffen – auch wenn sich im Handwerk oder im Handel die Lage zumindest stabilisiert hat. Das wird nicht besser dadurch, dass die neuen Bundesländer große Teile der Finanztransfers aus dem Westen für laufende Haushaltsausgaben verwenden, statt Infrastruktur im weitesten Sinne zu schaffen. Sie subventionieren damit bestimmte Lebenslagen, die einerseits ohne diese Unterstützung noch schlimmer würden, andererseits aber auch nicht besser werden.

ZEIT: Im Westen hingegen liegen die Zahlen im europäischen Durchschnitt.

Huster: Selbst in den reichen Gegenden Westeuropas teilt sich die Gesellschaft. Den wachsenden Wohlstand kann man mit immer weniger Arbeitsstunden erzeugen. Mithin mit weniger Menschen. Deshalb wird ausgewählt. In den sechziger Jahren konnten Jugendliche ohne Hauptschulabschluss eine Lehrstelle bekommen, um die sich heute Abiturienten streiten. Und selbst Hochqualifizierte müssen sich von Praktikantenstelle zu Praktikantenstelle bewegen. Städte wie Hamburg haben vieles versucht, damit bestimmte Stadtteile wieder Anschluss finden – oft vergebens. An der Ausgrenzung hat sich kaum etwas verändert.

ZEIT: In Deutschland ist die Zahl der Arbeitsstunden gesunken, aber sowohl in Skandinavien als auch in Großbritannien ist sie gestiegen. Ein Weniger an Beschäftigung ist also kein Muss.

Huster: Die Skandinavier zeigen, dass mehr öffentliche und öffentlich geförderte Beschäftigung den Menschen hilft. Im marktnäheren Großbritannien sind die Einkommen weit auseinander gegangen. Viele so genannte working poor arbeiten zwar, auch in mehreren Jobs, kommen aber kaum über die Armutsschwelle hinaus. Das sind also zwei verschiedene Modelle.

ZEIT: Trotzdem sind im Einzelfall erstaunliche Dinge zu entdecken. Dänemark etwa verzichtet auf einen nennenswerten Kündigungsschutz.

Huster: Bei internationalen Vergleichen finden Sie immer einzelne Instrumente, die erstaunlich wirken. Aber die darf man nicht einfach einzeln importieren. Nehmen Sie die Konsensdemokratie in den Niederlanden. Dort wird aus jedem eckigen ein runder Tisch. Da braucht man nicht so viele formale Schutzrechte wie bei uns. Die Dänen haben eine Vermittlung sehr nah am Wohnort, für die lokalen Arbeitsmärkte. Peter Hartz hat ja große Teile seines Konzepts aus Dänemark abgeschrieben – ohne zu bedenken, dass die Dänen abseits starrer Regeln sehr stark auf das jeweilige Ergebnis ausgerichtet sind, während bei uns erst einmal nach der Zuständigkeit gefragt wird.

ZEIT: Die Deutschen haben versucht, von beiden Modellen zu lernen, und haben bisher – trotz der leichten Wende am Arbeitsmarkt – keinen Durchbruch erzielt. Warum?

Huster: Das hat verschiedene Gründe. Zum einen transferiert das Land einen beachtlichen Anteil der Wirtschaftsleistung jedes Jahr nach Ostdeutschland, obwohl die positiven Effekte dort relativ gering sind. Zum anderen betreiben Unternehmer wie Gewerkschaften die Verbesserung des Lebensstandards vor allem über die steigende Produktivität. Deshalb ist Deutschland Exportweltmeister. Doch ist dadurch auch die Zahl der Erwerbstätigen gesunken – und die finanzieren über die Lohnnebenkosten den Sozialstaat mit. Die verbliebenen Arbeitskräfte mussten also umso mehr bezahlen. Also blieb Arbeit teuer, und ergo wurde noch mehr rationalisiert. Um dieser Spirale zu entrinnen, muss Arbeit billiger werden, indem die Lohnnebenkosten sinken und die Verbrauchsteuern dafür steigen.

ZEIT: Die Große Koalition erhebt drei Prozent mehr Mehrwertsteuer – und steckt den größten Teil davon schlicht in den Haushalt.

Huster: Ein Fehler. Ein weiterer: Eine solche Zusatzbelastung für die normalen Arbeitnehmer kann nicht parallel laufen zu einer permanenten Entlastung der Besserverdienenden, wie die Politik sie betreibt. Etwa bei der Unternehmenssteuer, deren faktische Belastung im internationalen Vergleich schon relativ gering ist.

ZEIT: Hilft Hartz IV den Abgehängten, oder verfestigt es ihre Lage?

Huster: Zunächst: Es war richtig, die Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe zu verbinden, über Fallmanager, über Eingliederungsvereinbarungen. Diese Einrichtungen wurden aus Dänemark übernommen, und dort funktionieren sie. Doch bei uns wollte man zu viel. Schon vor Hartz hatten lokale Sozialämter und Arbeitsämter zusammengearbeitet. Statt diese Versuche auszubauen, schuf man eine flächendeckende Regelung mit viel zu hohem Anspruch. Die Kosten waren hoch, die Wirkungen gering. Also wurde zweimal in kürzester Zeit novelliert, und jetzt soll noch einmal justiert werden. Das ist alles nicht sinnvoll.

ZEIT: Die Idee ist gut, die Ausführung zu anspruchsvoll und zu schematisch. Passt ins Muster hiesiger Reformpolitik.

Huster: An mehreren Stellen wurde zu schematisch vorgegangen. Die Zuverdienstmöglichkeiten sind oft zu gering. Und wichtige Tatbestände wurden nicht angemessen berücksichtigt. Die Schultüte für den ersten Schultag? Schulbücher? Ausflüge? Wie ist es überhaupt mit Investitionen für und in Kinder? Während Mittelschichtseltern ihre Kinder unter atemberaubendem Stress von einer Hopserei zur nächsten karren, nehmen arme Kinder an all dem kaum teil. Den Eltern fehlt schlicht das Geld. Gerade bei den Kleinkindern muss man investieren, da war der Gesetzgeber viel zu rigide. Das größte Problem bleiben aber die fehlenden sieben bis acht Millionen Jobs.

ZEIT: Sie klingen so, als ob die Arbeitsmenge am Markt fix wäre.

Huster: Nein, aber erst einmal arbeiten wir alle einfach mehr. Beim Online-Banking oder im Supermarkt. Die Rationalisierung ist überall. Wir brauchen mehr öffentliche Arbeit. Denn etwa in der Pflege oder in der Familienversorgung bleibt ja vieles liegen. Das muss man organisieren.

ZEIT: Wie? ABM hatten wir schon genug.

Huster: Wir haben ja die Ein-Euro-Jobs. Deren Evaluation warte ich ab. Nichts ist schlimmer, als schnell was Neues zu machen, bevor das Bestehende ausgeleuchtet wurde. Das gilt für die Politik, aber auch für die Wohlfahrtsverbände. Sie sind in diese Bewertung eingebunden – und sollen erst mal abwarten, was dabei herauskommt.

ZEIT: Können Kombilöhne den Menschen aus der Arbeitslosigkeit oder aus öffentlicher Arbeit in den Markt befördern?

Huster: Der Kombilohn hat sich als uneffektiv erwiesen. Mir leuchten soziale Betriebe, wie sie in Niedersachsen gegründet wurden, viel mehr ein. Da wurden Langfristarbeitslose dauerhaft eingestellt – und hatten dann eine gute Vermittlungschance.

ZEIT: Die Dienstleistungen, die Ihnen vorschweben, bedeuten de facto einen Niedriglohnsektor.

Huster: Erst einmal: Es ist schon atemberaubend, wie sich der Wohlstand am oberen Ende vergrößert. Über drei Millionen Haushalte haben heute mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Einkommens. Ein Prozent Wachstum bedeutet mehr als 20 Milliarden Euro mehr Wohlstand. Und der geht nach oben! Man muss überlegen, dort die Steuersätze zu erhöhen und für mehr Steuerehrlichkeit zu sorgen. Andererseits brauchen wir günstige Löhne, allerdings oberhalb der Existenzsicherung. In den sechziger Jahren hat man im Tarif immer wieder untere Lohngruppen abgeschafft, damals ging das, heute brauchen wir sie möglicherweise wieder. Zumindest in Ostdeutschland gibt es sie de facto schon. Man kann daran aber auch sehen: Niedrige Löhne alleine schaffen nicht mehr Beschäftigung!

ZEIT: Was gehört noch zu einer sinnvollen Armutsbekämpfung?

Huster: Am unteren Ende verfestigt sich eine Lebenslage, bei der nicht bloß die materiellen Güter fehlen, sondern alle Perspektiven: in der Bildung, beim Wohnen, in der Freizeitgestaltung. Da ist mehr Kreativität gefragt. Wenn nichts geschieht, hat das enorme Konsequenzen. In Mecklenburg-Vorpommern haben 50 Prozent nicht gewählt – ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, die sich extreme Parteien zunutze machen können.

ZEIT: Warum haben gerade Kinder aus armen Familien in Deutschland so wenig Chancen?

Huster: Die Grundschule, wo viele schon hängen bleiben, ist unterfinanziert. Und die Hauptschule ist zur Restschule verkommen. Bildung zu Hause produziert mehr Bildung und umgekehrt. Wer den Absprung nicht schafft, kommt auf die Billigschiene. Da wird viel Ausgrenzung produziert.

ZEIT: Eine weitere neue Studie sagt: Deutschland gibt im internationalen Vergleich viel für soziale Zwecke aus und richtet damit wenig aus. Warum?

Huster: Beispiel Gesundheit: Wir geben mehr dafür aus als Frankreich und bekommen weniger. Pharmafirmen können bei uns Medikamente bis zu 50 Prozent teurer verkaufen als in Frankreich oder Italien. Das geht doch nicht! Allgemein hat die Bundesrepublik versucht, mit der Sozialpolitik die Lebensstandards zu erhalten. Wer mehr verdient, soll danach auch mehr bekommen. Nun ist aber insgesamt das Niveau ins Rutschen gekommen.

ZEIT: Die Altersarmut ist immerhin weitgehend verschwunden.

Huster: Richtig, man soll nicht alles schlechtreden. Aber beim Alter haben wir nun zu wenig Geld für ein System zur Mindestsicherung. Zwar hat Deutschland die Sozialhilfe für alte Menschen verbessert. Aber uns fehlt eine Lösung wie in den Niederlanden. Dort bekommt jeder, der sich 50 Jahre lang im Land aufgehalten hat, eine Mindestrente, die über der Sozialhilfe liegt. Mit dieser Perspektive kann man viel leichter eine Teilzeitarbeit oder Leiharbeit annehmen. Dann kann ich mich anpassen, kann womöglich noch ehrenamtlich arbeiten – ohne im Alter dafür Armut erwarten zu müssen.

ZEIT: Das kostet Geld, das der Staat nicht hat.

Huster: Immerhin arbeiten wir 14 Minuten jeder Stunde nur für Alter und Gesundheit, hinzu kommen die Leistungen für Ehe und Familie. Die Frage ist nur, ob das Geld richtig ausgegeben wird. Könnte man nicht die Milliarden für die Subvention der Ehe nehmen und damit Familien fördern? Denn heute sind Ehe und Familie wahrlich nicht mehr identisch. Umverteilung innerhalb der System ist also durchaus möglich.

ZEIT: Welches ist der wichtigste Hebel, um die Verfestigung der Unterschicht zu bekämpfen?

Huster: Das Prinzip von Fördern und Fordern ist richtig. Aber die Förderung muss wirklich stattfinden. Und das Fordern muss den Menschen eine zweite Chance geben, flexibel im Einzelfall sein. Es ist ganz wichtig, die Menschen nicht nur zu bestrafen und abzuschreiben. Auf Arbeitsämtern genauso wie in der Integrationspolitik.

Ernst-Ulrich Huster (61) aus Bochum legt Wert darauf, nicht nur Armutsforscher zu sein. Die Sozialpolitik ist insgesamt sein Thema. Als einer der ersten untersuchte er vor zehn Jahren auch schon die andere Seite: Den "Reichtum in Deutschland"

Das Gespräch führte Uwe Jean Heuser

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Leser-Kommentare
  1. Hochgebildete für das Erziehen ihrer eigenen Kinder zu bezahlen ist eine tolle, logische Idee, aber leider wohl zu futuristisch für viele. Sowas ähnliches wird kommen, aber nur stark verschleiert und verdreht, damit niemand sagen kann, wir wär'n hier ja nicht in China oder der DDR oder ...
    Das grösste Hindernis für diesen Vorschlag sind eben nebulöse Assoziationen, die beim genaueren Hinsehen Quatsch sind.

  2. Selbverständlich ist BIldung (als einziger "Rohstoff") für die Zukunft eines HOchlohn-Industrielands entscheidend.

    Lassen Sie sich nicht verwirren. Es stecken wieder mal demographische Effekte dahinter. Derzeit stehen die geburtenstarken Babyboomer voll im Saft (35-40 Jahre, die Zeit , in der ein Arbeitnehmer am produktivsten ist: schon berufserfahren, aber das Wissen ist noch nicht veraltet und der Körper noch voll leistungsfähig). Die große Pensionierungswelle dagegen steht erst noch ins Haus (geburtenstarke Jahrgänge gehen ab 2010 verstärkt in Rente). Die derzeitigen Renteneinsteiger sind außerdem durch Vorruhestandsregeleungen schon "ausgedünnt".

    Folge: es werden relativ wenig Arbeitsplätze frei, und die Unternehmen haben wenig Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften. Das ist aber ein vorübergehender Effekt, der sich in einigen Jahren umkehren wird.

    Was Herr Huster von sich gibt, ist so ziemlich Mainstream-Denken unserer Soziologen - leider.
    Noch immer wird dort die Demographie, das eigentliche Menetekel, völlig ausgeblendet.

    Vergleiche mit den 60er Jahren sind kaum sinnvoll zu ziehen. Damals war ein großer Teil der Bevölkerung ungelernt oder hatte "nur" Hauptschulabschluß. Dafür fanden sich in diesem Personenkreis auch ziemlich viele durchaus intelligente und leistungswillige Leute, die halt nie eine Chance bekommen hatten, mehr aus sich zu machen. In Bayern, wo 40% eines Jahrgangs die Hautschule absolvieren, ist dieser Abschluß auch heute noch etwas wert. Wo es aber nur 10% sind, da MUSS er zum Restschulabschluß verkommen. Die Leute, die früher gerade die VOlksschule geschafft hätten, kriegen heute in einigen BUndesländern ein mäßiges Abitur hin. Folgerichtig kloppen sich jetzt Abiturienten um Lehrstellen. Dieses Abitur ist nur leider kein Nachweis höherer Bildung mehr.

    Derweil ist ein guter Teil der heute fehlenden Arbeitsplätze der fehlenden Nachfrage von Millionen Familien geschuldet, die - gerade in den zahlungskräftigen MIttelschichten - auf Kinder verzichtet haben. Die sog. Unterschicht hingegen hat nicht nur pro Frau 50% mehr Kinder, sondern bekommt diese auch noch wesentlich schneller (Geburtsalter der Kinder im Schnitt 22, bei Akademikerinnen inzwischen um die 33).

    Das scheinbar leuchtende Beispiel Frankreich übrigens verliert vor diesem Hintergrund schnell an Glanz. Es ist dort verboten, Daten nach ethnischer Zugehörigkeit zu erheben. ALle verfügbaren Informationen deuten aber darauf hin, daß die Geburtenrate in den Mittelschichten zwar etwas höher ist als bei uns, aber nicht entscheidend. Der französische Kindersegen kommt aus den Unterschichten, insb. den Einwanderern, denn letztlich wird auch dort Familienförderung auf diese Schichten konzentriert (sie haben z.B. ein "Erziehungsgehalt", das hauptsächlcih für diese Gruppen attraktiv ist).

    So wächst denn die Zahl derer, die nicht oder nur mit unglaublichem Aufwand und in bescheidenem Umfang bildungsfähig sind, von Jahr zu jahr. Damit explodieren die Kosten, sinkt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, sinkt die Inlandsnachfrage. Der drohende wirtschaftliche Niedergang kann leicht dazu führen, daß auch für gut QUalifizierte in Deutschland weiter zu wenig Arbeitsplätze existieren werden und die Betreffenden aus dem Land flüchten werden, wie heute aus den neuen Bundesländern. Ich sehe katastrophale Zustände voraus. Nicht morgen, aber in etwa 25 Jahren.

    Und die Ursachen sind demographische: schon längst hätte man beginnen müssen, in den Mittelschichten wirksame ANreize zum Kinderkriegen zu etablieren (dh. vor allem: Kinderlosigkeit teuer zu machen!) und in den Unterschichten solche abzubauen. Leider wirken solche Maßnahmen erst mit 20 Jahren Verzögerung.

  3. 4. \N

    Ja in Bildung investiren bringt ja so viel wenn dann bei der Uni wieder eine solide Geldschwelle mit sutdiengebüren aufgebaut wird. Wie Familien die fast nicht genug zum leben haben auf die aussage reagiren ihr Kind könnte ja auf kredit studiren den es ja später abzahlen kann wenn es einen Job hat, kann mna sich woohl vorstellen. Wer dann kenen job findet ist dann noch ärmer dran als zufor.

  4. Stimme Ihnen zu, dass die beschriebenen Probleme sehr stark demographisch bedingt sind.

    Für einen ausreichenden Nachwuchs zu sorgen, ist gesamtgesellschaftlich eine Kollektivaufgabe, ähnlich wie für den Schutz auf unseren Straßen oder die Bildung unserer Kinder zu sorgen. Leider hat man das allgemein noch nicht verstanden. Wenn man es verstanden hätte, würde man sofort zum Ergebnis kommen: Jeder muss sich daran beteiligen, entweder real (durch Aufziehen eigener Kinder) oder mit Geld. Aktuell kann man aber kinderlos bleiben ohne irgendwelche Nachteile zu haben. Dann könnte man auch die Zahlung von Steuern freiwillig machen. Eine Kollektivaufgaben kann auf diese Weise prinzipiell nicht erfüllt werden. Deshalb bin ich der Meinung, dass Kinderlose gemäß dem deutschen Unterhaltsrecht eine Art Patenschaftsteuer für ein Kind pro Person abführen sollten.

    Allerdings bin ich umgekehrt der Auffassung, dass die weibliche Emanzipation den eigentlichen Familienmechanismus zerstört hat. Vorher gingen die Männer zur Arbeit und den Frauen kam praktisch durch Rollenvorgabe die reproduktive Aufgabe zu. Frauen sahen es als ihren Lebenssinn an, einen wohlgeratenen Nachwuchs großzuziehen, aus dem mal was wird. Dadurch waren die Aufgaben Produktion und Reproduktion gleichgewichtig und es wurden auch und gerade in gebildeten Schichten viele Kinder geboren und aufgezogen. Der Nachteil allerdings: Die Frauen blieben dadurch ökonomisch abhängig von den Männern.

    Nun können auch Frauen jeden Job der Welt ergreifen. Dies macht die kostenlos zu erbringende und mit hohen Kosten und viel Zeit verbundene Familienarbeit gerade für potenziell erfolgreiche Frauen (und Männer) unattraktiv. Unter den Bedingungen der Gleichberechtigung der Geschlechter kann das prinzipiell nicht mehr funktionieren. Das Aufziehen von Nachwuchs wird dadurch mehr und mehr in sozial schwache und bildungsferne Schichten abgeschoben, die Reproduktionsarbeit immer mehr entwertet. Wir züchten auf diese Weise letztendlich unsere eigene "Unterschicht". Ja selbst das Grundprinzip der Evolution wird von uns dabei auf den Kopf gestellt. Unsere Gesellschaft belohnt "Erfolgslosigkeit" mit Reproduktion und bestraft z. B. Bildungserfolg.

    Finanzielle Anreize, steuerliche Erleichterungen, Verbesserungen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden da nicht weiterhelfen. Dies sind Maßnahmen, die nichts an der Familienstruktur ändern wollen, obwohl die Gleichberechtigung diese in ihrer Grundfunktion aufgehoben hat. Schon der 7. Familienbericht der Bundesregierung stellt klar heraus, dass der Kindermangel in Deutschland auf den Rückgang von Familien mit 3 oder mehr Kindern zurückzuführen ist und nicht auf die gestiegene Kinderlosigkeit. Eine gebildete Frau zu 3 oder mehr Kindern zu bewegen, ist aber heute so gut wie unmöglich. Ein beruflich erfolgreicher Mann wird sich das wegen den Scheidungsgesetzen auch nicht mehr antun. Ich bin davon überzeugt, dass man nur dann wieder eine ausreichende Anzahl sozialisatorisch erfolgreicher Großfamilien bekommt, wenn man unter bestimmten Voraussetzungen Familienarbeit mit eigenen Kindern zum Beruf machen kann ("Familienmanagerin"). Die Finanzierung könnte über die obige "Patenschaftssteuer" erfolgen. Die Vorstellung, dass unter Gleichberechtigungsbedingungen alle Menschen irgendwie Kinder großziehen, halte ich für anachronistisch, das beruht auf dem Familienmodell vor Gleichberechtigung der Geschlechter. Nun wird Familienarbeit mehr und mehr zu einer Spezialaufgabe innerhalb der arbeitsteiligen Welt. Sie muss dann - bei entsprechend nachgewiesenen Qualifikationen - aber auch bezahlt werden. Natürlich können daneben auch andere Paare noch Kinder in die Welt setzen und (größtenteils auf eigene Rechnung) aufziehen. Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass mit solchen Familien allein jemals bestandserhaltende Fertilitätsraten in Ländern unseres Typs erreicht werden können.

    Als die Männer zu Beginn der Industrialisierung "aus dem Haus gejagt" wurden, konnten sie ihre Kollektivaufgaben (z. B. Sicherheit/Schutz) nicht mehr gewährleisten. Diese wurden dann an neue Berufe (Sheriff/Polizei) abgetreten. Die Gleichberechtigung der Geschlechter hat diesen Prozess nun für die Frauen wiederholt. Leider hat man komplett vergessen, gesellschaftliche Organisationsänderungen für die weiblichen Kollektivaufgaben vorzunehmen. Dies rächt sich jetzt. Unsere Gesellschaft ist dabei, sich selbst zu zerstören, wenn nicht bald ein Umdenken beginnt.

  5. Diese Punkte werden eigentlich alle in meinen Büchern beantwortet. Allerdings sind das ja nur Vorschläge von mir, das müssten ja zunächst einmal konkrete Projekte näher spezifizieren.

    Also nach meinem Modell wird eine Familienmanagerin für 20 Jahre bezahlt. Während dieser Zeit gibt es regelmäßige Weiterbildungsmaßnahmen. Auch werden diese Personen die übliche Hausarbeit sehr schnell an Dritte auslagern und sich auf das Wesentliche (Erziehung) konzentrieren. Manche werden mit eigenen Projekten beginnen, wie gemeinsame Kindergärten, Bauvorhaben, Malschulen etc.. Es handelt sich folglich um qualifizierte Tätigkeiten, die "interessanten" Jobs in der Wirtschaft oder einem Lehrerberuf in keiner Weise nachstehen.

    Nach den 20 Jahren erhalten sie eine Übernahmegarantie in andere Berufe. Sie können dann entweder als Springerin für andere Familienmanagerinnen (Krankheitsfall etc.) arbeiten, weitere Kinder adoptieren und Familienmanagerin bleiben, Lehrerin, Kindergärtnerin, Tagesmutter oder was auch immer werden, Managerin bzw. Ausbilderin von Familienmanagerinnen sein, in andere Jobs im öffentlichen Dienst oder in die Wirtschaft wechseln. Letztere werden vereinzelt die Familienmanager-Initiative unterstützen und die dürfen dann auch damit werben.

    Man darf nicht vergessen: Eine Familienmanagerin ist eine qualifizierte Person, die einen qualifizierten Job ausführt, ihren Kindern den 3-Satz erklären kann, eben das, was in der Vorwerk-Reklame gezeigt wird, und damit handelt es sich hier nicht um Fehlausbildungen. Sie dequalifiziert nicht in ihrem Job. Sie hat einen echten Beruf!

    In meinem Buch "Die Familienmanagerin" wird darüber hinaus gezeigt, dass die gesellschaftliche Reproduktion für die Deutschland AG das ist, was für ein Pharmaunternehmen Pfizer die Forschung und Entwicklung (=Medikamentenreproduktion) ist. Unternehmen stecken aber die klügsten Köpfe (und Milliarden-Investitionen) in ihre Reproduktion, wir eher die dümmsten. Pharmakonzerne denken im Rahmen ihrer Reproduktion 20-30 Jahre im Voraus, die Deutschland AG meist nur bis zur nächsten Wahl.

    Aus Sicht von Siemens ist es natürlich günstig, wenn eine akademisch ausgebildete Frau sich ganz den Interessen des globalen Unternehmens Siemens (welches nichts mit Deutschland zu tun hat) widmet, tatsächlich geschieht aber dabei eine Plünderung unseres Humanvermögens. Aus Sicht der Deutschland AG ist es dagegen viel wichtiger, dass ein erheblicher Anteil hochqualifizierter Menschen für die Reproduktion reserviert bleibt. Das haben Politik, Wissenschaft und Medien leider bislang noch nicht verstanden, deshalb kommt es zu diesen Diskussionen. Reproduktion ist langfristig viel wichtiger als Produktion, das lernt jedes Unternehmen, was im Wettbewerb steht. Und seit der Globalisierung steht Deutschland im Wettbewerb. Globale Unternehmen können es sich jetzt aussuchen, wo sie motivierte und qualifizierte Mitarbeiter finden und Standorte ansiedeln.

    Deshalb nochmals: Eine hochqualifizierte Frau, die sich entscheidet, 5 - 7 Kinder großzuziehen, entwertet ihre Ausbildung nicht. Im Gegenteil: Sie entwertet ihr Humankapital viel stärker, wenn sie stattdessen Abteilungsleiterin bei Siemens wird. Denn im ersten Fall multipliziert sie ihr Humanvermögen mit 5 bis 7, im zweiten Fall verbraucht sie es.

  6. Einerseits stellen Sie das Richtige fest, andererseits folgern sie das Falsche daraus:

    1. Es geht gar nicht darum, eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin zu Kindern zu überzeugen. Wenn sie leidenschaftlich an einer Sache forscht, wird sie sich überhaupt nicht durch Kinder ablenken wollen. Für sie träfe das normale Modell zu: Sie hat einen Beruf, will vielleicht ein oder 2 Kinder, und diese Kinder kann sie tagsüber von anderen betreuen lassen (sofern nicht eins der Kinder behindert oder chronisch krank ist, dann kann sie nämlich ihren Job an den Nagel hängen).
    2. Es wird mittlerweile für Erzieherinnen eine akademische Ausbildung gefordert. Wird der Staat in Zukunft akademisch ausgebildete Männer und Frauen dafür gewinnen können, gegen Geld fremde Kinder zu betreuen und auszubilden? Natürlich, wenn die Angebote ausreichend attraktiv sind.
    Könnte der Staat akademisch ausgebildete Männer und Frauen dafür gewinnen, ihre eigenen Kinder gegen Geld aufzuziehen? Aber Hallo! Wenn die Angebote ausreichend attraktiv sind. Ich kenne zig Frauen, die würden das viel lieber machen, als irgendwo einen langweiligen Abteilungsleiter-Job auszufüllen. Die Eva-Herman-Diskussion hat das klar zum Vorschein gebracht. Das Problem dieser Frauen ist lediglich: Sie haben in BRD keine Stimme, wortreiche Feministinnen quatschen sie regelmäßig tot.

    Sie schreiben es doch selbst: In der "Unterschicht" werden unter anderem deshalb mehr Kinder geboren, weil Kinder dort einen Einkommensnutzen haben können. Das ist die eigentliche Stellschraube. In der Literatur werden Kinder fast ausschließlich von der Kostenseite her betrachtet. In meinem Buch - welches m. E. den umfangreichsten Überblick zur Kosten/Nutzen-Problematik aller verfügbaren Bücher liefert - wird aber eindeutig abgeleitet: Es werden vor allem deshalb kaum Kinder in die Welt gesetzt, weil Kinder keinerlei ökonomischen Nutzen mehr haben. Den Konsumnutzen (Knudelnutzen) hat man auch schon mit 1 - 2 Kindern oder ggf. sogar mit einem Hund.

    Ich muss gestehen, dass ich langsam ziemlich verzweifelt bin. Ich habe einen Vorschlag publiziert, welcher m. E. die erste neue Idee im Rahmen der demographischen Krise seit mindestens 20 Jahren darstellt und welcher m. E. das Problem auf gesicherte Weise löst. Erst habe ich den als Idee publiziert, nun in einem zweiten Buch regelrecht wissenschaftlich.

    Auf amazon äußert sich Herr rijukan sehr positiv zu "Schrumpfende Gesellschaft" von Kaufmann. Auch ich halte das für ein Standardwerk zum Thema. Kaufmann kritisiert darin sogar einige Bestseller wie die von Schirrmacher oder Albrecht Müller. Überhaupt sind alle Bücher von Kaufmann zum Thema sehr lesenswert, auch seine älteren Abhandlungen sehr weitsichtig. Erschreckend, wie so etwas überhört werden konnte.

    Genau von diesem Autor befindet sich aber auf meinem Buch eine Empfehlung, die u. a. besagt, dass "der konsequente Vorschlag aber eine bisher kaum bedachte Dimension in der Diskussion um die prekäre Nachwuchssicherung an"spricht.

    Wie macht man sich mit einem solchen Vorschlag bemerkbar? In jedem größeren Unternehmen gibt es eine Stelle, wo man Verbesserungsvorschläge einreichen kann. Ich schreibe in meiner Verzweifelung wissenschaftliche Bücher, die ich anschließend auch noch irgendwelchen Wissenschaftlern, Redaktionen oder Politikern kostenfrei zuschicke. Ich bin sicher, in 99% der Fälle landet das gleich im Papierkorb, da Autor nicht bekannt (trotz Empfehlung von Kaufmann). Ich habe bislang noch von keinem Hochschulprofessor eine Stellungnahme erhalten, die auch nur irgendeinen nennenswerten Einwand erhalten hat. Einwände kommen meist in Foren von Leuten, die urteilen, bevor sie gelesen und verstanden haben, was eigentlich gemeint ist, und die nicht erkennen, wie abschließend das Thema in den Büchern bereits abgehandelt wird. Im Prinzip antworte ich in Foren ja immer wieder auf Punkte, die in den Büchern seitenweise abgehandelt werden.

    Es gibt aber keine öffentliche Diskussion darüber. Ich habe mittlerweile den Eindruck, dass wir in Deutschland noch viel gravierendere Probleme haben, als nur den Mangel an qualifiziertem Nachwuchs.

  7. Das wohl des Einzelnen in einer funktionierenden Gesellschaft - nur so bzw. dort ist dieses ja möglich! Danke jedenfalls dass Sie, kb...., hier noch auf einen unterbelichteten Aspekt dieses Problems hinweisen, auch weil mein Beitrag dazu hier ja leider gelöscht worden ist. Dabei hatte ich ja, sicher, hierzu "nur" mal ein paar konkretere Diskussionsvorschläge gemacht. Aber gut, soweit sind wir in diesem Lande noch nicht, immerhin wird nun aber öffentlich zugegeben, dass Kinder für Eltern – und Gesellschaft - nicht immer das große Glück sind, sag ich mal – man nimmt die Probleme, einen großen Teil davon - angesichts von zwei tödliche misshandelten Kindern pro Woche, erst mal wahr.
    Und genau die moderne Verhütung, das ist wahr, ist es, die hier den entscheidenden Unterschied macht. Die heutigen Systeme sind ja in einer Zeit konstruiert worden, wo ein Kind eben die kaum oder unvermeidbare Folge einer Paarung war, und wegen der Paarung allein wollte und konnte man keinen so einfach in die volle Haftung nehmen, die Freiheit zur Paarung, ja diese wollte man schon jedem gleichermaßen gönnen - denn diese ist in aller Regel eben schön. Deshalb war dann, bei den Folgen, die Solidarität angesagt und im Kern m.E. schon auch sinnvoll, (wenngleich es hier wohl auch damals schon ein paar fragwürdige „Mitschwimmer“ gab).
    Das Wichtigste ist hier und heute sicher die Abkehr von der Förderung mit der Gieskanne als auch die soziale (und manchmal auch gesundheitliche) Grund-Konsolidierung aller, oder von möglichst vielen Konsolidierungswilligen und –fähigen (fertilen) Problembürgern. Wer aber manche Problem-Paare und -Frauen sich so betrachtet, der muss sich schon fragen, ob der fehlende Anreiz, die fehlende Absicherung der Kinder dann z.B. auch, hier zureicht, absehbare „Problemkinder“ und größere Elternkonflikte zu verhindern – oder ob diese Familien, Frauen und Kinder dann nicht noch mehr in die Bredouille kommen.
    Beim heutigen Verfahren steht hier und heute weder das Wohl dieser Kinder im Vordergrund - sondern die Freiheit der Eltern – noch das dauerhafte Wohl der Gesellschaft, die durch Belastungen dieser Art nicht unbedingt zusammengehalten wird, sag ich mal.

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