DIE ZEIT: Hat Deutschland eine neue Unterschicht, wie derzeit behauptet wird? BILD

Ernst-Ulrich Huster: Keine Plakatierungen, bitte. In der deutschen Geschichte hat es immer Gruppen von Menschen gegeben, die von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen waren – vor allem in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Für sie gibt es kaum ein Zurück.

ZEIT: Was hat sich tatsächlich verändert?

Huster: Seit den siebziger Jahren haben wir die Massenarbeitslosigkeit, verstärkt durch die deutsche Einheit. Daraus ist ein Überschuss von sieben bis acht Millionen Arbeitskräften geworden. Die schlechtesten Chancen haben dabei die Langzeitarbeitslosen mit geringer Bildung, die in schlechten Wohnverhältnissen leben und deren Gesundheit nachlässt. Und gerade dieses Segment verfestigt sich. Auch in anderen europäischen Ländern gehören sieben bis zehn Prozent der Bevölkerung zu dieser Gruppe.

ZEIT: Wo genau sehen Sie diese Verfestigung?

Huster: Vor allem in Ostdeutschland. Wer da nicht weggegangen ist, wer da nicht rübergemacht hat, lebt mit einer Arbeitslosigkeit von oft 20 Prozent. Dazu kommen noch all die Unterbeschäftigten. Das ist in absehbarer Zeit nicht aufzubrechen. Hinzu kommt, und das sagt nicht nur die Pisa-Studie: Migranten der dritten Generation sind eher noch schlechter integriert als die erste Generation. Das Problem ist schwer zu lösen. Sie haben es ja oft mit erwachsenen Personen zu tun, deren fehlende Sozialisation man nicht beliebig nachholen kann. Hauptschulabbrecher ohne Chance auf eine Lehrstelle kann man eben nicht einfach auf den Zustand des Kindergartenneulings zurückschrauben, um es dann besser zu machen.

ZEIT: Die Friedrich-Ebert-Stiftung sagt, dass im Westen vier Prozent der Bevölkerung und im Osten 25 Prozent abgehängt wurden. Ein extremer Unterschied. Welche Hoffnung können Sie den 25 Prozent machen?