Erziehung Manchmal hilft nur Zwang
Wann muss der Staat in die Erziehung der Kinder eingreifen? Warum tun sich die behördlichen Helfer bei Problemfamilien so schwer? Fragen an den Bielefelder Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann
DIE ZEIT: Professor Hurrelmann, was war Ihr erster Gedanke, als Sie von Kevins Tod hörten?
Klaus Hurrelmann: Es ist schon auffällig, dass Kevin und seine Familie den Behörden wohlbekannt waren, das kommt so deutlich selten vor. Eher befindet sich ein gefährdetes Kind unterhalb des Behördenradars, wie Jessica in Hamburg. In Kevins Fall waren alle Alarmsignale erkannt. Das Hilfesystem hat im Prinzip gut funktioniert – aber dann hat irgendwer auf fatale Weise falsch entschieden.
ZEIT: Ist das Hilfesystem wirklich so gut? 1991 wurde das Kinder- und Jugendhilferecht reformiert. Man setzt jetzt auf Mitwirkung der Eltern, bei denen Probleme auftreten, auf Freiwilligkeit. Es ist heute ein langer Weg, bis ein Kind aus einer Familie genommen werden kann – ist es ein zu langer?
Hurrelmann: Mit der Reform sollte das Jugendhilferecht endlich aufhören, Instrument staatlicher Gängelung zu sein, und die Lebensentwürfe der Eltern wie der Kinder ernst nehmen.
ZEIT: »Augenhöhe« zwischen erziehungsunfähigen Eltern und den Behörden, die in letzter Konsequenz Kindern wie Kevin das Leben retten müssen – ist diese Idee nicht naiv?
Hurrelmann: Ich fürchte, wir haben bei der notwendigen Modernisierung der sozialen Dienste übersehen, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die weder demokratiefähig sind noch in der Lage, ihr Leben selbst zu organisieren. Die kommen mit sich selbst in keiner Weise klar, geschweige denn mit einem Kind, das versorgt werden muss und Forderungen stellt. Und die Netzwerke, die früher vielleicht helfen konnten – Großeltern, Onkel, Tanten, Nachbarn – existieren praktisch nicht mehr. Wenn der Staat seine Fürsorgepflicht wahrnehmen will, muss er direkt in private Lebensverhältnisse eingreifen.
ZEIT: Es scheint, als ob die Zahl dramatischer Fälle zunähme, auch ihre Grausamkeit.
Hurrelmann: Statistisch lässt sich eine Zunahme von Kindesmisshandlung und -verwahrlosung nicht nachweisen. Andererseits bin ich überzeugt, dass die »gefühlte« Steigerung ihre Gründe hat. Die Häufung schlimmer Fälle in den vergangenen Jahren zeigt eine qualitative Veränderung an.
ZEIT: Von wie vielen Kindern reden wir?
Hurrelmann: Etwa ein Prozent der Eltern sind sozial völlig aus dem Ruder gelaufen, alkoholkrank, drogenabhängig, psychisch schwerst defizitär – das sind die, über deren Kindern täglich eine Katastrophe hängt. Bei rund 800000 Kindern pro Geburtsjahrgang sind das 8000 pro Jahrgang, ergo 80000 hoch gefährdete Null- bis Zehnjährige bundesweit. Hinzu kommen rund 15 Prozent Eltern mit massiven Erziehungsproblemen, die vor allem infolge materieller Armut sehr schlecht zurechtkommen. Und rund ein Drittel aller Eltern hat erhebliche Schwierigkeiten mit der eigenen Mutter- oder Vaterrolle, mit vernünftigem Erziehungsverhalten und Haushaltsführung.
ZEIT: Gibt es nicht auch Mentalitätsprobleme bei den Helfern? Müssten die nicht manchen Familien überhaupt erst zivilisierte, »bürgerliche« Verhaltensweisen nahe bringen, schrecken aber davor zurück, ihre Klienten kulturell zu bevormunden?
Hurrelmann: Da sprechen Sie ein echtes Tabu in den helfenden Berufen an: Darf ich als Angehöriger der Mittelschicht in Unterschichtfamilien hineinregieren? Ich glaube, langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Tagesrhythmus, gesunde Ernährung, Hygiene und ein paar Grundregeln für jeden Menschen gut und notwendig sind und rein gar nichts mit Ideologie zu tun haben.
ZEIT: Die Zahl der Beschäftigten in Sozial- und Erziehungsberufen hat sich seit 1975 mehr als verdoppelt: auf über 2,4 Millionen. Fehlt es trotzdem an Personal für »Problemfamilien«?
Hurrelmann: Ich glaube nicht, dass Fehler wie bei Kevin primär wegen Personalknappheit passieren. Es geht eher darum: Wie belastet ist der einzelne Sozialarbeiter? Wie viele »Hardcore«-Fälle kann ein Mensch betreuen? Hat er ordentliche Supervision? Das Jugendhilfegesetz sieht die »Fallkonferenz« vor, zu der in Krisen die Kollegen zusammengeholt werden, und zwar in einem formalisierten Verfahren, nicht nur mal zum Kaffee. Weil ein Einzelner nicht derart weitreichende Entscheidungen wie die Herausnahme eines Kindes aus seiner Familie allein treffen soll. Ich weiß aber nicht, ob diese Hilfekonferenzen tatsächlich überall abgehalten werden. Zusätzlich brauchen wir Zusammenkünfte über die Sozialdienste hinaus: auch mit Hebammen, Erzieherinnen aus dem Kindergarten, Kinderärzten, Polizei, jemandem vom Familiengericht. Von mir aus auch ein Datenschützer. Und natürlich muss klar sein, dass alle Beteiligten so professionell sind, dass die »Fälle« keine Diskriminierung zu fürchten haben, dass ihre Probleme nicht nach außen dringen.
ZEIT: Sie haben vor kurzem in der ZEIT vorgeschlagen, »verbindliche Elternkurse« einzuführen zu Grundfragen der Erziehung. Das gab sofort ein Aufheulen Ihrer Kollegen.
Hurrelmann: Es gab auch sehr viel Zustimmung von Erzieherinnen, die glücklich waren, dass endlich jemand die Dinge beim Namen nennt. Mit Freiwilligkeit kommen Sie bei den Eltern, über die wir hier die ganze Zeit reden, nicht weit.
ZEIT: Und wie sähe der sanfte Zwang zur Teilnahme an solchen Kursen aus?
Hurrelmann: Das Einfachste wäre, den Besuch des Kindergartens, vielleicht auch den Schuleintritt, an, sagen wir, fünf Abende zu knüpfen, die alle Eltern besuchen müssen. Da würden einfach die Standards des Privatraums Familie und der öffentlichen Institution Kindergarten angeglichen: »Im Kindergarten werden die Kinder nicht geschlagen, wie sieht es zu Hause aus?« An solchen Abenden kann man den Eltern konkrete Vorschläge für kritische Erziehungssituationen anbieten. Ich glaube auch, dass man gut situierte Eltern, die bestens zurechtkommen, für eine Art »Erziehungssolidarität« gewinnen kann, wenn man darauf hinweist, dass die Kinder die Einrichtung schließlich gemeinsam besuchen und nicht bloß die Erzieherinnen irgendetwas Willkürliches durchsetzen wollen. Sondern eben auch die anderen Eltern, die auf bestimmten Standards bestehen.
ZEIT: Fünf Elternabende?
Hurrelmann: Das ist nicht alles. Aber ein Anfang. Ich plädiere außerdem dafür, die Zahlung des Kindergeldes vom Besuch ärztlicher Vorsorgeuntersuchungen abhängig zu machen. Ich glaube, wir sind an einem Punkt angelangt, wo wir sozialstaatliche Leistungen an ein bestimmtes Wohlverhalten des Empfängers koppeln dürfen. Zumal dieses ausschließlich dem Wohl des Kindes zugute kommt. Und ich bin für ein verbindliches drittes Kindergartenjahr und rate dringend zu einer Wiederbelebung der Mütterberatungsstellen. Höchstens 20 Prozent der Mütter werden nach der Entbindung in Pflege- und Erziehungsfragen beraten.
ZEIT: In der finnischen staatlichen Mütterbetreuung werden junge Eltern von Hebammen und Sozialpädagogen begleitet, medizinisch versorgt, beraten. Das Angebot ist freiwillig, aber fast alle nutzen es. Die Bundesregierung prüft nun ähnliche Modelle der Frühprävention. Warum sind solche Diskussionen bei uns so kompliziert?
Hurrelmann: Die Skandinavier sehen es einfach so: Da gibt es professionelle Hilfe, die tut mir gut, die verbessert meine Lebensqualität, und es ist keineswegs ehrenrührig, sie anzunehmen. Bei uns gilt staatliche Leistung – auch wenn manche sie gern mitnehmen – immer noch als Almosen, als Beweis, dass man nicht alleine klarkommt.
Klaus Hurrelmann ist seit 1980 Professor für Sozial- und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld
Das Gespräch führte
Susanne Gaschke
Zum Thema
Vom Schicksal des zweijährigen Kevin wussten viele.
Gerettet hat ihn niemand. Jetzt will keiner an seinem Martyrium schuld sein »
Dunkelziffern
-
Es gibt kaum verlässliche Zahlen über Kindesmisshandlungen »
Besserer Schutz
-
Sollten Kinderrechte in die Verfassung? »
- Datum 18.10.2006 - 06:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.10.2006 Nr. 43
- Kommentare 9
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An die Zeit-Redaktion
Sie rufen dazu auf seine Meinung abzugeben, aber alles was euch Linksbourgeoise nicht in den links-ideologischen Kram paßt wird wegzensiert. Eure frisierten Kommentar-Archive sind teilweise bis zur Unkenntlichkeit verkrüppelt, da dort Beiträge stehen die irgendwie keinerlei Sinn mehr ergeben. Der Grund liegt darin, daß der Kommentar auf den geantwortet wurde längst ins Zensur-Nirwana eingegangen ist. So wirkt der ganze Kommentarbereich verstümmelt und verkrüppelt.
Ihr regt euch darüber auf das ein Müntefering sich weigert von Unterschicht zu reden, aber ihr zensiert alles weg was euren kleingeistigen und rechthaberischen Vorstellungen widerspricht. Das trieft förmlich vor Heuchelei!
Seit rund sechzig Jahren wird in der Zeit von Demokratie und Freiheit gefaselt von Mut zur Demokratie und so weiter, aber ihr habt nicht mal so viel charakterliches Rückrat andere Ansichten als eure zu akzeptieren. So schaffte es Herr Christoph Dieckmann, oder war´s der gerade anwesende Redakteure, letzlich doch klammheimlich über Nacht fünf Kommentare von mir wegzuzensieren; über Nacht. Wenn dieser Mann auch nur halbwegs so viel Rückrat besäße wie sein liberal-demokratischer Antifaschismuß groß ist, würde er die Diskussion suchen, doch dazu fehlt ihm eben der Mumm. Er zensiert lieber aus dem Dunkeln heraus, feige und erbärmlich. Der typische Linksbourgeoise eben. Und so machen es andere auch.
Davon abgesehen bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß der Zensiererei in der Zeit ein bestimmtes Konzept zugrunde liegt:
Nehmen wir als "leuchtendes" Beispiel die Zeit. Dieses Lieblingsblatt der sich für intellektuell haltenden Bourgeoise zensiert (noch) diffizil. Auf den ersten Blick scheint man es sich beim Wegzensieren von Kommentaren nicht einfach zu machen, daß stimmt sogar, aber anders als es der erste Blick glauben macht. Man gibt sich in der Zeit-Redaktion wirklich Mühe durch selektives Zensieren eine Atmosphäre der Unsicherheit, ja der Angst beim Kommentarschreiber zu erzeugen. Daher bezieht sich die Zensur eben nicht allein auf Kommentare die tatsächlich einen Straftatbestand verwirklichen, sondern die Zensur ist wohlabgewogen willkürlich. Dies erscheit widersprüchlich, ist es aber bei genauem Hinsehen nicht. Wohlabgewogen werden, besonders bei denen die man im Fadenkreuz hat, völlig willkürlich einzelne Kommentare gelöscht um bei dem Betreffenden ein Gefühl der Unsicherheit aufkommen zu lassen. Der Kommentarschreiber soll sich fragen, was hast Du falsch gemacht, was ist denn in meinem Kommentar zensurwürdiges drin. Da die Zensur aber wohlabgewogen willkürlich erfolgt, wird er kein System im Wegzensieren seiner Kommentare erkennen können, und somit steigt seine Unsicherheit. Zum Schluß ist er soweit, daß er sich selbst zensiert, daß er sich bei jedem Kommentar tausend Mal fragt, ob dies der Zeit-Redaktion genehm wäre. Damit ist das Ziel der Zensoren in der Zeit-Redaktion erreicht. Der Betreffende wird nie wieder etwas schreiben was den selbstherrlichen, oberlehrerhaften Redakteuren nicht in die linksbourgeoise Ideologie paßt.
Also meine Damen und Herren der Zeit, warum soll man Kommentare abgeben? Wenn sie nicht eurem ideologischen Kanon entsprechen werden sie kassiert.
Gibt es auf diese Frage wenigstens mal eine Antwort der hoch-löblichen Redaktion?
Immer wieder taucht in der Diskussion über Möglichkeiten der Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern der Vorschlag auf, die Vorsorgebesuche beim Kinderarzt an die Zahlung des Kindergeldes zu koppeln, weil das angeblich dem Wohle des Kindes diene. Auch Herr Hurrelmann vertritt diese Idee. Mir leuchet nicht ein, warum es den betroffenen Kindern zugute kommen soll, wenn ihre Familien, die in vielen Fällen sowieso schon in Armut leben und massiv unter mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe leiden, für ihre Kinder noch weniger Geld zur Verfügung haben. Sicherlich löst Geld nicht das Problem mangelnder erzieherischer Kompetenz der Eltern - aber warum weniger Geld dieses Problem lösen soll, ist mir völlig unverständlich.
Hallo Merantau,
nach meiner Auffassung geht es nicht wirklich darum, das Einkommen der Familien mit Kindern kürzen zu können.
Sicher wäre das eine Folge fehlenden oder mangelnden Einsatzes der Eltern für ihr(e) Kind(er).
Erst wenn es an diesem Einsatz mangelt, wäre der Weg über das Portemonnaie einer (von mehreren möglichen), diesen Einsatz bewirken zu wollen.
Wie in meiner Anmerkung erwähnt:
Kindergeld wird IMHO als Anerkenntnis für die Übernahme von Erziehungsverantwortung gezahlt.
Umkehrschluss: Wenn die Verantwortung nicht wahrgenommen wird - wieso dann ungekürzt zahlen....?!
MfG
Hallo Merantau,
nach meiner Auffassung geht es nicht wirklich darum, das Einkommen der Familien mit Kindern kürzen zu können.
Sicher wäre das eine Folge fehlenden oder mangelnden Einsatzes der Eltern für ihr(e) Kind(er).
Erst wenn es an diesem Einsatz mangelt, wäre der Weg über das Portemonnaie einer (von mehreren möglichen), diesen Einsatz bewirken zu wollen.
Wie in meiner Anmerkung erwähnt:
Kindergeld wird IMHO als Anerkenntnis für die Übernahme von Erziehungsverantwortung gezahlt.
Umkehrschluss: Wenn die Verantwortung nicht wahrgenommen wird - wieso dann ungekürzt zahlen....?!
MfG
"Ich fürchte, wir haben bei der notwendigen Modernisierung der sozialen Dienste übersehen, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die weder demokratiefähig sind noch in der Lage, ihr Leben selbst zu organisieren."
Soviel zum Thema "Unterschicht". Wer zweifelt noch daran, dass es sie gibt?
Es ist schade, dass im Artikel das skandinavische Beispiel erwähnt, aber nicht erläutert wurde.
In Finnland ist Betreuung der Eltern und Kinder grundsätzlich Pflicht - mindestens wöchentlich kommt ein/e Sozialarbeiter/in, um kurz (oder länger, wenn erforderlich) nachzusehen, wie es dem Kind, der Familie geht.
Diese Betreuung wird aber durchaus nicht als Zwang empfunden, weil Alle freiwillig mitmachen, es ist ganz normaler Alltag für 95% der Eltern. Diese Betreuung wird anscheinend von Allen auch durchaus positiv gesehen - bekommen sie doch dann auch sofort Hilfe, Zuspruch, Beratung, wenn es nötig ist.
5% verweigern es, aber die stehen natürlich besonders unter Beobachtung. Das sind aber eben die, die sich sowieso gut um ihre Kinder kümmern, da gibt es auch keine Probleme.
SO sieht eine staatliche Fürsorge aus, die wirklich das Kindeswohl im Blick hat. Mit gutem Erfolg, wie die PISA-Studie zeigte.
Die Frage ist, wo solch viele Betreuer/innen herkommen sollen. Deutschland bezahlt lieber HartIV für arbeitslose Sozialarbeiter/innen.
Finnland denkt da eben anders.
Im Übrigen muss eben klein angefangen werden - mit nicht so gut ausgebildeten Betreuern,
am Anfang wird diese Betreuung auch nur Wenigen zuteil - das führt zu Stigmatisierung, wenn nicht sofort die Vernünftigkeit dieser Betreuung in Medien klargestellt wird.
Betreuung muss als HILFE empfunden werden, nicht als Strafe,
davon sind wir in D. noch weit entfernt.
Aber auch wenn es 20 Jahre dauert, bis wir den finnländischen Betreuungsservice aufgebaut haben,
in heutigen Zeiten, wo die Großfamilie als Betreuung ausfällt, MUSS ein Ersatz geschaffen werden.
Finnland hat es in sehr viel kürzerer Zeit geschafft.
Immer wieder taucht in der Diskussion über Möglichkeiten der Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern der Vorschlag auf, die Vorsorgebesuche beim Kinderarzt an die Zahlung des Kindergeldes zu koppeln, weil das angeblich dem Wohle des Kindes diene. Auch Herr Hurrelmann vertritt diese Idee. Mir leuchet nicht ein, warum es den betroffenen Kindern zugute kommen soll, wenn ihre Familien, die in vielen Fällen sowieso schon in Armut leben und massiv unter mangelnder gesellschaftlicher Teilhabe leiden, für ihre Kinder noch weniger Geld zur Verfügung haben. Sicherlich löst Geld nicht das Problem mangelnder erzieherischer Kompetenz der Eltern - aber warum weniger Geld dieses Problem lösen soll, ist mir völlig unverständlich.
Ist es für die Eltern zuviel verlangt, in regelmässigen Abständen mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen, selbst wenn es vielleicht nur 2 x im Jahr ist? Haben gerade die Eltern aus den schlechter gestellten Schichten einfach nicht die Zeit für Arztbesuche, damit z.B. Entwicklungsstörungen früh genug erkannt werden? Oder z.B. auch schlechte Ernährungszustände schnell erkannt werden?
Ist es zum Wohle des Kindes, wenn man hier die Eltern schont und besser nicht unter Druck setzt?
Was ist denn wichtiger: ausreichend Geld für die Schokoriegel beim Aldi (wo es ja eigentlich auch Gemüse gibt) und das bitte stressfrei ohne irgendwelche Verpflichtungen oder gesundheitliche Vorsorge, die derjenigen, welche ein gewisses Verantworungsgefühl besitzen, sowieso freiwillig in Anspruch nehmen? Die anderen, die davon nichts wissen wollen, zu bequem sind oder einfach nicht auffallen wollen, werden dann eben unter einen gewissen Druck gesetzt, aber ist das wirklich so verwerflich? Wenn dadurch Auffälligkeiten bei Kindern rechtzeitig erkannt werden? Und die, die dennoch nicht beim Arzt erscheinen, eben genau dadurch auffallen und man dann bei den Kindern mal vorbeisieht? Ich finde die Idee nicht so schlecht.
Bundesstaat Georgia muessen alle Kinder zum Kindergarten und die Eltern muessen Atteste einbringen dass die Kinder beim Arzt waren,alle Impfungen haben und auch beim Zahnarzt waren.Diese Bescheinigungen muessen alle 6 Monate erneuert werden.Wenn die Eltern nicht kooperieren wird das Jugendamt eingeschaltet.Ich finde es gut dass man sich nicht auf die Freiwilligkeit verlaesst.Im KIGA gibt es Fruehstueck und Mittagessen sowohl am Nachmittag eine kl.Erfrischung...zum Nulltarif fuer Familien die wenig verdienen,die Bezahlung richtet sich nach Einkommen.
Die von Herrn Hurrelman genannten Zahlen sind (auch als Schätzungen) erschreckend. Leider komme ich nicht umhin, das Interview u.a. um einen Hinweis auf eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu ergänzen: die jungen Menschen, die Gewalt zwischen ihren erwachsenen Bezugspersonen, meist Eltern, erleben mussten oder selbst (manchmal eher 'nebenbei') auch Opfer von Gewalt wurden.
Sicher gehören viele dieser Kinder in die von Herrn Hurrelman umrissenen Bevölkerungsgruppen; es werden aber doch nicht alle oder wenigstens nahezu alle Fälle bekannt.
Inzwischen gibt es auch in Deutschland einige einschlägige Studien, die die psychologischen/seelischen Auswirkungen (mit)erlebter Gewalt belegen.
Kinder, die in solche Situationen geraten, reagieren zu einem deutlich höheren Anteil als andere Kinder mit u.a. Entwicklungsverzögerungen, Verhaltensauffälligkeiten, Lernbehinderungen oder gar Eßstörungen.
Es gilt m.E., in die beschriebenen und oft noch zu webenden Netzwerke die Polizei vor Ort einzubeziehen:
Zu oft wurden Kinder bei Einsätzen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt oder Partnergewalt leider 'übersehen'. Hier ist es aus meiner Sicht erforderlich, dass Polizeibeamte z.B. bereits zu Beginn des Einsatzes über ihren Meldedatenzugriff nach Kindern 'suchen' und diese in ihren Einsatzberichten erwähnen - wobei diese Berichte bei Kindern in der Familie selbstverständlich auch an das Jugendamt weiterzugeben sind.
Zu den Maßnahmen, die die Familiengerichte - hoffentlich bald - anordnen können, müssen dann auch Teilnahmen an Anti-Aggressions-Trainings oder Gewaltpräventions-Kursen gehören. Es geht, finde ich, nicht so weiter wie in der Vergangenheit: Kinder sind keine reine Privatsache - und erst recht keine 'Möbelstücke', die der völligen Verfügungsgewalt ihrer Eltern überlassen sein dürfen. Dazu verpflichtet das Grundgesetz die staatliche Gemeinschaft viel zu deutlich zum Hinschauen resp. Handeln.
Entgegen der derzeitigen Rechtsmeinung, dass das Kindergeld kein Sanktionsinstrument sein darf, möchte ich anregen, dass hierüber öffentlich diskutiert und ggf. gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, um eben dieses Instrument nutzen zu können. Eine der Voraussetzungen hierfür ist nach meiner Auffassung, dass das Kindergeld aus dem Einkommenssteuergesetz wieder herausgelöst und in den Bereich der Sozialleistungen zurückgebracht wird.
Das würde als Einstieg ein verändertes Denken in Zusammenhang mit Kindern und sozialer Verpflichtung verdeutlichen.
Mit der Geburt eines Kindes übernehmen Eltern (oft leider die allein gelassene Frau) die Verantwortung für ein Kind.
Die traditionellen Wege der Wissensübermittlung, wie ein Kind gepflegt werden muss, wie ein Kind zu versorgen ist, reißen mehr und mehr ab.
Elternschaft, die Fähigkeit, u.a. feinfühlig, sorgsam, behütend und fördernd mit Kindern umzugehen, fällt keineswegs vom Himmel - kann aber gelernt werden.
Warum also nicht darauf abzielen, dass Eltern Kurse besuchen, die sie über die Versorgung des Kindes umfassender informieren, als z.B. eine Hebamme das kann, die vielleicht einmal wöchentlich nach dem Rechten sieht?
Warum nicht das Kindergeld (das durch die staatliche Gemeinschaft auch als Anerkenntnis für die Übernahme der Erziehungsverantwortung an Eltern/Erziehungspersonen gezahlt wird) als Steuerungs- und Sanktionsinstrument nutzen?
[Und warum nicht parallel dazu in unseren staatlichen Schulen das Thema 'Kinder: Bedürfnisse und Entwicklung' in den Unterricht aufnehmen - aber mit einem anderen Menschenbild als früher?!]
Denjenigen, die nach der Bezahlbarkeit von frühen Interventionen fragen, sei entgegengehalten:
Auf lange Sicht wird durch derartige frühe Interventionen einer unbestimmten (weil leider nicht genau messbaren) Zahl von Entwicklungsverzögerungen, seelischen Behinderungen und anderen - später kostenintensiven - menschlichen (Fehl-)Entwicklungen entgegengewirkt.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit lassen sich 'soziale Folgekosten' (u.a. Aufwendungen für Leistungen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, aber auch gesamtwirtschaftlixch betrachtet z.B. Versicherungsleistungen nach Sachbeschädigungen, Bränden, Behandlungskosten von Opfern körperlicher Gewalt u.v.m.) deutlich senken.
Mit idealistischen Grüßen
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