Kriminalroman Schauplatz Gerichtssaal
Buffas und Fords Justiz-Thriller
Als das amerikanische Fernsehen im Jahr 1995 133Tage lang live die Verhandlungen im Mordprozess gegen den Ex-Footballstar und Schauspieler O.J. Simpson zeigte, übernahm eine Macht den Gerichtssaal, die die amerikanische Verfassung nicht vorgesehen hat: der dreizehnte Geschworene. Um am Pranger der Nation bestehen zu können, verwandelten sich Anwaltskanzleien in Produktionsstudios, Garderoben in Schminkräume. Rechtsprechung wurde endgültig zum courtroom drama. An die Stelle der Geschworenen traten die öffentliche Meinung, das Gerücht, der Rassenwahn. Weiter angeheizt wurde die »unabhängige Meinungsbildung« durch Talkshows und Umfragen.
Demgegenüber sieht das ältere Medium Buch alt aus. Doch nur auf den ersten Blick. Denn im Unterschied zur spontanen emotionalen Reaktion, die das Fernsehen provoziert, kann das Buch die Mechanismen aufzeigen, die tatsächlich die Entscheidungsfindung von Geschworenen und Gericht beeinflussen. Dies ist eines der zentralen Anliegen des ehemaligen Strafverteidigers D. W. Buffa. In Black Rose (aus dem Englischen von Hans-Joachim Maas; marebuchverlag, Hamburg 2006; 318 S., 19,90 €), seinem jüngsten Gerichtsthriller, beschreibt er, wie ein brillanter Anwalt in die Fänge einer wunderschönen, eiskalten Frau gerät (das Cover lässt ihre Faszination leider kaum ahnen). Andrew Morrison setzt seine ganze manipulative und schauspielerische Begabung ein, um einen Freispruch für die Frau zu erwirken, die ihm im Bett den Mord an ihrem Mann gestanden hat. Auch die Geschworenen fressen der Schönen aus der Hand.
In Buffas Gericht gibt es keinen idealen Geschworenen Nummer acht, der bis zur Zermürbung aller dafür kämpft, die Schuld über allen vernünftigen Zweifel hinaus zu beweisen. Bei ihm werden das Gerichtstheater und die Regel, keiner dürfe zweimal für dasselbe Verbrechen angeklagt werden, genutzt, um einen perfekten Mord zu begehen – und um die wirklich Mächtigen zu schützen. Dies ist eine Privatweltmacht aus Geldleuten und Expräsidenten, die überall Regierungen ernennen und absetzen, Kriege anzetteln und so weiter. Ähnlichkeiten mit der real existierenden Carlyle Group um Bush senior sind beabsichtigt, auch wenn »der keine kriminellen Aktivitäten nachgewiesen wurden«, wie Buffa im Gespräch betont.
Bei Buffa entsteht ungemeine Spannung aus der juristischen Raffinesse, mit der der Plot gezwirbelt ist. Seinen weiter nördlich an der Westküste, in Seattle, agierenden Kollegen G. M. Ford fasziniert die Wirkung des sozialen Bodensatzes auf das amerikanische Jurysystem. In seinem zweiten auf Deutsch erschienenen Thriller Killerinstinkt (aus dem Englischen von Marie-Luise Bezzenberger; Goldmann, München 2006; 350 S., 8,95 €) versucht ein russischer Gangster und Bauunternehmer, sich mit einem Doppeltrick aus einer Mordanklage rauszuwinden: Sein Anwalt schafft einen Revisionsgrund wegen inkompetenter Verteidigung, und ein Mitglied der Jury wird erpresst. Das wissen aber weder die beteiligten Anwälte noch der investigative Journalist Frank Corso. Ihnen stellt sich die Welt außerhalb des Gerichtssaals als Chaos dar, in dem ein verbrecherischer Bauunternehmer Menschen töten kann, wie es ihm gefällt. Ein College-Stipendium, ein missliebiger Zeuge im Sumpf – Armut, Angst und Schweigen sind die Grundlagen seiner Macht. Ford erzählt die alte Geschichte vom Justizsystem, das durch die Einhaltung der eigenen zivilen Regeln geschwächt wird, verwickelt und neu und ohne Dirty Harry- Idolisierung. Wer sich der rücksichtslosen Gewalt entgegenstellen will, kann siegen – mit rücksichtslosem Einsatz von List und Solidarität und Ehrgefühl. Dann spricht sogar die Jury Recht.
- Datum 22.11.2006 - 05:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.10.2006 Nr. 43
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