Literaturnobelpreis Seht auf diese Stadt!

Der türkische Autor Orhan Pamuk erhält den Literaturnobelpreis. Er vermittelt zwischen der alten und der neuen Zeit in der Türkei. Wer Istanbul liebt, liebt auch diesen Autor.

Schließlich läuft es immer wieder auf eines hinaus: auf Istanbul. Wenn der diesjährige Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk die Melancholie zu erklären versucht, die die Helden seiner postmodernen Abenteuer-, Kriminalromane und Road-Movies überallhin begleitet, findet er den Grund für diese Melancholie in Istanbul. Wenn er vom Übergang der alten in die moderne Zeit spricht, wenn er Stolz und Scham und Verwirrung der Türkei, ja der gesamten nichteuropäischen Welt verstehen helfen will, empfiehlt er: Man blicke nur einmal nach Istanbul. Und sogar der Dichter Ka aus seinem erklärtermaßen ersten und letzten politischen Roman Schnee, der von Frankfurt bis nach Ostanatolien reist, sucht dort zwischen verlassenen osmanischen, armenischen und russischen Gebäuden nicht nur seine Jugendliebe – sondern letztlich Istanbul.

Wie kommt es, dass diese Stadt Quell so vieler seelischer Wirren und ihr Heilmittel zugleich sein soll? Geografisch zutreffend, wenngleich etwas hochtrabend, nennt man sie bisweilen die einzige Stadt der Welt, die sich über zwei Kontinente erstrecke; doch ist ihre Lage per se nicht der Grund für ihre Zerrissenheit. Und auffällig vermeidet Pamuk stets das Begriffspaar von Orient und Okzident. Aus seinen immer wieder um seine »Geburts- und Lebensstadt« kreisenden Essays und autobiografischen Texten springt einem vielmehr die Trauer darüber entgegen, dass das einst so majestätische Istanbul zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine verfallene und weiter verfallende Stadt ist; ihre Melancholie ist die eines Palastes, dessen Herrscher entthront sind und von dessen Wänden sich die Tapeten lösen. Erst die Moderne und der Erste Weltkrieg haben Istanbul an die östliche Peripherie Europas geschleudert; als Hauptstadt des osmanischen Vielvölkerreiches war und fühlte es sich lange genug als Nabel der Welt.

Diesen schmerzlichen Abstieg von einem prächtigen Vorher zum profanen, ja oft genug armseligen Jetzt hat Pamuk freilich gar nicht mehr selbst erlebt, sondern nur den Nachhall dieses Verlustes vernommen. Als Sohn gutbürgerlicher, finanziell nicht immer glänzend dastehender, doch insgesamt wohlhabend zu nennender Eltern wurde er 1952 in Istanbul geboren. Die Familie ist ein Musterbeispiel dafür, dass die »Verwestlichung« der türkischen Oberschicht schon wesentlich früher einsetzte als irgendwelche Hoffnungen auf eine EU-Mitgliedschaft: Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts las man französische, deutsche und russische Romane; gebetet und Ramadan gehalten wurde im Haushalt der Pamuks nicht. Und wenn der Schriftsteller von seiner Kindheit erzählt, gewinnt man den Eindruck, sie habe in einem Niemandsland der Großstadtkulturen stattgefunden: Von den traditionell lebenden, muslimisch frommen Hausangestellten trennte die Familie ein tiefer Graben; doch das Paris, dessen Lebensstil man im Geiste teilte, war de facto ziemlich weit weg.

Und so sieht man einen etwas einsamen, verträumten kleinen Jungen durch Istanbul streifen, das damals noch nicht wie heute komplett in ein Meer von Wohnblöcken verwandelt war. Dazwischen gab es Ödnis, Wald und dörfliche Gassen. Auf Fotografien wie denen von Ara Güler sieht man Esel und Ziegen in aller Ruhe auf den Mauerresten byzantinischer Residenzen weiden. »So habe ich denn auch Istanbul in meiner Kindheit nicht als große Weltstadt, sondern als großflächige, heruntergekommene Provinzstadt erlebt«, schreibt Pamuk, dessen Kindheit vor einer Kulisse aus leer stehenden Derwischklöstern, Sommerresidenzen am Bosporus und Holzhäusern spielte. »Dass die Istanbuler mit ihrem Leiden an vergangener Herrlichkeit trotz der geografischen Nähe zu Europa zu einer Art ewiger Armut verdammt sind, als litten sie an einer unheilbaren Krankheit, trägt dazu bei, dass diese Stadt so sehr in sich gekehrt ist.«

Wie schlimm wirkt es sich aber erst aufs Selbstwertgefühl aus, wenn sich herausstellt, dass der westliche Besucher die Türkei gerade für das Vergangene, das Orientalische verehrt – das, dessen man sich doch längst entledigt zu haben hoffte! Der nach Westeuropa orientierte Türke, schreibt Pamuk, hege den tiefen Wunsch, »seinen Verwestlichungsgrad« von westlichen Besuchern und Autoren bestätigt zu bekommen. Die aber dächten gar nicht daran, weil es etwas ganz anderes sei, »was sie an den Türken so besonders schätzen, nämlich gerade dass sie so unwestlich sind und sich ihre orientalischen, ›exotischen‹ Charakterzüge erhalten haben«. Während der türkische Ingenieur der fünfziger Jahre stolz auf die Wasserleitung in seinem Privathaus verweist, wäscht sich der europäische Reisende die Hände sehr viel lieber am halbkaputten Brunnen aus osmanischer Zeit, weil es pittoresker oder, wie man heute sagen würde, »authentischer« ist. Wohingegen der Gastgeber darunter leidet, dass, erstens, sein Wasserrohr westlichen Standards trotz aller Bemühungen offenbar nicht genügt; und zweitens daran, dass der Besucher den alten Brunnen überhaupt entdeckt hat.

Dieses doppelte Ungenügen erspürt Pamuk in seinem Istanbul, in der gesamten Türkei und ihrer Politik an allen Ecken und Enden. Nach Westen hat sich die Türkei vor anderthalb Jahrhunderten aufgemacht, in einer seltsamen Zwischenform ist sie gefangen und fühlt sich oft genug den Blicken der anderen ausgesetzt. Um es mit den Worten Atatürks zu sagen, den Pamuk einmal zitiert: »So sehe ich zum Beispiel hier in der Menge vor mir einen Menschen, der hat einen Fes auf dem Kopf, um den er einen grünen Turban gewunden hat. Er trägt ein Hemd ohne Kragen und darüber ein Jackett, wie ich es anhabe… Was ist denn das für ein Aufzug? Zieht denn ein zivilisierter Mensch diese seltsame Kleidung an, damit die Welt über ihn lacht?!«

Weil Pamuk diesen Zwiespalt von Kindheit an so tief empfunden und aus ihr dann, nachdem er doch nicht Architekt und doch nicht Maler, wie er es zunächst geplant hatte, sondern Schriftsteller geworden war, sein Lebensthema destilliert hat, kann er ähnliche Affekte auch an ganz anderer Stelle entdecken und beschreiben. Auf diese Weise ist er, der nie ein politischer Schriftsteller sein wollte, doch zu einer politischen Person und zu einem sehr hellsichtigen Essayisten geworden, der nicht nur dem eigenen Land, sondern auch dem Westen immer wieder den Spiegel vorgehalten hat.

Der Schmerz der Bürgersohns angesichts der Istanbuler Ruinen sensibilisierte Pamuk für das Anerkennungsdefizit, in dem Deutschlands ehemalige Gastarbeiter leben, mit denen er selbst ja nur die Staatsangehörigkeit, aber wenig soziale Realität gemeinsam hat. Und das ohnmächtige Gefühl der Türkei, zu einem Leben an der Peripherie verdammt zu sein, half Pamuk nach dem 11. September zu verstehen und der deutschen Öffentlichkeit zu erklären, woher die antiwestliche Aggression einer sich vom Weltgeschehen abgekoppelt sehenden arabisch-islamischen Welt rührt, mit der er selbst höchstens nominell die Religionszugehörigkeit teilt.

In religiösen Dingen hat die Türkei bekanntlich einen ganz anderen Weg eingeschlagen als die meisten arabischen Länder. Sowohl Fes als auch Kopftuch ließ Atatürk verbieten, um die ersehnte Verwestlichung seines Landes zu beschleunigen. Doch indem solche Verbote die ländlichen, vorindustriellen, der Volksreligion verhafteten Züge der Türkei nicht über Nacht haben auflösen können, haben sie die Scham selbst – mit einem vermeintlichen nichtwestlichen Makel behaftet zu sein – vielleicht nur noch verstärkt. Dass ausgerechnet Pamuks Haltung zur Armenien-Frage so viel Wirbel verursacht hat, sowohl in der Türkei als auch in Europa, entbehrt in diesem Zusammenhang nicht einer gewissen Ironie. Denn es war ja nicht die heutige Türkei, die die Armenier deportierte, sondern das Militär des Osmanischen Reiches. In einem seiner letzten Versuche, seine Machtansprüche gegen die diversen Nationalismen, die im Vielvölkerreich aufbegehrten, zu verteidigen, ging es brutal gegen die armenische Bevölkerung vor und machte sich hunderttausendfacher Tode schuldig – was osmanische Generäle wenige Jahre darauf öffentlich artikulierten und sogar bereuten. Erst der jungen türkischen Republik verbot der Ehrgeiz, als Klassenjüngster unter den neuen Europäern die saubersten Fingernägel vorzeigen zu wollen, das Einräumen eigener Fehler. Warum aber beharrt die inzwischen doch längst erwachsen gewordene Türkei immer noch darauf, sie sei es sozusagen nicht gewesen? »Ich finde, dass die ›Ehre‹ eines Volkes nicht dadurch beschmutzt wird, dass man über dunkle Punkte seiner Vergangenheit spricht, sondern vielmehr dadurch, dass man nicht darüber spricht«, schrieb Pamuk einmal. Das ist die normative, die ethische, die reife Betrachtungsweise, zu der die Türkei aber erst dann gelangen kann, wenn sie der Scham nicht mehr erlaubt, ihr im Weg zu stehen.

Ist aber Pamuk, weil er für diese Sichtweise plädiert, einer, der dem Westen nach dem Munde redet, wie es manche – zum Glück bei weitem nicht alle! – türkische Kommentatoren in den vergangenen Tagen und Monaten geschrieben haben? Das zu behaupten hieße, denjenigen auf den Leim zu gehen, die versuchen, jede kritische türkische Stimme zum Kronzeugen ihrer eigenen, oft genug kulturchauvinistischen Sache zu machen. Doch jede solche Vereinnahmung dürfte mit Pamuk äußerst schwierig werden. Vor einigen Jahren, als der Großteil der deutschen Leserschaft mit seinem Werk noch wenig vertraut war, wurde oft hervorgehoben, er habe mehrere Jahre in New York gelebt. Mit diesem biografischen Zusatz gab man gleichsam einem Bedürfnis nach, ihn ein wenig zu adeln, ihn zu einem modernen, in stärkerem Maße europäischen Schriftsteller werden zu lassen, als man es üblicherweise bei einem Türken erwarten würde. Und tatsächlich hat Pamuk die Jahre 1985 bis 1988 in New York verbracht, als er seine Frau an die Columbia University begleitete; auch derzeit ist er wieder in New York, im Rahmen eines mehrmonatigen Lehrauftrags an derselben Universität. Doch ein solcher New-York-Aufenthalt verursacht ihm, wie er in einem seiner Essays schrieb, durchaus ambivalente Gefühle. Wohler, heimischer nämlich fühlt er sich in wesentlich weniger glamourösen Großstädten an der Grenze der Ersten zur ehedem Dritten Welt: »Ich liebe solche randständigen, an der Schwelle zur modernen Welt befindlichen Orte, die sich von all ihrer Verlassenheit und Provinzialität dennoch nicht unterkriegen lassen, und ich fühle mich dieser besonderen Welt zugehörig. Und wenn ich mich von dieser Welt zu weit entferne, mich etwa vom Glanz New Yorks oder ähnlicher Städte zu sehr blenden lasse, dann fürchte ich, dass tief in mir drinnen sich etwas abnützt und ich mich zu weit von zu Hause entfernt habe.« – »Zu weit«, das scheint ebenso sehr ein ethisches wie ein ästhetisches, wie ein Sehnsuchtsproblem zu sein.

Es ist eine Sehnsucht, die sich jede naive und unzeitgemäße Erfüllung in der Nostalgie versagt. Nur der letzte kurze Blick zurück, der ist erlaubt. Es gab in seiner Kindheit ein Spiel, erinnert sich Pamuk, ein an den Anlegestellen der Bosporusfähren ausgetragener Wettkampf, der darin bestand, von einer gerade ablegenden Fähre über den sich weitenden Spalt an Land zurückzuspringen. Wer zuerst sprang, den schimpften die anderen einen Esel. Und bis heute spricht aus Pamuks Texten immer wieder das Gefühl dieses Jungen, der wohlig schaudernd in das dunkelgrüne, von weißlichen Quallen durchsetzte Wasser hinabschaut, das sich zwischen dem Rand der Fähre und dem Autoreifen auftut, der die Schiffe vorm Aufprall an die Hafenmauer schützt. Jetzt springen? Gleich!

Noch in der alten, prächtigen osmanischen Zeit hat diese Fähre abgelegt, und hier steht der Schriftsteller nun, ein Bein noch in der Vergangenheit, das andere, zum Sprung bereit, schon in der Luft. Er zögert: Er will nicht der Esel sein, auch tut es ihm weh, zuzusehen, wie sich andere zum Esel machen. Doch ist der Sprung ja unvermeidlich. Während der Schriftsteller, Mut tankend und wehmütig, seinen Blick über Istanbul schweifen lässt – über die Silhouette des ehemaligen Sultanspalastes mit Kuppeln, Türmchen und Kaminen, über die Uferstraßen, die dort entlangführen, wo sich einst die Lustgärten der Sommerresidenzen ausbreiteten, über die kleinen Fischerboote, Nussschalen im Schatten internationaler Containerschiffe –, in diesen Momenten wachsen Orhan Pamuks Romane heran, entstehen die schönsten Istanbuler Geschichten.

Lieferbare Bücher von Orhan Pamuk:

»Der Blick aus meinem Fenster. Betrachtungen«; Hanser Verlag 2006 – siehe nebenstehende Besprechung

»Schnee«, Roman; Hanser Verlag 2005

»Rot ist mein Name«, Roman; Hanser Verlag 2001; Fischer Taschenbuch 2004

»Das neue Leben«, Roman; Hanser Verlag 1998; Fischer Taschenbuch 2000

»Das schwarze Buch«, Roman; Fischer Taschenbuch 1997

»Die weiße Festung«, Roman; Hanser Verlag 2005

 
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