Von hinten gelesen, könnte es ein sozialdemokratisches Programm sein: hohe Besteuerung von Konzerngewinnen, Vermögen und Erbschaften, um Bildung und Innovation zu finanzieren; europäische Gesetze gegen Standortpoker; Finanzierung der Sozialsysteme durch Verbrauchsteuern, um Arbeitskosten zu senken und Importwaren zu verteuern.

Auch die Analyse der Weltlage klingt, als hätte ein Altmarxist sie verfasst: Der Kapitalismus ist für Gabor Steingart seit je eroberungswütig –: von der kolonialistischen Globalisierungswelle des 19. Jahrhunderts bis zur national motivierten Zerstörung des stabilen Währungssystems von Bretton Woods durch die USA. Mit ihr koppelte sich die »vaterlandslose« Produktivität des Kapitals vom »Wohlstand der Nationen« ab und, dialektische List der Geschichte, begünstigte damit den Aufstieg der neuen asiatischen Giganten, die nun Wohlstand, soziale Sicherheit und damit die Demokratie des Westens unterminieren und mit den importierten Dollars einer nur noch konsumierenden Supermacht USA die Kreditblase, auf der das Weltsystem sitzt, jederzeit zum Platzen bringen können.

So weit die Gefahrenanalyse, die inzwischen Gemeinplatz ist, ebenso wie die Erkenntnis: Es geht nicht mehr darum, die Globalisierung zu kritisieren, sondern sie zu gestalten. Hier nun wird Steingart zum spenglernden Wirtschaftsbellizisten: Der Kampf der Giganten werde unausweichlich mit dem Sieg der asiatischen »Angreiferstaaten« enden, man könne ihn nur hinauszögern. »Wer den Handelskrieg nicht will, der muss ihn vorbereiten«, lautet die Parole. Ein »reich und halbstark« werdender »Kontinent der Bombenbauer« bedrohe Weltfrieden und Globalisierungswohlstand.

Um ein »neues Sarajevo« zu vermeiden, müsse der Westen den Liberalismus zurücknehmen und handelspolitisch »nachrüsten« – gegen die von der Erinnerung an die imperialistischen Untaten des Westens und von entsprechend lange zurückgestauter Aggressivität geprägten »Termitenstaaten«. Vor allem gegen die »nationalistischen Kommunisten« Chinas, die mit frühkapitalistischer Brutalität ihre Arbeitsheere unterdrücken, Raubbau an der Natur betreiben und demnächst die Computer der Welt liefern werden. Eine transatlantische Freihandelszone USA/EU soll mit protektionistischer Handelspolitik die »westlichen« Standards von Gewerkschaftsfreiheit, Umweltschutz und Arbeitsrecht in den »Angreiferstaaten« durchsetzen – um unserer Werte und unseres Wohlstands willen.

Das ist nicht nur getragen von zwei Illusionen – einer schnellen politischen Einigung Europas und einem bündnisfähigen Amerika –, sondern es folgt dem alten Denken vom Gleichgewicht des Schreckens, läuft auf eine transeuropäische Festung mit Sozialpolitik für die Standortsoldaten hinaus, eine »coalition of the white race«, wie Gore Vidal sie gallig voraussah.

Ökonomische »Nachrüstung« mit der Attitüde moralischer Überlegenheit – man kann den Weg zur Neuordnung der Welt auch kooperativer und »globaler« denken, etwa so wie der amerikanische Wirtschaftsforscher und ehemalige Handelspolitiker Clyde Prestowitz es, faktendifferenzierter und weniger alarmistisch als Steingart, in seinem Buch Three Billion New Capitalists (Basic Books, 2005) zeigt. Die Ausgangslage ist dort ebenso bedrohlich – und Steingart hat sie gut studiert –, aber Prestowitz führt vor, dass man globale Stabilität nur noch sichern kann, wenn man auch in den Kategorien des anderen denkt. Nicht nur, weil die neuen Giganten schon jetzt stark genug sind, um Zumutungen des Westens mit Wellen von Migranten, Waren und Dollars zu beantworten. Vor allem aber deshalb nicht, weil ein auf Wachstumskonkurrenz beruhender »Wirtschaftsweltkrieg« nicht weniger verheerende Konsequenzen haben wird als einer mit Waffen. Globalisierung gestalten, das heißt mit Chinesen und Indern kooperativ die großen, globalen Probleme bearbeiten: Klima, Wassermangel, Armut; und institutionell: UN, WTO, Weltfinanzordnung reformieren. »Managed Trade« gehört dazu, und das Pokern – Energie gegen Demokratie; Patente gegen Gewerkschaftsfreiheit – sicherlich auch. Aber nur noch, damit alle siegen. Mathias Greffrath

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