Es ist schon ziemlich lange her, dass ein lateinamerikanischer »Revolutionär« die politische Adrenalinkurve von Anhängern und Gegnern in vergleichbare Höhen trieb: Der legendäre Che Guevara ist seit vier Jahrzehnten tot, in Chile fiel der Sozialist Salvador Allende nur einige Jahre später einem Putsch zum Opfer, die linken Comandantes in Nicaragua, die 1979 eine verhasste Diktatur in die Knie zwangen, sind längst wieder abgewählt, und Castros Kuba, eine Zeit lang das Mekka von Linken aus aller Welt, löst keine enthusiastischen Gefühle mehr aus. Auch die mehr oder weniger moderaten Linkskabinette, die in den vergangenen Jahren an die Regierung gewählt wurden – etwa in Brasilien, Argentinien oder Chile –, führten bislang nicht zu der unversöhnlichen Lagerbildung früherer Jahre. Selbst die Reaktionen auf die vergleichsweise radikalen Veränderungen, die unter Evo Morales in Bolivien vonstatten gehen, halten sich in Grenzen. Hugo Chávez während einer UN-Vollversammlung im September BILD

Im Unterschied dazu ist Chávez, seit 1999 Präsident der Bolivarischen Republik Venezuela, in aller Munde. Sein Name wirkt hochgradig polarisierend: Als er im Mai dieses Jahres den Wiener Lateinamerikagipfel der EU besuchte und einen Abstecher zu einer globalisierungskritischen Gegenveranstaltung machte, skandierten seine begeisterten Zuhörer: »Chávez amigo, Viena está contigo« (etwa: Freund Chávez, Wien steht hinter dir). Dagegen dürfte Mario Vargas Llosa, renommierter Schriftsteller aus Peru mit einer ausgeprägten Linksphobie, die Wiener Jubelchöre als nackten Hohn empfunden haben: Dass viele in und außerhalb Venezuelas »die populistischen und autokratischen Delirien einer so lächerlichen Persönlichkeit« unterstützten, zitiert Christoph Twickel den Romancier und Essayisten, mache aus diesem noch lange keinen Demokraten. Der selbst ernannte Jünger Simón Bolívars, des »Befreiers« Lateinamerikas vom spanischen Joch im frühen 19. Jahrhundert, enthülle nur »die extreme Verzweiflung, Frustration und zivile Unkultur« der venezolanischen Gesellschaft. Ein genauso tiefer politischer Graben durchzieht Venezuela selber: Für die dortige Opposition, in erster Linie aus den Mittel- und Oberschichten, ist Chávez nur ein verlängerter Arm Castros, seine Wähler, hauptsächlich aus den Unterschichten, feiern ihn als sozialen Messias, der den elenden Lebensverhältnissen, in denen die große Mehrheit der Venezolaner dahinvegetiert, den Kampf angesagt hat.

Man merkt dem gut recherchierten und spannend geschriebenen Buch an, dass auch Twickel, ein exzellenter Kenner des »Chavismo«, zuweilen von jenem Wechselbad der Gefühle befallen wurde, die das Pro- und Contra-Lager von einander trennt. Etwa dort, wo er den Präsidenten als politischen Showmaster porträtiert – und das durchaus im Wortsinne. Denn Chávez hat ein eigenes Fernsehprogramm, das regelmäßig ein Millionenpublikum vor dem Bildschirm versammelt. In Aló Presidente, so der Quotenrenner, ergeht sich der prominente Starmoderator Sonntag für Sonntag, oft mit der quälenden Länge von Castro-Reden, in hemdsärmligen Welterklärungsmonologen, wirbt für seine »revolutionäre« Politik, kanzelt einzelne Minister seines Kabinetts ab, parliert mit Gästen »aus dem Volk« oder feuert verbale Donnersalven gegen »den Teufel« George Bush, seinen Lieblingsfeind.

Wie man die pittoresken Auftritte des Präsidenten, seine häufig präpotente, vor Eitelkeit strotzende Rhetorik im Stile der alten Caudillo-Traditionen Lateinamerikas auch immer bewertet: Er kann sich auf eine satte Mehrheit an den Urnen stützen. Man mag das, mit Vargas Llosas Worten, als »zivile Unkultur« beklagen. Nicht zuletzt deshalb, weil Chávez auch in praxi reichlich Anlass bot, an seiner demokratischen Gesinnung zu zweifeln: Als Anführer eines Putschversuchs 1992 gilt er in Sachen Demokratie nicht ohne Grund als unsicherer Kantonist. Nahrung findet der Vorwurf »ziviler Unkultur« auch durch den Umstand, dass es just jener Putschversuch war, der ihn in den Augen der armen Barrio-Bewohner, so Twickel, bereits damals zu einem Volkshelden machte.

Der Vorwurf wiegt umso schwerer, weil Chavéz, wieder aus der Haft entlassen, auch mit Blick auf seinen Helfer- und Beraterkreis nicht sonderlich wählerisch war. Zu seinen einflussreichsten Förderern gehörte Norberto Ceresole, ein argentinischer Waffenhändler und notorischer Holocaust-Leugner. Auch wenn sich der gewählte Präsident von dieser schillernden Figur wieder trennte. »Ceresole«, schreibt Twickel, »wirft bis heute einen Schatten auf Hugo Chávez und seine bolivarische Revolution.« Ganz zu schweigen von dem kruden Machiavellismus, mit dem Chávez so dubiose Gestalten wie den iranischen oder weißrussischen Präsidenten auf seiner »Achse der Guten« gegen die USA zusammenschart. Nicht von ungefähr nannte ihn die linksliberale Madrider Tageszeitung El País deshalb den »Perón vom Orinoco«.

Es spricht für den kritischen Blick des Autors, dass er die ideologische Promiskuität seines Protagonisten nicht verschweigt oder als Verirrungen eines unerfahrenen Politiknovizen verharmlost. Umso glaubwürdiger fallen die Kapitel aus, in denen er die weniger obskuren Seiten des Regierungschefs beschreibt, vor allem die politischen Hauptstationen seiner steilen Karriere seit Ende der neunziger Jahre – Stationen, die unter anderem von aggressiven Wahlschlachten, Massendemonstrationen, Putschversuchen und einem monatelangen Streik von Führungskadern der Erdölindustrie gesäumt waren. Trotz der oft verwirrenden Ereignisfülle verliert der Leser dabei nie den roten Faden: Die geschickte Mischung aus aufschlussreichen Anekdoten und kritischen Hintergrundanalysen macht das Buch zu einer spannenden und höchst informativen Lektüre. Obendrein entsteht das politische Porträt eines Landes, dessen korrupte Eliten die staatlichen Pfründen jahrzehntelang unter sich aufteilten, die natürlichen Reichtümer, namentlich die riesigen Erdölreserven, zu Schleuderpreisen an multinationale Konzerne verkauften und zwei Drittel der Bevölkerung zu sozialen und politischen Underdogs machten. Überflüssig zu sagen, dass die üppigen Geldströme an den Elendssiedlungen vorbeigeflossen sind, mit denen jeder Besucher Venezuelas schon bei der Ankunft auf dem Flughafen von Caracas Bekanntschaft macht. Man darf Chávez deshalb glauben, dass er die soziale Apartheid in seinem Lande als skandalös empfindet.

Dennoch ist die »bolivarische Revolution«, wie Twickel überzeugend demonstriert, alles andere als ein zweites Kuba. Die radikale Rhetorik, zuweilen ein getreues Echo der üblichen Castro-Reden, darf man getrost als politische Folklore verstehen. Die Ärzte und Lehrer, die Castro im Tausch für das begehrte Schwarze Gold ins Land geschickt hat, sind keine Wegbereiter des versteinerten Inselkommunismus, der übrigens auch unter vielen Chávez-Anhängern nicht sonderlich hoch im Kurs steht. Die so genannten misiones, mit denen die Regierung den Armen eine kostenlose Grundversorgung im Bildungs- und Gesundheitswesen garantieren möchte, werden zwar von Kubanern betrieben. Aber in erster Linie wohl deshalb, weil die meisten venezolanischen Absolventen der Medizin- und Pädagogikfakultäten bisher einen großen Bogen um die Elendssiedlungen gemacht haben. Den bettelarmen Barrio-Bewohnern, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Arzt konsultieren, kostenlose Medizin bekommen oder eine schulische Ausbildung erhalten können – ihnen ist es verständlicherweise egal, ob ihr Arzt oder Lehrer mit kubanischer Mundart spricht. Die insgesamt ziemlich erfolgreichen misones sind damit, zumindest für venezolanische Verhältnisse, wie Twickel zu Recht betont, tatsächlich ein sozialer »Quantensprung«.