Beim Auftritt der Präsidentschaftskandidaten im Pariser Hallenviertel bestätigt das Publikum alle Umfragen. Ségolène Royal, die Favoritin der französischen Sozialisten, bekommt den größten Beifall. François Hollande dagegen, der Parteiführer, muss sich kurz fassen, weil die Leute schon aufstehen, während er noch redet. Beleidigt schaut er deshalb nicht aus. Im Gegenteil: In einem Bistro sieht man ihn kurz darauf mit Royal vergnügt beim Mittagessen. Doch das ist nicht unbedingt ein politisches Statement des Parteichefs, der bei den innerparteilichen primaries bislang strikte Neutralität vorgibt, sondern eher eine private Angelegenheit. Denn Royal und Hollande sind seit 26 Jahren ein Paar, und sie haben in dieser Zeit mit- und nebeneinander Karriere gemacht. Zwei Namen, eine Familie: Ségolène Royal und François Hollande BILD

Die 53-jährige Ségolène Royal ist derzeit die umschwärmteste Frau Frankreichs. Im Gespräch sitzt die sphinxenhafte Kandidatin stets kerzengerade, aber entspannt auf der Vorderkante des Sessels, ihre Röcke bedecken grundsätzlich nie die Knie. Die strengen Kostüme von Yves Saint Laurent hat sie längst gegen farbenfrohe, oft folkloristische Kleider des Trendlabels Paule Ka eingetauscht.

Ségolène Royal ist zurzeit die umschwärmteste Frau Frankreichs

Vor dem Zugfenster fliegt die Landschaft von Poitou-Charentes vorbei, während Royal im leeren Clubwagen der ersten Klasse ihre Tagesmappe sichtet. Gleich obenauf liegen drei frisch erschienene Illustrierten-Titel mit ihrem Bild. Am besten gefällt ihr das Time Magazine mit dem frechen Royal-Zitat als Schlagzeile: »Warum muss man traurig, hässlich und langweilig sein, um in die Politik zu gehen?«

Doch die Kardinalfrage ist eine andere: Wie steht ihr Mann, der Parteichef François Hollande, zu ihrem Erfolg? »Die einen werfen uns vor, wir steckten zu sehr unter einer Decke, für die anderen sind wir erbitterte Rivalen – in Wahrheit ist er Schiedsrichter, der den Kandidaten mit den besten Chancen unterstützt«, sagt Royal. Es liegt etwas Vorformuliertes, Wächsernes in ihren Antworten. Erst als das Gespräch auf den Dauervorwurf kommt, sie sei nur eine Medienfigur und Umfrageblase, die von einer privaten Seilschaft profitiere, wird sie heftig: »Das verachte ich mehr als alle persönlichen Aufdringlichkeiten, wenn man mir nachsagt, dass ich inkompetent bin, meine Partei umgehe und keine eigene Legitimation habe!« Und sie möchte wissen: »Ist das bei Ihnen in Deutschland auch so schlimm? Musste sich Frau Merkel auch so etwas gefallen lassen?«

Es ist mehr als gewöhnlicher Druck, der auf Ségolène Royal lastet. Als Seiteneinsteigerin, die abseits der Parteimühlen zur aussichtsreichsten Bewerberin um das höchste Staatsamt aufgestiegen ist, weckt sie Argwohn. Viele preisen ihre Schönheit, angesiedelt irgendwo zwischen Mona Lisa (El País) und Audrey Hepburn (New York Times). Aber noch mehr bezichtigen sie einer hemmungslosen privatisation und peopolisation, in der Physiognomie und Privatleben mehr zählen als politische Fragen – nicht zuletzt wegen ihrer Lebensgemeinschaft mit François Hollande.

Wie verträgt es sich mit Royals durchaus vorhandenen konservativen Reserviertheit, dass sie zum Cover-Girl geworden ist? Die Kandidatin weiß, dass sich diese Frage vor allem auf die Paparazzi-Fotos aus ihrem Sommerurlaub an der Côte d’Azur bezieht, auf denen alle Welt ihren makellosen Körper im blauen Bikini bestaunen konnte. Die vierfache Mutter, die eigentlich als ausgesprochen prüde gilt – und als Familienministerin einen Kreuzzug gegen sexistische Werbung, Pornografie und Reizwäsche führte –, gibt sich resigniert: »Ich habe das Magazin verklagt, aber es nützt nichts. Die Verlage zahlen jede Strafe, weil sie mit solchen Bildern ihre Auflage verdoppeln.« Warum lässt sie sich denn trotzdem so oft mit der »People-Presse« ein? »Wenn Sie wüssten, wie viele Anfragen ich bekomme und wie wenige davon ich akzeptiere.«