Ich habe einen Traum Die Tote im See

Der britische Sänger Sting erzählt von einem Albtraum, der ihm die Zukunft voraussagte, und von der Langeweile der Rockmusik

Vielen Menschen mag es reizvoll erscheinen, von ihrer Zukunft zu träumen und so eine Ahnung davon zu bekommen, was sie erwartet. Bei mir ist das anders. Die Vorstellung, dass sich in Träumen hellseherische Fähigkeiten offenbaren könnten, beunruhigt mich. Nur kann man wenig dagegen unternehmen, wenn einem so was passiert.

Mir ist es passiert. Drei Jahre nach dem Tod meiner Eltern hatte ich diesen beängstigenden Traum, der dann auf seltsame Weise real wurde. Ich habe ihn erstmals in Broken Music beschrieben, meiner Autobiografie. Ich war gerade mit meiner Familie in das Lake House in der Grafschaft Wiltshire gezogen, ein Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert, umgeben von 60 Morgen Park und Laubwald. Eines Tages fragte mich meine Frau Trudie, ob wir nicht einen See auf unserem Anwesen anlegen könnten. »Es ist doch seltsam«, sagte sie, »wir wohnen in einem Haus namens Lake House, und nirgends ist ein See zu sehen.« Ich war von der Idee nicht sonderlich begeistert, weil ich keine Lust auf all das Chaos hatte, das Aushebearbeiten mit sich bringen. Gar nicht zu reden von all den Genehmigungen, die wir brauchen würden, da unser Grundstück in der Nähe archäologischer Fundstätten liegt. Meine Frau setzte sich schließlich durch, wir mussten Anhörungen und Prüfungsverfahren durchstehen. Im Sommer 1995 bekamen wir die Genehmigung, einen anderthalb Hektar großen See anzulegen. Die einzige Auflage war, dass ständig ein Archäologe dabei sein musste, für den Fall, dass wir irgendetwas ausgraben würden.

Kurz danach erwachte ich eines Nachts schweißgebadet, aufgeschreckt von einem Traum, in dem Trudie und ich eine aufgedunsene weiße Leiche aus dem See ziehen. Es war ein verstörender Traum, aber ich habe nicht weiter darüber nachgedacht.

Monate später war ich in den USA auf Tournee, als mich meine Assistentin in Los Angeles anrief. Sie sagte, man habe eine Tote im See gefunden. »Was? Wer ist es?«, stammelte ich, ich war fassungslos. »Eine Frau, es war ein Ritualmord.« Anflüge von Panik, ich überlegte, ob ich ein Alibi hätte. Als sei ich schon der Hauptverdächtige in einem grausigen Mordfall. »Gibt es Anhaltspunkte, wann es passiert ist?«, fragte ich. »Ungefähr 400 nach Christus«, antwortete sie. »Die Archäologen gehen davon aus, dass es kurz vor dem Abzug der Römer passiert ist.« Ich seufzte erleichtert. Dann fiel mir mein unseliger Traum wieder ein.

Ich hatte sonst nie in Träumen etwas vorhergesehen. Aber die Verbindung zwischen diesem Traum und der Tatsache, dass auf unserer Wiese ein Mord geschehen war, und sei es vor sechzehnhundert Jahren, ließ sich nicht leugnen. Ich habe das alles schon ernst genommen. In den Achtzigern hatte ich mich mit den Schriften C. G. Jungs beschäftigt, des Begründers der analytischen Psychologie. Für kurze Zeit machte ich sogar eine Jungsche Therapie. Damals lernte ich, meine Träume zu deuten. Aber nie hatte ich den Ehrgeiz verspürt, hellseherische Fähigkeiten auszubilden.

Nach meiner Rückkehr aus den USA berichtete mir der Archäologe, das weibliche Opfer sei etwa 19 Jahre alt gewesen, habe noch sämtliche Zähne und gehöre jetzt offiziell mir. Ich war ziemlich überrascht von dieser neuen Verantwortung. Er fragte, was wir mit der Toten vorhätten. Ich versicherte ihm, dass wir sie anständig begraben würden. Das taten wir dann, mit einer kleinen Zeremonie, auf der kleinen Insel in der Mitte unseres Sees.

An diesem Tag musste ich auch an meine Eltern denken und daran, dass ich nicht zu ihren Beerdigungen gegangen bin. Vielleicht habe ich so versucht, das Versäumte symbolisch wiedergutzumachen. Der Tod meiner Eltern hat mich immer wieder beschäftigt – in meinen Träumen und in meinen Songs. Beide gehen oft ineinander über, meine Texte enthalten Bilder, die ich aus meinen Träumen habe. Wer seine Träume ignoriert, verabschiedet sich von seiner Menschlichkeit, seiner Spiritualität.

Ich bin jetzt auch musikalisch in die Vergangenheit gereist. Die Rockmusik ist erstarrt, tritt auf der Stelle, langweilt mich nur. Ich singe jetzt Lieder des Komponisten John Dowland aus dem 16. Jahrhundert. In den vergangenen Jahren bin ich mehrmals mit ihm verglichen worden, ohne zunächst selbst genug über ihn zu wissen, das weckte meine Neugier. Ich habe mich dann intensiv mit ihm beschäftigt, bin in seine Welt eingetaucht. Jetzt stehe ich da mit meiner Laute und singe seine wunderschönen, minimalistischen Lieder. Im Song Come Again lautet eine Zeile: » All the night, my sleeps are full of dreams «. Dowland war also auch ein Träumer.

Und fast alle seine Lieder spiegeln die Melancholie seiner Zeit wider. Melancholie hatte für mich schon immer eine große Anziehungskraft. Sie wird in der modernen Wohlstandsgesellschaft entweder unterschätzt oder missachtet. Wir sind heute doch alle nur noch auf Ziele und Ergebnisse fixiert. Wir wollen nie unseren Kurs verlassen, nie zugeben, dass wir im Unrecht sind. Melancholie aber entsteht immer dann, wenn man über sich und die Welt nachdenkt. Es ist ein nützliches Gefühl. Dowlands Musik ist für mich daher eine wichtige Therapie. Ich glaube, dass auch andere Menschen heute diese Art nachdenklicher und spiritueller Musik brauchen.

Nach dem Tod meiner Eltern habe ich oft an die heilende Kraft der Musik gedacht. Gibt es eine heilende Kraft der Träume? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass meine Träume mich immer wieder daran erinnern, wer ich eigentlich bin. Das ist für mich wichtig, denn mein Leben selbst ist ein Traum. Ich bin sehr privilegiert – ich bin ein erfolgreicher Musiker, lebe in wunderschönen Häusern, habe eine wunderbare Familie. Vor 40 Jahren war es mein Traum, aus der Enge Newcastles auszubrechen, nie wieder arm zu sein. Das ist in Erfüllung gegangen. Heute habe ich Träume, die mich auf den Boden der Realität zurückbringen, so seltsam das auch klingen mag. Sie erinnern mich daran, dass ich auch nur ein Mensch bin. Ich werde mal krank, und irgendwann werde ich sterben.

Aber meine Träume machen mir auch Spaß, was ich nach all diesen Gedanken über Tod und Melancholie nicht unterschlagen möchte. Wie die meisten Männer habe auch ich erotische Träume. Dafür kann ich nun wirklich nichts.

Aufgezeichnet von Martin Scholz

Sting, 55, mit bürgerlichem Namen Gordon Matthew Sumner, kam in der englischen Hafenstadt Newcastle zur Welt. Als Englischlehrer und Freizeitmusiker gründete er 1977 das Trio The Police. 1983 entstand das letzte gemeinsame Album, später arbeitete Sting vor allem solo. Er ist mit der Schauspielerin Trudie Styler verheiratet und hat sechs Kinder; er lebt in England, Italien und den USA.

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Leser-Kommentare
  1. Verheiratet mit einer Frau seines eigenen Kultur -und Sprachkreises, hat eigene Kinder und pflegt ein Herrenhaus aus dem 15. Jahrhundert, das sonst wahrscheinlich langsam verfallen wuerde und auf deren angrenzenden Wiesen und Waeldern womoeglich jetzt ein Wal-Mart stuende. Aber das Beste: sein heutiger Reifegrad hat ihm die Erkenntnis vermittelt, dass Rock Mist ist und mit Kultur nichts zu tun hat. Und das Allerbeste: er kauft keine afrikanischen Waisenkinder wie Haustiere, um sein Image aufzupolieren.

  2. Lieber ZoeckelA!

    Danke fuer den Kommentar, nehme ihn gerne an!

    Ehrlich gesagt will ich manchmal nur experimentieren, auch provozieren!

    Wie soll ich sonst jemals ein gutes Buch schreiben?

    Muss doch erstmal wissen, was die Menschen wirklich bewegt, ja ich gehe weiter: ergreift!

    Ich will das weiter rausfinden und schreibe sicher vieles in den Kommentaren, das ich Tage spaeter revidiere!

    Danke fuer Deinen Kommentar, nur versichere ich voller Treu und Offenherzigkeit:

    erst wenn ich mein Buch veroeffentliche, erst das soll Gewicht haben und werde ich dann auch hoffentlich verteidigen koennen!

    Gruesse

  3. Hallo Gerhard, hast Du jetzt ein neues Lieblingsthema? Oder ist das nur eine neue Version des alten? Wieso musst Du eigentlich stets und ständig moralisieren? Es gibt ja doch weiß Gott schlimmeres, als mit Musik reich zu weden. Wenn Du jedem, der überdurchschnittlich viel Geld hat, persönlich Vorwürfe machen willst, wirst du niemals dazu kommen, tatsächlich ein Buch zu schreiben. Ich denke, der Mann ist verwirrt genug. Lass ihn in Ruhe. Du hörst doch: er hat genug Stress: Mit Ämtern, Archäologen, seiner Frau, seinem Job und seinem rabeschwarzen Gewissen. Kein Wunder, dass er schlecht träumt. Dein Kommentar ist ganz bestimmt überflüssig. (;-D)

  4. 4. @sting

    Es ist sehr schlecht nicht zur Beerdigung seiner Eltern zu gehen, eines der schlechtesten Dinge, die man ueberhaupt tun kann!

    Dass dann auf ihrem Grundstueck eine Leiche gefunden, ist dadurch zu erklaeren, dass Sie aufgrund ihres Reichtums sich eine solche Anschaffung erlauben koennen: in der Naehe archaeologischer Fundstaetten!

    Die Bedeutung ihres Traumes:

    wenn Reiche weiterhin in ihrer bekuemmernden Einfaelltigkeit leben, wird es viele weitere Leichen geben, Millionen, Milliarden, und viele werden gestorben sein durch

    Unrecht!

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