Wenn man ihr vor fünf oder zehn Jahren gesagt hätte, dass sie mal Bücher über das Thema »Feminismus« schreiben würde – »Ich hätte mich totgelacht«, sagt Thea Dorn. Doch dann verdichteten sich die Indizien, dass die Karriere der Gleichberechtigung irgendwie ins Stocken geraten war. Und spätestens seit jenem Abend, als sich ihr nach einer Talkshow ein »distinguierter Herr des Kulturbetriebs indirekt als Samenspender angeboten« habe, so die 35-jährige Krimi-Autorin und Fernsehmoderatorin, sei ihr klar geworden: »Weglachen reicht nicht mehr. Ein Buch muss her.« Und ein neuer Begriff. Denn »Feminismus«, das klang zu sehr nach siebziger Jahren, Latzhosen, Opferrolle. »Die neue F-Klasse«, so Dorn in ihrem gleichnamigen Buch, das ist die neue Avantgarde, selbstbestimmte, moderne Frauen, die sich nicht über ihre Männer oder irgendwelche Rollenzuschreibungen definieren, »sondern nur durch das von ihnen individuell Erreichte und Gelebte«. Frauen wie sie. BILD

Warum die Zukunft von Frauen gemacht wird lautet der Untertitel ihres Buchs. Glaubt man Dorn, hat die Zukunft bereits begonnen. Sie sitzt im Kreuzberger Restaurant Sale e Tabacchi und sieht ein bisschen aus wie Leeloo, das ätherische Wesen aus Luc Bessons Scifi-Film Das fünfte Element: rote Haare, weiße Haut, sehr blaue Augen, ein Fabelwesen in Existenzialistenkluft. Anders als Leeloo ist Dorn allerdings nicht gekommen, um die Welt vor dunklen Mächten zu retten, sondern vor ihrer Unvernunft und bornierten Männern, was nach Dorns Ansicht engstens zusammenhängt. Um ihren Hals baumelt ein schwarzer Anhänger aus Leder, eine Pistole, vor ihr steht ein dampfender Teller Pasta mit Steinpilzen. Der Eindruck von Feenhaftigkeit verflüchtigt sich endgültig, wenn Dorn den Mund aufmacht. »Zum Beglückendsten für den Menschen«, sagt Dorn, sie spricht sehr akzentuiert, »gehört es, seine individuellen Potenziale zu realisieren.« In Frankfurt hat Dorn Philosophie studiert (was auch ihr an Adorno mahnendes Pseudonym erklärt), bevor sie 1994 ihren ersten Kriminalroman schrieb (Berliner Aufklärung) und dafür den Marlowe-Preis bekam.

Der Mensch, das ist ihre tiefe Überzeugung, ist »durch Erziehung veränderbar« – am besten durch sich selbst. Sie zum Beispiel habe sich in ihren 20er sehr verändert. »Ich habe mich gefragt: Was sind meine Dispositionen? Welche davon finde ich gut, welche nicht«, sagt Dorn und verfolgt einen Steinpilz quer über den Teller. Das Gute behalten, das Schlechte weg, und fertig ist der Moderne Mensch? So ganz scheint Dorn ihrer Theorie selbst nicht zu vertrauen. Die Frage, wie moderne Elternschaft in Zukunft aussehen könne, werde eine der Fragen sein, die unsere Gesellschaft in nächster Zeit am meisten beschäftigen werde, schreibt Dorn in ihrem Buch, Gleichberechtigung hält sie für eine Notwendigkeit. Sie selbst habe sich in ihrem eigenen Leben allerdings gegen Mutterschaft entschieden, sagt Dorn, weil sie seit ihrer Jugend den Verdacht hege, »dass zwischen Mutterschaft und Moderne ein Spannungsverhältnis besteht«. Ist das nicht ein Widerspruch? Und ist es nicht ein Rückfall, die alte Trennung zwischen Frauen- und Familienpolitik, die etwa die Grünen lange Jahre ebenso lustvoll wie unsinnig und kräftezehrend zelebrierten, wiederzubeleben? Keineswegs, sagt Dorn und lächelt liebenswürdig, eine rein private Entscheidung, sie könne auch mit Haustieren nicht viel anfangen. »Ich habe schlicht null mütterliche Gefühle«, sagt sie, »habe ich nicht einen Tag in meinem Leben gehabt.« Die Vorstellung, sich an ein Wesen zu binden, das rationaler Ansprache mehrere Jahre lang nicht zugänglich sei, findet sie befremdend, eher schon könnte sie sich vorstellen, ein großes Kind zu adoptieren. Doch während andere Kopfmenschen dazu neigen, sich selbst als defizitäre Kontrollfreaks zu bekritteln, kokettiert die »humanistische Utopistin« (Dorn über Dorn) mit ihrem Hardcore-Rationalismus. Was ist das Ziel ihrer Selbstoptimierung? Die Antwort kommt prompt: »Ich bin genau das, was ich sein will.« Obwohl, sagt Dorn nach einigem Nachdenken, am allerliebsten wäre sie »als wohlhabender Mann im klassischen Athen« zur Welt gekommen. Da habe es noch Interesse an echtem Diskurs gegeben, da sei es um echte Themen gegangen, und die Demokratie war noch nicht so »medienverhunzt« wie heute. Nur wo hätte Herr Dorn dann seine F-Klasse-Frau gefunden? Schließlich waren Demokratie und intellektueller Diskurs bei den Griechen Männern vorbehalten. »Hmm«, sagt Dorn »dann wäre ich wahrscheinlich schwul geworden.« Tina Hildebrandt