Internet Der dritte Mann
Vorige Woche kaufte Google die kalifornische Internet-Firma YouTube für 1,6 Milliarden Dollar. Einer ihrer Gründer stammt aus der DDR. Die Geschichte einer Auswanderung.
Es begann im Zoo. Jawed Karim stellte sich vor das Elefantengehege und sprach in die Videokamera: »Das Coole an diesen Elefanten ist, dass sie sehr, sehr, sehr lange Rüssel haben. Und das ist cool.« Er dreht sich nochmal kurz zu den Elefanten um und schließt mit den Worten: »Das ist eigentlich auch schon alles.«
Dieser 18 Sekunden lange Experimentalfilm lässt sich jetzt schon als historisch bezeichnen: Es war die erste Filmsequenz, die, probehalber, auf die Internet-Plattform YouTube geladen wurde. Das war am 23. April 2005. Seither ist YouTube zu einem eigenen Massenmedium geworden, um die 100 Millionen kostenlose Videoclips werden hier inzwischen tagtäglich heruntergeladen. Vorige Woche, knapp anderthalb Jahre nach dem Zoo-Filmchen, kaufte Google die Firma YouTube für 1,65 Milliarden Dollar. Die zwei jungen Chefs und Gründer von YouTube, Steven Chen und Chad Hurley, die sich nunmehr eines märchenhaften Reichtums erfreuten, wurden nach diesem Coup weltweit gefeiert.
Und erst ein paar Tage später wurde publik: Es gab noch einen dritten Gründer, Jawed Karim, 27, den Mann aus dem Elefanten-Video. In den vielen Berichten über den Google-Deal tauchte eine Information über ihn, wenn überhaupt, ganz am Rande auf: Jawed Karim ist deutscher Staatsbürger, geboren 1979 in Merseburg in der DDR. Und ganz offensichtlich einer dieser hoch begabten Leute, die der Standort Deutschland so dringend braucht – und die ihr Glück anderswo gefunden haben.
YouTube war für Karim kein Glückstreffer, sondern bereits sein zweiter Triumph als Unternehmer. Zuvor hatte er die Firma PayPal mit aufgebaut, die Zahlungssysteme fürs Internet entwickelte und 2002 von eBay gekauft wurde – für immerhin, wie sich die Summen gleichen, 1,5 Milliarden Dollar.
Von Merseburg zu den sensationellsten Deals der New Economy – schon auf den ersten Blick erscheint Karims Lebenslauf wie ein Bildungsroman der Computer-Ära. Beim näheren Hinsehen erweist sich seine Geschichte als Illustration all dieser irritierenden Schlagworte, die seit Jahren auf die Deutschen einprasseln: Integration, Innovation, Migrationshintergrund, Bildung, Wettbewerbsfähigkeit, Brain Drain . Ach ja, und die »berufstätige Mutter« .
Im Internet hat Jawed Karim viele Spuren hinterlassen, nicht nur mit seiner Software, sondern auch mit seinen persönlichen Erinnerungen. Den öffentlichen Austausch von Bildmaterial, der YouTube so erfolgreich machte, praktiziert Karim auch auf seiner Homepage. Dort finden sich Urlaubsfotos von einer Wanderung im Harz, einer Radtour in Kalifornien, einem Besuch im Air & Space Museum in Washington, einer Reise nach Bangladesch. Man sieht auf diesen Bildern einen jungen Mann mit sehr wachen, braunen Augen, dem das Leben ziemlich viel Spaß zu machen scheint. Und dem seine Familie sehr wichtig ist: seine deutsche Mutter, sein aus Bangladesch stammender Vater, sein jüngerer Bruder.
»Das war 1992 eine schlimme Situation in Deutschland«
So weit der virtuelle Jawed Karim. Weder über YouTube noch über Geld mag Karim derzeit gern reden. Ein Interview gab er vorige Woche der New York Times, ansonsten hält er sich bedeckt. Aber für die deutsch-amerikanische Familiengeschichte gibt es auch eine andere, vielleicht sogar noch bessere Quelle: Jaweds Mutter, Christine Karim, geboren in Wernigerode im Harz und heute Professorin für Biochemie in Minnesota.
Nach anfänglichem Zögern – im Internet hat sie schon zu viele Falschmeldungen über ihren Sohn gelesen – beginnt sie zu erzählen, erst per EMail, dann am Telefon. Die Geschichte der Familie Karim beginnt in Merseburg, einer Stadt im so genannten Chemiedreieck südlich von Halle, wo sie 1976 ihren Kommilitonen Naimul Karim kennen lernt, den sie bald darauf heiratet. Karim war über ein Stipendium aus Bangladesch in die DDR gekommen. »Das war kurz nach der Revolution dort«, sagt sie, »die gerade befreiten Bangladeschis sollten sich in der DDR angucken, wie der Sozialismus funktioniert.« Und dann aber, so war es offenbar gedacht, auch irgendwann wieder gehen.
1979 kommt Jawed in Merseburg zur Welt. In den folgenden Jahren fühlten sich Christine und Naimul Karim zunehmend von der Obrigkeit drangsaliert, Abgesandte aus Bangladesch schienen nicht auf Dauer willkommen. »Wir passten nicht ins Bild«, sagt sie, »man hat uns aus der DDR herausgedrängt.« Und so reisten Vater, Mutter und Sohn 1982 in den Westen aus. »Die Leute sagen mir jetzt immer: ›Was für ein Glück für euch, dass ihr rausdurftet!‹ Ich wäre aber eigentlich gern geblieben, das war ja meine Heimat.«
Im Westen angekommen, fand der hoch qualifizierte Chemiker Naimul Karim schnell eine Anstellung beim Technologiekonzern 3M, in der Deutschlandzentrale in Neuss. Christine Karim promovierte und machte später eine Zusatzausbildung als Lehrerin. »Als ich meine Doktorarbeit schrieb, saß Jawed oft auf meinem Schoß«, sagt sie, »und weil sich sonst niemand um ihn kümmern konnte, nahm ich ihn schon als kleines Kind oft mit ins Labor.« Wahrscheinlich habe ihn auch das geprägt. Ein Kollege hat ihr mal gesagt, ihr kleiner Sohn habe die Vorgänge im Labor aufgesaugt »wie ein Schwamm«.
Mit zehn bekam Jawed seinen ersten Computer, einen gebrauchten Commodore. »Mein Mann und ich waren zuerst skeptisch«, räumt seine Mutter ein. Damals, in den Achtzigern, »galt der Computer noch als sehr schädlich für Kinder«. Jawed habe aber gern Programme geschrieben, »die er uns stolz zeigte, und irgendwann haben wir verstanden, dass das vielleicht wirklich eine sinnvolle Beschäftigung für ihn ist«. Bei allem Verständnis hätten sie aber dafür gesorgt, »dass er nur eine begrenzte Zeit am Computer verbringt«.
Nachdem 1988 ihr Sohn Ilias geboren war, verspürte die zweifache Mutter einen zunehmenden Rechtfertigungsdruck: »Man fragte mich immer wieder ziemlich unverblümt: ›Was, Sie wollen arbeiten, müssen Sie sich denn nicht um die Kinder kümmern?‹« Ihr ist anzuhören, wie sehr sie diese Frage geärgert hat. Im Rückblick lässt sich kaum behaupten, dass aus ihrem Sohn vor lauter mütterlicher Berufstätigkeit nichts geworden sei.
Es war dann vor allem eine andere Zumutung, die die Idee entstehen und reifen ließ, Deutschland zu verlassen: Ausländerfeindlichkeit. »Das war 1992 eine schlimme Situation in Deutschland«, sagt Christine Karim, die sich mit ihrer Familie nun schon zum zweiten Mal unerwünscht fühlte. Es war die Zeit der fremdenfeindlichen Anschläge von Hoyerswerda, Rostock, Mölln. Jawed war 13 und besuchte ein katholisches Gymnasium bei Dormagen, als sein Vater die Gelegenheit ergriff, einen Job im 3M-Hauptsitz anzutreten, in St. Paul im US-Staat Minnesota. Und so kam die Familie Karim vor 14 Jahren Deutschland abhanden.
In Minnesota wurden die Karims von einem Heimatgefühl gepackt, das sie in der Bundesrepublik nie gefunden hatten. »Wir fühlten uns willkommen, die Leute interessierten sich für uns«, erinnert sich Frau Karim, »wir waren jetzt Einwanderer und wollten ein Teil dieser Gesellschaft werden. Und das ging nur durch sehr viel harte Arbeit.«
Christine Karim entdeckte unterdessen unerwartete Parallelen zu ihrer alten Heimat. »Hier in den USA ist vieles wie in der DDR«, sagt sie, »so seltsam es klingen mag.« Aufgefallen sei ihr »eine bestimmte Art von Solidarität im Bekanntenkreis, man hilft sich gegenseitig im Alltag«. Die Berufstätigkeit von Frauen war plötzlich wieder, wie damals im Osten, der Normalfall. »Und sogar dieses dauernde Fahnenschwenken der Amerikaner erinnert mich oft an die DDR.«
Ein Unterschied zu den deutschen Verhältnissen fiel der gelernten Lehrerin ganz besonders auf: »Ich war sehr beeindruckt, wie die Lehrer hier in Minnesota auf Jawed eingingen. Sie gaben sich Mühe, seine Talente zu erkennen und zu entwickeln.« In den deutschen Schulen, die sie erlebt hatte, sei viel mehr »nach vorgegebenen Plänen« unterrichtet worden.
Jawed hatte sich bald das Ziel gesetzt, auf einer der besten amerikanischen Universitäten zu studieren. Nach seinem Abschluss an der High School in St. Paul entschied er sich zunächst für die University of Illinois. Hier hatte ein paar Jahre zuvor, in der Urgeschichte des World Wide Web, ein junger Mann namens Marc Andreesen den ersten Internet-Browser entwickelt, Netscape.
Jetzt möchte Jawed Karim endlich mal in Ruhe studieren
Nach drei Jahren brach Jawed dieses Studium ab, um in San Francisco die Start-up-Firma PayPal mit aufzubauen. »Dass er dafür sein Studium unterbrach, das war für mich schon sehr schwer«, sagt seine Mutter heute.
Als die Firma zwei Jahre später an eBay verkauft worden war, verließ Jawed das Unternehmen und holte seinen Abschluss nach, teils per Fernstudium. Der Rest ist Internet-Geschichte: Regelmäßig traf er sich mit seinen ehemaligen PayPal-Kollegen Chad Hurley und Steven Chen in einem Café in der Nähe der Stanford University, um neue Ideen auszuhecken. Eine davon war YouTube.
Noch beeindruckender als die gigantischen Summen, die für PayPal und YouTube flossen, ist eine kleine persönliche Entscheidung, die Jawed Karim im vorigen Jahr gefällt hat. Als YouTube in Gang gekommen war und große Investoren an Land gezogen hatte, verabschiedete sich Karim, allen Überredungsversuchen seiner Kollegen zum Trotz, vom Projekt YouTube: um sich auf sein Studium zu konzentrieren. (Keine Sorge, er nahm dabei genügend YouTube-Aktien mit, um nun als einer der größten Anteilseigner reichlich entlohnt worden zu sein.)
Jawed Karim hat den Geldrausch der New Economy erlebt und sich für den Glücksrausch der Forschung entschieden. Man könnte es auch so sagen: Auf ihrem Weg von Merseburg nach Minnesota haben die Karims ziemlich viel richtig gemacht.
Nun macht Jawed Karim seinen Master in Computerwissenschaften an der Stanford University. Er möchte gern Professor werden.
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- Datum 13.11.2006 - 02:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.10.2006 Nr. 43
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nach youtube erobern auch deutsche videoportale den markt. ob clipfish oder myvideo und videotube. es gibt sogar schon ein portal das den tausch der videos per download aufs handy ermöglicht. die rede ist hier von handyvid dieses portal bietet den dienst bereits seit über einem jahr an.
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