»Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngongberge…« Man muss nur den ersten Satz in Tania Blixens Roman Jenseits von Afrika lesen, schon wird man von einer sonderbaren Sehnsucht angesteckt. Niemand hat diese Sehnsucht nach Afrika so leidenschaftlich und poetisch beschrieben wie die Baronin aus Dänemark. Wer auf der Steinbank vor ihrer Farm in Kenia sitzt und im honiggelben Nachmittagslicht auf die blau schimmernde Silhouette der Berge schaut, wird von dem Anblick überwältigt. Auf dieser Steinbank träumte Blixen ihren Traum von der unversehrten, ursprünglichen Welt der Savanne, während der Diener Farah den Tee im viktorianischen Silbergeschirr auftrug. 

Der Traum zerbrach, Blixen scheiterte als Kaffeepflanzerin, und ihre Liebe zum Großwildjäger Denys Finch Hatton blieb unerfüllt, aber der Zauber des Anfangs ist in ihrem Domizil am Rande von Nairobi konserviert. Das Leopardenfell vor dem Bett, die sansibarischen Möbel mit den Laubsägeverzierungen, die Krocketschläger und der Tropenhelm, der Wasserfilter von Berkefeld, der Paravent mit den Sultanen und Stammestänzern, die Elfenbeinintarsien und Jagdtrophäen – es ist alles noch so, als wäre die Hausherrin nicht 1931 abgereist, sondern erst gestern. Nur der gusseiserne Dampfkessel von John Gordon & Co aus London und die Trockentrommel für die Kaffeebohnen rosten im Wäldchen nebenan vor sich hin und werden allgemach von den Tropen überwuchert.

»Ich hatte eine Farm in Afrika…« Ist das vielleicht aber nur nostalgischer Kitsch, mit dem Europäer die Kolonialzeit verklären? Naive Afroromantik und profaner Safari-Drang, den einst die Kultserie Daktari erweckte? Das fragen wir uns, als wir an einem hellen Morgen hinausfahren aus der lärmenden und stinkenden Hauptstadt Kenias, auf der Straße nach Narok, die Tania Blixen anlässlich ihrer Jagdausflüge gern genommen hat. Unser Ziel ist die Masai Mara, jener Teil der Serengeti, der zu Kenia gehört. Fünf Stunden später passieren wir den Olololo, einen Tafelberg, auf dem die Beerdigung von Finch Hatton gedreht wurde, die herzzerreißendste Szene des Melodrams Out of Africa. Es war der Film zum Buch von Blixen, mit einer umwerfenden Meryl Streep in der Hauptrolle, die die wehmütige Lust auf Afrika wie keine Schauspielerin vor und nach ihr stimuliert hat. In der anbrechenden Dämmerung zieht eine gewaltige Büffelherde vorbei, dreihundert oder noch mehr Tiere, die wie Urwesen aus dem Elefantengras auftauchen und durchs Zwielicht trotten. Jeder Büffel, schrieb die Baronin einmal, kam einzeln über die Kuppe, als wäre er soeben der Schöpfung entsprungen. Da haben wir schon die Anmutung der Unschuld dieses Kontinents, den Widerschein des Paradieses, aus dem der Mensch verstoßen wurde: Out of Africa! Raus hier! Gebot der strafende Gott.

Jäh werden wir aus den biblischen Gedanken gerissen, denn es droht Gefahr. Mister Jimmy, unser Fahrer, hat den Landrover nahe an ein paar grasende Nashörner gelenkt, damit wir sie im erlöschenden Licht besser erkennen können. Plötzlich dreht uns ein Rhino den Kopf zu, senkt das Horn – und geht schnurstracks auf das Fahrzeug los! Mister Jimmy legt sofort den Rückwärtsgang ein, das gepanzerte Ungetüm bleibt schnaubend fünf Meter vor uns stehen. Jetzt sehen wir den Grund seines Zorns: ein tapsiges Nashornkalb.

Hinter den Schattenrissen der Schirmakazien steht der Horizont in Flammen, und bald fällt die Dunkelheit wie eine brandschwarze Decke auf die Erde. Es ist die Stunde, in der das Crescendo der Webervögel verstummt und das wunderliche Nachtkonzert der Savanne beginnt. Die Luft ist erfüllt vom metallischen Gesang der Zikaden und vom Quaken der Baumfrösche. Man hört Moskitos sirren, irgendwo draußen kichert eine Hyäne. Dann ist es wieder kirchenstill, man vernimmt nur noch das Säuseln des Steppenwindes. Die Augen fallen zu. Plötzlich dieses unheimliche Grollen. Was war das? Ein hungriger Löwe? Die Serengeti schweigt.

Schnee auf dem Kilimandscharo – ein göttlicher Anblick

Am Frühstücksbuffet der Lodge die üblichen Verdächtigen: reiche Briten, Amerikaner, Inder. Und natürlich ein paar Deutsche in perfekter Khaki-Uniform. Auffällig ist eigentlich nur, dass neuerdings viele Chinesen unter den Gästen sind, sie entdecken gerade den »schwarzen« Erdteil, auch sie suchen das Safari-Glück, nach dem alle suchen. Im Hotelkiosk können sie die probaten Anleitungen kaufen. Da liegen die Klassiker von Elsbeth Huxley und Tania Blixen, die Ethnoschmonzetten einer Kuki Gallmann und das Großwildjägerlatein von Hemingway, der auf jede vierbeinige Kreatur ballerte, die ihm vor seine Silversmith lief, und beim Sundowner über Rilke philosophierte. Der Weltliterat tobte das amerikanische Afrika-Gefühl, das seit der Safari von Präsident Theodore Roosevelt anno 1910 von den Millionären und Mächtigen zelebriert wurde, in einem archaischen Jagdtrieb aus.

Im Bücherregal steht natürlich auch die unvermeidliche Corinne Hofmann, deren erotische Ergüsse vor allem reifere Damen verzaubern. Die weiße Massai heißt der Bestseller der ehemaligen Vertreterin für Dentalzubehör aus der Schweiz. Sie schildert, wie sie sich in einen feschen Massai verliebt und ihm das Küssen beibringt – eine europäische Sitte, die das Volk der Massai fürchterlich anwidert. Dass die Romanze den Mann und sein ganzes Dorf durcheinander bringt, bemerkt Hofmann gar nicht. Es geht ihr eben nur um eine Projektionsfigur, an der die von der modernen Kultur unterdrückten Begierden ausgelebt werden.