Folter Das Recht stirbt zuerst

Der Anwalt Bernhard Docke hat Murat Kurnaz aus Guantánamo geholt. Doch zuvor musste er vergessen, was er über Gesetz und Ordnung gelernt hatte

Bremen

Ende August, als Murat Kurnaz zurückkehrte, als alles überstanden war, da hielt sein Anwalt Bernhard Docke bei der Heimfahrt kurz an. Kurnaz, der gerade noch mit verbundenen Augen im Laderaum eines US-Militärflugzeuges angekettet war, stieg aus dem Wagen und blickte in den nächtlichen Sternenhimmel. Docke blieb auf Distanz und dachte: »Jetzt wird er einfach davonrennen.« Doch der langbärtige Kurnaz schaute nur in die dunkle Nacht. Fünf Jahre lang hatte man das Neonlicht in seinem Käfig auf Guantánamo nicht abgeschaltet. »Ich spürte, was ihm angetan wurde«, sagt Bernhard Docke, »und ich dachte mir nur: Welch ein armer Mensch!«

Es war im Frühjahr 2002, als eine blond gefärbte türkische Hausfrau in die Kanzlei des Bremer Rechtsanwaltes trat, weil sie »überall auf verschlossene Türen« stieß, wie sie klagte. Eine streitbare und renommierte Sozietät hatte sich die Frau da ausgesucht. Sie trägt den Namen von Dockes Vorbild Heinrich Hannover, der in RAF-Prozessen verteidigte – nicht aus Sympathie für Terroristen, sondern weil ein fairer Prozess eine bissige Verteidigung voraussetzt. Docke hat vom streitbaren Hannover wohl auch gelernt, dass das Recht kein unverwüstlicher Monolith ist. Es kann zurechtgehauen werden von den Mächtigen – und dabei auch zerbrechen. Docke, der Amerika-Fan, ist zudem ein Kenner des US-Strafrechts und der Abgründe, die sich dort eröffnen können. Soeben war er von einem Prozess zurückgekehrt, in dem er als Gutachter versucht hatte, einem Beschuldigten den elektrischen Stuhl zu ersparen. Vergebens. »Ich konnte mir bis dahin nicht vorstellen, dass ich als Jurist an einem Prozess mitwirke, an dessen Ende ein Todesurteil steht.«

Die blondierte Frau stellte sich als Rabiye Kurnaz vor. Sie hielt Docke eine zensierte Postkarte hin, die ihr das Rote Kreuz übergeben hatte. »Es geht mir gut, nur Gott weiß, wann ich zurückkomme« hatte ihr Sohn Murat daraufgeschrieben. Es war das erste Lebenszeichen des damals 19-jährigen Schiffbaulehrlings. Ende 2001 wurde der gebürtige Bremer auf einer Reise in Pakistan in den Wirren des Afghanistan-Krieges irrtümlich als »feindlicher Kämpfer« verhaftet, gegen Kopfgeld an die US-Truppen verkauft und fünf Jahre in Guantánamo festgehalten. Dieser schwer traumatisierte und menschenscheu gewordene Mann beschäftigt nun die Kontrollgremien des Bundestages. Sie wollen klären, ob er von deutschen KSK-Soldaten misshandelt wurde, wie er behauptet. Und warum die rot-grüne Bundesregierung bereits im Jahr 2002 das Angebot der USA ausschlug, den Deutschtürken freizulassen.

Dass der Kurnaz-Fall zur Staatsaffäre wurde, dass sich auch George W. Bush dem Schicksal des Gastarbeitersohnes widmen musste, das ist auch der Hartnäckigkeit Bernhard Dockes zu verdanken, dieses unauffälligen Mannes mit kugelrunder Brille und dickem Schnauzer, der morgens mit dem Fahrrad in seine Kanzlei fährt und darum bittet, keinesfalls als »Menschenrechtsanwalt« vorgestellt zu werden, »weil ich dann wieder lauter Verrückte am Telefon habe«. Doch Docke ist ein Menschenrechtsanwalt, und sein fünf Jahre währender Kampf gegen das »rechtswidrige Recht« im Antiterrorkrieg zeigt exemplarisch, wie schnell sich entwickelte Demokratien in eine »archaische Welt« (Docke) verwandeln können, wenn die richterliche Kontrolle der Regierenden versagt – und sich die kritische Öffentlichkeit daran gewöhnt.

Rabiye Kurnaz wurde von der Wucht der Weltpolitik getroffen und »ihr Sohn war ins Mittelalter befördert worden«, sagt Docke. Was das bedeutet? »Kein Haftbefehl. Keine Anklage. Keine Besuchsmöglichkeit. Kein Staatsanwalt. Kein Gericht. Keine Öffentlichkeit. Keine Adresse, an die sich der Gefangene wenden konnte.« Docke sagt: »Ich musste mein juristisches Handwerkszeug weglegen. Alles, was ich über das Recht gelernt hatte, war wertlos«. Dabei war das Gesetz nach den Anschlägen vom 11. September doch gar nicht geändert worden. Nur die Interessen waren andere.

Plötzlich gab es »keinen juristischen Zipfel mehr, an dem ich ziehen konnte«, sagt Docke. Er schrieb an den BND und an das Rote Kreuz, an Joschka Fischer und die türkische Regierung, an das Pentagon und an das Auswärtige Amt. Aber es geschah nichts. »Das war die Geburtsstunde von Abu Ghraib«, sagt Docke. »Dieses augenzwinkernde Wegschauen« habe einen Flurschaden angerichtet, der bis heute wirke.

Wenn Recht und Gesetz abhanden kommen, verwandeln sich Juristen in Lobbyisten, in Bittsteller, in Gnadensuchende. Docke stellte sich an die »öffentliche Klagemauer«, wie er sagt, er begann mit Mutter Kurnaz um die Welt zu reisen, nach London, nach Washington. Er, der einst bei den UN als Praktikant Völkerrecht studierte, entdeckte wieder das andere Amerika: bissige Anwälte, kämpferische Menschenrechtsorganisationen, engagierte Prominente, die Hilfsvereine gründeten und Geld sammelten für die Verwandten der Internierten. Viele von ihnen wissen bis heute nicht, was ihre internierten Familienmitglieder wirklich angestellt haben.

Es rührte sich was: Die ersten Gefangenen kamen frei. Und ein Geheimbericht des Roten Kreuzes über US-Folter im Lager wurde den Medien zugesteckt. Docke setzte wieder auf das Recht. Gemeinsam mit anderen Anwälten zerrte er in Kurnaz Namen die Bush-Regierung vor Gericht. Doch die Justiz spielte in der ersten Runde nicht mit: Die Richter stützten den Präsidenten, sie verwiesen auf den Präzedenzfall des deutschen Soldaten Eisentrager. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs war Eisentrager von US-Truppen in Japan als feindlicher Kämpfer festgenommen worden. Ein im Ausland internierter ausländischer Krieger, so stellte der Supreme Court, das höchste US-Gericht damals fest, dürfe keinen amerikanischen Richter bemühen. Murat Kurnaz saß fest.

Anwalt Docke widersprach: Kurnaz sei kein Kämpfer, Guantánamo kein Feindesland der Amerikaner. So zog er, gemeinsam mit sechzehn anderen Häftlingen, vor den Supreme Court.

Docke und Mutter Kurnaz nahmen Platz im hohen marmornen Verhandlungssaal des Supreme Court. Rabiye Kurnaz, erzählt Docke, »verstand kein Wort von dem, was die Götter in Schwarz da vorne redeten«. Aber beiden fiel »dieser ungewöhnlich rauhe, hemdsärmelige Stil« auf. So also sah die gefürchtete US-Judikative aus: »Respektlos gegenüber uns Anwälten, aber auch respektlos gegenüber den Vertretern der Regierung«, sagt Docke.

Er glaubte den Prozess schon verloren, doch es kam anders: am 28. Juli 2004, zweieinhalb Jahre, nachdem Kurnaz festgesetzt wurde, las das Oberste Gericht dem US-Präsidenten die Leviten. Auch Kurnaz habe das Recht, ein Gericht anzurufen.

Die Geschichte hätte hier ein Happy End nehmen können. Doch bis heute ist das Urteil nicht umgesetzt, weil die US-Regierung den Spruch boykottiert. Mal verweigert sie die Akteneinsicht, dann schwärzt sie Urteile in entscheidenden Passagen. Immer wieder verfasst die Regierung Einsprüche gegen richterliche Auflagen. Erst im September wurde ein Gesetz verfasst, das den Häftlingen erneut alle Rechte entzieht, die der Supreme Court gewährte.

Kurnaz aber kam heim. Doch es war ein »Gnadenakt« der USA, kein Richterspruch, der ihm die Freiheit zurückgab. Und das ist die beängstigende Lehre, die man aus Dockes Geschichte ziehen kann: Es waren nicht Richter, die Kurnaz’ Schicksal bestimmten, sondern wieder nur die Mächtigen.

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Leser-Kommentare
  1. ... hat imho in dieser Republik nichts zu melden.

    Trotz des daraus sprechenden Hanges zur Verfassungsfeindschaft mögen seine Beiträge diskutiert werden und ihm keine persönlichen Nachteile eintragen - so will es das Grundgesetz.

    Auf welches ich stolz zu sein mir erlaube.

    • Colon
    • 26.10.2006 um 11:49 Uhr

    Der Erfahrungsbericht aus der Realitätsebene hat mir sehr gut gefallen. Zudem ist die Reportage gut geschrieben.

  2. 3. \N

    An den Gerichten dieser Welt wird nicht Recht gesprochen, sondern werden Urteile gefällt.
    Das hat mir mal ein Richter gesagt.

  3. haben nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das habe ich schon während meines Studiums von meinem damaligen Dozenten gelernt (einem Richter a.D.).

    • jaso
    • 26.10.2006 um 14:03 Uhr

    Natürlich sind Folter gemein, tödlich, verheerend, keine Frage. Ich würde nicht so pathetisch von zivilisierter und unzivilisierter Welt sprechen, es hat keine nennenswerte Basis. Die Legitimierung der Folter war schon oft Thema zahlreicher Debatten, auch in der Zeit. Es hat auch keinen Sinn so zu tun, als ob man sich nicht fragte, woher die Geheimdienste ihre Informationen haben und wie sie Informationen aus Selbstmördern, die ja zugeben, dass sie weder die Staatsordnung, die Nation, noch die so genannte Zivilisation und ihre Moralvorstellungen (die schließlich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt variieren) nicht respektieren. Wie möchte man, bei aller Vorsicht, so einem Menschen Informationen abgewinnen?

    Druck, der auch von der Polizei angewandt wird, ist nur eine Vorstufe der Folter. Glücklicherweise wird Folter in solchen Delikten, wie in den meisten Fällen nicht angewandt oder nur psychisch angedroht, so dass keine mittelalterichen Zustände herrschen. Jedoch, einer der wenigen Aspekte der Folter ist der oben beschriebene Fall: Ein Taliban (oder Nazi, Kommunist, RAF-Mensch), der - sagen wir - dabei ist oder war die bestehende Staatsordnung außer Gefecht zu setzen. Wie soll man so einem begegnen? Durch zureden, bitten, androhen von Gewalt, wenn er sein Leben einer "höheren" Sache gibt?

    Historisch wie realpolitisch ist das keineswegs ein solches Tabu, wie das hier bisweilen propagiert wird. Missverstehen sie mich nicht, ich sehe durchaus ein, dass Mord und Folter schlecht sind, und ich möchte nicht, dass jemand Unschuldiges in diesen Apparat gerät, aber in gewissen Situation greift der Staat berechtigt durch, im Krieg oder Ausnahmezustand, wie ja auch bei uns Zivilisierten vor nicht langer Zeit mit der RAF. Wenn der Staat sich, seine Bürger und Institutionen zu schützen versucht, es sich eindeutig um eine demokratische Ordnung und vor allem pazifistische handelt, muss man definieren, wie bitte lebenswichtige Informationen aus zehn Todeskandidaten heraus zu bekommen sind?

    Durch Kalkül lässt dann sogar argumentativ widerlegen, dass nur Falsches im Delirium erzwungen wird: abgeschottet, über Jahre, erfährt man mehr von den Gefolterten, da es nicht so sehr um ein Geständnis als Informationen geht. Oder woher kannten wohl die Isrealis Ziele und Aufentshalte der Hisbolah im Libanon? Wenn man dann annimmt, dass zehn Menschen vernommen werden, filtert man die Unwahrheit zunehmend aus.

    Es ist ein Werkzeug, das trotz Humanismus und bürgerlichem Wohlstand nicht außer Acht gelassen werden sollte, indem man die Welt grob unterteilt, insbesondere da es naiv ist zu glauben, dass es keine reale Anwendung findet. Vielleicht nicht so grob und offensichtlich, aber nichts spricht gegen Essensenzug (auf Zeit, wie man sagt), (mehr) Einzelhaft, Repressalien, usw.

    Michel Foucault beschäftigte sich nicht umsonst dieses Themas.

  4. Das wird ja immer doller!

    Ich hoffe doch stark, das die Folterknechte per EU- weiten Haftbefehl gesucht werden! Nicht nötig dazu sind neue Gesetze oder die Abschaffung oder nicht Anwendung von Gesetzen. Gegen solche Banausen gibt es genügend Gesetze und internationale bindende Vereinbarungen.

    • jaso
    • 26.10.2006 um 12:55 Uhr

    Wie ich die Menschen verabscheue, die sich in solchen Fällen genötigt fühlen Richter heranzuziehen, die ein Instanz für Rechtsanwendung, aber nicht Rechtstheorie sind; gleich einem Polizisten, der bitte die Innenpolitik vertreten soll.

    Der Artikel selbst ist gut, und ich kann mir kaum vorstellen, was es heißt fünf Jahre lang eingesperrt zu sein.

    Dass Recht und Ordnung primäres Ziel dieser Kampagne sind, dass der Anwalt selbst anerkennt, dass die Anwendung dehnbar sind, aber sollte nicht vergessen werden, so wie es um den Jungen schade ist, der irrtümlich, anders als die meisten dort, falsch eingestuft wurde. Immerhin ist Folter, wie Erpressung, in gewissen Fällen - man muss diese nicht öffentlich brandmarken aus so einem romantischen Kreuzzug heraus, an dessen Ende man doch am Wohnzimmertisch sitzt und die Hände zur Genesung faltet, zum Hühnerfrikassee aus der Massenlegebatterie - durchaus berechtigt und ja, zumindest verständlich bezüglich Staatsgewalt und -intention. Nur, wie bei Todesurteilen, schrecklich, wenn die Falschen in die Fänge der Fahndung geraten. Es ist gut, dass sich Menschen wie Herr Docke solcher Fälle annehmen.

    Die Anderen, die Bösen, die immer noch in den Zellen verrotten, sind natürlich auch arm dran, aber darunter befinden sich etliche, die ja doch töteten oder töten wollten. Es wäre schön, wenn sie, werden sie frei gelassen, zur Einsicht gekommen so eines zerbrechlichen ein-maligen Lebens auf andere Gedanken kommen, mussten sie schließlich genug büßen.

    Bloß, im Falle der USA, müsse man sich fragen, was denn bitte die Folterungen und Rechtsprechungen, weil sie hier kritisiert wurden, bitte denn Anderes sein sollen als Ordnungswillen? Sadismus, wie das von manchen propagiert wird? Der immerböse Staat, die Fiskusfalle? Ist das die einzige Antwort, die solchen Kommentatoren einfällt, vollkommen unzulänglich.

    • iggy
    • 26.10.2006 um 15:35 Uhr

    You give anarchie a bad name. Vergewaltigt doch nicht immer den Begriff Anarchie, lieber mal nachlesen was er wirklich bedeutet. Ansonsten stimme ich mit ihrer Meinung ueberein.

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