Berlin : Hauptstadt der Unterschicht

Macht Florida-Rolf Urlaub an der Spree? Voller Missgunst schaut Westdeutschland auf das faule und vergnügungssüchtige Berlin. Darin steckt vor allem eines: Der Neid der Abgehetzten auf die Abgehängten. Eine Polemik

Die schadenfrohe Fratze wird noch lange in Erinnerung bleiben, mit der die westdeutsche Provinz auf die Niederlage Berlins vor dem Verfassungsgericht reagierte. Kein Geld für die parasitäre Hauptstadt! Das war eine gute Nachricht. Kein Geld für den Hochstapler, der Bonn die Regierung weggenommen hat. Kein Geld für den Bruder Leichtfuß, der sich im Glanze von Opern, von Museen, Theatern, Debattenzirkeln sonnt, die er nicht bezahlen kann. Kein Geld für den Kuppler, der Ost und West zusammenführt, die nicht zusammengehören. Kein Geld für den schillernden Verführer der Jugend, der die Töchter in die Boheme der glücklichen Arbeitslosen lockt. Arm, aber sexy hat der Bursche sich genannt. Das war ein Fehler. Es sind immer die größten Fehler, die der Wahrheit am nächsten kommen. Arm, aber sexy ist genau die Charakterisierung eines Schwiegersohns, der ehrbare Bürger in ihren Albträumen heimsucht. Berliner Strandleben mit Blick auf die Museumsinsel BILD

Berlin ist der Florida-Rolf unter den deutschen Bundesländern. Erinnern wir uns noch an die Gestalt, mit der die Bild- Zeitung seinerzeit die Hartz-Reform propagierte? Frech und faul und braun gebrannt: Das war Florida-Rolf, wie er sich mit deutscher Sozialhilfe ein schönes Leben unter Palmen machte. Die wirkliche Geschichte der wirklichen Person ist längst vergessen. Aber das Muster des arbeitslosen Anspruchsdenkens hat sich eingeprägt. Genau nach diesem Muster schien der westdeutschen Provinz Berlins Auftritt vor dem Verfassungsgericht zu geschehen. Die Stadt, die von unserem über den Länderfinanzausgleich perfide umverteilten Steuergeld lebt. Die nicht arbeitet, aber klagt und heimlich prasst. Die den Wohlstand anderer will und selbst keinen Ehrgeiz entwickelt. Faul und unerziehbar wie die Unterschicht, deren empörende Existenz wir gerade entdecken.

Und in der Tat musste man nicht einmal genau hinhören, um in dem hasserfüllten Geifern gegen Berlin die gleichen Stichworte zu finden, mit denen die Debatte um die neue Unterschicht geführt wird. Der Stadt geht es noch viel zu gut! Allein für Kultur gibt sie mehr aus als Hamburg. Wie kann es angehen, dass ein Armer sich mehr gönnt als ein Reicher? Selbst das florierende Baden-Württemberg muss, um den Staatshaushalt zu sanieren, kostbare Handschriften verkaufen. Und Berlin will drei Opernhäuser behalten? Hält sich die Stadt am Ende für was Besseres?

Nichts könnte für den neiderfüllten Egalitarismus, der die Raison d’être der alten Bundesrepublik war, anstößiger sein als dieser Verdacht. Deshalb war die bloße Idee einer Hauptstadt schon anstößig und konnte nur kompensiert werden durch die Erbärmlichkeit Bonns als Regierungssitz. Wer seinerzeit aus den Residenzen München oder Stuttgart nach Bonn fuhr, konnte eigentlich nur lachen; und dieses Lachen tat sehr gut. Dagegen Berlin, das schon durch schiere Größe und die Erinnerung an Preußen ein Gefühl von Demütigung erzeugte – das tat nicht gut. Und nun will dieses Berlin, anstatt sich mit dem Hauptstadtstatus zu bescheiden, ausgerechnet dafür noch einen Ausgleich? Auf die Frechheit noch eine Prämie für Faulheit obendrauf? In der Haltung der Stadt steckt für die südwestdeutsche Perspektive etwas empörend Enthemmtes; nicht unähnlich der Lebensweise der Langzeitarbeitslosen, die es sich mit Flasch Bier vor dem Fernseher bequem machen.

Der tragische Irrtum Berlins besteht darin, zu glauben, die deutschen Länder hätten gerne eine Hauptstadt, auf die sie stolz sein können. Ebendas wollen die deutschen Länder nicht. Sie wollen ein Berlin, für das sie sich mit Vergnügen schämen können. Sie wollen durch ein leuchtendes Berlin auf keinen Fall an ein Phänomen erinnert werden, das sich am besten in die paradoxe Formulierung vom bestraften Fleiß kleiden lässt. Denn nichts charakterisiert den Aufstieg Westdeutschlands nach dem Krieg besser als ein rastloser Fleiß, auf den der Lohn in Form von Glanz und Glamour nicht folgte. Was hat das »Schaffe, schaffe, Häusle baue« den Schwaben eingetragen? Ist Stuttgart die Stadt, auf die die Welt blickt? Was gibt es in Düsseldorf außer Boutiquen und elenden Sechziger-Jahre-Quartieren, die halbe Monatsgehälter eines Besserverdienenden kosten?

Das ist das große dunkle Geheimnis am Grunde Westdeutschlands: dass die gewaltigen entbehrungsreichen Anstrengungen einen Niederschlag in echter Lebensqualität, in Würde, Eleganz, in Leichtigkeit und Stolz niemals fanden. Das ist buchstäblich gemeint. Im Innern des Wohlstands herrscht kein Überfluss. In den reichen Städten Hamburg oder Düsseldorf oder München regiert der Mangel, der Mangel an Wohnraum zuerst, aber auch schon der Mangel an bezahlbaren Vergnügungen. Ein Lehrer in Berlin wohnt schöner und kommt leichter an Opernkarten als ein Unternehmensberater in Frankfurt. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Nicht dass dem gemeinen Westdeutschen dies völlig durchsichtig wäre. Aber er ahnt wohl dunkel, dass Berlin die empörende Anschauung dafür bieten könnte, dass Leistung sich am Ende doch nicht lohnt. Dass der Überfluss nicht im Innern des Wohlstandes, sondern der relativen Armut zu Hause sein könnte. Im Moment dieses Gedankens spürt er meist einen stechenden Schmerz an der Brust. Der Schmerz kommt von der Brieftasche, aus der er die Euro umverteilter Steuergelder gen Berlin flattern fühlt. Seiner Steuergelder!

Kommentare

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Berlin

Hi @ll
Prima Artikel.
Die Häme der sogenannten *Provinz* war schon schwer auszuhalten.
Was dieser Häme massiv Vorschub geleistet hat war die fast unbegrenzte Anspruchshaltung Berlins.
Ost wie Westberlin war es gewöhnt die Nummer 1 zu spielen auf Kosten des *Restes*,das beste für Berlin das nervte schon satt.
Berlin jetzt mal auf Entzug zu setzen ist schlicht ein Gebot der Stunde.
Was mir allerdings in der Debatte fehlt ist ein klares Konzept für die Zukunft.
Gruss
Rene

Das beste...

...was der Autor seit langem geschrieben hat.

"Die Individualisierung von Erfolg und Niederlage ist der wichtigste Baustein zur neuen Mitleidlosigkeit. Der Gedanke an Ungerechtigkeiten, die außerhalb persönlicher Verantwortung liegen, wenn nicht gar im System des Kapitalismus, gilt bestenfalls als antiquiert. Lieber spricht man von mangelnden Leistungsanreizen. Übrigens soll auch der globalisierte Wettbewerb nur zur äußeren Rechtfertigung von Massenentlassungen dienen. Der gekündigte Einzelne muss lernen, die Verantwortung für seine Überflüssigkeit bei sich selbst zu suchen."

SEHR gut. Und treffend.

Geht es wirklich nur um Berlin?

Bezeichnenderweise trug der Artikel den würdigen Untertitel - eine Polemik.
Aus meiner Sicht wird die "Häme" der sogenannten Provinz gnadenlos übertrieben. Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung wurde entschieden Berlin als neue Haupstadt einzurichten und ich bezweifle stark, dass Hamburg oder Düsseldorf ernsthafte Ambitionen hegen, dies umzustoßen.
Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die Klagen zweier westdeutscher Länder in Karlsruhe ebenfalls anhängen: Schleswig-Holstein und das Saarland. Es geht also nicht nur um Berlin.
Es geht um die Neuordnung der finanziellen Beziehungen der Bundesländer untereinander. In dieser Hinsicht ist das Karlsruher Urteil zu begrüßen, da es eine Debatte um einen nationalen "Entschuldungpakt" angestoßen hat. Es kann kaum bezweifelt werden, dass die momentane Ordnung dieser Beziehungen eine Reform verdient.
Berlin reiht sich nämlich in die Reihe der störrischen Bundesländer ein, die aus Trotz nicht gewillt sind, die erfolgreiche Wirtschafts- und Bildungspolitik anderer Länder (hauptsächlich Bayern und Baden-Württemberg) bei sich zu Hause zu implementieren (nein, ich stamme nicht aus einem dieser beiden Länder). Gestreng dem Motto: Was wissen die denn schon! Eine erzwungen größere Finanzautonomie würde dieses Verhalten über kurz oder lang ändern. Daher würde ich dazu anregen wollen, dieses Thema nicht mit einer Neiddebatte zu verwechseln.
Was die Zukunft Berlins angeht, hat mir ein Vorschlag aus dem Zeit-Artikel "Sechs Wege aus der Krise" sehr gut gefallen. Anstatt dass der Bund nur eine Oper oder eine Universität Berlins übernimmt, halte ich es für konsequenter, gesamt Berlin als Bundesdistrikt zu erklären (wie Washington D.C.). Deutlicher könnte man die Rolle Berlins in der Bundesrepublik nicht ausdrücken.

arm is sexy...

Ich finde das Motto "Arm ist sexy" sehr originell, auch, wenn es an jeder Realität vorbeigeht.
Dennoch finde ich die derzeitige wirtschaftliche Lage Berlins besonders für die über 17 % Arbeitslosen in der nicht ganz so "sexy".
Im Artikel heißt es, dass sich ein Berliner Lehrer evtl. ein komfortableres Leben als ein Frankfurter Unternehmensberater leisten kann. Das mag sein.
Dennoch: können sich die vielen Arbeitslosen ein schönes Leben (selbst in Berlin!) leisten?
Das Motto "arm ist sexy" wird bezeichnenderweise auch nur von solchen Menschen vorgebracht, die es sich leisten können, so etwas zu sagen.
Dass solche Äußerungen von Politikern des Landes stammen, zeigt Unverantwortung oder schiere Verzweiflung an der derzeitigen Lage.
Wirtschaftliche Stärke muss mit kultureller und ethnischer Vielfalt überhaupt nicht im Gegensatz stehen.
Im Gegenteil, eine starke Wirtschaft mit einer entspannenten Lage am Arbeitsmarkt wirkt sich integrativ aus, auch für Immigranten.
Viele Berliner wünschen sich das auch, eine Stadt, die im Ausland nicht nur als Kulturstadt des "easy going" wahrgenommen wird.

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