Bei Piraten heißt so etwas kapern. Diese hier schwenken zwar keine blutbefleckten Säbel, lieber Überweisungsformulare, und ihre Enterhaken sehen eher aus wie Baukräne, doch das Beiholen und Ausplündern beherrschen sie perfekt. Sie wollen den Schatz. Einen Schatz namens Aura.

Aura ist selten, vor allem in deutschen Innenstädten. Was der Krieg nicht zerstörte, das machte die Nachkriegszeit platt - so ziemlich alles, was alt war, wurde abgerissen. Saarbrücken zum Beispiel. Da wohnt die große Tristesse, und eigentlich ragt nur dieses eine Gebäude heraus, ein wunderbarer Palast, ein Palazzo sogar, ein Stück Florenz mitten im Einkaufszonenallerlei. Es ist die Bergwerksdirektion, 1880 erbaut von den berühmten Architekten Martin Gropius und Heino Schmieden, ein Haus mit Aura. Gerade recht für die Männer mit den Säbeln und den Enterhaken.

Rundum stehen viele Häuser leer, mehr als 30000 Quadratmeter, bestens geeignet für Büros und Läden. Die Büros im Bergwerkspalazzo waren hingegen gut vermietet, es gab keine Not, ihn zu verkaufen, keine Not, ihn in ein Shopping-Center des ECE-Konzerns umzuwandeln. Genau das aber soll nun passieren: Der Bau wird ausgeweidet, ausgeschabt. Und am Ende wird von einem der wichtigsten Kulturdenkmäler des Saarlands wohl nichts übrig sein als die Straßenfassade und das Treppenhaus. Die Denkmalpfleger haben längst klein beigegeben, nur die Bürger wehren sich noch, sie nennen das, was die ECE dort plant, eine Vergewaltigung.

So ist es vielerorts: Da werden Städte in der Stadt errichtet, sie werden hineingedonnert mit Abrissbirne und Presslufthammer, auch wenn es im alten Geflecht der Straßen und Giebelhäuser in Celle, Hameln oder sonstwo viel zu eng ist für eine dieser üblichen Großpassagen.

Doch mit aller Macht drängt es die Center ins Zentrum. Sie nehmen langwierige Verhandlungen hin, wüste Bürgerproteste, teure Umbauten.

Und warum das alles? Weil sie sich von der Stadt erhoffen, was sich partout nicht künstlich generieren lässt: Sie möchten unverwechselbar sein und historisch wertvoll.

Schon die Namen der Center sollen ja urbanes Leben verheißen. Arkade, Forum, Kolonnade, Piazza heißt selbst das, was draußen auf der grünen Wiese am Stadtrand steht. Eintönig sind sie trotzdem, diese Großgebilde aus Glas, Granit und Stahl. Ganz anders als die stolzen Vorgänger, die im 19. Jahrhundert in Paris und Mailand entstanden. Da plante man noch mit hohem Anspruch, das Einkaufen sollte durch kühne Hallen geadelt werden, die Architektur war ein Versprechen. Heute baut ECE nach dem H-Milch-Prinzip: garantiert keimfrei, geschmacksneutral und homogenisiert. Wo immer der Kunde einkauft, überall ist H&amp -M, ist Douglas, ist Nordsee, alles austauschbar, alles entortet. Mag auch der Rest der Gesellschaft immer ungleicher werden, im Einkaufszentrum gilt noch das Ideal absoluter Gleichheit.