Bachelor und Master Kein Grund zur Klage

Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, über neue Wege in der Juristenausbildung.

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft beschäftigt sich seit langem mit der Qualität und Akzeptanz der neuen Hochschulabschlüsse Bachelor und Master. Im kommenden Jahr wird er mit dem Programm »Neue Wege in der Juristenausbildung« Modellprojekte und Forschung zum deutschen Sonderweg in der Juristenausbildung fördern.

DIE ZEIT : Jura ist beim Bologna-Prozess, dessen Kernelement die Umstellung auf Bachelor und Master ist, nicht dabei – wie sonst nur Medizin und in manchen Bundesländern das Lehramt. Warum?

Andreas Schlüter : Bisher lernen Jurastudenten an der Universität, legen ihre Prüfung aber vor einer staatlichen Institution ab. Und dieses Staatsexamen ist einheitlich am Ende der Ausbildung. Beides gleichzeitig umzustellen macht die große Schwierigkeit. Denn beim Bachelor prüft die Hochschule, und zwar während des Studiums.

DIE ZEIT : Was bringt der Bologna-Prozess Studenten?

Schlüter : Sie legen die Prüfungen schon während des Studiums ab, wie ihnen das Fach liegt. Heute stellen manche Studenten erst im Staatsexamen fest, dass sie für Jura nicht geeignet sind und das Falsche studiert haben. Der zweite große Vorteil: Bachelorstudenten haben schon früh einen Abschluss, mit dem sie bestimmte Berufe ausüben können – mit Ausnahme der klassischen Juristenberufe im Staatsdienst.

DIE ZEIT : Sie dürfen also weder Anwalt, Richter noch Staatsanwalt werden. Ist also, wer nur den Bachelor macht, ein juristischer Leichtmatrose?

Schlüter : Diese Einschätzung ist von einigen Gegnern des Bologna-Prozesses zu hören. Auf der anderen Seite haben Bachelors überall dort eine Chance am Arbeitsmarkt, wo juristische Kenntnisse gefordert sind ohne die Befähigung zum Richteramt.

DIE ZEIT : Es gibt ja längst Hochschulen, die den Bachelor in Jura vergeben. Was können die Absolventen mit diesem Abschluss anfangen?

Schlüter : In einer Reihe Versicherungen und Banken, aber auch in Industrieunternehmen können sie juristische Fragen bearbeiten, für die sie keinen klassischen Abschluss benötigen. Schäden bearbeiten in Versicherungen, in großen Unternehmen in der Vertragsabteilung arbeiten. Das sind potenzielle Berufsfelder für Bachelorstudenten, die zudem jünger in den Job starten können.

DIE ZEIT : 80 Prozent der Jura-Absolventen werden Anwälte. Aber davon gibt es eh schon zu viele, der Arbeitsmarkt ist überlaufen. Was kann der Bachelor daran ändern?

Schlüter : Er könnte dazu beitragen, dass sich der Arbeitsmarkt entspannt. Viele Firmen dürften dazu übergehen, Bachelors einzustellen, die ja im Durchschnitt nur 25 Jahre alt sind. Andererseits werden sich die jungen Absolventen überlegen, ob ihnen der Bachelor genügt oder ob sie weitergehen, also den relativ zeitaufwändigen zweiten Schritt machen: Wartezeit aufs erste Examen, erstes Examen, Referendarzeit, Wartezeit aufs zweite Examen, zweites Examen. Das kann in der Summe noch mal bis zu vier Jahre dauern, also fast noch mal so lang wie die Bachelorausbildung.

DIE ZEIT : Es bleibt aber die Frage: Warum sollte das Jurastudium überhaupt auf Bachelor und Master umgestellt werden?

Schlüter : Die Bachelorsystematik erleichtert den Austausch. Wer in Frankreich eine Studienleistung erbracht hat, dem wird sie auch in England, Italien und Spanien anerkannt. Wenn Jura in Deutschland nicht auf die Bologna-Abschlüsse umstellt, wird es für deutsche Jurastudenten schwieriger, im Ausland zu studieren. Das ist eine große Gefahr. Und das Zweite ist: Die anderen Fächer in der Bundesrepublik stellen ihre Systematik um. Damit wird es für Juristen schwieriger, mit anderen Fakultäten zusammenzuarbeiten, also beispielsweise gemeinsame Programme anzubieten von Juristen und Betriebswirten oder Soziologen.

DIE ZEIT : Widerstand gegen den Bachelor gab es in vielen Fächern, jedoch nirgends so stark wie bei den Juristen. Woher kommt dieser heftige Protest gegen die Umstellung?

Schlüter : An den klassischen Strukturen halten unter anderem Anwältevertreter fest. Sie befürchten, dass mit dem Bachelor das Rechtsberatungsmonopol für ihre Klientel in Gefahr gerät. Bislang dürfen nur Anwälte gegen Geld Rechtsberatung anbieten. Wenn es viele arbeitslose Bachelors gibt, die das nicht dürfen, könnte das infrage gestellt werden.

DIE ZEIT : Die Front bröckelt. Erste Länder-Justizminister unterstützen die Reform. Wie könnte das Jurastudium Bologna-konform aussehen?

Schlüter : Ein Modell sieht zunächst die Bachelorausbildung für alle vor. Danach kann sich der Student entscheiden: Er geht mit diesem Abschluss in einen Beruf, oder er macht einen Masterstudiengang, um sich weitere Berufsfelder zu erschließen – das muss kein juristischer Studiengang sein. Die dritte Möglichkeit: Er macht nach dem Bachelor die klassische Eingangsprüfung für die staatlichen juristischen Berufe – erstes Staatsexamen, Referendariat, zweites Staatsexamen. Dieser Entwurf stößt auf große Zustimmung.

DIE ZEIT : Was raten Sie jemandem, der Jura studieren will?

Schlüter : Er sollte den Bachelorabschluss anstreben und dann entscheiden, ob er sich damit begnügt oder weiterstudiert. So hält er sich alle Möglichkeiten offen.

Interview: Joachim Budde .

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