Bachelor und Master »Für uns ist der Bachelor zu kurz«
Was Ingenieure wirklich brauchen: Burkhard Rauhut, Rektor der RWTH Aachen, über Vor- und Nachteile der Studienreform.
DIE ZEIT : Die führenden deutschen Technischen Hochschulen, die so genannten TU-9, zu denen auch Aachen gehört, halten wenig vom Bachelor. Warum eigentlich?
Burkhard Rauhut : In der Absolutheit hat das keiner von uns gesagt. Es kommt darauf an, was die Unternehmen mit den Leuten vorhaben. Es gibt anwendungsorientierte Jobs, da macht es durchaus Sinn, Bachelorabsolventen einzustellen, die weniger Kenntnisse haben als die bisherigen Diplomleute. Es gibt aber auch weite Bereiche, gerade in Forschung und Entwicklung, wo die Industrie schon jetzt sagt, dass sie nur Masterabsolventen einstellen wird. Leute, die auch noch in 20 oder 25 Jahren Forschung und Entwicklung betreiben können.
DIE ZEIT : Ist der Bachelor ein Abschluss zweiter Klasse?
Rauhut : Es gibt Leute, die sagen: Die TU-9 führen eine Kampagne, um den Bachelor kaputtzumachen. Diese pauschalen Vorwürfe sind unfair. Ich halte die Unterteilung in Bachelor und Master im Sinne der internationalen Vergleichbarkeit und Mobilität ja durchaus für vernünftig. Wir müssen uns in Deutschland aber überlegen, welche Qualifikationen wir von unseren Studierenden erwarten. Das Problem in den Ingenieur- und Naturwissenschaften ist doch, dass wir schon jetzt zu wenig Absolventen haben. Zumindest was unsere TU-9 und einige andere forschungsstarke Hochschulen angeht, gilt daher: Damit wir auch in Zukunft genug Forschernachwuchs haben, müssen wir möglichst viele Studierende zum Master durchbringen. Für unsere Hochschulen muss das Ziel der Master sein. Gute Bachelorabsolventen werden doch auch anderswo ausgebildet. Für uns aber ist der Bachelor einfach zu kurz, um dieselbe Qualität zu garantieren, die bisher das Diplom lieferte.
DIE ZEIT : Lassen sich vielleicht durch das kürzere Studium neue Leute für die Ingenieurwissenschaften gewinnen?
Rauhut : Das kann sein, aber ich frage mich, ob das langfristig für den Standort Deutschland die richtige Strategie wäre. Denken Sie das mal weiter in die Zukunft: Wenn zu viele Bachelorabsolventen direkt in den Beruf gehen, werden wir mehr Studierende im Ausland anwerben müssen, um unsere Forschungstätigkeit aufrechterhalten zu können. Die gehen nachher mit einem Masterabschluss in ihr Land zurück, während bei uns die Kenntnisse auf dem Bachelorlevel liegen. Ich frage mich, wie sich Deutschland dann noch international behaupten soll.
DIE ZEIT : Wie wollen Sie die besten Studenten in die Masterstudiengänge bekommen, wenn jeder weitermachen darf?
Rauhut : Im Bachelorbereich erhalten die Studierenden eine viel bessere Betreuung von Anfang an, sodass wir ihr Potenzial besser ausschöpfen können. Viele haben bislang ja nicht wegen Inkompetenz oder mangelnder Intelligenz das Studium abgebrochen, sondern weil sie wegen des Massenbetriebes, wie er bisher war, frustriert waren. Nehmen Sie das Fach Maschinenwesen. Da sitzen heute in den Anfängervorlesungen nicht selten 900 oder 1000 Leute. Das schreckt ab. Doch nicht nur die Betreuung wird besser. Dank der Umstellung vermitteln wir in Zukunft von Anfang an mehr vom tatsächlichen Inhalt des Faches, anstatt nur Mathematik, Physik und Thermodynamik zu unterrichten. Spätestens am Ende des ersten Semesters und nicht am Ende des Grundstudiums ist dann klar, was Maschinenwesen eigentlich ist. Dadurch sind die Studierenden motivierter.
DIE ZEIT : Das klingt ja fast wie ein Plädoyer für den Bachelor. Sind die TU-9 am Ende doch Bologna-Fans?
Rauhut : Klar sind wir das! Wir brauchten so einen Anstoß zur Reform des Studiums, gerade in Fächern, wo der technologische Fortschritt so rasant verläuft. Von alleine wäre er sicher auch gekommen, aber vermutlich viel langsamer.
DIE ZEIT : Von außen hatte man lange den Eindruck, die TU-9 wollen, dass alles bleibt, wie es ist.
Rauhut : Es gab auch Stimmen, die in die Richtung gingen, die gesagt haben: Das Image eines deutschen Diplomingenieurs in der Welt ist so gut, das wollen wir uns nicht nehmen lassen. Aber jetzt sehen wir schon, dass wir im Masterbereich sogar noch mehr machen können, weil wir ein Semester mehr haben als beim Diplom. Wir müssen nur kommunizieren, wie gut jetzt unsere Absolventen sind, dann ist die Diskussion über Diplom oder Master in wenigen Jahren Vergangenheit.
DIE ZEIT : Sie wollen mehr Studenten, Sie wollen eine bessere Betreuung. Wie wollen Sie das alles zahlen?
Rauhut : Die Studienbeiträge machen das möglich. Die RWTH Aachen hat einen Etat von rund einer halben Milliarde Euro, davon sind aber 80 Prozent Personalkosten. Die 20 Millionen Euro zusätzlich durch die Studienbeiträge sind da im Verhältnis ein richtig großer Brocken. Wir können damit deutlich mehr Lehrpersonal einstellen.
DIE ZEIT : »Bachelor welcome« heißen Veranstaltungen, auf denen große Unternehmen sich seit Jahren zu den neuen Abschlüssen bekennen. Werden Sie da mitmachen?
Rauhut : Die Arbeitgeberverbände haben den Titel ja gerade geändert, die Kampagne heißt jetzt »Bachelor and Master welcome«. Unter dieser Formulierung beteiligen wir uns natürlich gern.
Interview: Jan-Martin Wiarda .
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- Datum 27.10.2006 - 07:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
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