Bachelor und Master Die Master-Planer
Wie die Hamburger Geisteswissenschaften auf die neuen Abschlüsse umstellen.
Ihr Telefon klingelt ununterbrochen. In fünf Minuten beginnt die nächste Fachschaftssitzung, danach stehen eine Diskussion im Ausschuss und das Treffen mit dem Präsidium an. Im Hörsaal warten die Studenten. Ingrid Schröder arbeitet täglich von neun bis 22 Uhr. Wochenenden kennt die Beauftragte für Lehre und Studium nicht mehr. Seit 2003 begleitet sie die Strukturreform in den Hamburger Geisteswissenschaften federführend – neben ihrem Job als Prodekanin der Departments »Sprache, Literatur und Medien I und II« (SLM). Um dennoch ihrer Lehre im Germanistik-Schwerpunkt »Niederdeutsch« gerecht zu werden, opfert Schröder ihre Freizeit. Das Bologna-Projekt begeistert die Professorin: »Die gestalterischen Möglichkeiten sind einmalig, machen eine Menge Überstunden wett.«
Extrageld gibt es dafür keines. Engagement wie das von Ingrid Schröder wird vorausgesetzt. Da die Umstellung von Diplom und Magister auf Bachelor und Master kostenneutral verlaufen soll, wird auch den Lehrenden der Geisteswissenschaften sehr viel Einsatzbereitschaft abverlangt – obwohl der Fakultät seit Jahren reihenweise die Stellen gestrichen werden. Mitten in einer Strukturreform, die es in einem solchen Ausmaß noch nie gegeben hat.
Bis 2012 muss die Umstellung abgeschlossen sein. Schröder hat den Prozess schon einmal durchlaufen und sich ihren früheren Arbeitgeber, die Uni Greifswald, zum Vorbild genommen: »Während der ersten Hamburger Workshops zum Thema Bologna habe ich angeregt, den Wechsel umgehend einzuleiten – zumindest in meinen Departments. So konnten wir zum Beispiel die neue Prüfungsordnung für die gesamte Fakultät mitgestalten.«
Allein dieser erste Schritt dauerte eineinhalb Jahre. Durch die völlig neue Struktur der Bachelor- und Masterstudiengänge musste das gesamte System auf den Kopf gestellt werden. Lehrveranstaltungen finden künftig in Modulen statt. Anstelle einer Abschlussprüfung werden studienbegleitend Leistungspunkte erbracht. Zusätzlich zu Haupt- und Nebenfach sollen Studierende künftig den Bereich »Allgemeine Berufsqualifizierende Kompetenzen« (ABK) abdecken. Immer wieder tagten die wichtigsten Köpfe der Uni, um zu einer einheitlichen Ordnung zu gelangen.
»Mit Inhalten gefüllt war die Struktur deshalb noch lange nicht«, sagt Schröder. Das Gerüst stand, nun war es wichtig, die Fachvertreter damit zu konfrontieren. Bernd Struß kam ins Spiel. Der sieht sich als Berater und Moderator, offiziell ist er »Beauftragter für die BA/MA-Studienstrukturreform der SLM I/II«. Sein großes Ziel: die Inhalte aller 13 Fächer so ins neue System einzupflegen, dass die Vorgaben Bolognas ausnahmslos erfüllt werden.
Immer wieder holte Struß die Lehrenden der Amerikanistik, Romanistik und Germanistik an einen Tisch, besprach mit ihnen auch zeitliche und personelle Budgets. Dabei traf der Reformer auf unterschiedlich starkes Engagement: Einige Professoren waren sehr motiviert, bildeten sofort Arbeitskreise, brachten eigene Ideen ein und nutzten den Strukturwechsel auch dafür, Defizite zu beseitigen. Die ältere Fraktion dagegen neigte zu Widerwillen: Sie fühlte sich oft nicht mehr zuständig für die Änderungen. »Es ist dann schon eine Herausforderung, als wissenschaftlicher Mitarbeiter einem renommierten und erfahrenen Professor gegenüberzustehen und sagen zu müssen: So geht das aber nicht! Oder: Jetzt werden Sie mal konkret!«
Dennoch: Zum Wintersemester 2005/06 starteten an der Uni Hamburg Bacheloranwärter in allen 13 Fächern – und der Stress ging weiter. »Man kann noch so sorgfältig planen, ein System muss sich einzig in der Praxis bewähren. An einigen Stellen mussten wir nachträglich feilen«, so Struß. So überschnitten sich einige Pflichtmodule – unmöglich, wenn Studierende in sechs Semestern abschließen sollen. Und für manche Vorlesungen meldeten sich so viele an, dass eine Klausur für die Prüfer gar nicht zu bewältigen gewesen wäre. Inzwischen hat die erste Mängelliste die Rechtsabteilung durchlaufen, sodass das Wintersemester 2006/07 unter optimierten Bedingungen starten kann.
Dazu soll auch STiNE , das neue Internet-basierte Studien-Infonetz der Universität, beitragen. Über dieses Kommunikationssystem können Studierende ihren Uni-Alltag per Mausklick organisieren: Prüfungsergebnisse abfragen, Stundenpläne erstellen, Vorlesungsmaterial herunterladen. Auch Lehrende und Verwaltung sollen profitieren.
Stefanie Krüger gehörte von Anfang an zum Kernteam der Projektgruppe STiNE. Die IT-Koordinatorin wurde aus dem Department für Philosophie und Geschichte entliehen und arbeitet seit einem Jahr an der Realisierung. Mit ihren Kollegen hatte sie sich Infonetze anderer Universitäten angeschaut und bastelte seither an einem System mit der größtmöglichen Transparenz für alle Beteiligten. Dafür suchte auch sie den Kontakt zu sämtlichen Fachbereichen, führte Briefings für Lehrveranstaltungsmanager durch und organisierte Schulungen für Studierende, Lehrende und spezialisiertes Personal. In erster Linie soll STiNE aber den neuen Bachelor- und Masterstudierenden helfen. »Das internationale Studiensystem bringt eine Fülle von Neuerungen mit sich. Wir möchten einen Überblick bieten, bei der Orientierung helfen und für einen unkomplizierten Semesterablauf sorgen«, so Krüger. Außerdem soll STiNE dazu beitragen, Überschneidungen von Veranstaltungen zu vermeiden, und ein nachfragegerechtes Planen von Seminaren und Vorlesungen ermöglichen.
Auch Stefanie Krüger schob für ihr »Baby« weit mehr Überstunden, als sie je abbummeln könnte. Aber STiNE ist es ihr wert: »Es macht mir einfach Spaß, an einem so innovativen Projekt mitzumachen. Durch die vielen Verknüpfungen und neuen Kontakte habe ich einen ganz anderen Blick dafür bekommen, wie Universität funktioniert.« Ihre Motivation muss sich Krüger noch eine Weile bewahren, denn die heißeste Phase hat gerade erst begonnen. Gleich nach dem Start brach STiNE unter der Last Tausender neugieriger Studenten zusammen. Techniker haben das Problem mittlerweile im Griff. Trotzdem: Einige Funktionen können wohl erst zum Sommersemester nachgerüstet werden. Dann sollen auch technische Spielereien wie der SMS-Versand möglich werden, wenn beispielsweise eine Veranstaltung kurzfristig ausfällt.
Für Ingrid Schröder, Bernd Struß und ihre Kollegen ist ebenfalls noch kein Ende in Sicht. Die Entwicklung der Masterprogramme steht den Departments SLM I/II noch komplett bevor. Und nach der Mastereinführung im Wintersemester 2007/08 wird eine internationale Akkreditierungsagentur prüfen, ob wirklich streng nach den Vorgaben Bolognas verfahren wurde, oder ob Schröder, Struß und Co. noch einmal ranmüssen…
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- Datum 30.10.2006 - 11:55 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
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