China Keine Angst vor diesem Drachen
Unaufhaltsam wandelt sich China zur größten Wirtschaftsmacht der Welt. Deutschland wird davon profitieren.
Eine Nation von Keglern hätten sie werden können, die Chinesen! Henning Melchers ist noch heute fassungslos, wie seine Firma diesen Trend verpassen konnte. Seit 1866 treibt die C. Melchers GmbH Handel mit China, in der Chefetage ihres Bremer Stammhauses sitzt heute die siebte Familiengeneration, und der Seniorchef Melchers preist über einer Tasse grünen Tees die »tiefe Asien-Kenntnis« seines Unternehmens. Und trotzdem, in den neunziger Jahren begriffen amerikanische Wettbewerber schneller, dass kürzere Arbeitszeiten die chinesische Mittelschicht am Feierabend aus ihren Wohnungen locken: So wurden die Chinesen zu einer Nation von Bowlern. »Dieses Geschäft haben die Amerikaner an sich gezogen«, gibt Melchers zu. »Das haben wir verschlafen.«
Dann lacht er, und man merkt: Der Mann ist in seinem Element. Für Leute wie Melchers ist das Geschäftemachen in China ein spannender Wettlauf mit dem Rest der Welt. Schnell und pfiffig muss man sein, und die Bremer Händler sind es meist gewesen. Sie führen heute so unterschiedliche Dinge wie Plastikschmuck, geschliffene Steine und Computerteile nach Deutschland ein und verkaufen in China Aluminiumbleche, Werkzeugmaschinen oder Fitness-Drinks. Über die Jahre erleichterte es die Firma auch vielen anderen deutschen Unternehmen, in China Fuß zu fassen. »Wir haben den Schritt auch für viele kleine Mittelständler ermöglicht, die ihn alleine nicht vollziehen konnten«, freut sich Melchers’ Neffe Nicolas Helms, der heute die Geschäfte der Bremer Firma führt und sie am liebsten als einen »internationalen Dienstleistungskonzern« begreift.
Was Helms und sein Onkel treiben, kommt allerdings nicht überall gut an. In Berlin und in Brüssel haben sie im Augenblick einen ganz anderen Blick auf China. Der EU-Handelskommissar Peter Mandelson stellte am Dienstag eine kämpferisch formulierte »China-Strategie« vor und droht der Volksrepublik mit Strafzöllen und einer Klagewelle bei der WTO. Zuletzt verhängte der EU-Ministerrat einen Schutzzoll von 16,5 Prozent auf Schuhe aus China. Bundeskanzlerin Angela Merkel will als G8-Vorsitzende beim nächsten Treffen der wichtigsten Industrienationen mit China Tacheles reden, will Vorwürfe von Sozialdumping und Technikklau auf den Tisch bringen. Sie denkt sogar über einen Freihandelsblock mit Amerika nach, der China ausgrenzen soll.
Wie unterschiedlich die Perspektiven doch ausfallen können. Die einen blicken auf Chinas Bevölkerungswachstum und sehen 1,3 Milliarden potenzielle Kunden. Die anderen machen eine Armee von Billiglöhnern aus, die schon heute die Welt mit Produkten überflutet. Die einen hören von der wachsenden Zahl chinesischer Universitätsabgänger und malen sich eine fleißige und produktive Mittelschicht aus, die westliche Produkte kaufen will. Die anderen erschaudern bei dem Gedanken, dass diese Ingenieure, Zahntechniker oder Designer zu einem Bruchteil westlicher Gehälter arbeiten. Vereinen lassen sich beide Sichtweisen nur in einem Punkt: dem Glauben an Chinas unaufhaltsamen Aufstieg zur größten Wirtschaftsmacht der Welt.
Mehr als 600.000 Autos will VW in diesem Jahr in China verkaufen
Winfried Vahland ist einer, den diese Konflikte manchmal hin- und herzerren. Er ist der Chef von Volkswagen in China, dem größten Automobilhersteller in der Volksrepublik. In der Pekinger Konzernlobby, in der er empfängt, führt eine Ausstellung durch 25 Jahre VW-Geschichte in China. »Wir haben geholfen, die chinesische Autoindustrie aufzubauen«, sagt Vahland. Als Volkswagen nach China kam, konnte hier niemand einen Pkw in Masse produzieren. Heute stellen chinesische Arbeiter Teile für die großen Autokonzerne der Welt her, und die ersten chinesischen Autofirmen erscheinen mit eigenen Modellen auf den Automessen in Detroit oder Paris.
Fast jeder vierte deutsche Industriearbeitsplatz, schätzt die Boston Consulting Group, könne in den nächsten zehn Jahren in Niedriglohnländer verlagert werden. Viele davon nach China, wo nach Auskunft der deutschen Botschaft in Peking bereits 2500 deutsche Firmen präsent sind. Allein im vergangenen Jahr sind die deutschen Direktinvestitionen in China um 46 Prozent gestiegen – auf 1,55 Milliarden Dollar. Ist der VW-Manager also ein Jobvernichter? Einer, der sein Heimatland Deutschland um die Automobilwerke bringt?
Vahland führt seinen Besuch zu einem schwarz lackierten Fahrzeug namens VW-Polo Jinqu. Es hat einen verchromten Kühler und ein Stufenheck und ist für deutsche Augen ein eigenartiges Gefährt. »Ein Polo mit Holzapplikation ist in Deutschland nur schwer vorstellbar«, sagt der Chef und führt den Polo vor wie eine Luxuskarosse. Diese Kühleroptik! Die vielen Chromleisten! Vahland streichelt sein Auto und rezitiert das Motto seiner Designer: »Keine falsche Bescheidenheit zeigen!«
Der Jinqu – ein chinesischer Name, der die Schriftzeichen für Kraft und Streben enthält – ist das neueste Kleinwagenmodell, das VW mit einem lokalen Joint-Venture-Partner in China herstellen lässt. Mehr als 600.000 Volkswagen will Vahland in diesem Jahr verkaufen – und damit einen Markt erobern, in dem jährlich Millionen Menschen vom Fahrrad auf den Pkw umsteigen, während in Deutschland der Fahrzeugmarkt als übersättigt gilt.
Die Chinesen hätten den Jinqu niemals ohne die Hilfe von Volkswagen auf die Räder gestellt. Doch ebenso hätten die Wolfsburger ohne Know-how aus China kaum ein so erfolgsverdächtiges Modell entworfen, das dank der günstigen chinesischen Produktion weniger als 10000 Euro kostet und den Geschmack chinesischer Aufsteiger zu treffen weiß. »Wir benötigen chinesische Ideen genauso wie deutsche, amerikanische oder brasilianische«, sagt Vahland.
So ist der Jinqu ein Produkt der internationalen Arbeitsteilung. Die wertvollsten Komponenten kommen aus deutschen Werken – wichtige Teile, die für die Fahrwerksdynamik und die Sicherheit von Belang sind. Sie werden von deutschen Arbeitern gefertigt. Immerhin noch 20 Prozent der Wertschöpfung des Wagens liegen in Deutschland. Volkswagen liefert jährlich Teile im Gegenwert von 200.000 Volkswagen von Europa nach China.
Die Geschichte von der Jobverlagerung nach China ist also zumindest im Fall des VW Jinqu komplizierter, als es manche Schlagzeile vermuten lässt. Wer weiß, vielleicht wird bald der Anteil der deutschen Wertschöpfung von 20 Prozent am VW Jinqu weiter sinken. Doch um die Auswirkungen auf Deutschland und seine Arbeiter abzuschätzen, muss man erst die Gegenrechnung aufmachen. Wenn der Volkswagen-Absatz wirklich so rasant steigt, wie Vahland es hofft, wird insgesamt der Kuchen größer. Dann haben die deutschen Arbeitnehmer auch bei geringeren Anteilen an der Fertigung noch gut zu tun.
Was für VW und seinen Jinqu gilt, kann man auf die gesamte Volkswirtschaft übertragen. Je schneller China wächst, das gestehen selbst kritische Ökonomen wie Rudolf Hickel von der Universität Bremen ein, desto größer und vielfältiger wird seine Nachfrage nach Produkten. Als Riese der Zukunft wird das Land eines Tages das Gros des Bedarfs selber decken können. Doch die gewaltigste Volkswirtschaft der Erde, die USA, ist nie autark gewesen. Auch die Vereinigten Staaten können selber Bohrmaschinen, Anzüge und Bier herstellen, sind aber Tummelplätze für Bosch, Boss und Becks geblieben. Warum sollte es in China anders sein?
Schon heute stehen deutsche Lieferanten in China Schlange: ob sie nun Badezimmer-Armaturen herstellen oder Alpinski, Maschinen für die Kartoffelernte oder Heckspoiler. Chinas künftige Größe kann für diese Unternehmen aus Deutschland gleich mehrfach zum Vorteil werden. Selbst eine Marktnische in der Volksrepublik kann einer deutschen Firma so große Absatzmengen bescheren, dass sie und ihre Beschäftigten auf Jahre hinaus versorgt sind. Die größeren Stückzahlen senken dann vielleicht noch die durchschnittlichen Herstellungskosten, und ihre Produkte werden in Deutschland und aller Welt noch wettbewerbsfähiger.
Diese Kalkulation spielt bei einigen Firmen schon heute eine Rolle. Deutsche Anlagen- und Maschinenbauer lieferten im vergangenen Jahr Produkte im Wert von acht Milliarden Dollar nach China. Für die meisten ist China neben den USA schon der wichtigste Absatzmarkt außerhalb der EU. »Weniger Wachstum in China bedeutet für uns einen Auftragseinbruch«, sagt Gudrun Seitz, die Büroleiterin des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) in Peking.
Nicht zufällig sind es ökologisch orientierte Unternehmen aus Deutschland, die es in großer Zahl nach China zieht. Pro Kopf ist die chinesische Umweltverschmutzung noch gering, aber das Wirtschaftswachstum bringt wie überall auf der Welt mehr Abgase und Schmutz und macht China zum größten Ökosünder der Erde. Die chinesische Regierung veranschlagt heute schon die jährlichen Umweltkosten auf zehn Prozent des Sozialprodukts und will gegensteuern. Sogar Greenpeace hat jetzt ein Büro in Peking, und deutsche Firmen mischen beim Ausbau der Shanghaier U-Bahn mit, liefern umweltfreundliche Bergbautechnologie, Solarzellen, Material für Ökohäuser. »Tausende Arbeitsplätze in Deutschland hängen in diesem Bereich von der Nachfrage aus China ab«, meint Christian Sommer, Geschäftsführer des German Centre Shanghai. In Deutschland wären viele dieser Anbieter Nischenfirmen, die kaum auf eine kritische Größe kommen.
Etliche dieser Firmen, die jetzt nach China gehen, nutzen auch den anderen Vorteil der Globalisierung und verlagern Fertigungsschritte in die Volksrepublik. Das ist der Punkt, an dem die eigentlich kritischen Fragen aufkommen: Bleibt bei diesem Spiel am Ende ein ausreichend großer Anteil von Arbeitsplätzen in Deutschland? Wird es überhaupt noch Dinge geben, die hoch qualifizierte und teuer bezahlte Kräfte in der Heimat besser machen? »Das ist eine Frage nüchternen Selbstbewusstseins«, meint Jörg Wuttke, Vizepräsident der europäischen Industrie- und Handelskammer in Peking.
Wuttke hat mehr als 16 Jahre lang für Unternehmen wie ABB und BASF in China gearbeitet. Er spricht offen aus, was man von internationalen Managern in China meist nur privat zu hören bekommt: Keine Panik. Der chinesische Fortschritt verlaufe langsamer als oft beschworen. Bis heute verfüge China über keine eigenständige industrielle Hochtechnologie. Nur zehn Prozent der Ingenieure, die jetzt in Scharen chinesische Universitäten verlassen, genügten westlichen Anforderungen. Immer teurer müsste das an Naturschätzen arme Land Öl und andere Rohstoffe einführen, immer stärker drängten Bauern und Arbeiter auf neue Teilhaberrechte und höhere Löhne. Statt Armeen ausgebeuteter Arbeiter sieht Roland Feicht, der Leiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Peking, in China den »nach seiner Mitgliederzahl größten Sozialstaat der Welt« entstehen.
Die Gefahr solcher Argumente liegt in ihrem Beschwichtigungscharakter. Denn niemand sollte die Chinesen unterschätzen: Im Rekordtempo will die Regierung den technologischen Rückstand zum Westen aufholen und ist dabei nicht zimperlich. Wer in China Geschäfte machen will, muss sich zum Technologietransfer an chinesische Partnerfirmen verpflichten. VW etwa muss eng mit der Shanghai Automotive Industrie Corporation (SAIC) zusammenarbeiten, die keinen Hehl aus ihren Bestrebungen macht, unabhängig Autos zu produzieren. Sie werden wohl eines Tages deutschen Volkswagen ähneln.
Wie ein Schwamm saugen chinesische Staatsunternehmen das Wissen ihrer Partner auf, sei es die Bauweise des Transrapid-Zuges, ein Kniff im Investmentbanking, die Software in einer Werkmaschine oder die Anbaumethode französischer Rebstöcke (der Grace Vineyard Chateâu in der Provinz Shanxi verkauft seine Chairman’s Reserve bereits für 80 Dollar die Flasche). Sie werben Veteranen westlicher Konzerne als Berater ab und scheuen den Schritt zur Industriespionage nicht. Trotzdem: Laut Informationen der Unctad entschlossen sich 700 ausländische Unternehmen, sogar Forschungseinrichtungen nach China zu verlagern. Sind ihre Manager dumm?
Auch beim Windanlagenhersteller Nordex aus Norderstedt bei Hamburg hatte es zunächst Widerstände gegen die Entscheidung der Firmenleitung gegeben, sich stärker in China zu engagieren. »Wer etwas nach China bringt, hält zwei Jahre später dessen Kopie in Händen«, an diese Mahnung erinnert sich Hans von Schaper, der heute China-Chef von Nordex ist. Natürlich sorgten sich auch einige deutsche Ingenieure, die glaubten, ihre Arbeit wandere nach China aus.
Die Firma ging trotzdem. Ihr China-Ableger wird gerade von 60 auf 300 Mitarbeiter aufgestockt, bis Ende 2007 soll das abgeschlossen sein. In Deutschland sollten keine Arbeitsplätze wegfallen, eine neue Arbeitsteilung wurde dennoch eingeführt. Die in Asien verkauften Nordex-Windräder werden in Zukunft nicht mehr in Rostock montiert, und auch eine wachsende Zahl von Einzelteilen wird Nordex in China einkaufen. »Die deutschen Kollegen bekommen dafür anderes zu tun«, erklärt von Schaper. Sie müssten nun im engen Austausch mit ihren neuen Kollegen in Peking neue Produkte speziell für den chinesischen Markt entwickeln. Im Augenblick entsteht zum Beispiel eine Version der Windturbinen, denen die Kälte im mongolischen Winter nichts ausmacht. Bis 2010 will die chinesische Regierung ein Zehntel des Stromverbrauchs mit erneuerbarer Energie decken. »Wer sich da nicht mitbewegt, stirbt früher«, glaubt von Schaper.
Was ist nun mit dem Technologieklau durch die Chinesen? Für von Schaper ist das eine Frage der Kalkulation, kein Totschlagargument. Die allerneuesten Turbinenmodelle von Nordex gehen vorerst nicht nach China, wohl aber die marktgängiigen Modelle. »Wenn die wollen, können sie dann kopieren«, sagt von Schaper, auch wenn seine Firma das mit einigen Tricks technisch erschwert. Ein notwendiges Übel, denn auch im Markt für Windturbinen schläft die Konkurrenz nicht. Dann würden andere ihre Turbinen nach China bringen, und Nordex würde den Einstieg ins »größte Windenergieland der Zukunft« verpassen, wie es ein Mitarbeiter formuliert.
In Wahrheit ist es längst eine veraltete Ansicht, dass der von China erzwungene technologische Austausch nur in eine Richtung geht. So wie beim VW Jinqu Designideen von den Chinesen kamen, so wie die norddeutschen Nordex-Ingenieure von den eisigen Winden der Mongolei erfuhren, lernen viele deutsche Unternehmen in China hinzu. Know-how rings um das Design, die richtigen Werbesprüche und die Logistik in diesem Riesenland mit seinen schlechten Straßen sind für den China-Erfolg ebenso wichtige »Technologien« wie die Blaupausen technischer Baupläne. Wenn chinesische Anbieter eines Tages umgekehrt auf den deutschen Markt drängen, dreht sich der Spieß um: Dann brauchen sie deutsche Partner, Entwickler und Vermarkter und schaffen Arbeitsplätze.
Die Berührungsängste mancher deutscher Firmen, ihrer Mitarbeiter und der Politik kann man daher auch so sehen: Wenn wir China nicht zu Wohlstand verhelfen – wovon wir unterm Strich profitieren –, dann macht es jemand anders.
Haushalte in New York beschäftigen gern Mandarin-kundige Nannys
»Fast jede japanische Firma hat sich inzwischen die Frage gestellt: Wo liegt mein Wettbewerbsvorsprung gegenüber China?«, beobachtet Jesper Koll, Chefökonom der US-Investmentbank Merrill Lynch in Tokyo. Die Folge sei eine ausgefeilte Arbeitsteilung. 72 Prozent aller Komponenten japanischer Industrieprodukte würden heute in China hergestellt. Die Hochleistungsteile in Japan, die einfacheren in China. So hat das Land die ökonomische Wende geschafft. In Amerika ist zwar das Säbelrasseln gegenüber China ein beliebtes Wahlkampfmittel, doch hinter den Kulissen geschieht anderes. George W. Bush hat den ehemaligen Chef der Investmentbank Goldman Sachs und China-Kenner Hank Paulson zum Wirtschaftsminister ernannt, und der reiste gleich zu Beginn seiner Amtszeit in die Volksrepublik und organisierte einen regelmäßigen Gedankenaustausch auf Ministerebene. Chinesen werden in Rekordzahlen an amerikanische Universitäten eingeladen, und in New Yorker Haushalten der oberen Mittelschicht gehört es fast zum guten Ton, die Kinder von einer Mandarin-kundigen Nanny aufziehen zu lassen.
Statt mit einem Abschottungsreflex könnte man in Deutschland also auch anders reagieren. Würde es den hiesigen Fachkräftemangel lindern, wenn man solche Kräfte aus China nach Deutschland holte und hier ausbildete? So etwas schafft Bindungen fürs Leben, und heimkehrende Chinesen könnten manchen Auftrag und manche Unternehmenspartnerschaft nach sich ziehen. Sollten mehr chinesische Manager in deutschen Unternehmen aufsteigen? Sollten deutsche Schulen, wie kürzlich eine Schule in Großbritannien, Mandarin als Pflichtfach einrichten? Im Wettlauf um den chinesischen Markt sind Ideen gefragt.
China-Veteran Henning Melchers aus Bremen hat so eine Idee: Man sollte nach Kräften die chinesische Vorliebe für deutsche Bierzelte fördern. Das meiste chinesische Bier wird zwar schon in China selbst gebraut, deutsche Brauereien haben diesen Markt überwiegend verpasst, doch Melchers hat es auf die nächste Chance abgesehen: Tourismusförderung! »Mit steigendem Wohlstand«, sagt er, »werden die chinesischen Mittelschichten erst ihre nähere Umgebung als Touristen erkunden, dann aber auch Fernreisen antreten. Dann müssen wir sicherstellen, dass sie das Oktoberfest und Neuschwanstein besuchen wollen!«
Zum Thema
Der Bremer Ökonom Rudolf Hickel wirft China unfairen Handel vor.
Ein Interview »
China: Zwischen Angst und Schwärmerei
-
Ein Schwerpunkt »
- Datum 27.10.2006 - 10:12 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
- Kommentare 29
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




blind durch China marschiert. Da ist wirklich nichts zu machen.
korfstroem
Erfrischend anders als ein großer Teil des China-Mainstreams ist die im Artikel dargelegte Sichtweise. Nachdem Gabor Steingart im "Spiegel" den "Weltkrieg um Wohlstand" ausgerufen hat und ernsthaft behauptete, dass es gut sei, das mit Europa und den USA weiterhin nur 13 % der Weltbevölkerung über 60 % der Weltwirtschaftskraft besitzen und sich daran nichts ändern dürfe, finde ich es gut, dass es dazu abweichende Meinungen gibt und diese auch publiziert werden.
"Keine Angst vor diesem Drachen" ist sehr viel näher an der Realität als vieles was zuvor über China geschrieben wurde (Stichwort Hochschulabgänger, soziale Probleme, Umwelttechnologien usw.).
Die Möglichkeiten der arbeitsteiligen globalisierten Wirtschaft sind um ein vielfaches größer als es die Risiken je sein werden und es wird Zeit dass der globale Wettbewerb als Chance und nicht als Bedrohung begriffen wird. Und so möchte ich mit den Worten eines großen Staatsmannes und Industriellen schließen:
"Wer über den harten Wettbewerb klagt, klagt in Wahrheit über seinen Mangel an Einfällen." - Walter Rathenau
Fragen Sie doch einmal einen chinesischen Wanderarbeiter was er von den "Lohnangleichungstheorien" hält. Wirtschaftswissenschaftliches Allgemeingut findet sich leider nur zu selten in der Realität wieder. Den Heeren chinesischer Wanderarbeiter und auch uns wird der Lohndruck auf Jahrzehnte erhalten bleiben.
Es ist das Schicksal der Wirtschaftswissenschaften (besonders in der abstrakten deutschen Prägung), daß sich jeder Diskussionsteilnehmer die Beweislage seiner Argumente gut zusammenzimmern kann. Sie werden den chinesischen Ingenieur mit sagenhafter Lohnsteigerung, andere den Wanderarbeiter mit Garantie auf Rechtunsicherheit und Bettellohn finden.
Das Theoriegebäude des eingefleischten Wirtschaftswissenschaftlers hält immer, gleich aus welcher Richtung der Wind weht. Diesen Vorzug genießen die Naturwissenschaftler und Techniker nicht. Die Brücke hält oder stürzt ein.
Deshalb an alle Theoretiker: Weiterhin viel Spaß im Elfenbeinturm beim Träumen ;-)
korfstroem
Sie tun mir leid. Wessen Toleranz nur die Toleranz Gleichgesinnter meint, der ist nicht tolerant. Wessen Überzeugung keine Kritik aushält, der hat keine guten Gründe für die eigene Überzeugung. Wessen Selbstbild sich nur mit Beleidigung anderer stärkt, der traut sich nicht viel zu.
Es ist an der Zeit, daß die hiesigen Zeitungen das enorme Einsparpotential entdecken und ihre Artikel ohne direkten regionalen Bezug in China schreiben lassen.
Die Autoren haben sich das Leben sehr einfach gemacht. Ein Mix aus Interviews und neoökonomischen Ansichten und fertig ist ein Themenartikel über China.
Leider sieht die Wirklichkeit anders aus. Beispiel Bad Orb.
Die hessische Kurstadt im Spessart hat ihren maroden Kurbetrieb an einen chinesischen Investor verkauft. Die Sanierung des Gebäudes wird von Chinesen mit eigens aus China importiertem Material durchgeführt? Hiesiger Fachkräftemangel??
Glauben die Autoren ernsthaft, nur die Blöden und Begriffstutzigsten wären hierzulande arbeitslos?! Falsch, meine Herren, die Arbeitslosigkeit hat längst auch die höher qualifizierten Schichten erreicht.
Aber auch in vielen anderen Punkten ist der Artikel oberflächlich und schlicht falsch zu nennen. Das Auslandsengagement von VW ist längst nicht so erfolgreich wie es sein sollte. Die Beteiligung chinesischer Unternehmen war von Anfang an Bedingung. Wie lange VW in China sein wird -- ?? Die Antwort kommt dann, wenn die Chinesen ein chinesisches Auto in Europa vertreiben möchten.
Die Autoren basteln sich in ihrem Artikel eine ökonomische Theorie zusammen, die sogar Milchmädchen lächeln läßt. Tatsächlich hat China enorme Probleme von Arbeitslosigkeit bis Umweltschutz. Aber die chinesische Führung hat auch ein anderes Instrumentarium zur Durchsetzung ihrer Direktiven. Eine Autobahn braucht in China keine 20 Jahre bis die Bauplanung abgeschlossen ist.
Last not least, selbst wenn in China erst 10 % der Bevölkerung auf einem westlichen Standard leben, so sind das schon über 100 Millionen Menschen! Deren Standard liegt teilweise weit über den deutschen Standards!!
korfstroem
korfstroem
Es ist schon schlimm, was im Namen Ricardo's hier so alles angerichtet wird. Daher zur Einschränkung und Neuausrichtung der Diskussion:
Ricardo lebte im 18. Jahrhundert; die Handelstheorie, die er aufstellte, dient v.a. als erster didaktischer Ansatz zur Erklärung komparativer Faktorvorteile (bzgl. des Einsatzes Kapital und Arbeit).
Will man wirklich ans Eingemachte, sollten sich die geneigten Leser an die alten Schweden Heckscher und Ohlin (einer der ersten Nobelpreisträger)halten. Bei allen Einschränkungen, die sich aus der Modellierung der Realität ergeben (zum Zwecke der Pointierung der Aussagen), ergeben sich in deren setting folgende Ergebnisse:
In Ländern, in denen vorher sehr kapitalintensiv produziert wurde (was hohe Löhne und niedrige Zinsen impliziert, wie in D)) bewirkt der Handel mit einem Land mit arbeitsintensiver Produktion (niedrige Löhne, hohe Zinsen, wie z.B. China), dass sich die Lohn-/Preisverhältnisse einander annähern (im Modell: angleichen) und die zu beobachtenden Effekte (Lohndruck in D durch Drohung mit Verlagerung der Arbeitsplätze; Lohnanstieg in China/ analog mit Kapitalexporten erklärbar).
Diese sog. weltfremden Theorien gelten seit ca. 50Jahren als wirtschaftswissenschaftliches Allgemeingut. Warum die Diskussion sich immer noch mit Ricardo herumschlägt, mag z.T. an der öffentlichen Ignoranz ggü. den Wirtschafts-wissenschaften liegen, die wiederum eine gewisse Arroganz der Fachleute produziert.
sehe ich die Sache so: es ist wunderbar dass wir nun in der Lage sind viele Sachen,die in China oder anderen Billiglohn Laendern angefertigt werden zum Schnaeppchen-Preis kaufen koennen. NUR: wenn ich und andere keine Arbeitsplaetze haben weil wir mehr verdienen muessen um in Deutschland leben zu koennen dann koennen wir uns bald nicht mal mehr die Schnaeppchenpreise leisten.
Ich verstehe ihren Kommentar nicht....sind die Autoren nun neoliberal? Ist China eine Bedrohung? Steht es am Abgrund? Oder ist es am Ende doch das gelobte Land, in dem Autobahnen von heute auf morgen gebaut werden und 100 Mio. Menschen in besseren Verhältnissen leben als in Deutschland?
Ich denke sehrwohl, dass es einen Fachkräftemangel in Deutschland gibt, und dass dieser sehr viel bedrohlicher ist, als die Verlagerung von Produktionen ins Ausland. Es kann nämlich gut ein, dass es eines Tages gar keinen anderen Ausweg mehr gibt, als ins Ausand zu verlagern, da es schlicht keine Menschen mehr gibt, die in den hochtechnisierten deutschen Fabriken noch arbeiten können.
Ferner glaube ich auch nicht, dass flexible, intelligente, gut ausgebildete, leistungsfähige und leistungsbereite Menschen in Deutschland lange arbeitslos sind. Aber das ist hier auch nicht das Thema.
Sie kritisieren das China-engagement von VW. Nun - sicherlich gab es da in letzter Zeit ein paar Probleme, aber die haben andere auch. 600000 verkaufte Automobile sind für mich kein misserfolg, zumal ja wirklich Teile davon in Deutscland produziert werden. Wenn das wegfallen würde, wäre das eine richtige Katatrophe.
Nun kann man ob der "local content"-Bestimmungen Chinas schon die Frage stellen, ob sich so ein Investment dort lohnt. Da aber erstens nahezu jeder Automobilkonzern in China vertreten ist, kann die Entscheidung von Volkswagen nicht so verkehrt sein. Hätten sie es nicht getan, wären die Shanghaier Taxis vielleicht alles Fords oder Toyotas und der Audi A6 wäre nicht das Standardauto der Pekinger Offiziellen.
Zweitens - warum sollte China nicht die Chance nutzen, und einen technologischen Rückstand damit aufholen in dem man von den ausländischen Investoren lernt? Wir öffnen euch den Markt und wir lernen von euch wie man Autos baut. Waum sollte es China nicht gestattet sein, selber eine Autoindustrie aufzubauen und dabei geschickt davon profitieren, dass dieser große Markt Investoren und damit Know-how anzieht?
Warum sollte nicht auch China die Möglichkeit bekommen von einem Importeur zum Exporteur zu werden? Wer gibt uns das Recht darüber zu befinden? Warum sollte es China nicht gestattet sein eine eigene Industrie aufzubauen damit es Millionen besser geht? Damit die, die bis jetzt nicht am Wohlstand teilhaben auch einmal dazugehören können und auch einmal Volkswagen fahren können und in Deutschland Urlaub machen können!
Dass dabei keine Hochtechnologie verraten wird ist selbstverständlich. Moderne Dieseleinspritztechnologie und Rußpartikelfilter werden auch weiterhin hier in Europa produziert.
Und wenn es dann einmal in die andere Richtung geht und ein chinesischer Investor nach Deutschland kommt um eine MARODES Unternehmen zu sanieren und dort dann auch irgendwann Arbeitsplätze zu schaffen - da ist das wieder falsch! Dann heißt es: "Hilfe, die Chinesen kaufen uns alles auf!"
Dass Renovierungsarbeiten von Chinesischen Arbeitern ausgeführt werden halte ich zwar für unwahrscheinlich aber nicht unmöglich. Ein Bauarbeite ist ja auch nicht gerade ein hochqualifizierter Facharbeiter. Aber wenn die Renovierung abgeschlossen ist, dann werden da Leute arbeiten, und ich glaube nicht, dass es so viele für das Gesundheitswesen gut ausgebildete Chinesen mit Super-Deutschkenntnissen gibt, die alle gern trotz ihrer Topausbildung und damit auch in China verbundenen hohen Löhnen ihr Heimatland verlassen wollen, eine Arbeits-und Aufenthaltserlaubnis für Deutschland bekommen werden und dann immernoch kostengünstiger arbeiten können als Deutsche.
Das, lieber Korfstroem, ist eine Milchmädchenrechnung, und ich kann Bad Orb nur dazu gratulieren einen chinesischen Investor der hier Arbeitsplätze schafft angezogen zu haben. Mögen noch viele weitere diesem Beispiel folgen!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren