50 moderne Klassiker (37) Hackende Gitarre

Schimpansengekreische, gewürgte Konsonanten und unbarmherzig plastische Hörstücke: Heiner Goebbels physische Interpretation Heiner Müllers

Als Bernd Alois Zimmermann 1958 über das Hörspiel sprach, meinte er es noch gegen die Puristen der Avantgarde in Schutz nehmen zu müssen: »Keinen Blumentopf für stilistische Eiferer« gäbe es dort zu gewinnen. Als Komponist vieler Hörspielmusiken liebte er die Freiheit zwischen gediegenem Streicherteppich und knackigem Jazz, zwischen Geräusch und Klang. Aber er wusste auch: Befreiung – zumal aus den Mauern der eigenen Ästhetik – ist nicht jedermanns Sache.

Wenig später tauchte in Südhessen mit Heiner Goebbels ein Musiker auf, der die Hörspielkunst in eine neue Umlaufbahn katapultieren sollte. Was Goebbels zwischen dem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester, dem Artrock-Quartett Cassiber und im Zusammenspiel mit dem Saxofonisten Alfred Harth an musikalischen Erfahrungen anhäufte, geht in keine ZEIT -Spalte. Indem er Musik aller Couleur zuließ, doch jeden Klang auf seine Assoziationsräume sowie auf seine Haltung abhorchte, kam er dem Ideal einer links-intellektuellen Musik so nahe, wie vor und nach ihm keiner. Kein Wunder, dass er immer wieder um Hanns Eisler kreist. Und um Heiner Müller. In dessen Theaterstück Zement (1972) findet Goebbels einen Prosatext, den er 1985 einem Hörstück zugrunde legt: Die Befreiung des Prometheus. Mit entwaffnendem Realismus erzählt Müller, wie Herakles den gemarterten Ex-Göttergünstling befreit. Doch die Befreiung bleibt unbedankt; längst hat sich Prometheus mit den Fesseln, dem Adler und dem Kot arrangiert. Arbeit und Unterwerfung, Zeit und Gestank sind Müllers Thema – und das Einverständnis mit all dem.

Heiner Müller selbst liest in Goebbels’ Hörstück weite Teile seines Textes, in der für ihn typischen ausdruckslosen Diktion, die nicht interpretiert, sondern Worte als Material ausbreitet. Sprache wird zu Rhythmus und Melos, der Inhalt des Textes tritt in dem Maße zurück, wie er eine ganze Welt an Klängen aus sich heraustreibt: Eine E-Gitarre etwa, die wie der Adler in das Fleisch hackt, Schimpansengekreische für den apathisch am Fels hängenden Prometheus, ein Würgen von Konsonanten, wenn der von Ekel erfüllte Herakles den einst so strahlenden Helden befreit, schließlich verlogener Hollywood-Sound bei der triumphalen Rückkehr Prometheus’ zu den Menschen. Die Klänge deuten und lenken ab, sie entdecken Geheimnisse, wo keine waren, sie legen Ironie bloß, aber auch Schrecken. Ein Hörstück, das den Text unbarmherzig plastisch macht und neue Bilder hervorruft. Physischer war Musik kaum jemals zuvor. Heiner Goebbels erhielt 1986 für Die Befreiung des Prometheus den Hörspielpreis der Deutschen Kriegsblinden, den deutschen Oscar der Branche. In seiner Dankesrede sprach er wenig über Musik, dafür viel über Tschernobyl und über die Aufgabe, die Technik der Zeitungslektüre neu zu lernen: »Die radikale Aufklärung ist ein kompliziert sich zusammensetzender Vorgang und ist nicht mit der Semantik eines Textes erledigt.«

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    • Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
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