Joanna Newsom Die Zauberin von Ys
Joanna Newsom bezirzt selbst härteste Rock'n'Roller mit Harfenklängen
Was bisher geschah: Joanna, das Wunderkind mit den Hippieeltern, entkam der antiautoritären Pädagogik ihres kalifornischen Zuhauses. In der großen Stadt fiel sie unter die Rock nRoller, die nicht schlecht staunten ob ihres Fangs. Sind so kleine Hände und verstehen es doch, die 42-saitige Keltenharfe zu zupfen. Und dieses elfische Wesen!
Joanna aber, nicht frei von Ehrgeiz, angelte sich einige legendäre Typen, um ihre Vision einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Mit dem Ergebnis, dass den Kritikern die Klappe runterfällt. Noch immer ähnelt ihre Stimme der eines Kobolds auf Helium, noch immer entlockt sie ihrem unzeitgemäßen Instrument Melodien von äolischer Schönheit, sprachlos indes sind wir angesichts eines Füllhorns von Album namens Ys. Überirdisch und diesseitig zugleich diese Klänge.
Angeblich bezieht sich der Titel auf eine untergegangene Stadt vor den Gestaden Britanniens, aber ist das auch wirklich wahr? Nicht auszuschließen, dass Joanna Newsom sich alles einfach nur ausgedacht hat, auf dass wir im Herbst, wo die Tage länger werden, etwas zu rätseln haben vor dem Lampenschirm unserer Computer.
Wärmend jedenfalls sind sie, diese aus Engelshaar geflochtenen Erzählungen von Bären und Affen und Mädchen namens Emily, die Bären lieben und Affen und den Sternenstaub und obendrein sogar das Sägemehl. Umgarnt von zarten Orchesterarrangements des großen Van Dyke Parks, verfeinert vom Know-how diverser prominenter Beiträger, mäandert Ys über die Distanz von bloß fünf Titeln in 53 Minuten frei luxurierend vor sich hin. Womit wir uns immerhin dem inneren Kraftzentrum des Newsomschen Universums nähern: Es fragt nicht nach Logik und gibt nichts auf Herkunft. Was keine Heimat mehr hat draußen in der bösen, entfremdeten Welt, wird hier willkommen geheißen.
New Folk oder Weird Folk hat man diese Musik genannt, aber das sind Etiketten. In Wahrheit teilt Newsom mit anderen Vertretern der Richtung dem neospirituellen Sufjan Stevens, dem apostelbärtigen Devendra Banhart bloß die Suche nach letzten Geheimnissen.
Posthippieskes Hippietum wäre ein treffenderes Wort zur Bezeichnung dieses hexenküchenartigen Mischens aus dem Giftschrank versunkener Weltanschauungen. Ys ist Musik, die entsteht, wenn Sex, Drogen und Libertinage längst ausgelotete Mittel der Selbstverwirklichung sind.
- Datum 17.03.2010 - 14:34 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 44/2006
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