Held des Kongo

Gegen Krone und Konzerne: Wie der amerikanische Missionar William Sheppard im Kautschuk-Gulag des belgischen Königs Leopold zu einem Anwalt der Menschenrechte wurde von Andrea Boehm

Ein solches Spektakel hatte Léopoldville noch nicht gesehen: einen Prozess gegen einen Ausländer, einen Missionar, der sich, statt Seelen zu retten, in die Politik eingemischt hatte. Im Gerichtssaal, einer schimmeligen Baracke in der Hauptstadt Belgisch-Kongos, drängten sich die Zuschauer auf wackeligen Bänken, fächerten sich Luft zu in der erdrückenden Hitze. Durch die aufgerissenen Fenster ragten die Köpfe der Schaulustigen, die drinnen keinen Platz mehr gefunden hatten und wenigstens einen Blick auf den Angeklagten erhaschen wollten.

Für einen Mann, den man vielleicht bald in Ketten legen würde, wirkte William Sheppard erstaunlich gelassen. Zumindest behaupteten das jene, die ihn an diesem Septembertag 1909 auf der Anklagebank sahen. Von imposanter Statur, im Anzug mit Einstecktuch, saß er da wie der Hausherr, begrüßte seine Kollegen aus den protestantischen Gemeinden, munterte die kongolesischen Zeugen auf, die zu seiner Verteidigung erschienen waren. Mundele Ndom, der schwarze Weiße so nannten sie den afroamerikanischen Missionar, der aus dem US-Bundesstaat Virginia stammte. Und der schwarze Weiße schien an diesem Tag Herr der Lage.

In Sheppards Innerem dürfte es anders ausgesehen haben. Wahrscheinlich verfluchte er jenen mutigen Protest, für den ihm nun sechs Jahre Gefängnis drohten, was angesichts der Haftbedingungen im Kongo einem Todesurteil gleichkam. Auf der anderen Seite des Gerichtssaals warteten siegessicher seine Gegner: der Staatsanwalt und die belgischen Vertreter der Compagnie du Kasai (CK), die das Monopol für den Kautschukexport in dieser Region besaß.

Die CK hatte Sheppard wegen Verleumdung und Geschäftsschädigung vor Gericht gezerrt, weil er das Unternehmen beschuldigt hatte, seine Profite mit mörderischer Zwangsarbeit zu machen. So etwas hatten früher schon andere behauptet, aber nun waren die Vorwürfe in der internationalen Presse aufgegriffen worden. Der Aktienkurs der CK war gesunken. Höchste Zeit, befand die Firmenleitung, ein juristisches Exempel zu statuieren. Und so begann in einer Baracke in Léopoldville im September 1909 ein bis dahin einmaliger Vorgang: ein Gerichtsprozess zwischen einem multinationalen Unternehmen und einem Menschenrechtsaktivisten.

William Sheppard hatte diese Rolle nicht gesucht. Er war in den Kongo gekommen, um Seelen zu retten, wobei seine Missionarstätigkeit nicht nur Gott gefallen, sondern auch seinen eigentlichen Traum erfüllen sollte: Abenteurer und Entdecker zu sein. Frei zu werden irgendwo in der Welt, wo ihn keine Rassentrennung demütigte, wo er am selben Tisch sitzen konnte wie die Weißen und diese ihn mit Mister oder Monsieur ansprachen. Nicht als nigger.

Leopold spielt den frommen Kämpfer gegen den arabischen Sklavenhandel

Geboren am 8. März 1865, wenige Wochen vor dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs, in Waynesboro, Virginia, als Sohn eines ehemaligen Sklaven und einer frei Geborenen, wuchs William Henry Sheppard in einem Land auf, in dem auch der kleinste Verstoß gegen die Rassentrennung für einen Schwarzen fatale Folgen haben konnte. An Schulen und theologischen Seminaren für Afroamerikaner absolvierte er seine Ausbildung zum Pastor, verdiente sich dabei sein Brot mit Feldarbeit und Jagd. Wie sich bald erweisen sollte, war er damit besser auf das Leben im Kongo vorbereitet als weiße Missionare, die zwar Griechisch und Latein beherrschten, beim Anblick einer Schlange aber in Panik gerieten.

Die meisten Amerikaner hielten Afrika für einen unheimlichen Dschungel voll tückischer Gefahren, aus dem einst die Sklaven herbeigeschafft worden waren. Für Sheppard aber muss Afrika just jene neue Welt bedeutet haben, die so viele Immigranten dieser Jahre in Amerika suchten. Seine Kirchenoberen fanden den Gedanken, einen negro als Missionar nach Afrika zu schicken, zunächst völlig absurd. Doch nach vier Jahren Bitten und Betteln gab der Missionsausschuss der Southern Presbyterians nach. Im Februar 1890 brach William Sheppard, noch keine 25 Jahre alt, unter Aufsicht eines weißen Kollegen auf. Ihr Ziel war das Land am Kongo-Strom.

Wer in diesen Jahren dort missionieren wollte, brauchte die Erlaubnis eines wunderlichen, aber scheinbar gutwilligen europäischen Monarchen.

Belgiens König Leopold II. hatte sich mit Hilfe des damals prominentesten Afrika-Reisenden, des Journalisten Henry Morton Stanley, eine gigantische Landmasse im Kongo als Privatkolonie abgesteckt und damit eines der lukrativsten Rohstoffreservoire in seinen Besitz gebracht: endlose Wälder voller Kautschukbäume. Ihr Saft, die klebrige Kautschuk-Milch, wurde für Gummi gebraucht, und Gummi boomte in der frühen Hochzeit der Industrialisierung.

Leopold gab sich gern als frommer Philanthrop und Beschützer der Schwarzen vor arabischen Sklavenhändlern. Auf der Berliner Konferenz 1884/85, wo Afrika wie ein erlegtes Großwild aufgeteilt wurde, gaben Europas Regierungen dem Landanspruch des Königs ihren Segen. Um sein Riesenreich zu erschließen, lud der katholische Leopold auch protestantische Missionare ein, besonders amerikanische. Schließlich hatten die USA als erste Nation Leopolds privaten Freistaat anerkannt auf Drängen von Senatoren aus den Südstaaten, die nach dem Ende der Sklaverei sämtliche Schwarzen nach Afrika zurücksiedeln wollten.

Sheppard und sein weißer Kollege Sam Lapsley gingen am 9. Mai 1890 nahe der Kongomündung von Bord und reisten weiter nach Matadi, wo Leopolds Offiziere mit dem Bau einer Eisenbahn begonnen hatten. Den beiden Amerikanern boten sich Szenen, wie sie einst auch in Virginia alltäglich gewesen waren. Schwarze Arbeiter wurden ausgepeitscht, viele trugen Narbenwülste auf dem Rücken, in den Straßen fand man täglich neue Leichen von Afrikanern, die durch Erschöpfung, Hunger, Krankheit oder die Peitsche umgekommen waren.

Sheppard ist sich sicher: Die Wiege der Zivilisation stand einst in Afrika

Lapsley starb bald nach der Ankunft an Schwarzfieber. Sheppard hingegen barst dank einer unverwüstlichen Gesundheit vor Energie.

Innerhalb von drei Jahren errichtete er 1000 Kilometer von Léopoldville entfernt in Luebo in der oberen Kasai-Region eine Missionsstation. Zugleich erwarb er sich einen legendären Ruf als Großwildjäger. Ganze Dörfer versorgte er mit Fleisch - er selbst zählte in den ersten Monaten seines Aufenthalts 36 erlegte Nilpferde.

Ohne Waffeneinsatz allerdings stieß er im Frühsommer 1892 mit einer kleinen Expedition auf das Territorium der Kuba vor, deren König bislang jedem weißen Eindringling die sofortige Exekution angedroht hatte. Offenbar fand der Monarch den Mann mit der dunklen Haut, dem weißen Anzug und dem Tropenhelm, der sich sogar in der Sprache der Kuba unterhalten konnte, zu amüsant, um ihn zu köpfen. Vier Monate lang dokumentierte Sheppard den Lebensalltag einer Monarchie mit Rechts- und Steuersystem, hoch entwickeltem Handwerk und brillanter Kunst, exakt angelegten Straßen, drakonischen Gesetzen und gelegentlichen Hexenprozessen, die er nach eigener Darstellung dem König immer wieder auszureden versuchte.

Auf dem ersten Heimaturlaub präsentierte Sheppard seine Reiseberichte in vollen Hör- und Gemeindesälen, die er selbst meist nur durch den Hintereingang betreten durfte. Er war in Amerika ein Publikumsmagnet geworden und ein Mensch zweiter Klasse geblieben. Sheppards Biografin Pagan Kennedy hat in seinem Nachlass keinen Hinweis darauf gefunden, dass er sich je öffentlich gegen die Rassentrennung in den USA gewandt hätte. Aber als gefeierter Redner wagte er doch einen Tabubruch: Die Wiege der Zivilisation, so schlussfolgerte er aus seinen Besuchen bei den Kuba, liege womöglich in Afrika. Das war zumal aus dem Munde eines Schwarzen eine unerhörte Behauptung. Doch das Publikum, auch das weiße, hing an seinen Lippen.

Über die Missionsstation verlor Sheppard kaum ein Wort. Er hatte noch keinen einzigen Afrikaner zum Christentum bekehrt, dafür aber Dutzende von Sklaven freigekauft, die von den Söldnern des belgischen Königs auf dem Weg zur Zwangsarbeit durch Luebo getrieben worden waren. Die Station ähnelte mehr einem Flüchtlingslager als einer Mission und Sheppard wurde langsam klar, in welchem Land er seinen Forscherruhm begründet hatte. Leopolds Freistaat war ein Gulag.

Mancher Kongo-Reisende hatte gleich gesehen, was sich hier abspielte.

Der polnisch-englische Schriftsteller Joseph Conrad war ebenfalls 1890 in Matadi angekommen und hatte in seinem Tagebuch den Leichengeruch, die Bestialität der Offiziere, die von Pfählen baumelnden Skelette genauestens notiert. Aber er machte diese Beobachtungen erst Jahre später in seinem Roman Herz der Finsternis publik.

Ein anderer ging sofort an die Öffentlichkeit. Colonel George Washington Williams, ein schwarzer Exsoldat der amerikanischen Unionsarmee, bereiste den Kongo im selben Jahre 90, befragte Zwangsarbeiter, Prostituierte, Flüchtlinge und jene Stammeshäuptlinge, die seinerzeit von Stanley über den Tisch gezogen worden waren. Noch im Kongo schrieb er einen Offenen Brief an Leopold, in dem er dessen Freistaat-Verwaltung der Ausbeutung, der Vergewaltigungen, der Zwangsrekrutierung von Soldaten und der Sklaverei im Groß- und Einzelhandel beschuldigte. Williams Dokumentation, die sich wie ein UN-Report über die jüngsten Plünderkriege im Kongo liest, war vermutlich der erste nach modernen Kriterien verfasste Menschenrechtsbericht. Der Brief schlug kurz Wellen in der europäischen Presse, doch Williams chronische Geldnöte und sein undurchsichtiger Lebenslauf machten es Leopolds Hofschreibern einfach, den Mann zu diskreditieren. Mit Sheppard sollte das nicht so leicht gehen.

Der war mit geschmeicheltem Ego und weiblicher Verstärkung nach Luebo zurückgekehrt. Ihn begleitete seine frisch angetraute Ehefrau Lucy Sheppard, eine ebenso robuste wie selbstbewusste Lehrerin, die allerdings nie hinterfragte, warum ihr Mann sie in ein malariaverseuchtes Land schleppte, wo sie drei ihrer fünf Kinder früh verlieren sollte. Mit dabei war auch Maria Fearing, eine wahrscheinlich 60-jährige ehemalige Sklavin aus den USA, die über die nächsten zwei Jahrzehnte in Luebo ein Waisenhaus für freigekaufte Kindersklaven leiten würde.

Leopolds Plünderer hatten inzwischen auch die Kasai-Region als Rohstoffquelle erobert. In den neunziger Jahren, seit der Erfindung des Gummireifens 1888, waren die Preise für Kautschuk auf dem Weltmarkt weiter in die Höhe geschossen. Jetzt wurden auch Plantagen angelegt. Jeder Bezirkskommandant des Freistaats hatte von 1899 an monatlich ein Minimum von 4000 Kilo Kautschuk abzuliefern. Für den Umgang mit den Zwangsarbeitern wurde ihnen dabei eine Carte blanche ausgestellt.

Die von belgischen Militärs geführte Force Publique, halb Todesschwadron, halb Gulag-Wache, wütete nun auch rund um Luebo: Ihre schwarzen Soldaten brannten Tausende von Dörfern nieder, töteten das Vieh, nahmen Frauen und Kinder als Geiseln, um die Männer zu zwingen, in den Wäldern Kautschuk zu zapfen. Offiziere wie Léon Rom, nach dessen Bild Joseph Conrad wohl den berüchtigten Mr. Kurtz im Herz der Finsternis gestaltet hat, dekorierten ihre Gärten mit Schädeln ermordeter Einheimischer.

Ihre Untergebenen wiederum waren angewiesen, als Maßnahme gegen die Verschwendung von Munition für jede verbrauchte Patrone die abgehackte Hand des Erschossenen zu präsentieren. Körbeweise schleppten die Soldaten Hände zu ihren Vorgesetzten. Der Freistaat war für Belgiens König eine Goldgrube, für die Schwarzen wurde er zum größten Massengrab der Kolonialgeschichte. Zwischen drei und über zehn Millionen Menschen, so schätzt man, sind in einem Zeitraum von knapp zwanzig Jahren umgekommen und umgebracht worden. Das wahre Ausmaß dieses Massenmordes hat erst 1998 der amerikanische Autor Adam Hochschild in seinem Buch Schatten über dem Kongo dargestellt.

Sheppard hütete sich immer noch, Leopolds Offiziere öffentlich anzuklagen. Nicht so sein neuer Vorgesetzter William Morrison, ein Weißer aus Sheppards Heimatstaat Virginia. Morrison war in seinem Zorn auf Leopolds Verbrechen an den Schwarzen kaum zu bremsen. Gleichzeitig brachte er seine Geringschätzung für den schwarzen Kollegen immer wieder deutlich zum Ausdruck wohl nicht zuletzt, weil er inzwischen einige Gerüchte über Sheppards außereheliche Affären gehört hatte.

Das Volk der Kuba wird vernichtet

Im September 1899 berichteten Flüchtlinge von anhaltenden Massakern in den Dörfern der Kuba, die weder Kautschuk ernten noch Steuern zahlen wollten verübt von Milizen der Zappo-Zaps, einer kleinen Volksgruppe, die lange als Söldner für arabische Sklavenhändler gearbeitet hatten und nun, ausgerüstet mit modernen Schusswaffen, für die Force Publique marschierten. Morrison verdonnerte Sheppard, das Grauen am Ort zu dokumentieren.

Mit diesem Befehl setzte Morrison eindeutig das Leben seines Kollegen aufs Spiel. Der wäre bei der ersten Begegnung mit einer Zappo-Zap-Patrouille auch fast von Kugeln durchsiebt worden, hätte er nicht mit erhobenen Händen gerufen: Nicht schießen! Ich bins, Sheppard! Der Trick funktionierte. Ein Mann mit weißem Tropenhelm konnte in den Augen der Söldner nur ein Vertreter des Freistaats sein, der ihre Arbeit begutachten wollte. Bereitwillig führten sie den Missionar durch ihre killing fields, zeigten ihm stolz abgebrannte Dörfer und aufgespießte Leichen. Sheppard blieb zwei Tage, notierte mit der Akribie eines Buchhalters abgehackte Köpfe, gar gekochtes Menschenfleisch, 81 abgeschlagene Hände, die zwecks Konservierung über dem offenen Feuer geräuchert wurden, 60 noch lebende und immer wieder vergewaltigte Frauen in einem Viehgehege. Hätte er diese Hölle nur schriftlich bezeugen können, Leopolds Berater hätten ihn wohl genauso diskreditiert wie neun Jahre zuvor George Washington Williams. Doch Sheppard hatte eine Geheimwaffe: eine Kleinkamera. Zum ersten Mal fotografierte jemand den Horror im Kongo.

Leopold konnte Auszüge aus Sheppards Bericht wenige Monate später in der Londoner Times lesen - sein Diener legte ihm das Blatt jeden Morgen vor.

Der Artikel landete auch auf dem Tisch eines jungen englischen Angestellten namens E. D. Morel, der kurz darauf gegen Leopolds Regime die erste moderne Menschenrechtskampagne lostrat und zwar mithilfe der Medien und internationaler Prominenz. Inzwischen war Joseph Conrads Roman Herz der Finsternis erschienen. Arthur Conan Doyle, Autor der Sherlock-Holmes-Romane, schloss sich der Kritik an. Mark Twain, einer der populärsten Schriftsteller der USA, verfasste nach Sheppards Bericht seine berühmte Polemik King Leopolds Soliloquy, König Leopolds Selbstgespräch, in dem sich der Monarch über die Missionare erzürnt, die seine Plünderpläne störten. Die öffentliche Meinung kippte, Leopolds privater Raubzug war für die belgische Regierung zur Last geworden. 1908, ein Jahr vor dem Tod des Königs, kaufte sie ihm seinen Freistaat für 50 Millionen Franc ab.

Für die Menschen änderte sich nichts. Kautschukfirmen stützten sich weiterhin auf Zwangsarbeit, manche der brutalsten Offiziere des Freistaats kehrten nun als Geschäftsleute zurück. Léon Rom zum Beispiel als Generalinspekteur der Compagnie du Kasai. Sie war es, die im September 1909 William Sheppard verklagte wegen eines Artikels, in dem er detailliert die Zerstörung des Kuba-Volkes durch die Kautschukfirmen geschildert hatte.

Amerikas Presse feiert ihn, die Presbyterianer lassen ihn fallen

Angesichts der völlig korrupten Justiz im Kongo waren sich Kläger und Staatsanwalt eines Schuldspruchs so sicher, dass sie sich noch nicht einmal die Mühe machten, eine kohärente Anklage zu formulieren. Sie hatten die politischen Zeichen der Zeit unterschätzt. Zur Gerichtsverhandlung tauchte überraschend der amerikanische Generalkonsul auf ein deutliches Signal aus dem Weißen Haus, dass man die Aburteilung eines amerikanischen Staatsbürgers nicht hinnehmen würde. Und kurz vor Prozessbeginn hatte Sheppard plötzlich auch einen Verteidiger: Der belgische Jurist und Sozialistenführer Émile Vandervelde, ein eingefleischter Atheist, war aus Brüssel nach Léopoldville gereist, um einen protestantischen Missionar zu verteidigen. Der begnadete Rhetoriker zerpflückte die Anklage in einem flammenden Plädoyer. Am Ende wies der Richter sie zurück mit der Begründung, die Compagnie du Kasai sei in Sheppards Artikel gar nicht namentlich erwähnt worden. In Amerika überschlugen sich die Meldungen.

Amerikanischer Neger Held des Kongo, titelte der Boston Herald und bescheinigte diesem Sohn eines Sklaven, den Mut gehabt zu haben, der geballten Macht Leopolds zu widerstehen.

Noch einmal kehrte Sheppard im Triumph nach Hause zurück. Dann kam der jähe Sturz. Unmittelbar nach seiner Ankunft konfrontierten ihn die Kirchenoberen in North Carolina mit dem Vorwurf, er habe wiederholt die Ehe gebrochen. In einer demütigenden Sitzung musste Sheppard ein Geständnis ablegen, er wurde seines Postens enthoben und in den USA unter Bewährung gestellt. Innerhalb kurzer Zeit hatte sein ehemaliger Vorgesetzter, William Morrison, auch alle anderen schwarzen Missionare aus dem Dienst der Southern Presbyterians im Kongo entfernt immer mit dem gleichen Vorwurf: außereheliche Beziehungen zu einheimischen Frauen. Die negroes hatten ihre Schuldigkeit getan.

William Sheppard verbrachte die letzten 17 Jahre seines Lebens als Pastor einer kleinen schwarzen Gemeinde in Louisville, Kentucky. Er starb 1927 an den Folgen eines Schlaganfalls und geriet bald in Vergessenheit. Das Land, das ihm zur zweiten Heimat geworden war, wurde auch in den nächsten Jahren weiter ausgeplündert: erst durch den belgischen Staat, dann, bald nach der Unabhängigkeit 1960, durch den Diktator Mobutu, schließlich in einem verheerenden Krieg von Warlords und Armeen der Nachbarländer. Heute sind die Belgier in den Kongo zurückgekehrt als Teil der Europäischen Union, die das völlig ruinierte Land wiederaufbauen und Wahlen absichern will. Man kann das auch als einen Versuch der Wiedergutmachung betrachten.

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    • Schlagworte Joseph Conrad | Kongo | Kuba | Söldner | USA | Afrika
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