: Held des Kongo

Gegen Krone und Konzerne: Wie der amerikanische Missionar William Sheppard im Kautschuk-Gulag des belgischen Königs Leopold zu einem Anwalt der Menschenrechte wurde

Ein solches Spektakel hatte Léopoldville noch nicht gesehen: einen Prozess gegen einen Ausländer, einen Missionar, der sich, statt Seelen zu retten, in die Politik eingemischt hatte. Im Gerichtssaal, einer schimmeligen Baracke in der Hauptstadt Belgisch-Kongos, drängten sich die Zuschauer auf wackeligen Bänken, fächerten sich Luft zu in der erdrückenden Hitze. Durch die aufgerissenen Fenster ragten die Köpfe der Schaulustigen, die drinnen keinen Platz mehr gefunden hatten und wenigstens einen Blick auf den Angeklagten erhaschen wollten.

Für einen Mann, den man vielleicht bald in Ketten legen würde, wirkte William Sheppard erstaunlich gelassen. Zumindest behaupteten das jene, die ihn an diesem Septembertag 1909 auf der Anklagebank sahen. Von imposanter Statur, im Anzug mit Einstecktuch, saß er da wie der Hausherr, begrüßte seine Kollegen aus den protestantischen Gemeinden, munterte die kongolesischen Zeugen auf, die zu seiner Verteidigung erschienen waren. Mundele Ndom, der schwarze Weiße so nannten sie den afroamerikanischen Missionar, der aus dem US-Bundesstaat Virginia stammte. Und der schwarze Weiße schien an diesem Tag Herr der Lage.

In Sheppards Innerem dürfte es anders ausgesehen haben. Wahrscheinlich verfluchte er jenen mutigen Protest, für den ihm nun sechs Jahre Gefängnis drohten, was angesichts der Haftbedingungen im Kongo einem Todesurteil gleichkam. Auf der anderen Seite des Gerichtssaals warteten siegessicher seine Gegner: der Staatsanwalt und die belgischen Vertreter der Compagnie du Kasai (CK), die das Monopol für den Kautschukexport in dieser Region besaß.

Die CK hatte Sheppard wegen Verleumdung und Geschäftsschädigung vor Gericht gezerrt, weil er das Unternehmen beschuldigt hatte, seine Profite mit mörderischer Zwangsarbeit zu machen. So etwas hatten früher schon andere behauptet, aber nun waren die Vorwürfe in der internationalen Presse aufgegriffen worden. Der Aktienkurs der CK war gesunken. Höchste Zeit, befand die Firmenleitung, ein juristisches Exempel zu statuieren. Und so begann in einer Baracke in Léopoldville im September 1909 ein bis dahin einmaliger Vorgang: ein Gerichtsprozess zwischen einem multinationalen Unternehmen und einem Menschenrechtsaktivisten.

William Sheppard hatte diese Rolle nicht gesucht. Er war in den Kongo gekommen, um Seelen zu retten, wobei seine Missionarstätigkeit nicht nur Gott gefallen, sondern auch seinen eigentlichen Traum erfüllen sollte: Abenteurer und Entdecker zu sein. Frei zu werden irgendwo in der Welt, wo ihn keine Rassentrennung demütigte, wo er am selben Tisch sitzen konnte wie die Weißen und diese ihn mit Mister oder Monsieur ansprachen. Nicht als nigger.

Leopold spielt den frommen Kämpfer gegen den arabischen Sklavenhandel

Geboren am 8. März 1865, wenige Wochen vor dem Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs, in Waynesboro, Virginia, als Sohn eines ehemaligen Sklaven und einer frei Geborenen, wuchs William Henry Sheppard in einem Land auf, in dem auch der kleinste Verstoß gegen die Rassentrennung für einen Schwarzen fatale Folgen haben konnte. An Schulen und theologischen Seminaren für Afroamerikaner absolvierte er seine Ausbildung zum Pastor, verdiente sich dabei sein Brot mit Feldarbeit und Jagd. Wie sich bald erweisen sollte, war er damit besser auf das Leben im Kongo vorbereitet als weiße Missionare, die zwar Griechisch und Latein beherrschten, beim Anblick einer Schlange aber in Panik gerieten.

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