China »Wir brauchen Schutz«
Der Bremer Ökonom Rudolf Hickel wirft China unfairen Handel vor. Er fordert weltweit gültige Umwelt- und Sozialstandards
DIE ZEIT: Sie fordern Auflagen für den Handel mit China. Ist Deutschland sonst nicht konkurrenzfähig?
Rudolf Hickel: Ich glaube, dass wir ohne Schutz vor unfairem Wettbewerb nicht auskommen. Ich fordere ökologisch-soziale Mindeststandards in China. Das soll auch die Beschäftigten in China vor Ausnutzung schützen.
ZEIT: Daran arbeiten die Chinesen selbst. Vielerorts steigen die Löhne, Gewerkschaften organisieren Betrieb um Betrieb, die Regierung will die großen Einkommensunterschiede ausbügeln.
Hickel: Umso besser. Aber dieser Prozess der Selbstregulierung verläuft zu langsam, zumal die Bedingungen in China ja negative Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte hierzulande haben.
ZEIT: In den achtziger Jahren hatten wir ähnliche Ängste vor Japan. Sie waren fehl am Platz.
Hickel: China erzeugt aber viel mehr Druck. China ist größer und setzt Lohndumping und schlechte Arbeitsbedingungen strategisch ein.
ZEIT: Haben wir kein Interesse daran, dass Chinas Wirtschaft so schnell wächst? Dann kaufen die Chinesen doch auf Dauer mehr bei uns ein.
Hickel: Aus diesem Grund bin ich ja auch kein Protektionist. Der Blick auf die Datenreihen zeigt eindeutig: Wenn etwa Deutschland mehr in China investiert, nehmen auch die Warenexporte nach China zu. So gesehen sind wir Deutschen klare Globalisierungsgewinner in China.
ZEIT: Also kein Grund zum Alarm!
Hickel: Wenn man nur die letzten zwei, drei Jahre betrachtet, ist die Situation in der Tat nicht so alarmierend. Ich blicke aber auf die längerfristige Entwicklung. Die Motive für die Direktinvestitionen unserer Firmen verändern sich. Traditionell dienten sie der Markterschließung, und das ist positiv. Doch zunehmend ist das Motiv die Kostensenkung. Wenn sich das verstärkt, werden wir Globalisierungsverlierer.
ZEIT: Weil dann immer mehr Produktion nach China abwandert und deutsche Arbeitnehmer nichts mehr zu tun haben?
Hickel: Und weil enormer Druck auf die Löhne erzeugt wird. Die niedrigen sozialen Standards in China führen zu unfairem Wettbewerb.
ZEIT: Sie sprechen von »fair«. Heißt das, die Chinesen sollen ähnliche Arbeitsbedingungen, Lohnhöhen und Umweltregeln einhalten wie wir?
Hickel: Am Ende müssen weltweit geltende soziale und ökologische Mindeststandards definiert und auch durch China eingehalten werden.
ZEIT: Die Kostensenkung hat ihre guten Seiten. Wir profitieren, wenn wir Radios, Computer und Wintermäntel billiger aus China beziehen. Jetzt gibt es chinesischen Zahnersatz, den selbst unsere gebeutelten Krankenkassen bezahlen können.
Hickel:
Ja, diese Preisstürze kommen einer realen Aufwertung unserer Einkommen gleich, und sie helfen uns auch, die Inflation in Schach zu halten. Kompensiert das aber die Verluste, die wir aus dem Lohndruck und dem Abbau von Arbeitsplätzen erleiden? Darüber gibt es in Deutschland noch keine ordentliche Untersuchung. Ich gehe davon aus, dass die Jobverluste durch die Preisvorteile nicht aufgewogen werden.
ZEIT:
Wie sollen ökologische und soziale Mindeststandards im Handel da helfen?
Hickel:
Sie sorgen für fairen Wettbewerb. Hinzu kommen muss die Flexibilisierung der chinesischen Währung. Ein Missverständnis sollte aber nicht aufkommen: Selbst unter fairen Bedingungen wird es zu einer Neuordnung der internationalen Arbeitsteilung kommen. Dass wir in Deutschland so viele unbeschäftigte Geringqualifizierte haben, hat bereits damit zu tun.
Das Gespräch führte
Thomas Fischermann
Zum Thema
Unaufhaltsam wandelt sich China zur größten Wirtschaftsmacht der Welt.
Deutschland wird davon profitieren »
China: Zwischen Angst und Schwärmerei
-
Ein Schwerpunkt »
- Datum 25.10.2006 - 05:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




... warum es immer noch deutsche Zeitungen gibt, die Herrn Hickel als Oekonom bezeichnen. Es sei ihm ja belassen sich regelmaessig in der Oeffentlichkeit laecherlich zu machen, aber von Volkswirtschaft versteht er nunmal garnix.
Globale Sozial- und Umweltstandards klingen toll, haben aber das Problem, dass die Bewohner aermerer Laender tendenziell in Armut halten.
Wenn ein chinesischer Arbeiter aufgrund schlechter Umwelt- und Arbeitsbedingungen "brutto" eine Lebensverkuerzung von 2 Jahren hat, sich durch das Arbeitseinkommen eine bessere Ernaehrung und medizinische Versorgung leisten kann, die ihm "brutto" eine Verlaengerung der Lebenserwartung um 5 Jahre bringt, dann sind Umweltstandards etc. schaedlich fuer ihn. Auf globaler Ebene sind solche Standards ohnehin nicht durchsetzbar. In vielen Laendern kann man rechtlich nicht mal einen Kaufvertrag durchsetzen. Von deutscher Ueberregulierung a la Hickel ganz zu schweigen.
Dumping bezeichnet im uebrigen ein Verhalten mit dem ein Unternehmen kurzfrisitg ein Produkt unter seinen Herstellungskosten anbietet um Marktteilnehmer aus dem Markt zu draengen. Dies hat das Ziel einen monopolisitschen Preissetzungsspielraum zu gewinnen. Bei Loehnen und Sozialabgaben ist das unmoeglich, da arbeitslose Deutsche immer wieder in den Markt eintreten koennen. Wenn also ein "Fachmann" von Lohn- oder Sozialdumping spricht, kann es um seine Fachkenntnisse nicht sehr gut bestellt sein.
\N
Natürlich trifft Herr Hickel mit seinem Ruf nach den dringend notwendigen weltweit gültigen Umwelt- und Sozialstandards das Kernproblem eines zunehmenden Handelsdrucks, der auf den (noch) wesentlich wohlhabenderen Ländern lastet. Auch seine Bewertung ist differenziert und reflektiert.
Dass dies weder ein auf China beschränktes noch ein neues, wenn gleich gravierendes Problem ist, ist klar. Allerdings scheint mir etwas anderes erschreckend: Rudolf Hickel erwähnt die strategische Einsetzung von Lohndumping. Hinter dieser zutreffenden Formulierung steckt ein Dilemma in dem sich Entwicklungsforscher befinden. Einerseits freut man sich über jedes Land, das den Weg aus der Armut findet. Andererseits behandeln die Eliten einiger dieser Länder viele Arbeiter mehr als Material denn als den Aufschwung erst ermöglichende Menschen. In diesem Zusammenhang ist es denn auch nicht verwunderlich, dass die reichen Länder mehr Rückhalt in der Bevölkerung haben, wenn sie einen Abbau von Handelsschranken fordern, bzw. mit einem Verweis auf diese Missstände selbst welche einrichten (wie etwa vor kurzem die EU dies mit Schuhen aus der Volksrepublik getan hat). Das Weglassen der Tatsache, dass viele heute wirtschaftlich reiche Länder auf eben diesem Wege zu Wohlstand gekommen sind, wird zu Recht kritisiert. Da Unrecht nicht mehr Legitimität erhält, wenn es einem zuvor begangenem Unrecht folgt, muss sich hier etwas ändern.
Meines Erachtens wäre eine Implementierung von Umwelt- und Sozialstandards durch eine Erweiterung des Regelwerkes der Welthandelsorganisation vor allem wegen der bereits bestehenden Sanktionsmechanismen sinnvoll und möglich. Wir brauchen dringend einen die Rahmenbedingungen verändernden globalen Marshall Plan.
Tom
Ich bin der Auffassung, dass die Setzung von Sozialstandarts und Umweltstandarts durch Staaten und zwischenstaatliche Orgnisationen, mehr die Interessen der mächtigsten Industriestaaten sichert.
Eine wirksame und ordentliche Hebung der Lohnentwicklung wäre meiner Auffassung nach, die Unterstützung freier chinesischer Gewerkschaften. Bislang gehört die staatliche Gewerkschaft zur Zentralregierung. Es wundert mich deswegen nicht, wie eng verzahnt in China, die Partei, die Unternehmerschaft und die Gewerkschaft zusammenarbeiten. Dieses Bündnis arbeitet gegen den chinesischen Arbeiter undinternational eben auch gegen unsere Beschäftigten.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren