Innenstadt zu verkaufen
Die Firma ECE darf immer neue Einkaufscenter in die Citys klotzen. Die Kommunalpolitik gibt damit ihren Einfluss preis
Heinrich Hasselmann nennen sie gern den Bürgermeister. Er ist Manager des Alstertal Einkaufs-Zentrums (AEZ) in Hamburg und somit Herr über 240 Fachgeschäfte auf 59000 Quadratmetern Einkaufsfläche.
Der Ehrentitel Bürgermeister erzählt, wenn auch halb im Scherz, vom Selbstverständnis der Betreiber. Denn die bieten alles, was der Mensch so braucht oder zu brauchen glaubt. Eingebettet in feinstes Ambiente. Umsorgt von einem Service, der demnächst von der Kinderbetreuung bis zur Autoreparatur das perfekte Einkaufen garniert.
Wer das Zentrum betritt, links teure Uhren, rechts teure Schuhe, steht schnell vor einem Springbrunnen, dessen Rhythmus spielende Kinder durch Handauflegen bestimmen - man möchte in einem der schweren, schwarzen Ledersessel verbleiben und einfach zuschauen.
Der Bürgermeister erläutert das Prinzip der Ladenstraße. Es ist das Mall-Prinzip, und es ist ganz einfach und sehr erfolgreich. Am linken und am rechten Ende jeweils ein Magnet-Mieter, zum Beispiel Galeria Kaufhof und Peek & - Cloppenburg. Zwischen beiden die Flaniergänge, bestückt mit Fachgeschäften aller, auch der teuersten Art. Im Basement geht es schlichter zu, links ein Penny-Markt, rechts Budnikowsky - die gediegene Inneneinrichtung bleibt dieselbe. Überall Cafés, kleine und große Restaurants, ein Fruchtsaftstand.
Ein Drittel der Mieter hat hier Einzelgeschäfte, ein Drittel ist in der Region zu Hause, die anderen überregional oder international bekannt. Die Grundmieten sind nach Ertragslage der Händler gestaffelt die teuerste übertrifft die billigste um das Vierfache.
Quersubvention nennt das die Branche. Die Mode hilft den Lebensmitteln.
Mieter zu finden ist offenbar kein Problem, die Nachfrage ist hoch.
Nur Spezial-Anbietern wie teuren Juwelieren müssen wir nachgehen, sagt der Bürgermeister. Im Branchenmix ist der Bereich Mode und Lifestyle mit über fünfzig Prozent vorn - es folgen Lebensmittel und Homing, das sind Geschenkartikel, Glas, oder Gardinen, mit jeweils etwa zehn Prozent. Wer hier einkauft, kommt zu 70 Prozent aus Hamburg und Umgebung.
Die Neueröffnung des Alstertal Einkaufs-Zentrums passt in die Szene.
Denn den Städten geht es schlecht. Seit zehn Jahren stagniert der Verbrauch, während die Verkaufsflächen wuchern. Noch vor 30 Jahren konnte ein Händler auf 70, 80 Quadratmetern leben. Heute braucht er das Zehnfache, um auf seine Kosten zu kommen. Also zog er aus dem kleinen Laden in der Stadt in das Center auf der grünen Wiese vor der Stadt. Das Ladensterben wanderte vom Dorf in die Stadt. Leerstand nennt man das, was dabei herauskommt, trading down im Fachjargon.
Gleichzeitig schmelzen, nicht nur im Osten Deutschlands, die Einwohnerzahlen dahin. Zu besichtigen ist nicht allein die leere Ladenhöhle, sondern, schlimmer noch, die schrumpfende, die perforierte Stadt.
Dass all diese Erscheinungen nach Hilfe rufen, versteht sich. Dass die Kommunen das Geld nicht haben, um gegenzusteuern, ist bekannt. So hoffen denn Oberbürgermeister, Stadtentwickler und Stadtplaner, die das Leben in die Innenstadt zurückholen wollen, auf Shopping-Center oder Malls, Einkaufswelten unter Dach. Auch die Kritiker dessen, was dann entsteht, gehen bis dahin mit.
Erst an der Zauberformel scheiden sich die Geister. Und die heißt ECE Projektmanagement. ECE, das stand einmal für Einkaufs-Center-Entwicklungsgesellschaft, die wiederum zum Otto-Versand-Konzern gehört. Da das Immobiliengeschäft der 1965 gegründeten Gesellschaft jedoch breiter geworden ist, nennt man sich heute ECE Projektmanagement GmbH & - Co KG, Geschäftsführer ist der 39-jährige Alexander Otto. Kern der Unternehmung ist die Entwicklung, Realisierung, Vermietung und das Langzeit-Management von Shopping-Centern, gelegentlich beteiligt man sich auch.
Die ECE-Manager sagen: Wir bringen die Lösung. Die Kritiker schimpfen, die ECE bewirke das Gegenteil, sie bringe nicht neues Leben in die Innenstadt, sondern noch mehr Tod.
Entstanden sind bislang 89 dieser Gebilde, davon 70 in Deutschland, davon wiederum 65 in Innenstädten. Unter ihnen das Alstertal Einkaufs-Zentrum in Hamburg. Geplant oder im Bau sind: weitere 20, die Hälfte davon hierzulande. Zusätzlich möglich sind allein in Deutschland noch einmal 50 Center.
Die Gesamtzahl der innerstädtischen Einkaufs-Center im Lande ist angeblich nicht bekannt. Zumeist heißt es, es seien etwa 85. Die ECE-Leute sprechen von 100. Gleichviel, sie stehen mit ihren 65 für das Ganze. Marktführer sind sie auch in Europa. Und sie denken in großen Zeiträumen, sagt Robert Heinemann, Bereichsleiter Kommunikation. Das mag andernorts bedrohlich klingen. Für Heinemann ists gleichsam ein Markenzeichen des Familienunternehmens Otto.
Gern erzählt er, der schneller spricht, als man zuhören kann, und das in druckreifen Sätzen, wie die Geschäfte auf den Weg kommen. Und es ist immer ganz einfach: die Stadtoberen fragen an, oder ECE geht zu ihnen.
Wir kennen jede größere Stadt und ihr Potenzial, das heißt Brachland im Stadtzentrum oder von der Bundeswehr aufgegebene Flächen. Sobald eine Stadt konkret ins Visier der ECE-Leute gerät, ermitteln sie mit Hilfe der Städte selbst oder von Marktforschern wie der GfK die demografischen Daten. Alters- und Haushaltsstrukturen, Zu- und Abwanderungsgelüste. Daraus resultiert so etwas wie eine wirtschaftliche Prognose. Ist die interessant, schwärmen ECE-Leute aus und befragen Passanten nach ihrem Kaufverhalten.
Es folgt, so erklärt der für die Vermietung zuständige ECE-Geschäftsführer Klaus Striebich, das Lückendiagramm: Jeder lokale Händler wird begutachtet. Was kann er leisten? Was bietet er, was nicht? Sitzt er noch auf einem alten Ross, oder hat er sich den modernen Zeiten angepasst?
Wer besonders leistungsfähig ist, heißt im ECE-Jargon Platzhirsch und wird umworben, in das geplante Center einzuziehen, dort einen Zweit-Standort einzurichten oder aber eine Abteilung.
Kaffeehaus-Vermietung nennen die Planer diesen Teil ihrer Arbeit.
Was sich hier lesen mag wie ein harmloser Bericht über für beide Seiten höchst ersprießliche Geschäftsbeziehungen eine Sichtweise, die die ECE-Leute naturgemäß fördern , hat bei genauerem Hinsehen eine zweite, bedeutsamere Ebene. Denn die Center besetzen nicht allein die geografische Mitte der Stadt und verändern sie so. Sie sind steingewordene Politik. Sie machen variablen öffentlichen Raum zu weitgehend uniformem privatem Raum - es gilt nicht mehr, was die Stadt will, es gilt, was der Eigentümer oder Vermieter will (siehe Bunte Langeweile auf Seite 19).
Das ist natürlich nur möglich, wenn beide Seiten zuvor gut zusammenspielen.
Und dieses gute Zusammenspiel hat zum Beispiel in Hamburg einen sehr konkreten Hintergrund. Eine gute Verflechtung von Politik und ECE. Der ECE-Mann Robert Heinemann sitzt für die CDU als deren bildungspolitischer Sprecher in der Hamburger Bürgerschaft (wie das Landesparlament dort heißt). Auch Andreas Mattner, ein weiterer ECE-Manager, ist dort CDU-Abgeordneter. Christian Saadhoff, ECE-Pressesprecher, war zuvor in gleicher Funktion für Hamburgs Wirtschaftssenator Gunnar Uldall tätig.
Wer allerdings vermutet, CDU und ECE seien grundsätzlich innig verwoben, wird nicht fündig werden. Vielmehr sind es die jeweiligen Regierungsparteien, die mit ECE paktieren. Alles andere wäre geschäftlich ja auch ziemlich dämlich. Heinemann sagt das so: Es geht quer durch.
Mauscheleien will der Mann nicht erlebt haben, auch keine persönlichen Vorteile. Ich habe noch keine Synergieeffekte gefunden. Doch muss auch er zugestehen: Natürlich ist das alles politisch, irgendwie. Die Diskussionen in den Städten sind politisch. Und: Da ist es gut zu wissen, wie Politik, insbesondere Kommunalpolitik, funktioniert.
Noch besser wissen das jene Funktionsträger, die eigene Interessen zu verfolgen haben. Walter Brune, Städteplaner und Architekt in Düsseldorf, schreibt ironisch, es sei durchaus verständlich, wenn zum Beispiel ein Glaser, Anstreicher, Haustechniker, Lieferant, Baufirmeninhaber oder Statiker, der gleichzeitig Ratsmitglied einer Stadt ist, sich gern seine frierenden Hände an einem solchen Großprojekt wärmen möchte. Er schreibt dies als Mitherausgeber eines Buches, das demnächst an alle Entscheidungsträger in Städten mit mehr als 50000 Einwohnern verteilt wird (aber auch zu kaufen ist): Angriff auf die City kritische Texte zur Konzeption, Planung und Wirkung von integrierten und nichtintegrierten Shopping Centern in zentralen Lagen (Droste Sachbuch, Düsseldorf 2006).
Die politische Mitwirkung kann allerdings für die Akteure auch höchst unerfreuliche Folgen haben. So hat vor wenigen Wochen der Oldenburger Oberbürgermeister und ECE-Fürsprecher Dietmar Schütz sein Amt in der Stichwahl an den bis dahin weitgehend unbekannten Gerd Schwandner verloren - der parteilose, für die CDU antretende Kandidat war, gemeinsam mit den Grünen, gegen das Projekt zu Felde gezogen. Auch in Celle wechselte die Mehrheit im Stadtrat im Kampf gegen ein in der Altstadt geplantes ECE-Center.
Die Herrschaften hätten gewarnt sein können. Schon im Jahr 2002 verlor in Cottbus ein ECE-Befürworter das schöne Amt an seine Widersacherin, eine ECE-Gegnerin. Nach mancherlei Hin und Her und juristischem Gerangel wurde das Vorhaben zwei Jahre später begraben.
Ein besonders gutes Beispiel für das Zusammenwirken privatwirtschaftlicher und öffentlicher Institutionen und deren Vertretern bietet die im Jahr 2000 von ECE-Chef Alexander Otto gegründete Stiftung Lebendige Stadt. In ihr haben sich, laut Prospekt, Ministerpräsidenten, Oberbürgermeister, Vorstandsvorsitzende, Forscher und Kulturschaffende zusammengefunden, um die Vielfalt (der europäischen Stadt) zu fördern. Die Stiftung veranstaltet Symposien, unterstützt beispielgebende, kreative Projekte und prämiert jährlich in einer anderen Kategorie Best-practice-Beispiele für europäische Städte und Kommunen. Im Stiftungsrat sitzen, unter vielen anderen, die Politiker Günther Beckstein (Bayerns Innenminister), Matthias Platzeck (Ministerpräsident Brandenburgs), Krista Sager (stellvertretende Fraktionschefin der Grünen), Wolfgang Schuster (Oberbürgermeister in Stuttgart) und Gunnar Uldall (Wirtschaftssenator in Hamburg). Im Kuratorium wirken neben Alexander Otto unter anderem Wolfgang Tiefensee (Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung), Thomas Mirow (Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, einst Wirtschaftssenator und Spitzenkandidat der SPD in Hamburg) sowie Fritz Schramma (Oberbügermeister in Köln).
Niemand bestreitet, dass die illustre Einrichtung gute Arbeit leistet.
Nicht einmal die gelegentlich emotional agierenden Kritiker tun das.
Ihre Kümmernisse sind anderer, grundsätzlicherer Art. Da es sich nicht um eine der klassischen Bürgerstiftungen, sondern um eine an ein Unternehmen respektive an die Privatperson Alexander Otto gebundene Einrichtung handelt, in deren Gremien noch dazu viele ECE-Leute zu finden sind, glauben viele nicht an Kooperation, sondern an Kollaboration. Holger Pump-Uhlmann, Mitherausgeber des Buches Angriff auf die City, drückt das so aus: Eine Vermischung des Gemeinwohls mit den privaten Interessen Einzelner würde die Lebendigkeit unserer Städte irreversibel schädigen. Stiftung Lebendige Stadt? Das klingt für ihn wie Hohn.
So viel zum Zwischenreich aus Wirtschaft und Politik. Zurück zu dem, was in den Städten tatsächlich geschieht, was die massenhafte Ansiedlung von Shopping-Centern in den Innenstädten bewirkt, auch dazu, wie negative Folgen zu begrenzen und positive herbeizuführen sind.
Der Ideengeber der Center war ein äußerst erfolgreicher Architekt namens Victor David Grünbaum, 1903 in Wien geboren, 1980 gestorben. Er war Jude und floh 1938 in die USA, wo er sich in Victor Gruen umbenannte. Er erfand, angewidert von der Ödnis der amerikanischen Vorstädte, die Shopping-Malls. So wollte er das Leben zurückholen, wie er es kannte aus den europäischen Städten nur eben auf amerikanische Art. 1954 entstand die erste dieser Malls in Minneapolis. Er erwarb sich, auf Deutsch, die Ehrentitel Vater der Fußgängerzone, Vater des Einkaufszentrums. Die Gruenisierung der City stand für deren Revitalisierung. Später, 1973 nach Wien zurückgekehrt, übertrug er ironischerweise die Europäisierung Amerikas zurück ins alte Europa.
Und spürte rasch, welch ein Irrtum ihm da unterlaufen war. Was in den USA erfolgreich war, zerstörte, wie er fand, die jahrhundertealte gewachsene Stadt, erschien ihm als Ausgeburt von Scheußlichkeit.
Legitimer Erbe Victor Gruens ist Walter Brune, der Düsseldorfer Stadtplaner und Architekt. 80 Jahre ist er alt und mit einem Temperament ausgestattet, das ganz einfach mitreißt. Nicht einmal Pathos fürchtet er: Ich bin ein Wissender, sagt er, und ich bin wütend. Die Politiker machen Städte, die in 1000 Jahren entstanden sind, in wenigen Jahren kaputt.
Das Wissen, von dem er spricht, hat er freilich nicht von Gruen übernommen. Lernen musste er schon selbst. Er hatte die amerikanischen Shopping-Malls kennen gelernt, als er im Auftrag der Weltbank in New York ein Büro für Entwicklungsaufgaben unterhielt. Auch er glaubte zunächst, der Bau von Konsumtempeln sei eine so gute Idee, dass er 1972 in Mülheim an der Ruhr selbst einen errichtete, das Rhein-Ruhr-Zentrum. Auch er wandelte sich zum Paulus. Denn: Nach zwei bis drei Jahren verödete die Innenstadt rasch. Ein Laden nach dem anderen musste schließen. Sein Bau hatte sich als Absauganlage entpuppt. So hat er die Rezeptur verändert. Kein Monster am Rande der Innenstadt, sondern so genannte Galerien - intim integriert ins innenstädtische Gefüge - vielfach angebunden ans Wegenetz und mit einem Sortiment bestückt, das die Läden rundherum nicht überflüssig macht, sondern deren Angebot ergänzt. Das sei ja nicht so schwer, sagt Brune, denn die großen Verkaufsstraßen organisieren sich monostrukturell.
Da lässt sich leicht feststellen, was fehlt Lebensmittel, kleine Läden, Gastronomie. Und das Stadterlebnis kehrt zurück.
Ein Dutzend solcher Dinger hat er gebaut, drei in eigener Regie: die Kö-Galerie in Düsseldorf, den Schwanenmarkt in Krefeld und die Kölner Opern-Passage. Diese drei und den Mülheimer Klotz hat er kürzlich ausgerechnet an seinen Erzfeind ECE verkauft. Er habe schließlich nicht seine Seele mitgeliefert und die Häuser in kundige Hände geben wollen.
Das hindert ihn nicht, die Tricks der Branche zu brandmarken. In seinem Buch schreibt er: Für international tätige Investoren spielten Zahlungen von ein paar Millionen Dollar durch Mittelsmänner überbracht an Abgeordnete, Politiker, Journalisten großer Zeitungen oder sonstige positiv zu stimmende Personen keine Rolle. So war es auch geübte Praxis, in einer örtlichen Zeitung über einen Zeitraum von zwei Jahren nach der Eröffnung bis zu 500 ganzseitige Anzeigen für eine positive Berichterstattung zu schalten. In Deutschland sei das vielleicht noch nicht gang und gäbe, aber dennoch sollte dieses Problem nicht ganz außer Acht gelassen werden.
Vor der Entscheidung werden alle Positionen, die strategisch wichtig sind, besetzt der Oberbürgermeister, der Stadtbaurat, die lokale Zeitung, sagt der ECE-Kritiker Holger Pump-Uhlmann. Wird auch mit Geld nachgeholfen? Natürlich gibt es das auch, sagt ein anderer, der nun partout nicht mit Namen auftreten will. Aber es gibt auch andere Wege, die Entscheidung zu erleichtern, ein Schwimmbad zum Beispiel (wie in Düsseldorf) oder eine Schlossfassade (wie in Braunschweig).
All das ist gewiss nicht illegal, allerdings sehr hilfreich. So hilfreich, dass Grundstücke nicht mehr ausgeschrieben und billig verkauft werden. Und entsprechende Klagen werden weder von der Justiz noch von der Politik ernst genommen.
Auch die lokalen Zeitungen gehen dem selten nach. Einen besonderen Ruf hat sich da die Braunschweiger Zeitung erworben. Sie musste, im März 2005, eine Rüge des Presserats einstecken, aber nicht, weil sie das Projekt Schloss-Arkaden in Hunderten von Artikeln fröhlich begleitet hatte. Sondern wegen Irreführung. Das Blatt hatte anstatt von einem Einkaufs-Center-Vorhaben von einer Rekonstruktion des Schlosses gefaselt.
Oft verläuft die Entscheidungsphase chaotisch, jedenfalls das Rahmenprogramm. Als Beispiel mag noch einmal Oldenburg herhalten. Da soll ein Center neben dem Schloss entstehen, anstelle eines zusammengefallenen Hallenbades. In einer öffentlichen Diskussion vor zwei Jahren regte sich Angst um die schöne Stadt mit Flair.
Hauseigentümer, Gastronomie und Einzelhandel erboten sich, gemeinsam zu investieren. Ein Einzelhandelsvertreter sagte, die lokale Branche sei bereit, der Stadt das Grundstück für denselben Preis (wie die ECE) abzukaufen, plus einen Schnaps. Aus dem Publikum tönte es: Lassen Sie Oldenburg den Oldenburgern. Ein Bürgerbegehren sammelte später 18000 Stimmen gegen das ECE. 120 von 150 Kaufleuten sagten nein. 780 Einwände erhoben sich gegen das Planfeststellungsverfahren.
Nun sind die Oldenburger Politiker nicht ohne Schuld. In den Fünfzigern rissen sie klassizistische Bauten ab zugunsten eines Kaufhauses mit Wabenfassade. Straßenschneisen schlugen sie in ihre Stadt. Und die hübsche Innenstadt ist praktisch unbewohnbar, weil die Kaufleute, um ebenerdig mehr Verkaufsfläche zu gewinnen, die Treppen zum ersten Stock herausgerissen haben. In mindestens 80 Prozent aller Häuser.
Warum nur wollte der abgewählte Oberbürgermeister Dietmar Schütz sich gegen alle Einwände durchsetzen? Weiß er doch auch, dass die Mieten, wie in allen anderen Fällen, nach Hamburg abfließen, zur ECE natürlich, und Steuern dort gezahlt werden, wo die Filialisten ihr Zuhause haben.
Der Abgewählte sagt, es bestehe ein Missverhältnis zwischen den Verkaufsflächen in der Stadt (90000 Quadratmeter) und im Umland (400000). Normal wäre ein Verhältnis von eins zu zwei. So ein kleines Ding wie das ECE-Center wäre dringend notwendig für die Innenstadt das kleinste in Niedersachsen. Nun wächst die Kaufkraft raus, wenn nicht doch noch gebaut wird, was durchaus möglich ist. Der Bau-Ausschuss hat positiv entschieden, fehlt nur mehr die Baugenehmigung.
Bürgermeister Schütz hat seine Bürger nicht überzeugen können. So ist es, das sei nicht verschwiegen, nicht immer. In Passau und in Schweinfurt etwa haben die Bürger positiv entschieden.
Im April dieses Jahres hat das Forum Innenstadt und Einkaufszentrum ein Positionspapier abgeliefert, das gleichsam den Überbau zum Thema beisteuert. Die Autoren schreiben, in gelegentlich gewöhnungsbedürftiger Sprache: Viele Innenstädte benötigen eine handelsseitige und städtebauliche Auffrischung. Hierzu können innerstädtische Einkaufscenter einen wichtigen Beitrag leisten. Sie beklagen aber das ihrer Meinung nach massive und vorbehaltlos hingenommene Vordringen der zu großen, zu stereotypen und zu schlecht in die Stadt eingefügten Einkaufscenter.
Da werden sie das im Herbst 1996 eröffnete Centro in Oberhausen im Blick gehabt haben, angeblich die neue Mitte der Stadt, tatsächlich ein monumentaler Fremdkörper, ohne Bindung zur Stadt. Mit verheerender Wirkung auf den Einzelhandel ringsum. Übrigens hätte Walter Brune den Koloss planen sollen. Abgelehnt. Er sagt jetzt: Die Stadt ist platt.
Die Autoren des Positionspapiers könnten aber auch an Essen gedacht haben, wo derweil ein Gigant entsteht mit einem Aufwand von 300 Millionen Euro und einer Verkaufsfläche von 70000 Quadratmetern. Man hätte das Ding in zwei oder drei Teile stückeln sollen, dann wären Verkehr und Leben auch in die Innenstadt geflossen, findet Walter Brune.
Unterdessen gibt es, auch jenseits von Oberhausen, empirische Untersuchungen darüber, was nach Ansiedlung eines Centers geschieht.
Zwei Beispiele: Schwerin und Bayreuth. In Schwerin hat die Universität Greifswald geforscht. Das Ergebnis, in kurzen Strichen: Dem Publikum gefällts. Zwei Drittel der Befragten gaben der Einkaufssituation die Note gut, der Rest befriedigend. Vor dem Bau des Schlosspark-Centers lag die Durchschnittsnote bei 3,6. Der Handel (ohne Center) leidet an Umsatzeinbußen von durchschnittlich 39 Prozent. Die Leerstände in der Altstadt haben sich zwischen 1997 und 1999 auf 6800 Quadratmeter verdoppelt. 1998 war der Schlosspark eröffnet worden.
Bayreuth, das Rotmain-Center, ein Jahr zuvor in Dienst gestellt. 27 Prozent der Händler erleben einen starken, 39 Prozent einen spürbar negativen Einfluss. Die Besucher sind auch hier zufrieden.
Nun gilt es gewiss nicht, den Einzelhandel unter Naturschutz zu stellen, veraltete Strukturen gar gegen die Interessen der Kunden zu verteidigen. Wer aber ein riesiges Center neben die alte Innenstadt stellt, belebt sie nicht, sondern lässt sie veröden. Und nimmt, ganz nebenbei, ihren Immobilien, die ja auch entsprechend finanziert sind, großen Wert in Oberhausen, über Nacht, fast die Hälfte.
Auch dies bedacht zu haben, darf Duisburg für sich in Anspruch nehmen.
Nach langem Kampf allerdings. An der Front, sieben Jahre lang: Astrid Schultz, Geschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Niederrhein. Eine mit Verve und Überzeugung auftretende Frau. Beides hat sie brauchen können. Geplant war ein Projekt namens Multi Casa.
Auf einer Brache hinterm Bahnhof. 80000 Quadratmeter Verkaufsfläche.
Duisburg hatte damals 120000, hat heute 100000 Quadratmeter in der Innenstadt. Da kommt ein Investor mit 80000, da weiß ich doch, was passiert. Astrid Schultz lässt den Besucher spüren, dass es sie Schaudern gemacht hat.
In diesen sieben Jahren sah sie Investoren kommen und gehen, auch die ECE. Sie sagt: Die ECE ist nicht unser Gegner. Die Kommunen müssen sich entsprechend aufstellen. Wissen, was ihnen gut tut. Dass ein Einkaufszentrum der richtige Ansatz ist, die Innenstadt zu beleben, trifft ja zu. Aber es darf sie nicht übernehmen, die Innenstadt sei ein Kulturgut. Sie sagt: Die Städte müssen Leitlinien aufstellen und sich danach richten, raumbezogene Wirtschaftspolitik betreiben.
Der Markt allein kanns nicht richten. Denn wir wollen Duisburg sein und nicht ein Center. Wer eigene Wege gefunden habe, kann auch ECE einbinden.
Mitte vergangenen Jahres hat der Stadtrat gegen Multi Casa entschieden. Es gibt neue Pläne für die alte Innenstadt. Örtliche Akteure, die IHK Niederrhein und die Bundesarbeitsgemeinschaft für Mittel- und Großbetriebe (BAG) haben sich in einer Planungsgemeinschaft zusammengefunden. Und der schwer berühmte britische Architekt Sir Norman Foster, der schon andere Bauten in Duisburg entwarf, wird einen Masterplan aufstellen für das Innenhafen-Areal und es mit der nahen alten Innenstadt verbinden.
Was als Idee auf einer Brache hinterm Bahnhof begann, kommt nun ans Wasser, an Europas größten Binnenhafen, und nimmt doch auf das Alte Rücksicht. Duisburg hat sich emanzipiert und macht mit einem eigenen Plan Karriere.
- Datum 26.10.2006 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 44/2006
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