DIE ZEIT:Imre Kertész, Ihr neues Buch hat den Titel Dossier K. – eine Ermittlung . In der Vorbemerkung schreiben Sie, es sei eine »regelrechte Auto- biografie«. Einen Satz weiter heißt es, Ihr Buch sei ein Roman. Was ist es nun? BILD

Imre Kertész: Wenn wir von der Wirklichkeit reden, verändern wir diese Wirklichkeit. Die Sätze haben es an sich, dass sie dem unförmigen Lebensmaterial eine Form geben. Ich gestehen Ihnen etwas: Auf Deutsch heißt der Titel Dossier K. – eine Ermittlung; auf Ungarisch heißt der Titel nur Dossier K., weil man eine Ermittlung im Ungarischen nicht kurz ausdrücken kann. Die Sprache verändert alles; wer weiß, was Wirklichkeit ist und was Literatur, Literatur und Wirklichkeit sind beide gültig.

DIE ZEIT: Nun haben Sie eine besondere Form gewählt, die auch neu für Ihr Schreiben ist: Sie gehen aus von einem großen Interview, das ein junger ungarischer Lektor mit Ihnen geführt hat, Zoltán Hafner. Er schickte Ihnen das Interview, und dann haben Sie den Text umgeschrieben. Sie haben Ihr Leben in einem Dialog entfaltet. Warum?

Kertész: Erstens: Ich wollte nie eine Autobiografie schreiben. Zweitens wollte ich keine Interviewform, das kam mir komisch vor. Als das Material da war, habe ich den ersten Satz gelesen und dann unmittelbar angefangen zu schreiben – und zwar in Dialogform, das hat mich inspiriert. Das fand ich am Anfang wunderbar und dann später noch wunderbarer. Diese Fragen, diese Dialoge sind wie ein Pingpongspiel. Ich selbst trat ein wenig zurück vom Pingpongtisch und habe mich nur darum gekümmert, dass alles da ist, Ball und Schläger, und beide spielen. Das war ein interessantes Gefühl. Ich hätte nie gedacht, das ich so ein Buch einmal schreiben werde. Bei den ersten 25 Seiten habe ich nicht einmal meinen Kopf vom Computer gehoben, nur Mittag habe ich noch gegessen, ich habe so gearbeitet wie noch nie in meinem Leben. Ganz frei und ganz auf meine Hände vertrauend.

DIE ZEIT: Weil Sie immer in zwei Personen gedacht haben – in der Form des Herausforderers und desjenigen, der antworten muss?

Kertész: Ja, aber es kam wie ein schon fertiges Material. Obwohl ich nie vorhatte, über mich so unmittelbar zu reden. Ich glaube, ich habe mit diesem Buch ein Buch geschrieben, das mit dem Alter zusammenhängt, es fasst etwas zusammen.

DIE ZEIT: Sie haben immer gesagt, Schreiben sei für Sie »gesteigertes Leben«.

Kertész: Genau, gesteigertes Leben. In diesem Buch rede ich darüber, dass ich viele Identitäten habe, besonders wenn ich etwas schreibe, zum Beispiel den Roman eines Schicksallosen. Nachdem ich diese Figur, dieses 14-jährige Kind, diesen Ton, diese Sprache gefunden hatte, habe ich diesen Knaben verloren, und ich weiß nicht, ob ich der Knabe bin, der das alles durchlebt hat, oder ob ich der Schriftsteller bin, der eine Form für diese Erlebnisse sucht.

DIE ZEIT: Sie sagen, Ihr Leben ist der Rohstoff für Ihre Romane, und dann entfernt es sich trotzdem. Es bleibt nicht bei Ihnen, sondern es rückt wieder in eine Distanz und wird etwas Eigenständiges.

Kertész: Das ist vielleicht mein Stil, mit dem ich nichts zu tun habe.

DIE ZEIT: Da sind Sie unschuldig?

Kertész: Ich bin ganz unschuldig.

DIE ZEIT: Sie sagen aber auch, das Schreiben sei einständiges Ringen um eine Wirklichkeit und um eine Fiktion. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Ihnen die Fiktion wichtiger ist als die Wirklichkeit.

Kertész: Ja, man weiß nicht, was Wirklichkeit ist; was Fiktion ist, das weiß man viel besser. Nachdem ich mich selbst erfunden hatte, als eine Fiktion – das war etwa 1955, als ich mich entschied, Schriftsteller zu sein –, konnte ich die Romane in den folgenden Jahrzehnten schreiben. Aber das war eine völlig voluntaristische Fiktion , dass ich mich als Schriftsteller sehen wollte. Das war damals ohne Sinn. Schriftsteller zu sein war im Sozialismus überhaupt nicht gut. Ich kann diesem Ablauf heute nur sehr schwer folgen. Deswegen habe ich in diesem Dialog versucht, ein Bild für mich selbst zu gewinnen, herauszufinden, was damals abgelaufen ist. Wie war mein Leben, dieses heute so entfremdete, aber auch im guten Sinne verfremdete, etwas fantastische Leben, wie ist es möglich, dass ich jetzt ein anerkannter Schriftsteller bin, der den Nobelpreis bekommen hat? Das ist unglaublich.

DIE ZEIT: Ihre Kindheit, sagen Sie, war ein einziges Elend, Sie fühlten sich als Außenseiter. Aber auch die Kádár-Zeit hat Sie abgestoßen, von Verharmlosungen wie »Gulaschkommunismus« oder »fröhlichster Baracke im Ostblock« haben Sie nichts gehalten. Sie waren fremd in dieser Gesellschaft.

Kertész: Ich war ganz fremd in dieser Gesellschaft, und ich suchte auch nicht die Gelegenheit, zur Opposition zu gelangen. Ich glaube nicht an den »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Ich habe meinen eigenen Weg gemacht als Schriftsteller.

DIE ZEIT: Sie haben ein sehr einsames Leben geführt. Was hält einen da in der Überzeugung aufrecht, zu sagen: »Ich schreibe, ich schreibe, egal, was um mich herum passiert«?

Kertész: Ich habe mich sehr früh aus der ungarischen Politik entfernt. Ich bin überhaupt kein politischer Typ, Kommunismus und Antikommunismus habe ich als ganz überflüssig empfunden. Ich wollte mich auch nicht einrichten, ich wollte keine Familie gründen, ich wollte keine Kinder haben. Ich wollte meine Unabhängigkeit bewahren, mich nicht einlassen und korrumpieren lassen. Ich täuschte mir ein Leben vor, das es nicht gab, es war eine Fiktion, und in dieser Fiktion habe ich meine Rolle gespielt. Heute kann ich sagen: Ganz gut, denn ich wurde ein Schriftsteller; allerdings bin ich kein Großschriftsteller geworden, wie es ihn in Deutschland gibt. Ich wollte so leben: nachdenken, spazieren gehen, schreiben, schwimmen – und das habe ich auch gemacht. Ich wollte nur Schriftsteller sein, Schriftsteller bleiben. Das ist mir gelungen.

DIE ZEIT: Sie mögen das Wort Identität nicht.

Kertész: Ich habe eine Identität, aus dieser Identität heraus schreibe ich, aber man verändert sich, verwandelt sich, löst sich auf. Mein Leben ist für mich immer fantastischer geworden. Wenn Sie sich vor Augen halten, wie ich geboren bin, wie ich vierzig Jahre lang gelebt habe und wie ich heute lebe. Das ist wirklich fantastisch.

DIE ZEIT: Sie sind kein Moralist, Sie nennen sich einen Spieler. Wie sieht heute Ihr Leben als Spieler aus?

Kertész: Ich nehme mich nicht so ernst, tue nicht so, als ob ich etwas Wichtiges auf dieser Welt machen könnte. Ich spiele mit meinen Erfahrungen, mit meinem Leben. Etwas zu schreiben ist ein Spiel. Ich schreibe nie in dem Bewusstsein, dass ich eine Berufung hätte oder die Menschen erlösen müsste. Ich schreibe nur für mich, Schreiben ist Privatsache. Man kann dieses ganze Material, das ich bin, einfach auf den Tisch legen, es rollen und zusammenkrachen lassen.

DIE ZEIT: Wenn man Ihr gesamtes Werk überblickt, dann schreiben Sie eigentlich an einem einzigen großen Roman mit verschiedenen Facetten, von verschiedenen Perspektiven aus gesehen. Jetzt, mit Ihrer neuesten Autobiografie, spalten Sie sich in zwei Personen und sagen, ich betrachte mich von außen und von innen, und beide Personen stehen im Widerstreit, und es geht immer um dieses verflixte Leben.

Kertész: Das ist interessant und mir nicht ganz bewusst. Ich bin nicht immer im Besitz meiner selbst, wenn ich in den Zustand des Schreibens komme. Wenn ich überlege, was ich gemacht habe, dann sehe ich, dass ich an einem großen ewigen Roman schreibe. Aber wenn ich unmittelbar schreibe, denke ich nicht daran.

DIE ZEIT: Haben Sie, nachdem Sie dieses Dossier K. – eine Ermittlung « beendet haben, ein befreites Gefühl? Ist das jetzt das, was Sie zu Ihrem Leben sagen möchten?

Kertész: Das ist mein erstes Buch, bei dem ich mich gefreut habe, dass es dieses Buch gibt. Nachdem ich es beendet hatte, hatte ich ein gutes Gefühl. Ich hätte es nicht geschrieben, wäre diese Form mir nicht in den Schoß gefallen. Ich fühle, dass ich eine klare, einfache Sprache gefunden habe. Es ist ein sehr viel freundlicheres Buch entstanden als die vorherigen. Ich bin jetzt 77 Jahre alt, und dieses Werk ist das, was ich sagen wollte. Ich habe Freude an diesem Werk, was ich selten habe.

Das Gespräch führte Lerke von Saalfeld

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