Wer von seinem Leben erzählt, erzählt immer eine Erfolgsgeschichte. Wer erzählt, lebt. Schon das ist ein Triumph. Wer erzählt, ist der geworden, der erzählen kann. Wer erzählt, ist nicht allein. Er gehört in eine Welt, die seine Welt geworden ist. Die beiden großen Autobiografien dieses Herbstes, die Jugenderinnerungen des 79-jährigen Günter Grass und die Jugenderinnerungen des mit 79 Jahren vor wenigen Wochen verstorbenen Joachim Fest, sind selbstverfertigte Heldengeschichten. Sie beantworten, taktvoll, mit unterkühlter, durchaus auch steifer Noblesse der eine, mit überhitzter, durchaus kalkulierter Fabulierlust der andere, die nicht unangenehme Frage: Wie ich wurde, der ich bin. Ein deutscher Nobelpreisträger der eine, einer der bedeutendsten deutschen Publizisten der Nachkriegszeit der andere. Das glühende Abendlicht, das von diesen Siegen ausgeht, legt sich über diese Memoiren. Daraus ist ihnen kein Vorwurf zu machen. Es geht nicht anders. Wenn Günter Grass von seinen ersten Zeichenerfolgen im Schützengraben, von seinen schon in der Kriegsgefangenschaft erworbenen Suppenkochkünsten erzählt, weiß er und wissen wir in jedem Augenblick, in welchen Erfolgszusammenhang diese Details gehören. Wenn Joachim Fest uns nicht in Unkenntnis darüber lässt, wie hoch er als Primaner springen konnte und welche Rilke-Strophen er seinen Wehrmachtsvorgesetzten auswendig rezitieren konnte, kommt man nicht umhin, diese Fertigkeiten als Vorboten einer Erfolgsgeschichte zu lesen. Alle Einzelheiten dieses Lebens werden zu Mosaiksteinen eines Meisterwerkes. Wer mit sechzehn in jeder freien Minute Schiller, Jacob Burckhardt und die alten Griechen las, wovon Joachim Fest unablässig Meldung macht, landet im publizistischen Olymp. Wer schon als halbes Kind mit dem zukünftigen deutschen Papst würfelte und disputierte, worauf mehrfach hinzuweisen Günter Grass nicht lassen kann, wird deutscher Nobelpreisträger. Das ist natürlich Unsinn und zur Nachahmung nicht empfohlen. Aber in der Eigenlogik der Autobiografie, die von ihrem glücklichen Ende nicht absehen kann, ist diese Illusion beinahe unvermeidlich. IMRE KERTÉSZ hat mit dem »Dossier K.« seinen Lebensroman vollendet BILD

Kertész erzählt untriumphal. Das ist kein Verdienst, sondern ein Schicksal

Ganz anders verhält sich das bei einem Autor, dessen Erfolgsgeschichte sich keiner Eigenlogik, keiner Schiller- und Homer-Lektüre, keiner Kunst- oder Kochschule, ja nicht einmal einer bestimmten, in bürgerlichen Zusammenhängen anerkannten Fertigkeit, sondern – wie Kertész im Interview auf der nächsten Seite selbst sagt – einzig einem absurden, unbegreiflichen Wunder verdankt.

Die Selbstbefragung, die der 77-jährige ungarische Nobelpreisträger unter dem Titel Dossier K. veröffentlicht, ist die dritte große Autoren-Autobiografie dieses Herbstes. Auch sie blickt auf ein vom Erfolg und Nobelpreis gekröntes beinahe achtzigjähriges Lebenswerk zurück. Und doch erzählt Kertész eine ganz andere Geschichte als seine deutschen Generationsgenossen. Und er erzählt sie in einer so ungläubigen, untriumphalen und unkostümierten Sprache, dass sich die deutschen Selbstdarstellungen dagegen ausnehmen wie herausgeputzte Jubiläumsschriften. Das ist kein Verdienst, das wäre noch nicht einmal eine literarische Überlegenheit (die zweifellos da ist) – das ist vor allem ein Schicksal.

Joachim Fest porträtiert sich in seinen Memoiren als letzter Fahrgast auf der im Ozean des 20. Jahrhunderts versinkenden Titanic der Bildungsbürgerlichkeit. Günter Grass, der nicht den Vorzug hatte, Zögling eines so hochmögenden Lebensmodells zu sein, präsentiert sich als Originalgenie, als erster Selfmademan der bundesdeutschen Wirtschaftswunder-Kultur. Joachim Fest ist ein Virtuose der alten, Günter Grass ein Virtuose der neuen Weltordnung. Imre Kertész musste die Bequemlichkeiten einer solchen Zugehörigkeit immer schon entbehren. Denn es gab kein Ordnungssystem in der europäischen Geschichte, in dem für ihn jenseits des Konzentrationslagers ein Platz reserviert wurde. Aus welcher Position soll er also sein Leben beschreiben? Eine schwierige Frage, mit der er es sich nicht leicht macht. Eine Position zumindest scheidet von Anfang an aus: diejenige, bei der »man behaglich und sicher am Endpunkt der Geschichte sitzt und wohlgefällig den strahlenden Siegeszug wiederkäut«. Man kann es auch etwas höflicher sagen: Die Position des Großschriftstellers scheidet ebenso aus wie die des Zeitzeugen, der es sich im »großen Stil« vergangener Epochen häuslich macht. Was bleibt einem Autor, dem die großen gesellschaftlichen und kulturellen Tröstungen seiner Zeit versagt waren?

Imre Kertész’ Autobiografie ist so großartig und zu tief berührend, weil sie die Antwort auf diese Frage verweigert. »Ich weiß, dass ich nichts weiß«, in dieser sokratischen Sackgasse enden die Bemühungen, einen autobiografischen Zusammenhang, gar eine Bildungsgeschichte, einen Bildungsroman über das eigene Leben zu konstruieren. Kertész glaubt nicht an diese großen Erzählungen über das Ich, an das heroische Genre »Wie-ich-wurde-was-ich-bin«. Er glaubt nicht einmal an die Autobiografie. Deswegen ist sein schmaler Lebensbericht in Frage-und-Antwort-Form geschrieben, basierend auf einem langen Gespräch mit dem ungarischen Lektor Zoltan Hafner. Imre Kertész ist Fragender und Antwortender, und keiner der beiden ist er ganz. »Wissen Sie, ich bin eigentlich Doctor Jekyll und Mister Hyde«, sagte mir Kertész, als ich ihn vor rund zehn Jahren in Budapest kennen lernte. Daran hat sich nichts geändert. Die Annehmlichkeiten eines soliden und anständig bekleideten Ichgefühls sind ihm unbekannt. In seiner Autobiografie erinnert Kertész an einen Satz aus seinem Roman Fiasko, der schon vor vielen Jahren den Gipfel seiner persönlichen Selbsterkenntnis zusammenfasste: »Ich hatte das einfache Geheimnis der mir zugedachten Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein.«

Es ist die Geschichte einer existenziellen Vereinsamung

Das Leben, von dem in diesem Bericht in großen Zügen erzählt wird, bot dem zukünftigen Auschwitzhäftling und Nobelpreisträger keinerlei Haltegriffe, wie sie herkömmlicherweise von Heranwachsenden benutzt werden, um die Lebensübung »Auf eigenen Beinen stehen« schwindelfrei zu absolvieren. Die Familiengeschichte endet schon beim Großvater, der eines Tages barfuß aus den unendlichen Weiten des Ostens in Budapest einläuft, in ein Kurzwarengeschäft einheiratet, im Handumdrehen einen eigenen Laden mit Spiegeln, Kronleuchtern und vielen Angestellten sein eigen nennt, um wenig später wieder verarmt in einer »kleinen Zimmer-und-Küche-Wohnung« abends seine Matze in den Milchkaffee zu bröckeln und danach noch ein bisschen aus dem Fenster zu sehen. Schon in dieser jüdischen Biografie war von der barfüßigen Ankunft über die hell brennenden Kronleuchter bis zum Milchkaffee in der Armeleutekate alles in nur wenigen Jahren denkbar. Ein Lebensgestrüpp, in dem die bürgerlichen Ideale von Strebsamkeit, verdientem Aufstieg, Kontinuität und familiärer Überlieferung gar nicht verfangen. Die Eltern des kleinen Imre trennen sich, zerrissen zwischen Vater und Mutter lernt er, dass man sich auf nichts und am wenigsten auf seine Herkunft verlassen kann.

Entgegen der neuerlichen Familiengläubigkeit unserer Gegenwart bildet sich auf diesem Hintergrund bei Kertész die Überzeugung, »dass die Ursache aller seelischen Krankheiten – und nahezu alle Krankheiten sind ja seelische Krankheiten – die Familie ist, das stickige Familienleben, das alles Leben erdrückende große, weiche, muffige Familienbett«. Deswegen ist seine Lebensgeschichte auch keine Familiengeschichte, sondern die Geschichte einer großen existenziellen Vereinsamung. Eines Lebens ohne Lebensmuster, ohne Familiensinn, ohne Vorbilder, ganz eingestimmt auf die drei Grundakkorde Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Absurdität.

Das klingt düster, klagemauerartig und schicksalhaft gescheitert, aber das stimmt nicht. Man muss nur die Blickrichtung ändern, dann sieht man die atemberaubende Kehrseite dieses Lebens. Auf der Kehrseite stehen die Illusionslosigkeit, die Radikalität, die Abwesenheit von großen und kleinen Lebenslügen, die Freiheit des eigenen Gedankens, das Glück einer einzigartigen, unvergleichlichen und unwiederholbaren Existenz und am Ende sogar noch eine glückliche Ehe mit seiner Frau Magda. Und – das steht vor allem in dem nachdrücklich zu empfehlenden Galeerentagebuch – eine trockene, unverwüstliche Verzweiflung, die den Selbstmord als eine unzulässige Lebenserleichterung ausschließt.

Der beklemmende berühmte Kertész-Satz, dass Auschwitz jederzeit wieder möglich ist, weil das, was Auschwitz ermöglicht hat, nicht verschwunden ist, findet sich auch in diesem neuen Selbstgespräch wieder: »Eine Katharsis war nicht möglich. Es hat sie ebendie Realität unmöglich gemacht, die Auschwitz möglich gemacht hat, unsere tägliche Wirklichkeit, das Leben, das wir leben, das heißt, wie wir es leben.« Von solchen Sätzen erholt man sich nicht. Und man fragt sich unwillkürlich, wie man denn selbst lebt, ob das eigene Leben auch von der Art sei, dass jede Reinigung, jede Reue unmöglich werde. Und man denkt an die selbstgewissen, von keiner übermäßigen Erschütterung gezeichneten Selbstauskünfte der deutschen Generationsgenossen und hängt dem Gedanken nach, ob es vielleicht weniger die Verdrängung als die sich in solchen Memoiren manifestierende Robustheit und Gefühlstaubheit war, die eine Umkehr so lange unmöglich gemacht hat.

Manche Passagen lesen sich, als wären sie, was sie nicht sind: an den großen deutschen Nobelpreiskollegen gerichtet. Doch man kommt nicht umhin, an Günter Grass und sein lebenslanges Schweigen zu denken, wenn es heißt, dass es das Schwerste im Leben sei, für sich selbst einzustehen, und dass es gerade der Moralist sei, der vor dieser Aufgabe fliehe. »Es ist leichter, sich welterlösenden Ideen hinzugeben«, als sich für sein eigenes Leben verantwortlich zu zeigen, schreibt Kertész. Jeder hat nur dieses eine Leben, warum ist es so wenig gebräuchlich, dieses unwiederholbare Leben nicht nach fremder, sondern nach eigener Regie zu leben? Was hindert uns daran, »unsere eigene Wahrheit zu wählen«? Das sind ins Herz zielende Fragen, die das Buch zwar stellt, mit denen es uns aber freundlicherweise dann wieder allein lässt.

Kertész, der übrigens einer der höflichsten und bescheidensten Autoren ist, die man sich denken kann, vertritt eine Ethik der persönlichen Verantwortung und existenziellen Radikalität. Seine Logik ist bestechend: Da wir ohnehin alles zu verlieren haben, wenn wir sterben, dürfen wir uns nicht schonen. Wir müssen voller Kühnheit leben. Wer den Einsatz scheut, die Sicherheit vorzieht, verpasst den gelebten Augenblick, investiert in eine Zukunft, die er gar nicht hat. »Vor den letzten Fragen auszuweichen ist nicht Optimismus, sondern Feigheit. Dafür habe ich zwar Verständnis, aber der Optimist muss ja genauso wie der Pessimist sterben. Ob wir den Tod blind hinnehmen oder ihm offen ins Gesicht sehen, läuft praktisch auf eins hinaus. Ich für meinen Teil sehe ihm lieber offen ins Gesicht, weil das für mich ein volleres Leben, letzten Endes größere Lebensfreude bedeutet.«

Es gibt nur wenige Autoren, die den Bankrott, der das vorige Jahrhundert für die Menschheitsgeschichte bedeutet, so radikal denken und beschreiben konnten wie Imre Kertész. Dass in dieser Schonungslosigkeit ein Glück liegt, ist in diesem Buch unmittelbar zu erfahren. Dabei geht es nie darum, Recht zu behalten, die bessere, überlegene Position einzunehmen: »Wer recht hat, hat normalerweise nicht recht.«

In einer melancholischen Schlussbemerkung kapituliert Kertész vor der »Gleichgültigkeit der Welt«, in der nichts von besonderer, geschweige denn herausragender Wichtigkeit ist. Alle Systeme der kollektiven Lebenssinn-Erzeugung sind kollabiert, die Kultur nicht ausgenommen, die vielleicht unser schmerzlichster Irrtum ist. Wenn dieses Buch nach dem Roman eines Schicksallosen und der Liquidation noch einen Kälteschock für den Leser bereithält, dann ist es Kertész Auffassung, dass die abendländische Kultur, ihre Ideengebäude, ihre Sprache und Begriffe, in denen sich die Gebildeten wie in einem verwunschenen Park ergehen, Teil des Verbrechens sind. Denn sie verbergen »vor dir, dass du schon längst ein wie geschmiert funktionierender Bestandteil der zu deiner eigenen Vernichtung geschaffenen Maschinerie bist«. Kunst und Kultur bieten für Kertész nicht, was das alte und neue Bildungsbürgertum uns heute wieder suggeriert, Zuflucht vor den Grausamkeiten der unzivilisierten Welt: Sie sind diese Grausamkeiten, und wer über die europäische Kultur spricht, kommt »rasch bei der Frage des Mordes an«.

Imre Kertész hat über sein Leben, das Urerlebnis Auschwitz und die zweite Kerkerhaft im realen Sozialismus in seinen Romanen und Tagebüchern schon ein definitives, alle literarischen Moden überdauerndes Zeugnis abgelegt. Die Autobiografie ist nun Teil dieses großartigen Lebensromans, der den kommenden Generationen unser unglückliches Jahrhundert erhellen wird. Verzweifelt müssen wir uns seinen Autor dabei wahrhaftig nicht vorstellen. Auf den letzten Seiten sehen wir ihn, in der milden Berliner Herbstsonne unter den Platanen im Café Kempinski sitzend, mit einem sehr schönen, herbstmilden Gedanken beschäftigt: »Meine größte Freude auf dieser Erde war schließlich doch das Schreiben.«

Zum Thema
Es ist ein Spiel - Ein Gespräch mit Imre Kertész über die Schönheit und Schwierigkeit, eine Autobiografie zu verfassen »

Autoren, Bücher, Rezensionen - Literatur auf ZEIT online »