Literatur So viele Bücher, so wenig Zeit!

Was werden wir noch lesen, was sollten wir lieber aussortieren? Melancholische Gedanken beim Durchforsten der eigenen Bibliothek.

Von Jan Philipp Reemtsma stammt der Gedanke, dass es so etwas wie das »schlechte Gewissen« von Leuten gibt, die viele Bücher haben, ohne sich wirklich als »kompetente Teilnehmer am Gespräch über Literatur« betrachten zu können. Ich gehöre zu ihnen. Unsere Bücherregale sind zu voll, weil wir, auf Unsterblichkeit setzend, mehr Bücher gekauft haben, als man im Leben lesen könnte. Andererseits hat Reemtsma den ermutigenden Gedanken hinzugefügt, dass gerade diese Menschen »ein wesentliches Kennzeichen für das Vorhandensein einer literarischen Kultur« seien. Dennoch – »kundig ist immer nur eine kleine Minderheit«.

Es gibt offenbar auch unter Lesern eine Business- und eine Economy-Klasse. Ich selbst zähle zu den Millionen Lesern, die zwar wissen, dass das Schwarze die Buchstaben sind, die aber bis ins Rentenalter hinein ein Buch – zum Beispiel James Joyce’ Dubliner – aufschlagen können, ohne darunter zu leiden, die Architektur des Textes literaturgeschichtlich nicht einordnen zu können.

Damit will ich kein Loblied der geistigen Torheit anstimmen. Die unkundigen Leser brauchen die kundigen Kritiker, die Autoren alle beide und die Verleger alle drei, von den Tischlern der Bücherregale ganz zu schweigen. Und von diesen wollte ich eigentlich reden, ganz unter dem furchtbaren Eindruck eines Umzugs, der drei Bibliotheken aus drei verschiedenen Städten und von zwei Kontinenten in eine viel zu kleine Wohnung zusammenführte. Anderen mag sie groß erschei-nen, mir ist sie zum Albtraum eines Preisausschreibens geworden, in dem eine Existenz auf dem Spiel steht, die auf bildungsbürgerlichen Hoffnungen gegründet war, bei der Lektüre von allem und jedem nicht ans Ende zu kommen.

Es gab glückliche Jahre in meinem Leben, da das Umblättern von Buchseiten identisch war mit den Atemzügen meiner Raucherlunge. Aber jetzt überlege ich mir, ob ich mir, wenn schon nicht das Lesen, so doch das Horten von Büchern abgewöhnen müsste. Notgedrungen, wie gesagt. Das Alte muss Platz machen, in diesem Falle zumeist dem noch Älteren in den Regalen. Aber wie soll das geschehen? »Häresie« heißt ursprünglich »Auswahl« – gibt es, aus der Perspektive des dogmatischen Bildungsgedankens, eine größere Häresie als jenen Vorgang, der betriebswirtschaftlich »Verschlankung« genannt wird oder auch »Freisetzung«, in Wirklichkeit aber eine brutale Entlassung aus dem Bücherschrank und damit aus dem zukünftigen Leben des Besitzers darstellt? In Abwandlung von Nestroys Klage, dass die Phönizier zwar das Geld erfunden hätten, aber leider nicht genug davon, werfe ich Gutenberg vor, die Regalmeter vergessen zu haben.

Das Ganze ist das Wahre nicht, hatten wir bei Adorno gelesen – was aber, wenn die gesammelten Werke des Autors zur Debatte stehen? Alles behalten oder teilweise verkaufen? Die Namen der Verbannten zu nennen, die aus plötzlich beengten Regal-Verhältnissen in den Gulag des deutschen Antiquariats verschickt werden, gehört sich eigentlich nicht. Was mich aber nicht hindern soll, ein paar Ratschläge zu geben, die ich vorsichtigerweise als Fragen verkleide: Hatte Fritz J. Raddatz mit seiner Befürchtung nicht Recht, eine kritische Gesamtausgabe des Werkes von Kurt Tucholsky könnte sich als Grabplatte über seinen Schriften bewähren? Bin ich ein Friedhofswärter? Ich fürchte, ja. Werde ich die 36000 Seiten der Fackel und anderer Bücher von Karl Kraus noch einmal lesen? Wer mir zwei zusätzliche Lebensjahre zur Verfügung stellen könnte, dem verspreche ich es. Bulgakows Theaterstücke, Briefe, Romane – verblassen sie nicht in ihrer meterlangen Opulenz gegenüber dem einen, dem ganz, ganz großen Werk aus seiner Feder, Der Meister und Margarita? Aber woher will ich das wissen?

»So many books, so little time« lautete das Geschäftsmotto eines verwunschen-schönen Antiquariats in New York. Und was ist mit der schönsten deutschen Klassiker-Ausgabe in ihren weinrotenMaroquin-Einbänden, die den Besitzer an die Segnungen des Kollegenrabatts erinnert? Werde ich sie jemals in ihrer ganzen Gedankenfülle und Schönheit lesen können – in diesem Leben? Ist denn ihr raumgreifender Besitz schon Trost genug? Zum Schauen bestellt, zum Lesen zu dick? Oder erfüllen sie die gleiche Funktion, die der Dom für die Kölner wahrnimmt? Er ist einfach da, und darum müssen sie nicht auch noch hochsteigen. Nein, ich werde sie behalten. Weichen müssen dafür die 21 Romane eines großen amerikanischen Autors, der auch mit seinem 22. Buch keinen Nobelpreis erhalten wird. Warum?

Ach, das Ausräumen von Büchern folgt doch bisweilen ganz unästhetischen, eitlen Gesetzen: Ich hatte mich über ihn geärgert, als er versäumte, zur Beerdigung seines deutschen Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt zu kommen. Das schrieb ich ihm, und er antwortete, dass dessen andere Dichterfreunde ja auch schon alle tot seien – ein non sequitur, das ein würdiges Gesamtwerk zumindest in diesem Moment der Regalkämpfe mit der Verschickung ins Antiquariat büßen muss. Jeder Umzug endet in Ungerechtigkeiten, wenn nicht in Scheidungen (und vice versa ). Also doch noch ein Name: John Updike, wir sind geschiedene Leute.Sollte der bewundernswert belesene Jan Philipp Reemtsma das »schlechte Gewissen« des dilettierenden Bibliomanen angesichts einer viel zu umfangreichen Privatbibliothek nicht kennen, so besitzt er eben mehr Regale, musste nicht ausräumen, keine maximale Urteilskraft bemühen, sondern konnte sich verlassen auf Robert Musils Möglichkeitssinn: Alles könnte doch noch bei Gelegenheit gelesen werden; aber ist die Hälfte von allem erst einmal, in Kisten verpackt, aus dem Haus getragen worden, schrumpfen die Möglichkeiten – zumindest des spontanen Zugriffs. Interessant ist freilich der kurze, schmerzliche Moment der Verpackung, in dem die angestaubten Freunde der Vergangenheit entscheidungsheischend in den Händen des richtenden Besitzers liegen, der, statt sich zu entscheiden, lieber blättert.

Da wäre zum Beispiel Musils Mann ohne Eigenschaften, in der raren Ausgabe des S. Fischer Verlags, damals in Wien im Jahre 1938, und der Blick fällt auf Seite 733, auf das 100. Kapitel, General Stumm dringt in die Staatsbibliothek ein und sammelt Erfahrungen über Bibliothekare, Bibliotheksdiener und geistige Ordnung. General Stumm gehört zu jener Beflissenheits-Gruppe der Leser aus der literaturkritischen Economy-Klasse. Auch er will alles lesen, aber dann fängt er an zu rechnen angesichts der dreieinhalb Millionen Bände der weltberühmten Bibliothek und macht, wie er einem Freund gesteht, eine bestürzende Entdeckung: »Ich habe es im Ministerium noch einmal mit Bleistift und Papier nachgerechnet: Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen. In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle steckengeblieben, und die Welt ist mir wie ein einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: Da stimmt etwas ganz grundlegend nicht!«

Als der wissbegierige General schließlich den Bibliothekar fragte, wie er sich in diesem Tollhaus der Bücher zurechtfinde, antwortete der: »Herr General, Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: Weil ich keines lese!«

Das ist das gelöste Rätsel des seltsamen Begriffs »Kompetenzkompetenz.« Ihm haftet die Herzlosigkeit jener Unternehmensberater an, die in regelmäßigen Abständen die deutschen Großverlage ansteuern, um Ordnung in die Deckungsbeiträge zu bringen. Keine Frage, dass die jungen Herren in der Lage wären, meine Regale neu zu sortieren, zum Beispiel nach der Größe der Bücher, wobei jedes dritte dann heraustreten müsste, um hinauszuwandern in die Welt von Amazon.com. Von dort aus könnten die spottbilligen Platzmangelexemplare das Gewerbe des Verlagsbuchhandels unterminieren. Doch was wüssten die kühlen Betriebswirte von den Zweifeln und Ängsten dieses Altbesitzers, dem die letzten Wochen vorkamen wie ein anhaltender Prozess schmerzhafter Lobotomie? Kennen sie überhaupt den Anfall der Raserei, der – nach stundenlangem Aussortieren – den Büchernarren in Bann schlägt? Jene Raserei, die schließlich in einem Wutanfall mündet, an dessen Ende der Rausschmiss von allem stehen könnte – eine Art gedachter Bibliotheksbrand mit Totalschaden? Er sieht seine Schätze an, die unzählbaren raschelnden Seiten, auf die zu verzichten aus reiner Not nun das Gebot der Stunde ist. Ach, wäre es so einfach wie in Canettis Blendung . Der traurige Romanheld, wie hieß er denn noch einmal, war in der Lage, an jedem Abend seine vielen Bücher im Kopf zu verstauen. Wie praktisch. Canetti bleibt.

Doch dann beruhigt sich das Gemüt, und beim Sichten der Bücher, beim häretischen Geschäft, kommt es zu anamnestischen Momenten. Da sind die Werke jener großen Gelehrten, die das eigene Leben mehr geprägt haben, als man während der studentischen Lektüre ahnen konnte – Bruno Snell, Eric Voegelin, Leszek Kolakowski, Karl Jaspers, Hannah Arendt, Ulrich Sonnemann, schon wieder acht Regalmeter, und natürlich die bedeutende editorische Leistung von Karl Markus Michel, Hegels gesammelte Werke. Nein, die bleiben alle stehen, gelesen oder ungelesen, geliebt und vorwurfsfrei, und mittendrin ein kleines Taschenbuch mit dem Titel Mathematik für Dummköpfe. Wie kam es dahin? Wer Bücher kauft, rechnet nicht.

Wenn denn Bewusstsein nichts anderes sein sollte als unsere Fähigkeit, sich prägender Erfahrungen zu erinnern, dann benötigen wir einen zusätzlichen Begriff von Bewusstsein – von jener Sehnsucht, genauer gesagt, diese Erfahrungen zu ergänzen um all die Bücher, die man nicht gelesen hat und die womöglich der eigenen Person eine ganz andere Lebensbahn beschert hätten. Also, Karl Marx’ Gesamtwerk werde ich nicht mehr benötigen, seine Folgen begegnen mir immer noch auf Schritt und Tritt in Berlin. Aber was tun mit seinem unsterblich bösen Briefwechsel? Alle die schönen Beleidigungen, »Hyndman, dieser seufzende Bourgeois…«. Aufheben. Und die braunen Lenin-Bände? Das waren doch Einwanderer, die sich ihr Asyl ganz ungelesen erstanden haben. Hinweg mit ihnen, sie machen Platz für Dieter E. Zimmers Wunderwerk, die von ihm herausgegebenen Bücher Vladimir Nabokovs. Hatte der in seiner Hotelsuite in Montreux eigentlich genug Platz für alle seine Schriften? Überhaupt – lesen große Dichter ihre Romane im Alter noch einmal, oder ist ihnen das peinlich? (»Habe eben die Blechtrommel wieder gelesen. Nobelpreiswürdig!« Das klingt doch unwahrscheinlich.)

Eingestehen müssen wir bei biografischen Einschnitten wie diesen, dass die besten Bücher unser Leben nicht ordnen, sondern verwirren, dass die scheinbare Ordnung der Regale allenfalls den deutschen Nutzwald widerspiegelt, in dem die Fichten aufgereiht stehen wie Armeen, die nicht von der Stelle kommen, bis sie gefällt werden, sich verwandeln in Papier, in Zeitungen und Bücher, von denen es heißt, dass sie ein Segen seien und bisweilen auch ein Geschäft.

»Wer soll das alles lesen?«, fragte Helmut Kohl bei seinen regelmäßigen Besuchen der Frankfurter Buchmesse, und als er eines Tages diese Frage am Stand des Rowohlt-Verlags wiederholte, sagte ich ihm: »Herr Bundeskanzler, wenn Sie eine Bäckerei betreten und sehen Hunderte Brötchen, fragen Sie doch auch nicht, ›Wer soll das alles essen?‹« »Das«, antwortete er recht freundlich, »das ist für mich kein Problem.« Da hätte ich ihn fast umarmt, aber das ging nicht mehr.

Nachdruck einer Rede anlässlich der Verleihung des »Preises der Kritik« an den Autor auf der Frankfurter Buchmesse

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Leser-Kommentare
  1. Interessant wäre auch ein 2. Teil des Artikels zu lesen, der über die Erfahrungen handelt, die der Bücherhorter beim
    Verkauf seiner Bücherstapel machen wird. Denn die guten alten Zeiten sind auch hier passé...

  2. Abschied nehmen fällt schwer. Aber Sie sollten auch an die nachfolgenden Generationen denken. Meine Leidenschaft für Bücher kann ich (trotz eines Abschlusses als Dipl.-Inf., aber mit Frau & Kind) zur Zeit nur über eMule und lange Stunden am Computer befriedigen. Daher möchte ich behaupten: Es gibt nicht nur Menschen mit wenig Zeit und vielen Büchern, sondern auch Interessierte mit wenig Geld und viel Zeit. Möchten Sie da nicht ein wenig helfen?

    Alles phänomenologisches, existentialistisches, frankfurterisches, lebensphilosophisches oder merkwürdig literarisches (man denke an Kundera oder Camus) mögen Sie bitte senden an:

    Leonhard Holz
    Prokofjewstr. 9a
    17491 Greifswald

    Ich danke für Ihr Verständnis

    • Magrat
    • 01.11.2006 um 23:12 Uhr

    Man muss nicht alles kaufen was man liest.

    Täte ich dies, müsste ich anbauen Zum Gück gibt es:

    1. öffentliche Bibliotheken

    2. Seit kurzem bookcrossing

    [ Wir können leider nicht alle Verweise auf andere Internetseiten prüfen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Links gelöscht werden. gez. Die Redaktion ]

  3. Orte wo man ueberschuessige Buecher los werden kann,man muss sich nur kuemmern.Mir faellt es nur schwer mich von meinen Buechern zu trennen und da ich keine Paperbacks kaufen stapeln sich die Baende....

  4. Zum Glück gibt es ja Bücherregale, stehen z.B. in Kirchgemeinden, alternativen Kneipen, Kinos ect., wo man nicht mehr gewollte Bücher hinstellen kann.

    Ich persönlich bringe es nicht übers Herz, auch nur irgend ein Buch in den Müll zu werfen. Da stelle ich es doch lieber in so ein Regal. Manchmal findet sich dort auch noch ein interessantes Buch..

    Also bitte Bücher nicht einfach wegwerfen, sondern weggeben oder verschenken.

    • jaso
    • 29.10.2006 um 11:50 Uhr

    Ein hübscher Artikel, den ich an diesem Sonntagmorgen las. Vielen Dank.

    Allerdings sind mir die Bibliophilen suspekt, erinnern sie mich an unmusikalische Musikliebhaber, die, haben sie ein Klavier oder sogar Digital Piano gesehen, fachmännisch hinterfragen, ob der Klang noch gut genug sei im Gegensatz zu einem echten Instrument. Das heißt, dass die Liebe zum Gegenstand ganz eigenwillig sei. Als ob es in diesem Zusammenhang eine Rolle spielte. Der Klavierlehrer, der den fachmännischen Musiklieber in solchen Momenten affektiert anblickt, fragt: Wollen Sie spielen oder eine pädagogische Selbsthilfegruppe gründen? Javier Marias bezeichnet sich selbst als bibliophil, also Liebe zu Papier, Lettern, usw.

    Aber es freut mich, dass ich nicht der einzige Verrückt bin. Im Gegensatz dazu sehe ich nur keinen Grund überschüssige Literatur anzuhäufen. Tatsächlich entsorge ich seit meiner Kindheit Lektüre, die ich dann aber gelegentlich misse, das stimmt. Zum Beispiel Tonke Dragt Der Brief für den König. Ob ich in aller Lektüre nachschlage ist ebenso zu bezweifeln, aber ich habe sie gerne um mich, wenn man so will; es beruhigt mich, es ist mir alles bekannt, eine Konstante, wenn man so will, egal wohin ich ziehe; ein sicher irrationaler Schluss. Es ist ein wenig wie in Truffauts Fahrenheit 451, wenn nicht so exaltiert wie die im lodernden Feuer Sterbende. Wenn ich zurückblicke, ich sitze an den Regalen, wüsste ich auf Anhieb sogar nicht was ich entsorgen, wem ich diese weiterreichen soll, und überhaupt verbinde ich mit jedem Buch, sogar den nichtgelesenen, etwas Bedeutendes. Wenn ich stürbe oder im Sterben läge, würde ich eher dafür sorgen, dass die Bücher wegkommen, bis dahin horte ich sie bis zu diesem Tag, auf dass der Boden durchbricht.

    Kürzlich, das heißt vor ein paar Wochen, fand ich einen Artikel, in dem ein fünfzig oder sechzig jähriger Alter beschrieben wurde, der seine sechstausend Bücher umfassende Bibliothek aus finanziellen Gründen aufgeben muss. Ich denke, es war in der der Zeit. Das sind natürlich nur Zahlen, aber wenn man sich vergegenwärtigt, dass so ein Mensch konzentriert vierzig Jahre lang folglich 480 Monate gelesen hat, bedeutete das, dass er monatlich zehn bis fünfzehn Bücher las. Eine über diesen Zeitraum unglaubliche Menge. Davon bin ich noch weit entfernt. Vermutlich zieht man angesichts der Menge nicht mehr um und baut die Zimmer zu Bibliotheken aus.

    • Anonym
    • 04.11.2006 um 3:48 Uhr
    7. HALT!

    Wenn mit dem am. Autor, der auch für den 22. Roman keinen Nobelpreis bekommen wird, Updike gemeint ist, dann können Sie die Bücher mir schicken - ich gäb was drum!

    Wissen Sie, was uns passiert ist? In unserer ersten Wohnung nach dem Studium, ein Altbau, hatten wir einen langen Gang, der nichts war als eben ein langer Gang.

    Da haben wir alle Bücher hinstellen können, die vom Studium und die Ergebnisse des zweijährigen Rausches, als wir uns von den ersten Gehältern jeden Lesestoff leisten konnten, dessen wir gelüsteten - und das war viel.

    Dann zogen wir zweimal um und hatten nicht mehr soviel Platz. Die Bücher verschwanden in 12 Umzugskisten, die lagerten fortan in Kisten.

    Dann kamen Kind zwei und drei, und selbst die Kisten mussten weichen. Das geht seit alten Zeiten so: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Also sieben gute und fünf schlechte (oder war es umgekehrt?).

    Als der Antiquar kam, um die schlechten abzuholen, war ich auf Dienstreise und meine Frau konnte wegen der Zwillingsschwangerschaft nicht mit ihm in den Keller. Aber die Kisten waren ja gekennzeichnet.

    Wochen später stellte sich heraus, dass er natürlich versehentlich die guten mitnahm, die schlechten aber da liess. Als wir das merkten, war es zu spät.

    Herrn Naumann aber rufen wir zu, dass es Bibliotheken gibt, teils sogar sehr, sehr gute.

    Mit drei Kindern und ständig von Arbeitsplatzabbau bedrohtem Angestelltendasein (ja, ja, man könnte, sollte, müßte ja Existenzgründer werden) sind Rückkauf der verlorenen und Zukauf aller weiteren Bücher ausgeschlossen.

    Aber unsere Bücherei, die verlassen wir Samstags teils mit 25 Büchern (5 für jeden), das reicht dann mal für paar Tage. Wo da all die Bücher herkommen? Wer weiss.

    Viele Grüße von Ihrem Marty Tothero (Sie wissen schon, Harry Angtroms alter Basketballtrainer - s.o.)

    • Colon
    • 28.10.2006 um 2:12 Uhr

    ...der fahre bei Nacht und Nebel nach Mainz am Rhein, in die Nähe der berühmten grünen Brücke und deponiere einige, mit reichlich seelischen Bauchschmerzen aussortierte Bände, in der dort vierundzwanzig Stunden offenen Bibliothek. -
    Man kann auch wieder was mitnehmen. - Die Bücher stehen in einem zur Leihvitrine umgebauten Trafokasten, der Rhein fließt ungerührt daran vorbei. Frei für jeden Mann, jede Frau, selbstverständlich ohne Gebühr und ohne Gewähr!

    Allerdings habe ich auch das Gefühl, dass in unserer Leistungsgesellschaft das Prinzip dieses Kastens noch nicht recht verstanden wurde. Daher bringe ich mildes Verständnis für jene hohe Form mutig-übermütigen Selbstmitleids auf, die wieder einmal dem, was unter dem Strich in der ZEIT-online zu lesen ist, anvertraut wurde. Herr Naumann, ein alternder Mensch mit vielen problematischen Büchern. Chapeau und milder claque.

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