Schröder »Die beste PR-Kampagne seit Harry Potter«
Ambitionierte Verleger, getreue Helfer, rivalisierende Medien – wie die Schröder-Memoiren als Ereignis des Jahres inszeniert wurden
Er war kurz weg, ein Jahr lang, vor allem trieb er sich im Ausland herum, wo man ehemalige Kanzler mehr zu schätzen weiß als im eigenen Land. Er ließ Merkel machen, traf lieber Putin, Rothschild und so manchen Scheich, fädelte Geschäfte ein oder schrieb, jedenfalls verschmähte er die deutschen Mikrofone.
Aber jetzt ist er wiedergekommen. Vergangenen Montag war Schröder-D-Day, seither läuft die Operation, perfekt geplant und mit großer Feuerkraft. Seither blickt der Altkanzler seinem Volk wieder direkt ins Gesicht, vom Spiegel- Titelblatt, von Litfaßsäulen und Bushaltestellen, mit noch mehr Nasenfalte und »Na?«-Lächeln. Die einen dürfen nun endlich ihrer drängenden Gerd-Nostalgie Ausdruck geben, während die anderen aufs Kissen sinken und mit Shakespeare stammeln: »Ich glaub’, es ist die Schwäche meiner Augen, Die diese schreckliche Erscheinung schafft.«
Dass er als Politiker im Grunde nicht mehr drauf hat als den großen Auftritt, war ein Vorurteil, das ihn hartnäckig begleitete. Geschürt hatten es vor allem jene Medien, die jetzt mit Aufwand und Sorge die Bühne seiner Wiederkehr aufschlagen: » Bild, BamS und Glotze«, die einzigen, die seiner Ansicht nach zählen, und natürlich der Spiegel, der außer Kohl alle Kanzler zum Liebesspiel einzuladen schien, was am Ende aber keinen von ihnen glücklich machte. So rasch wie Schröder brachte vor ihm kein Bundeskanzler seine Erinnerungen zu Papier, das erste Jahr der Großen Koalition ist ja auch so etwas wie das letzte der rot-grünen, folglich ist das Déjà vu, das dieses Buch auslöst, kein literarisches oder geschichtsschreiberisches, sondern ein politisches.
So auch die Absicht. Die gerechte, womöglich selbstkritische Bewertung von Rot-Grün steht aus, wäre die Sache eines Buches mit größerem zeitlichem Abstand. Wahrscheinlich wird es den Vorwärtsdränger mit dem fotografischen Gedächtnis dann aber nicht mehr interessieren. Wenn der Medienkanzler jetzt per Medienkampagne wiederkommt, erinnern damit nicht nur die Medien an ihre alte Macht. Es kehrt auch einer symbolisch und für eine Woche oder etwas länger ins Kanzleramt zurück, ohne dass er vorher am Tor rütteln musste. Der dritte Einzug ist triumphal, aber irreal. Sogar ein bisschen Gelegenheitsglück ist dabei, das ihn als Politiker oft begleitete: die Führungsschwäche der Amtsinhaberin, der unfrohe Zustand seiner Partei, der desolate der CDU, der fast schon verzweifelte Feldzug der Gewerkschaften gegen Sozialstaatsreformen, all das sind Umstände, die keine PR-Kampagne vorbereiten kann. Schon durch die Armseligkeit der Gegenwart beginnt Schröders Vergangenheit ein wenig zu leuchten: Seht her, es war nicht alles schlecht.
Gleichwohl folgt politisch eigentlich nichts daraus. Außer natürlich ein gewaltiger Gewinn an Prestige – jener ominösen Währung, die während Schröders Kanzlerschaft zu einem machtpolitischen Zahlungsmittel geworden war und eine nachhaltige Übereinstimmung der Interessen mit den Medien begründete. Sie besteht heute auch dort noch, wo Wunden offen blieben, weil gerade Bild, BamS und Glotze, zumindest das ZDF im letzten Wahlkampf auf Merkel gesetzt hatten. Wen der Machtkanzler früher als Ort seiner medialen Selbstdarstellung auserkor, der »hatte« auch Macht. Dieses Spiel wird nun noch einmal gespielt, von beiden Seiten, professionell und kühl, ohne Liebe, aber mit verliebtem Blick auf die Auflagenzahlen. Es geht.
Die Buchbranche, verschwatzt wie sie ist, amüsierte sich seit dem Frühsommer über die riskante Geburt des Werks. Der Vertraute Manfred Bissinger hatte es zu Hoffmann und Campe geholt, obgleich Schröder doch beim Schweizer Verlagskonzern Ringier als Berater unter Vertrag steht. Das Honorar war nicht ganz schlecht, etwas über eine Million Euro dürften es gewesen sein. Die Wissbegierigen stellten sich einen räsonnierenden Staatsmann auf Borkum vor, an seiner Seite Uwe-Karsten Heye, sein erster Sprecher, nun Sparringspartner und Redakteur. 55 Tonbandrollen entstanden so, viele Stunden geduldiger Erinnerungsarbeit. Die Havannas lösten sich in Rauch auf, und die Zeit verrann. Anfangs erzählte Günter Berg, Verlagsleiter von Hoffmann und Campe, noch gern von dieser Politik der ruhigen Hand auf der Tastatur. Später nicht mehr, kein Wort. Es muss am Ende viel Schweiß geflossen sein, und Schröders Büroleiterin Sigrid Krampitz leistete Großes beim Überprüfen von Daten und Namen. Den 23. Oktober als D-Day zu retten war schon der erste Prestigepunkt.
Ein Vertrag mit Hoffmann und Campe regelte sodann mit Bild und Spiegel , dass bis Montag null Uhr kein Schröder-O-Ton erscheinen sollte. Weil der Spiegel Honorar für zwei Folgen Vorabdruck bezahlt hatte, durfte das Nachrichtenmagazin mit einem Exklusivinterview zusätzlichen Prestigewert anhäufen. Die Bild- Zeitung hatte ihre fünf Folgen umsonst bekommen, drehte zum Ausgleich dafür aber einen Werbespot mit Gerhard Schröder in der Hauptrolle. Der Spot tauchte dann sogar als erste Meldung der Tagesschau auf. Wenn’s ums Geld geht, sagen Bilder mehr als Worte.
Aber weil bei dergleichen Schlachtplanungen immer einer zu früh schießt, entstand doch einen Augenblick lang wechselseitiger Unmut. Denn Bild- Chefredakteur Kai Diekmann hatte sich zuvor mit seinem Kollegen Rolf Kleine zum Strategiegespräch mit dem Altkanzler getroffen. Und weil sich alle so gut verstanden, wurde gleich ein Interview daraus, warum auch nicht, Schröder kann reden, mit wem er will. Er kann sich auch vorführen lassen, von wem er will. Das Gespräch erschien schon am vergangenen Sonntag in der BamS . Worüber der Spiegel nicht erfreut war. Er hatte in einem Brief an seine Abonnenten angekündigt, erst am Montag auszuliefern.
Nun sind Verträge in der Prestigebranche oft nichts weiter als Absichtserklärungen, doch gibt es Gepflogenheiten. So hatte Diekmann am vergangenen Freitag seinen Spiegel -Kollegen Stefan Aust darüber informiert, dass ein Interview in der Springer-Pipeline sei. BamS verzichtete dafür auf Vorabmeldungen und überließ dem Konkurrenten den Auftritt bei den Nachrichtenagenturen. Der Spiegel lieferte am Samstag seine ersten Exemplare aus, wie gewohnt. Aber BamS hatte bei der großen Leserschaft das Rennen gemacht.
Dass bei Springer daraufhin nicht die Korken knallten, lag an einer Entscheidung des Spiegels , die schon vorher gefallen war: Aust konzentrierte sein Schröder-Material an diesem Montag. Er druckte alle »Stellen« in einem Rutsch, die sich politisch saftig zu lesen versprachen, über Lafontaine, Bush, Putin oder Stoiber. Bild -Diekmann muss sich diese Woche mit dem Menschelnden in den Entscheidungen begnügen. Den finalen Prestigepunkt aber hatte irgendwie keiner gemacht.
Und Gerhard Schröder? In Spielchen zwischen dem Erzfeind Diekmann und dem Exfreund Aust kann er nicht mehr mit »Basta!« eingreifen. Da ist er nun ganz zum medialen Objekt geworden, mag er sich darin bestätigen, das Ganze helfe den Verkäufen. »Die Macht« ist woanders. Dramaturgie und Dauer seines Auftritts – und damit zu einem Teil auch dessen politische Bedeutung – bestimmen die Freundfeinde von früher, denen er gewachsen war, solange er das Amt innehatte. Claus Strunz, Chefredakteur von Bild am Sonntag , fasst die neue Lage zusammen: »Wenn man sich das Verhältnis zwischen Gerhard Schröder und Kai Diekmann anschaut, muss man jetzt feststellen: The winner is Kai Diekmann.«
Und das ist wohl auch eine Wahrheit über diese Rückkehr: Ökonomisch mag Schröder den Tiger reiten. Wenn der Verlag mehr als die Erstauflage verkauft, 160000 Exemplare, wenn die Lizenzgeschäfte mit dem Ausland einträglich sind, verdienen alle dabei. Aber mitten im Trubel vollzieht sich darüber auch die Turbo-Historisierung des Altkanzlers. Was stattfindet, ist die Wiederkehr seiner sieben Jahre als Werbefeldzug, als Verkaufe – und deswegen auch, wie Marx sagte: als Farce.
Was Schröders Getreue anders sehen. Spricht man mit Bela Anda, seinem zweiten Sprecher, stößt man auf ungebrochenes Selbstvertrauen. Anda, der Schröders Werbe-Kampa organisiert und sich in dieser Woche dafür sogar von seinem jetzigen Arbeitgeber, dem Finanzdienstleister AWD in Hannover, freistellen ließ, legt Wert auf Schröders Rolle als politischem Augur: »Natürlich juckt es ihn, aktuelle Dinge zu kommentieren.«
Andas Agenda bis ins kommende Frühjahr liest sich beeindruckend: Die Buchvorstellung an diesem Donnerstag im Willy-Brandt-Haus moderiert Jean Claude Juncker; die Nachrichtensender ntv, Phönix und n24 übertragen live. Am 30.10. ist Schröder bei Beckmann, am 5.11. bei Christiansen; Veranstaltungen mit Medienpartnern in allen großen Städten folgen, danach eine Lesereise – viel Schröder für die Republik, und der Anfang war vielversprechend. Anda sagt: »Das ist die beste PR-Kampagne seit Harry Potter.«
Auch die
ZEIT
wird mit dem Zauberknaben eine Veranstaltung abhalten. Jedoch – so viel Stilgefühl muss sein: im Theater.
Zum Thema
Gerhard Schröder erinnert sich
-
meist zutreffend, doch bisweilen schon sehr einseitig »
Gerhard Schröder vermisst heute politische Führung.
Aber nur, weil sie ihm selber entglitten war, ist er nicht mehr Kanzler. »
Künstler inszenieren den Alt-Kanzler.
Eine Bildergalerie »
Lesen Sie außerdem in der aktuellen Ausgabe 44 der ZEIT:
* Die Schröder-Memoiren - Berliner Reaktionen. Von Bernd Ulrich
* Über den Wahrheitsgehalt von Politikermemoiren. Von Wilhelm von Sternburg
- Datum 25.10.2006 - 09:08 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 26.10.2006 Nr. 44
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Ehrlich gesagt: Mir kam schon die Inszenierung zwischen 1998 und 2005 als Farce vor.
Selbstinszenierung der Vergangenheit, Millionenhonorare, auf jeder Taufe das Baby sein, die Braut auf jeder Hochzeit und die Leiche auf jeder Trauerfeier -- immer im Mittelpunkt stehen, egal ob Fussball in Berlin oder AIDS in Toronto: Man muss es Bill Clinton lassen, er ist immer noch der Kasse-Altmeister, doch unser Gerd ist ein gelehriger Student und hat auch schon ganz nett einkassiert von Ringier bis Ostseepipeline. Man darf gespannt sein, was uns da noch alles ins Haus steht. Bravo Gerd, Hut ab!
Bei aller Kritik am Altbundeskanzler Gerhard Schroeder, sollten sich die Versuche ihn lächerlich zu machen dennoch in Grenzen halten, so meine ich. Welcher ehemalige Bundeskanzler hat keine Memoiren geschrieben? Und warum sollte es Schroeder nicht auch tun? Niemand ist schliesslich gezwungen das Buch zu lesen. Respekt hat Schroeder letztlich verdient, also seien Sie gnädig.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren