DIE ZEIT: Herr Rihm, wer Sie erreichen will, muss Ihnen einen Brief schreiben. Warum? Wolfgang Rihm komponiert, wie andere Speisen würzen BILD

Wolfgang Rihm: Für mich ist die Zeit wichtig, die mir gehört und nicht mit Terminen besetzt ist. Ich habe ein Mobiltelefon. Man kann auf die Mailbox sprechen, dann melde ich mich. Wenn man jedoch vergleicht, was unter dem Stichwort Globalisierung üblich ist, bin ich provinziell. Ich bin kein Weltreisender. Der tibetanische Weise sagt, man muss auf der Stelle sitzen bleiben, um zu sehen, wie der Schatten um einen herumwandert.

ZEIT: Womit umgeben Sie sich, wenn Sie vor dem Notenblatt sitzen? György Ligeti hat mal erzählt, dass ihn der Duft eines frisch gespitzten Faber-Castell-Stifts beim Komponieren animiere.

Rihm: Es gibt da nichts Bestimmtes. Mein größtes Stimulans ist die geistige Bewegung selber. Ich glaube, dass die Sache selber das größte Stimulans ist. Der Akt des Hervorbringens! Und Zeit. Das ist das Wichtigste: sich Zeit nehmen! Deswegen ist eine meiner Hauptaktivitäten das ständige Sichbefreien von äußerer Pflicht.

ZEIT: Verzweifeln Sie zuweilen über Ihrer Arbeit?

Rihm: Verzweiflung ist etwas Großes. Man ist ja nicht verzweifelt, weil der Schuhbändel nicht zugeht, sondern weil einen etwas am produktivem Umgang mit dem Zweifel hindert. Man ver-zweifelt. Wir sprechen, glaube ich, eher über Verärgerung und Hilflosigkeit angesichts von ständigen Forderungen, die nicht beantwortbar sind. Es gibt so Tage, an denen schon morgens etwas schief geht. Es kommt der falsche Anruf, jemand fragt: Wie lange dauert es denn noch? Wir brauchen das Stück? Schon kann ich nimmer.

ZEIT: Und wie übersetzen Sie Wahrgenommenes in einen musikalischen Ausdruck?