Warum ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal im Lotussitz auf einer Yogamatte saß, Ommmmm summte, meine Hände faltete und mich vor der Lehrerin, oder vielleicht sogar einem anderen höheren Wesen, verbeugte? Die kurze Antwort ist: Rücken. Die längere Antwort ist: Alle machen Yoga, warum auch ich es mache, weiß ich nicht genau, warum dieses Virus mich angesteckt hat, das vor Jahrzehnten in den Westen kam, wo es nach langer Latenz jetzt die Massen erfasst hat. Aber allein die Tatsache, dass es mich angesteckt hat, muss etwas zu bedeuten haben, denn ich war immer recht resistent gewesen gegenüber spirituellen und religiösen Bewegungen, allem fernöstlichen Yingyang. Ende der neunziger Jahre hatte ich zwei Freundinnen, die Yoga machten; heute habe ich nur noch eine, die kein Yoga macht, obwohl, wer weiß. Ich hab sie länger nicht gesehen. Die erste Freundin überlegt, sich zur Yogalehrerin ausbilden zu lassen, eine unserer Sekretärinnen hat es bereits getan. Bei einem Kollegen hat jetzt sogar im Haus ein Yogastudio aufgemacht. (Seine Frau war auch schon da.) BILD

Neulich, in einem Yogaraum in Berlin-Friedrichshain, fragte mich so ein asketisch aussehender Typ nach meinem Sternzeichen. Er war vielleicht Ende dreißig, er hatte die Haare rasiert, einen durchtrainierten Körper, an dem nichts außer Kontrolle geraten war. Er hatte die Gepflegtheit von Leuten, die anscheinend nichts anderes zu tun haben, als immerzu an ihrer Selbstverbesserung zu arbeiten. Er sagte, dass er in Prenzlauer Berg wohne, und auf der Suche nach einem Lehrer, »der wirklich bei sich ist«, habe er alle Yogastudios in einem Radius von einem Kilometer durchprobiert. 25 Stück.

Dies ist keine Trendgeschichte. Vier Millionen Leute in Deutschland machen Yoga, schrieb der Spiegel im letzten Jahr in einer großen Geschichte, die ohne reflexhaft spöttische Haltung auskam, bestimmt weil die Autoren selbst Yoga machen. Yoga in Deutschland hat vielleicht als Trend angefangen, aber im Gegensatz zu Internet-Aktien oder silbernen Laufrollern für Erwachsene ist es nicht wieder verschwunden, sondern nur immer noch größer geworden, vermutlich weil es perfekt in unsere Zeit und unsere Gesellschaft passt.

Eine Freundin hatte mich ins Yogastudio mitgenommen, zu Spirit Yoga in Berlin-Mitte. Eingangs registrierte ich das geradezu glückliche Lächeln der Rezeptionistin (aufgesetzt?), ihre ruhige Aufmerksamkeit den Kunden gegenüber (echt?). Ich sah, dass man am Eingang die Schuhe ausziehen musste, damit sollte wahrscheinlich signalisiert werden, dass man jetzt angekommen sei. Alles klar. Aber das pink- und orangefarbene Dachgeschoss hatte mir gleich gefallen, der Panoramablick in den Abendhimmel, auf den Fernsehturm. Später in der Stunde dann die klare Stimme von Patricia, die das Studio zusammen mit ihrem Mann, einem Amerikaner, betreibt. Ihr ruhiger Blick, ihre gute Figur, sportlich auf eine beiläufige Art, nicht so eitel, wie man das von Fitness-Trainern kennt. Ansonsten passierte absolut nichts Aufregendes. Zwanzig Leute auf rutschfesten Matten, dicht wie die Handtücher an einem Hotelstrand, die synchron den Anweisungen folgen. Und jetzt den linken Fuß ganz in die Luft strecken. Die Zehen flexen. Gewicht auf den rechten Arm verlagern. Von außen betrachtet, könnte man sich nichts Langweiligeres vorstellen. Eine Lehrerin, die einem sagt, in welche Richtung man seine Zehen bewegen soll oder wann man ausatmen soll. Und trotzdem hatte ich, als ich nach anderthalb Stunden mit zwanzig Frauen und zwei Männern aus der Tür schwebte, dieses Lächeln im Gesicht, dieses Gefühl tiefer Konzentration, das noch Stunden später anhielt. Und das, obwohl ich im Grunde nichts anderes gemacht hatte als das, was man früher Gymnastik nannte. Aber vielleicht spricht das gar nicht gegen Yoga. Ich dachte: Kann es sein, dass wir in so komplizierten Zeiten leben, voller Möglichkeiten, ständig alles richtig und alles falsch zu machen, dass Entspannung bedeutet, dass uns mindestens anderthalb Stunden am Tag jemand sagt, was wir zu tun haben? Sogar wann wir einatmen sollen und wieder ausatmen?

Natürlich ist es gut für den Massenappeal, dass diese Entspannungsübungen nicht in Turnhallen stattfinden. Es heißt oft, dass die Yogawelle eine Modeerscheinung sei, die mehr mit Äußerlichkeiten zu tun habe, weil Yoga den Geruch von Räucherstäbchen losgeworden sei und heute sehr viel hipper sei, urbaner, westlicher. Madonna macht Yoga. (Seither hat sie diesen netten Engländer!) Das sagt eigentlich schon alles. Selbst die kleinen Yogastudios in Berlin sind heute stilvoll eingerichtet, minimalistisch, angenehm kitschfrei, nicht zu sektenhaft. Die Lehrer und Rezeptionisten strahlen fast immer eine Zufriedenheit und Herzlichkeit aus, die eigentlich nie aufgesetzt wirkt. Am bekanntesten in Berlin sind die drei großen Studios, das älteste, Ashtanga Yoga, hat mehrere weiß getünchte Räume in einem Hinterhaus, Yoga Mitte hat fabrikhohe Räume und eine Rezeption, die einem das Gefühl vermittelt in London zu sein. Das Dachgeschoss von Spirit Yoga erinnert eher an San Francisco, pink- und orangefarben, mit asiatischen Einzelstücken. Dort hängen nach der Stunde Schauspielerinnen und Medienleute und Studentinnen gemeinsam an einem großen Holztisch rum und trinken Yogitee. Es ist wie in einem Boomunternehmen der New Economy, aber mit ganz lieben Menschen. Die meisten von ihnen sind jung, zwischen dreißig und Mitte vierzig, offen, sympathisch, fit, aber nicht übermäßig gestylt. Nette Leute.

Den Arbeitslosen gibt Yoga Halt, den Überarbeiteten Ruhe

Aber hört man die Erzählungen von Yogalehrern, hat man eher das Gefühl, es mit Patienten in einer Notaufnahme zu tun zu haben. Vilas, der Mitgründer von City Yoga, ein Schweizer, der selbst als Unternehmensberater zum Anusara-Yoga kam, als er nach einem Bandscheibenvorfall im Rollstuhl gelandet war, hat diese Fälle fast täglich vor sich stehen, an seiner Rezeption aus Rohbeton, im Schein der Halogenlampen. Einmal kam der Chef einer Internet-Firma bei ihm an, atemlos. Ein Mann Mitte dreißig, übergewichtig, offenbar kurz vor dem Herzinfarkt, war er einfach von der Straße aus dem Yoga-Schild gefolgt und sagte nur noch: Ich kann nicht mehr. Seitdem gibt Vilas, der früher Veith Turske hieß, Einzelstunden, in denen sie über den achtsameren Umgang nicht nur mit sich selbst sprechen, sondern auch mit den Mitarbeitern.