USA Sie nennen ihn Kennedy

Wird er einmal Präsident? Amerika blickt gebannt auf Barack Obama. Der einzige schwarze Senator der USA ist das politische Wunderkind der Demokraten

Plötzlich war er überall, in Meet the Press (NBC), in jeder anderen wichtigen Fernsehshow, als Titelfoto des Time Magazine, als kritisch hin und her gewendetes Untersuchungsobjekt auf den Meinungsseiten der Washington Post und der New York Times: Barack Obama, der junge Star der Demokraten aus Chicago, der einzige schwarze Senator der USA. Ein sich mit jedem Tag verstärkender Ruf scheint durch das Land zu gehen: Run, Barack, run for President!

Und der Vielgerufene, der Ambitionen auf das Präsidentenamt bisher stets verneint hatte, antwortete scheu, wie es sich für einen Neuling in der Kandidaten-Liga gehört, er denke angesichts des Zuspruchs über eine Kandidatur nach und werde sich äußern, wenn er sich entschieden habe.

So vorläufig diese Ankündigung war, sie veränderte mit einem Schlag die Ausgangslage der Kandidaten, die schon bereitstehen, um sich auf dem Hochseil der Vorwahlen ihrem Publikum zu zeigen. Eine Kandidatur von Barack Obama, befand ein Kommentator, würde praktisch alle anderen Anwärter der Demokraten – darunter Größen wie Joe Biden, John Kerry, John Edwards, Russ Feingold oder Al Gore – aus dem Rennen werfen. Es würden nur zwei Kandidaten für die Nominierung übrig bleiben: Hillary Clinton und Barack Obama.

Tatsächlich bedeutet Obamas Flirt mit einer Kandidatur auch eine Drohung für Hillary Clinton – die bisher unbestrittene Anwärterin auf den Sieg für die Nominierung (siehe Artikel auf dieser Seite). Ein Überraschungskandidat namens Obama könnte bei den Vorwahlen 2007 zum Favoriten der vielen Demokraten werden, die glauben, dass Hillary Clinton zwar die Nominierung, aber nicht die Präsidentenwahl gewinnen könne.

Wenn man die Clinton-Zweifler fragt, worauf sich ihr Misstrauen gründet, erhält man eine verblüffend simple Antwort: »Die Leute mögen sie nicht.« – Und warum nicht? Es folgt Achselzucken und dann etwas wie »zu ehrgeizig«, »tut alles für die Macht«, »steht nicht zu ihrer Meinung«.

Er profiliert sich als Mann des Ausgleichs im gespaltenen Amerika

Eine aufregende, in den USA noch nie erlebte Konstellation kündigt sich an, falls Obama wirklich kandidiert. Denn egal, wer von den beiden die Nominierung und dann womöglich auch das Weiße Haus gewänne – er oder Hillary Clinton –, es wäre eine Sensation. Ist Amerika bereit, die erste Frau oder den ersten Afroamerikaner in der Geschichte des Landes ins höchste Amt zu wählen?

Journalisten in Washington schließen zurzeit untereinander Wetten ab, ob im Artikel eines Kollegen über das politische Wunderkind aus Chicago der Name John F. Kennedy erst im zweiten oder schon im ersten Absatz fällt: »Der schwarze Kennedy«, tönt es aus allen Medien. Ein Journalist aus England gestand Kollegen, er habe aus schierem Trotz gegen den automatischen Vergleich den Namen Bob Kennedy ins Spiel gebracht – mit erstaunlichem Erfolg. Alle Welt zeigte sich bereit, seinen haltlosen Erklärungen zu folgen. Das nächste Mal, versicherte er nun, werde er es spaßeshalber mit Lincoln oder Roosevelt versuchen.

Barack Obama geriet zum ersten Mal ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit, als er beim demokratischen Parteitag 2004 in Boston eine Rede hielt. Es war eine jener seltenen Reden, mit denen sich ein Unbekannter plötzlich in das Gedächtnis der amerikanischen Nation einschreibt. Zur enormen Wirkung seiner Rede trug bei, dass Obama gleich selbstbewusst – und in der Tradition der schwarzen Führer der USA – in der ersten Person sprach: »Sagen wir es, wie es ist: Mein Auftritt auf dieser Bühne ist ziemlich unwahrscheinlich. Mein Vater war ein Student aus dem Ausland, geboren und aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Kenia. Er hütete Ziegen, ging zur Schule in einer Dorfbaracke. Sein Vater, mein Großvater, war ein Koch, ein Haussklave der Briten.«

Diese und jede weitere biografische Station seiner Vorfahren – wie sein Vater, der ehemalige Ziegenhirt, dank eines Stipendiums nach Kansas auswandert und dort seine, wie der Sohn sagt, »milchweiße« Mutter kennen lernt, die Tochter einer ebenfalls »hart arbeitenden Familie«, wurde mit frenetischem Beifall unterbrochen, als seien die bloßen Daten dieser Biografie eine Bestätigung des Amerikanischen Traums. Und dann griff der junge Mann auch noch beherzt in das Allerheiligste des amerikanischen Selbstverständnisses. «Heute Nacht«, sagte er, «sind wir zusammengekommen, um die Größe unserer Nation zu bezeugen. Nicht wegen der Höhe unserer Wolkenkratzer, nicht wegen der Macht unseres Militärs, nicht wegen der Größe unserer Wirtschaft. Unser Stolz gründet sich auf ein einfaches Versprechen, das in einer Erklärung vor zweihundert Jahren gegeben wurde: ›Wir halten diese Wahrheiten für unverbrüchlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind.‹«

Nicht enden wollender Applaus. Dass ein 1961 in Honolulu geborener Schwarzer, inzwischen Harvard-Abgänger und Senator im Staat Illinois, so unbefangen an den Gründervater Thomas Jefferson – der selbst noch, wenn auch mit schlechtem Gewissen, ein Sklavenhalter war – und an die Unabhängigkeitserklärung erinnerte, begeisterte die Versammlung. Es schien, niemand könne sich so frisch und glaubwürdig auf die amerikanischen Grundüberzeugungen berufen wie Barack Obama.

Niemand hat Barack Obama bisher mit Martin Luther King verglichen. Bei allem Charisma und aller Redekunst – das existenzielle Zittern in der Stimme hat er nicht. Aber er will auch gar nicht in die übergroßen Fußstapfen dieses Vorgängers treten. Er sieht sich und gibt sich, ohne sich dafür zu entschuldigen, als Intellektueller, der stolz auf seine akademische Karriere und seinen Senatorenstatus ist. Auf seiner Internet-Seite vergisst er nicht, die Kirche zu erwähnen, die er mit seiner Familie besucht. Aber in einem Interview merkt er gleichzeitig an, seine Lebenserfahrung sei eher von »Evolution als von Engeln« geprägt. Er profiliert sich als Mann des Ausgleichs im tief gespaltenen Amerika. Die Demokraten ermahnt er: Wenn sie über Familie, Glauben und Community sprächen, müssten sie mit den Bürgern in Beziehung treten – »dort, wo sie leben«. Es genüge nicht, gegen das Programm des Gegners anzurennen, man müsse eine Vision für das Land entwickeln. Dazu gehörten die Rechte der gay friends ebenso wie der Anspruch jedes Amerikaners auf Gesundheitsfürsorge. Ein anderer Schwerpunkt sei der Kampf gegen Korruption.

Von Anfang an hat er sich gegen den Irak-Krieg ausgesprochen

Natürlich ist ihm der Vorwurf, ein »weißer Schwarzer« zu sein, nicht erspart geblieben. Aber sobald er eine Bühne besteigt, kann sich niemand der fremden Eleganz seiner Bewegungen und dem natürlichen Pathos seines Redestils entziehen. Eine unaufdringliche Sicherheit und ein großer Optimismus gehen von ihm aus. Im Gegensatz zu Hillary Clinton hat er sich als einer von ganz wenigen prominenten Demokraten von Anfang an gegen den Irak-Krieg ausgesprochen und musste seine Meinung nie justieren. Kein Zweifel, der Neuling aus Illinois könnte der ungleich erfahreneren Senatorin aus New York ernsthaft gefährlich werden. Selbst erzkonservative Kommentatoren wie Charles Krauthammer fragen sich, ob Amerika nicht reif sei für einen schwarzen Präsidenten.

Der Adressat so vieler unterschiedlicher Hoffnungen hält sich einstweilen klug bedeckt. Zwar wäre er als Einziger unter den Demokraten dazu in der Lage, bei den Wählern Begeisterung auszulösen und jene Zuversicht zu erzeugen, die Amerika seit dem Tod von John F. Kennedy vermisst. Aber er weiß auch, dass heute kein Wahlkampf ohne die beiden großen M zu gewinnen ist – M wie »(Wahlkampf-)Maschine« und M wie »Money«. Beide M sprechen für die weiße Kandidatin und gegen den schwarzen Herausforderer in spe. Wenn Barack Obama dennoch kandidiert, müsste er die Wette wagen, dass man auch heute noch eine Wahl in den USA vor allem durch die Zustimmung der Wähler gewinnen kann. Gegen die zu erwartenden negativen ads, die ihm als Erstes genüsslich seinen – auf seiner Website nicht genannten – zweiten Vornamen Hossein vorhalten werden und seinen zugegebenen Missbrauch von Marihuana und Kokain. »I did inhale it, that’s the point«, sagte er kürzlich in trotziger Abgrenzung von Bill Clintons berühmt-berüchtigter Leugnung. Ist Amerika wirklich reif für einen Präsidenten mit dem vollständigen Namen Barack Hossein Obama?

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Leser-Kommentare
    • BB75
    • 08.11.2006 um 20:03 Uhr

    Wenn die republikanische Partei es schafft, in den kommenden 2 Jahren die mitregierenden Demokraten für das ein oder andere Problem mitverantwortlich zu machen - sollte bei der Uneinigkeit der dem. Partei nicht so schwer sein -, und sie dann noch einen gemäßigten Kandidaten aufstellt, der von den Wählern der "Mitte" als Alternative akzeptiert wird (etwa wie Schwarzenegger in Kalifornien), dann sehe ich weder für H. Clinton noch B. Obama gute Aussichten auf das Präsidentenamt.
    Die schwere Aufgabe, durch gelungene Politik dem Kandidaten, wer auch immer es sein wird, den Rücken frei und die Erfolgsaussichten hoch zu halten, kommt Nancy Pelosi zu. Von ihr und der Geschlossenheit ihrer Parteifreunde im Kongress wird in den kommenden 2 Jahren mehr abhängen als von den potentiellen Kandidaten.

  1. Obama ist genau der richtige Mann fuer die Demokraten, aber nicht weil er schwarz ist – die Hautfarbe hat ueberhaupt nichts mit seinen Erfolgsaussichten zu tun! (Insbesondere die Erwaehnung Kings in diesem Zusammenhang ist ziemlich irrefuehrend. MLK war ein “civil rights leader” an einem anderen Ort in einer anderen Zeit. Barack Obama – geboren in Hawaii, studiert in Harvard, Senator aus Illinois – ist so eine Art Tiger Woods der Politik; er hatte einfach nicht mit den gleichen Problemen zu kaempfen wie die Schwarzen in den amerikanischen Suedstaaten in den 50ern und 60ern.)

    Die Demokratische Partei der USA ist in einer tiefen, 100% selbstverschuldeten Krise. Und auch wenn man die Dems nicht mag, ein Gegengewicht zu den korrupten regierenden Republikanern ist was dieses Land momentan am dringendsten braucht. Und Obama ist vielleicht der einzige, der die Demokraten aus ihrer Krise herausfuehren kann. Jedenfalls kann Hillary es nicht, soviel ist sicher.

    Die Demokraten sind so bescheuert, weinerlich, kindisch und zimperlich, dass sie einem fast schon leid tun, waere die Situation nicht so tragisch! Hier nur ein Beispiel: John Kerry machte juengst eine dumme Bemerkung ueber Soldaten im Irak ... dumm, ja, but so what? Dumme Bemerkungen werden in der US-Politik andauernd gemacht, also sollte man denken, dass auch diese ohne Konsequenz bliebe (zumal Kerry ja gar kein Kandidat in der diesjaehrigen Wahl ist). Was passiert stattdessen? Karl Rove & Co. verschwenden nicht eine Sekunde, sie sind sofort auf allen Dems drauf und tun was sie immer tun: Sie verhalten sich wie der schoolyard bully, schubsen herum, sind “empoert,” zweifeln am Patriotismus des politischen Gegners, etc., und haben einen Riesen-Spass dabei. (Und Hillary macht feste mit!) Das sind eben echte Profis – It’s not personal, it’s business! Und die gehirnamputierten Demokraten reagieren wie erwartet – Entschuldigungen, Distanzierungen, Beschwichtigungen! Das ist der eigentliche Skandal, nicht die smarten Strategien der Republikaner! Wieder eine Schlacht geschlagen, und wieder ein Sieg fuer die Republikaner. Die Demokraten vergessen dabei, dass zum Herumschubsen immer zwei gehoeren, der Bully und sein Opfer. Mittlerweile habe ich folgende Theorie aufgestellt: Demokraten beziehen irgendeine perverse Befriedigung aus ihrer immerwaehrenden Opferrolle; wer mit dem D-Gen geboren wird, den erregt es, so richtig fertiggemacht zu werden! Oder wie sonst sollte man dieses peinliche, rueckgratlose Verhalten erklaeren? Dass dies beim Waehler nicht gut ankommt, ist ja verstaendlich ...

    Der erste ranghohe Demokrat seit langem, der diesem Masochisten-Prototyp nicht entspricht, ist Barack Obama (John Edwards waere noch zu nennen, aber dem lastet ja noch die Kerry-Connection an). Der Mann tritt sicher auf, er laesst sich nicht vom Gegner diktieren, worueber er wann wie zu reden hat. Er sagt “Ja, ich habe mal einen joint geraucht, was geht Dich das an?” Er strahlt Positives aus, auch wenn man nicht genau zu sagen vermag, was er eigentlich sagt. Er respektiert die Leute und hat nicht die herablassende Art vieler Ivy-League-Ostkuesten-Demokraten gegenueber gewoehnlichen Menschen mit der man nun mal (gottseidank!) keine Wahlen gewinnt. Seine Herzlichkeit wirkt ehrlich und ist gleichzeitig intelligenter als die dumm-daemliche “folksiness” a la Bush. Kurz gesagt, er ist der erste souveraen agierende Demokrat seit langem, er wirkt vertrauenswuerdig, und den meisten Leuten gefaellt das ganz egal ob mann oder frau schwarz oder weiss oder gruen ist.

    Der Vorsprung der Republikaner ist hauchduenn (die letzten beiden Male waere es ja bekanntermassen fast ein demokratischer Praesident geworden), die GOP hat zwar (noch!) keine inner-parteiliche Krise (auch wenn erste Anzeichen schon zu erkennen sind) , ist aber durch Korruption und Irak stark in der Waehlergunst gesunken. Das einzige, was die Demokraten jetzt brauchen, ist jemand der willens und imstande ist aus dieser Situation Profit zu schlagen, anstatt sich am eigenen Schmerz zu weiden um hinterher auch die andere Backe hinzuhalten zu koennen. Auch wenn Obama noch nicht entschlossen ist: Sollte er kandidieren, dann haetten die Demokraten genau diesen Menschen.

  2. Hillary Clinton hat nach wie vor fast das ganze demokratische Establishment auf ihrer Seite -- leider, denn gewinnen kann sie kaum. Nicht nur, weil sie zu weit links steht, sondern auch wegen ihres Klotz-am Bein-Ehemanns, der dann durchs Hinterportal zum dritten Mal ins Weisse Haus kommt. Obama hingegen hat das Volk auf seiner Seite und kann wirklich gewinnen. Er ist attraktiv und hat das richtige Alter, erst Anfang 40; er kann also auch noch warten, wenn er will, wohingegen 2008 bei Hillary die allerletzte Chance ist.

  3. Nicht uninteressant, hier noch einmal nachzulesen, was ich schon vor zwei Monaten prophezeite, als mir niemand glauben wollte und alle Zeitungen noch von der "unvermeidlichen Hillary" faselten.  Ihr Stimmenverlust in South Carolina ist an sich zahlenmäßig unbedeutend.  Nur ist er insofern ominös, als in den letzten Jahrzehnten kein Präsident ins Weiße Haus einzog, ohne zuvor die Stimmen von South Carolina erlangt zu haben. 

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